6 kurze Takes zur Frauenquote

 

Die Schlagzeile "Koalition einigt sich auf Frauenquote" von letztem Freitag, 20. November 2020 (Quelle), gehört zu den erfreulichen dieses Jahres. Was genau die "Frauenquote" bedeutet, wie sie sich entwickelt hat, warum sie notwendig ist und warum auch ich erst überzeugt werden musste, lest Ihr unten.

 

 

Was bedeutet die Frauenquote?

Die Frauenquote (allgemein Geschlechterquote oder Genderquote) bezeichnet eine geschlechterbezogene Quotenregelung bei der Besetzung von Gremien oder Stellen. Der angestrebte Zweck der Frauenquote ist die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft.  

Frauenquoten werden schon seit den 1980er Jahren als wesentliches Instrument der Personalpolitik verstanden; die Einführung von Quoten für einige politische Gremien und Teile des öffentlichen Dienstes wurde in vielen europäischen Ländern durchgesetzt. Frauenquoten in der Privatwirtschaft werden dagegen bis heute kontrovers diskutiert (Quelle). 

 

 

Wie hat sich die Frauenquote in Deutschland entwickelt?

Schon vor 4 Jahren, 2016, wurde eine Frauenquote dergestalt eingeführt, dass börsennotierte, paritätisch mitbestimmte (= Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen stellen gleich viele Sitze im Aufsichtsrat) 30% der Sitze im Aufsichtsrat mit Frauen besetzen müssen. Finden sie keine Frau, muss der Stuhl leer bleiben. Handeln sie zuwider, gibt es Sanktionen. 

Auch der Begriff der "flexiblen" Frauenquote wurde zwischenzeitlich eingeführt: er bedeutet, dass sich Unternehmen auch für die Besetzung ihrer Vorstände an der 30% Regelung orientieren können/sollen – am Ende des Tages war das aber eben nur eine Empfehlung bzw. haben sich Unternehmen für die vorgeschriebene Zielgröße einfach den Wert 0 gesetzt. Übersetzt heißt das: unser Ziel ist es, bis zum Jahr x null Frauen im Vorstand zu haben.

Man hat in den letzten Jahren sehr deutlich gesehen: auf freiwilliger Basis tut sich da nichts oder zumindest nicht annähernd genug. In 30 DAX-Unternehmen gibt es Stand heute keine einzige weibliche CEO, erst nächstes Jahr, 2021, wird die Spanierin Belén Garijo an die Spitze von Merck aufsteigen und damit einzige weibliche CEO unter ansonsten 29 männlichen. In den Vorständen der Unternehmen liegt der Frauenanteil insgesamt bei 7,6%. Wer sich die dramatischen Ausmaße im Detail zu Gemüte führen möchte, dem/der sei der jährlich erscheinende Bericht der AllBright-Stiftung wärmstens empfohlen. Da wird übrigens auch erklärt, was der sogenannte "Thomas-Kreislauf" ist. 

 

 

Was wurde jetzt entschieden?

Die Große Koalition, genauer gesagt eine vom Koalitionsausschuss im Sommer 2020 eingesetzte Arbeitsgruppe, hat sich jetzt auf eine verbindliche Quote für Vorstände mit mehr als 3 Personen geeinigt: mindestens ein Mitglied muss eine Frau sein. 

Für Unternehmen mit Mehrheitsbeteiligung des Bundes wurde eine Aufsichtsratsquote von mindestens 30% und eine Mindestbeteiligung in Vorständen vereinbart. Bei den Körperschaften des öffentlichen Rechts (z.B. Krankenkassen, Renten- und Unfallversicherungsträgern) sowie bei der Bundesagentur für Arbeit soll ebenfalls eine Mindestbeteiligung eingeführt werden.

Nächste Schritte sind, dass die Koalitionsspitzen abschließend über den erarbeiteten Vorschlag entscheiden, darauf folgend die Ressortabstimmung und die Länder- und Verbändebeteiligung und final der hoffentlich zeitnah erfolgende Kabinettsbeschluss.

 

 

Warum auch ich lange Zeit kein Fan einer Quote war und warum Argumente gegen die Quote keine sind

Ich habe lange den Standpunkt vertreten, dass vermieden werden muss, dass Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts eine Position bekommen. Rückblickend betrachtet ist das natürlich Quatsch, denn de facto bekommen seit etwa 1000 Jahren ja auch Männer nur den Job, weil sie Männer sind – und darüber wurde sich bislang nie beschwert. Das Patriarchat, in dem wir leider immer noch leben, begünstigt Männer und die Sorge "geschlechtsspezifischer" Beförderung ist eigentlich fast schon lustig, denn sie impliziert, dass alle Männer in Führungspositionen zu 150% qualifiziert sind und Frauen im Umkehrschluss aktuell nur gänzlich unqualifiziert und inkompetent sein können. 

Das zweitbeliebteste Argument gegen die Quote ist, dass es schlichtweg keine Frauen gibt, die diese Positionen besetzen wollen. Das ist faktisch falsch: es gibt genug Frauen, die qualifiziert sind und deutlich sagen: #ichwill (siehe aktuelle Social Media Kampagne).

Ja, man muss eben ein bisschen länger suchen, gegebenenfalls auch mal in Weiterbildung investieren, und kann nicht weiter einfach seinen männlichen Spezl in den Job hieven wie in der Vergangenheit, aber die angeblich fehlenden Frauen, die gibt es. 

 

 

Dezidierte Argumente FÜR die Quote

  • Ökonomischer Faktor: In unzähligen Studien wurde belegt, dass diverse Teams, diverse Vorstände, Unternehmen wirtschaftlich erfolgreicher machen. In simple terms: including women pays off.
  • Employer Branding: junge Talente (ja, auch junge männliche Talente) schauen sich die Bemühungen großer Unternehmen in puncto Diversität und Nachhaltigkeit an. Sticht man da nicht positiv heraus, entgehen einem high potentials. 
  • Machtverteilung: Männer, die lange in hohen Positionen sitzen haben exklusive, mächtige Netzwerke, sie haben Zugang zu Informationen und Stellen, die anderen vorenthalten bleiben. Die Quote hilft dabei, diese Asymmetrie zu durchbrechen und gelebte Vielfalt zu forcieren.
  • Messbares Ziel: Without a goal, you can't score. Eine Quote ist ein messbares Ziel, ohne das man keine messbare Verbesserung sehen kann. Es wird transparent, ob man in puncto Diversität erfolgreich ist oder eben nicht. 

 

Details in der Formulierung von Argumenten sind wichtig

 

1. "Wie kommen wir dahin, dass es ausgeglichen ist?“

Nicht alle Menschen wollen, dass es ausgeglichen wird - es gibt Menschen, die wollen es aktiv nicht - sonst wären wir längst dort. D.h. es ist mehr die Frage, was müssen diejenigen, die es wollen, tun und wo muss man diejenigen, die es nicht wollen, eben auch zwingen – siehe verbindliche Frauenquote im FüPoGII.

 

2. „Es geht nicht um die bösen Männer oder darum, denen etwas wegzunehmen“.

Mh ja, leider geht es da am Ende des Tages schon drum. Momentan (und das ist seit Jahrhunderten so) sind alte, weiße Männer an der Macht (privilegiert durch Patriarchat) und entscheiden - obwohl das Thema Gleichberechtigung omnipräsent ist - weiterhin, Männer in die wichtigen Positionen zu holen. Ja, ein Teil mag unbewusst handeln, aber ein Teil macht das eben auch vollkommen bewusst. Und doch, Männern wird auch etwas "weggenommen" werden: Wenn vorher auf 100 Vorstandsposten 90 Männer saßen und durch eine Quote jetzt z.B. "nur" noch 60 Männer sitzen dürfen, müssen 30 Männer ihre Posten an 30 Frauen abgeben. Unbequem, aber wahr. Nicole Schöndorfer (deren Podcast "Darf sie das" ich feiere) sagt dazu:

 

„Feminismus muss Mächtigen wehtun, tut er das nicht, ist er wertlos.“

 

Und das ist doch ein schönes Schlusswort.

 

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I'm a feminist – and you can be too! 5 feministische Dinge, die man im Alltag tun kann

Credits: Friedrich-Ebert-Stiftung
Credits: Friedrich-Ebert-Stiftung

 

In einem meiner letzten Blogtexte habe ich darüber geschrieben, dass wir defizitäre Zustände nur ändern können, indem wir von uns aus immer wieder darüber sprechen, warum sie schlecht sind, warum sie benachteiligen, warum sie verbessert werden müssen. Auch wenn Menschen es anstrengend, nervig, ungewohnt, unangenehm finden, müssen wir den Finger in die Wunde legen, wir müssen „übertreiben“ und mehr tun als der Durchschnitt. Wer Veränderung, Revolutionen, wer Wandel will, muss mehr tun als die Majorität der Menschen dafür tut, den Status quo – wenn auch oft unbewusst – zu erhalten. 

 

Ich persönlich habe in den letzten, sagen wir mal 2 Jahren, für mich herausgefunden, dass Feminismus das Thema ist, zu dem ich mich positionieren und engagieren möchte. Eng verwandt damit sind auch die Themen Sexismus und Misogynie – wobei ich offensichtlich gegen beides bin. Seit diesem Jahr bezeichne ich mich selbst als "Feministin" – wobei diesen Begriff als Teil der eigenen Identität zu begreifen für viele Menschen problematisch zu sein scheint. Warum scheuen sich Menschen, sich selbst als "Feminist*in" zu bezeichnen – obwohl sie sich damit grundsätzlich erst mal nur zum Anliegen "für Chancengleichheit, Gleichberechtigung & gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung" positionieren würden? Eigentlich sollten wir dieses Anliegen alle unterstützen wollen, wenn wir kein Arsch sein möchten, oder?

Tatsache ist: nur 28 % der deutschen Frauen bezeichnen sich als "Feministin", bei den Männern ist es nicht mal jeder fünfte, der sich "Feminist" nennt. Deutschland landet im Vergleich mit 27 anderen Ländern auf dem viertletzten Platz (Quelle).

Aus meiner Sicht könnte das unter anderem daran liegen, dass der Begriff "Feminist*in" heute noch immer durch seine historische Entstehung mit eher militanten, radikalen Feministinnen verbunden wird und dadurch negativ konnotiert ist. Es geht dabei in seiner heutigen Bedeutung weder um Männerhass (Misandrie), noch um die Errichtung eines Matriarchats noch darum, sich aus Protest nicht mehr die Achselhaare zu rasieren. Alles Dinge, die vor allem von Feminismus-Gegner*innen gerne kolportiert werden.

 

Ich habe versucht, mich möglichst kurz zu fassen, ein wenig Grundlegendes kann man aber nicht einfach überspringen. Daher 3 Basics, bevor ich zu den 5 Dingen komme, die jede*r im Alltag tun kann.

Für jede*n, der/die sich weiter zu dem Thema informieren und sich seine Meinung auch zu weiteren Aspekten von Feminismus bilden möchte (was mich freuen würde!), habe ich unten weitergehende Links, Literatur und Podcasts zusammengefasst, die ich empfehlen kann.

 

 

Was ist eigentlich Feminismus?

Die Meinungen zu einer einheitlichen Definition gehen auseinander. So sagt z.B. der Duden: "Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen (z. B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt". Bell Hooks, eine zeitgenössische Feministin fasst Feminismus wie folgt zusammen: „Einfach ausgedrückt ist [er] eine Bewegung, die Sexismus, sexistische Ausbeutung und Unterdrückung abschaffen will.“

Für die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie ist eine Person, die feministisch ist, „jemand, der/die an die soziale, politische und ökonomische Gleichheit der Geschlechter glaubt“.

Für mich bedeutet Feminismus, sich dafür einzusetzen, dass Chancengleichheit und Gleichberechtigung für alle Menschen entstehen, unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer Sexualität und dass geschlechtsspezifische Diskriminierung verschwindet. Da vornehmlich (Trans-)Frauen strukturell benachteiligt werden, muss sich Feminismus vor allem für deren Gleichberechtigung einsetzen.

 

 

Welche Arten von Feminismus gibt es?

Den Feminismus, wie ich ihn oben nenne, gibt es in dieser Form eigentlich nicht. Wie bei jeder Bewegung bilden sich auch hier unterschiedliche Strömungen und auch wenn es auf einem undifferenzierten Niveau so wirkt, als wollten alle Feminist*innen dasselbe, ist dem nicht so. Manche Motivationen stehen nahe zusammen, andere widersprechen sich grundsätzlich. So gibt es z.B. folgende Ausprägungen, was diese bedeuten könnt Ihr hier und hier nachlesen.

  • Mainstream-Feminismus
  • Radikaler Feminismus
  • Gleichheits-Feminismus
  • Differenz-Feminismus
  • Sozialistischer Feminismus
  • Öko-Feminismus
  • Spiritueller Feminismus
  • Queer-Feminismus
  • Sexpositiver Feminismus
  • Black-Feminismus
  • Intersektionaler Feminismus
  • Femonationalismus
  • Anarcha-Feminismus

Der Feminismus, dem ich mich zuordnen würde, bestünde übrigens aus Ansichten des Mainstream- und des Intersektionalem Feminismus. 

 

Wenn ich einen Mann zu einem (sexualisierten) Objekt mache, ist das dann nicht auch Sexismus?

Nein. Genauso wie es keinen Rassismus gegen weiße Menschen gibt, gibt es keinen Sexismus gegenüber Männern. Er bezieht sich auf gesellschaftlich erwartete geschlechtsspezifische Verhaltensmuster (Geschlechterstereotype), wobei Männer im Patriarchat grundsätzlich eine privilegierte Position haben und deshalb primär Frauen als von Sexismus betroffen gelten. Sexismus spiegelt ein gesellschaftliches Machtverhältnis wider, seine Erscheinungsformen sind zeitlich und kulturell verschieden und determiniert. Lediglich aus sozialpsychologischer Perspektive können Männer individuell (nicht strukturell!) von Sexismus betroffen sein (Quelle).

 

Nun aber zum eigentlichen Thema – was kann ich konkret im Alltag tun, wenn ich mich für Feminismus und/oder gegen Sexismus einsetzen möchte?

 

1. Seinen eigenen Sexismus hinterfragen

Unser aller Denken ist in patriarchalen Strukturen sozialisiert - genauso wie es übrigens rassistisch sozialisiert ist. Dafür "können" wir in dem Sinne erst einmal nichts, aber wir können uns und unser Verhalten kritisch beobachten. Sich das einzugestehen kann schmerzhaft sein, hilft aber: Bin ich vielleicht manchmal selbst sexistisch, ohne es zu wollen? Sage ich manchmal unbewusst sexistische Dinge, ohne es zu merken?

 

2. Sein Umfeld auf Sexismus hinweisen

Sitzt man in Meetings, in denen Witze auf Kosten von Frauen gemacht werden, in denen Frauen unterbrochen oder benachteiligt werden? Ansprechen!

Pfeift auf der Straße ein Bauarbeiter einer Frau hinterher? Ansprechen! (Anmerkung: daran, dass sog. "Catcalling" ein Straftatbestand wird, wird gerade gearbeitet)

Bekommt man mit, dass eine Frau nur deshalb nicht eingestellt wird, weil sie schwanger werden und ausfallen könnte? Ansprechen!

Wird eine Panel-Runde ausschließlich mit (alten, weißen) Männern besetzt? Ansprechen!

 

3. Individuelle Lebensentscheidungen anderer Frauen respektieren

Wenn sich eine Frau dazu entscheidet, sich freizügig zu kleiden, mit vielen verschiedenen Männern Sex zu haben, kein Kind zu bekommen, ein Kind zu bekommen, nach der Geburt direkt wieder zu arbeiten, nach der Geburt 4 Jahre zuhause zu bleiben oder eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden – ist all das eine individuelle Entscheidung der Frau. Wir müssen unbedingt wegkommen davon, Frauen als "Schlampe" zu bezeichnen, zu hinterfragen, warum sie sich für einen bestimmten Lebensentwurf entscheidet, der nicht der gesellschaftlich erwünschten Norm entspricht und zu verurteilen, wenn sie Dinge anders handhabt, als wir das selbst würden. Das gilt übrigens auch (oder gerade) für Frauen selbst, die andere Frauen verurteilen oder sie dazu nötigen, sich für ebensolche Entscheidungen zu rechtfertigen.

 

4. Gendergerechte Sprache

Genau genommen gendern wir schon heute in unserer Sprache, sowohl gesprochen als auch schriftlich, allerdings ist das generische Maskulinum ein bewusst exklusives Instrument. Das Argument, Frauen und Trans-Personen seien "mitgemeint" kann nicht gelten, denn sonst müssten Männer im generischen Femininum auch akzeptieren "mitgemeint" zu sein – was wiederum für Aufschreie der Empörung sorgt. Das Argument, gegenderte Sprache "verhunze" den Flow beim Lesen sollten sich die Leute vorbehalten, die trotz des Bewusstseins für Rassismus, das wir heute haben, weiterhin das N-Wort benutzen – einfach weil sie zu faul sind, ihr ignorantes Verhalten zugunsten eines inklusiven Verhaltens zu ändern.

Hinweis: unten finden sich mehrere Podcast-Folgen speziell zu diesem Thema.

 

5. Bewusster konsumieren

Ich halte – und daraus mache ich keinen Hehl – sehr wenig von individueller Konsumkritik, also davon Verbraucher*innen einzureden, dass sie mit ihren Kaufentscheidungen Macht auf Konzerne ausüben. Sorry to disappoint: aber dem ist nicht so. Dafür sind Konzerne einfach zu mächtig und es wäre die Aufgabe der Politik (de-)regulierend einzugreifen. Stichwort Klimakrise.

Und trotzdem: Nackte Frauenkörper und/oder sexistische Aussagen werden auf Werbeplakate für so ziemlich alles gedruckt. Mein liebstes Beispiel (und damit meine ich meist gehasstes Beispiel) ist der Safthersteller True Fruits mit dem Slogan „abgefüllt und mitgenommen“. Solch sexistische Werbung führt zu einer sogenannten „Vergewaltigungskultur“, die Frauen als Objekte sieht. 

Zumindest vor uns selbst sollten wir verantworten können, mit dem Kauf welcher Produkte wir welchen Praktiken zustimmen. 

 

 

Toll, dass Du bis hierher durchgehalten hast!

Hier schlussendlich meine Empfehlungen an Literatur, Artikeln und Podcasts:

(Alle mit * versehenen habe ich selbst noch nicht gelesen/gehört, wurden mir aber mehrfach empfohlen und/oder stehen auf meiner to read/to listen to Liste)

 

 

Bücher

• Alte weiße Männer | Sophie Passmann 

• We should all be feminists | Chimamanda Ngozi Adichie 

• Dear Ijeawele | Chimamanda Ngozi Adichie

• Ja heißt ja und... | Carolin Emcke

• Nichts, was uns passiert | Bettina Wilpert

• Die potente Frau | Svenja Flaßpöhler

• Die letzten Tage des Patriarchats | Margarete Stokowski

• Wie es ist eine Fledermaus zu sein | Thomas Nagel

• Wenn Männer mir die Welt erklären | Rebecca Solnit

• On Abortion | Ramon Pez

• Wenn Mütter bereuen | Orna Donath

• Ich will kein Kind: Dreizehn Geschichten über eine unpopuläre Entscheidung | Anja Uhling 

• Frauen & Macht: Ein Manifest | Mary Beard

• Die Uhr, die nicht tickt: Kinderlos glücklich | Sarah Diehl 

• Will ich ein Kind? Ja - Nein – Vielleicht | Melanie Hughes*

• Mutterschaft | Sheila Heti*

• Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert | Caroline Criado-Perez*

• Das andere Geschlecht: Sitte und Sexus der Frau | Simone de Beauvoir*

 

Podcasts

• Darf sie das? (Nicole Schöndorfer)

• Die Boss – Macht ist weiblich (Simone Menne)

• Plan W (Süddeutsche Zeitung)*

 

Einzelne Podcast-Folgen

Gendergerechte Sprache – Ist das Gendern wichtig? LOU KLÄRT (Louisa Dellert) 

Gendern – Muss das sein?! LOU (Louisa Dellert) 

Let's talk about Feminism! LOU (Louisa Dellert) 

Frauen in der Politik – Brauchen wir eine Quote? LOU (Louisa Dellert) 

 

Kolumnen

Margerete Stokowski – SPIEGEL

Rubrik "Feminismus" in der taz*

 

Links

Feminismus: Was der Begriff heute bedeutet und wann jemand Feministin ist, EDITION F 

5 Dinge, die ihr über Feminismus wissen solltet, Genderdings 

Engagiert euch! 5 Ideen für mehr Feminismus im Alltag, ELLE

5 Dinge, die Frauen tun können, um ihre Kolleginnen zu unterstützen, EDITION F

 

 

 

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Wovon ich rede, wenn ich von Wut rede

 

Ich hatte in den letzten Wochen gleich zwei Erlebnisse ähnlicher Art, die mich wütend gemacht und so sehr irritiert haben, dass ich über sie sprechen will. Wenn einem unerwartet Dinge passieren, ist das manchmal im Job, oft im Leben draußen mit Menschen, die man eh nicht kennt und auch nicht wiedersieht. Wenn einen aber Menschen, die man zumindest entfernt zu kennen glaubt, auf eine besonders unangenehme negative Art mit ihrer Gesinnung überraschen, zwingt es einen zu hinterfragen, ob man solche Bekanntschaften nicht beenden möchte – oder sollte. 

 

Wer mich kennt, weiß, dass ich zu den meisten Fragen unserer Zeit, gesellschaftlichen, politischen, ethischen Themen, einen klaren Standpunkt habe – den haben zum Glück viele Menschen, die ich kenne. Wer mich kennt, weiß aber auch, dass ich – im Gegensatz zu vielen Menschen – diesen Standpunkt auch verbalisiere und überzeugt für ihn einstehe. In vielen Situationen, die kein unbedingter Dialog sind, auch ungefragt. Dabei geht es um Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung, Rassismus, Sexismus, Nationalsozialismus, Klimakrise, -schutz und -gerechtigkeit.

Wenn ich mich selbst beobachte, so ist das in den letzten Jahren mehr geworden; je älter ich werde, desto bewusster reflektiere ich Missstände und vertrete meine Haltung in Diskussionen, Texten oder Instagram-Posts und -Storys. Früher hätte und habe ich oft nichts gesagt, ich habe vermeintlich harmonische Abende nicht stören wollen, nicht diejenige sein wollen, die andere mit ihrem sexistischen, nationalsozialistischen oder rassistischen Verhalten konfrontiert. Ich wollte nicht die Spielverderberin sein, also habe ich den Kopf eingezogen – und mir in Teilen damit sehr geschadet. Heute bin ich weiter.

Ich bin – auch wenn ich keine Aktivistin oder Politikerin bin – der Überzeugung, dass wir defizitäre Zustände nur ändern können, indem wir von uns aus immer wieder darüber sprechen, warum sie schlecht sind, warum sie benachteiligen, warum sie verbessert werden müssen. Wir müssen von uns aus unbequem sein, nerven, den Finger in die kollektive Wunde legen, wir müssen „übertreiben“, mehr tun als der Durchschnitt. Wer Revolutionen, wer Wandel will, muss mehr tun als die Majorität der Menschen dafür tut, den Status quo – wenn auch oft unbewusst – zu erhalten. 

Ich ecke damit sicher hin und wieder oder vielleicht sogar oft an, es gibt Menschen in meinem Umfeld, die finden das „anstrengend“, die haben Angst, ich könne andere vor den Kopf stoßen. Was sie nicht begreifen ist, dass ich an einem Punkt in meinem Leben angekommen bin, an dem ich zu manchem nicht mehr nichts sagen kann. Oder wollte. Ich habe es satt still zu bleiben, wenn es sich andere Menschen in der in sich schlüssigen Falschheit ihrer Argumente bequem gemacht haben, wenn sie gewohnt sind, dass die Angeln der Welt ihre Privilegien sind, wenn sie nicht mitbekommen haben, dass sich der gesellschaftliche Diskurs weiterentwickelt und sie mit ihren anachronistischen oder weltfremden Argumenten in einer anderen Epoche oder zumindest einer anderen Gesinnung unterwegs sind.

 

Ich wurde mit grundsätzlich christlich orientierten Werten erzogen, wenngleich ich konfessionslos, das heißt nicht getauft bin und wenngleich Religion in diesem Text keine direkte Rolle spielen soll. Ich wurde darüber hinaus mit zwei Werten erzogen, die, so scheint es mir rückblickend, meiner Mutter besonders wichtig waren: Toleranz und Rückgrat. Ich kann mich erinnern, dass sie immer gesagt hat „Toleranz bedeutet, andere in ihrer Andersartigkeit zu belassen“ und „Du musst für Deine Werte und Ansichten einstehen, auch wenn es unangenehm wird und andere einknicken“. 

Ich versuche heute, ein toleranter Mensch zu sein, denn ich habe verstanden, dass Andersartigkeit zu respektieren, eine wertvolle Fähigkeit ist. Ich muss nicht jede*n mögen, ich muss auch nicht mit jedem*r klarkommen, aber ich sollte nicht versuchen, andere Menschen zu ändern – nur weil sie anders sind als ich. Und selbst wenn ich heute diskutiere, strenge ich mich an, den*die andere*n als Ergebnis seiner Erfahrungen, seiner Erziehung, seines Charakters anzuerkennen, auch wenn ich nicht seiner*ihrer Meinung bin. Doch meine Toleranz hat Grenzen und die liegen sehr deutlich dort, wo von mir erwartet wird, eine*n Nazi, Sexisten*in oder Rassisten*in zu tolerieren, damit umzugehen, dass er*sie sein*ihr Sosein ungestört kuratiert, ohne dass ihm*ihr andere Menschen vors Schienbein treten. 

Ich versuche heute, ein Mensch mit Rückgrat zu sein, denn ich habe verstanden, dass es selbstfürsorglicher ist, bei Gegenwind nicht einzuknicken als hinterher darunter zu leiden, meine Prinzipien, Werte oder Ansichten nicht bis aufs letzte verteidigt zu haben. Dabei bin ich nicht taub oder borniert, ich höre anderen Argumenten zu. Doch wenn ich überzeugt von der Angemessenheit und Berechtigung meiner Meinung bin, so bleibe ich es.

 

All das klingt sehr abstrakt und man kann mich zu Recht fragen: „Aber Nina, weshalb bist Du Dir so sicher, dass Deine Meinung gut und richtig ist und die eines Nazis, Sexisten*in oder Rassisten*in schlecht und falsch?“ Und darauf würde ich sagen, dass mich mein moralischer Kompass leitet, dass ich versuche, mein Ohr am gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs zu haben, mich weiterzubilden und dass, in letzter Instanz, Benachteiligung und Diskriminierung weswegen auch immer, immer falsch sein muss. Ich glaube daran, dass Hass etwas Schlechtes ist und nur Schlechtes gebiert und dass ein Privileg ist, wenn man glaubt, etwas sei kein Problem, weil es für einen persönlich keines ist.

Wem auch das noch zu abstrakt ist und wer danach lechzt, dass ich benenne, welche eigentümlichen Erfahrungen ich gemacht habe, dem will ich helfen: ich habe vor etwa einem Monat auf Instagram mit einer Bekannten darüber diskutiert, warum „Trump gar nicht so schlecht sei“. Im ersten Moment denkt man, es handele sich um einen Scherz, im zweiten merkt man, die meint das ernst und man weiß nicht, was man dem entgegnen kann. Ich möchte so etwas nicht einfach so im Raum stehen lassen, deswegen habe ich geschrieben: 

 

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich darauf antworten soll.

Trump ist die Kombination aus allem Schlimmen in einem Menschen.

Er ist ein Demagoge, Rassist, Sexist und ein Lügner.

Er ist ein Gegner des Fakten-basierten Diskurses, er weiß nicht nur nichts über die amerikanische Verfassung,

es ist ihm auch noch egal. Er beleidigt öffentlich Frauen, gibt damit an, sie zu begrapschen,

macht sich über Menschen mit Behinderungen lustig und das ist nicht mal ein Bruchteil seiner Verfehlungen.

Wenn ich mir die Alternative zu Demokraten anschaue,

so kommt die Majorität der Gesetzgebungsentwürfe zu Abtreibungsverboten, Waffenerlaubnis,

Benachteiligung von wirtschaftlich schlechter gestellten, Frauen,

Mitgliedern von LGBTQI und/oder BIPoC aus republikanischen Reihen.

Trump und Republikaner verkörpern das Patriarchat und strukturellen Rassismus wie sonst kaum etwas.“

 

Damit war es dann erst mal gut. Dachte ich.

Bis ich, etwa 2 Wochen später in einer Story geteilt habe, dass §218 aus dem StGB entfernt werden müsse und als Antwort von eben jener Bekannten bekam: „Leben wertschätzen statt aus Bequemlichkeit töten“. 

Mir ist bewusst, dass das Thema „Abtreibung“ ein äußerst heikles, da emotionales und ethisch wie psychisch problematisches ist. Ich ringe immer noch mit mir, ob ich dazu einen Blogpost schreiben soll oder nicht – wenn auch nur aus der theoretischen Perspektive, denn praktisch kann ich zum Glück nicht mitreden. 

Die Diskussion, die sich auf meine Antwort entspann, umfasst mehrere Seiten, deswegen bilde ich sie hier nicht ab. In Grundzügen ging es aber um oben angesprochene Privilegien, von denen sich meine Bekannte nicht bewusst war, dass sie als berufstätige, gut verdienende Akademiker-Mutter eines einzelnen Wunschkindes und Ehefrau eines noch besser verdienenden anderen Akademikers, die in einer Villa am Stadtrand von München lebt, nicht nachvollziehen konnte, was gescheiterte Verhütung, Vergewaltigung, fehlende finanzielle Stabilität, häusliche Gewalt, eine psychische oder anders chronische Erkrankung, Arbeitslosigkeit, eine medizinische Indikation oder unzureichende Sexual-Aufklärung „in aller Welt bitte für Gründe sein sollen“. 

Mir hätte klar sein müssen, dass jemand der Trump befürwortet aller Wahrscheinlichkeit nach auch ein Abtreibungsgegner sein muss, die Selbstbestimmtheit von Frauen sollte man, wenn schon, konsequent torpedieren, die Argumente, die ich für das eine wie das andere vorgelegt bekommen habe, lassen mich aber noch an einigem mehr zweifeln.

 

Eigentlich dachte ich, dass es sich mit diesem Einzelfall gehabt haben muss. Eigentlich war ich mir bisher auch sicher, dass mit zu den anstrengendsten und aussichtslosesten Dingen gehören muss, mit einem Anwalt oder einem Betrunkenen zu diskutieren, bis ich vor 3 Wochen mit einem betrunkenen Anwalt diskutieren musste.

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie wir auf dieses Thema kamen, jedenfalls war Ausgang der Diskussion ursprünglich die Frage, welches Problem wir in Deutschland mit strukturellem Rassismus und Rechtsextremismus haben. Aus dieser Problemstellung wurde in nicht mal 5 Minuten aber die Frage, ob Rechts- oder Linksradikalismus „schlimmer“ sei. Es ging also originär überhaupt nicht im Ansatz um links – die perfekte Vorlage für etwas, was sich „Whataboutism“ nennt und aus meiner Sicht ein argumentativ erbärmlicher, dafür aber erstaunlich beliebter move ist.  Im Kern muss klar sein, dass jegliche Form von Radikalismus oder Extremismus schlimm ist und seine resultierenden Vergehen strafrechtlich zu ahnden sind. So weit so klar. Bis ich mich im Hagel besoffen wiederholter, cholerisch anmutender Tiraden wiederfand, dass es genauso schlimm sei, mit einem Ziegelstein auf einen mit Helm geschützten und bewaffneten Polizisten zu werfen, wie mit einem Maschinengewehr und einer Schrotflinte mehrere ungeschützte wehrlose Gläubige in einer Moschee oder Synagoge zu erschießen (und diese Tat im Zweifelsfall noch live ins Internet zu übertragen). Ich bin mir sehr sicher: es ist nicht vergleichbar. 

Das Gespräch, falls man es noch so nennen kann, wurde an manchen Stellen so unangenehm, dass ich den Tisch verlassen wollte – etwas was man von einem netten Bar-Abend mit Bekannten nicht erwartet. Ich habe es nicht getan. An einem Punkt, an dem mein Gegenüber quasi jeden Satz mit „Sorry, aber ..“ begann, platzte mir der Kragen, ich schaute ihn an und sagte: „Hör auf, vor jedem Satz ‚Sorry‘ zu sagen. Dir tut offenkundig einfach nichts von dem, was Du da die ganze Zeit von Dir gibst, leid, dann tu auch nicht so!“ An einer anderen Stelle sagte er: „Du bist doch ein schlaues Mädchen.“ Was übersetzt in etwa so viel bedeutet wie „Für mich bist Du keine ernstzunehmende Frau, sondern weniger als das“ und „so blöd kannst Du nicht wirklich sein“. An einem Punkt verschwand der Anwalt auf Toilette und kam auch nicht mehr wieder, es war ihm wohl unangenehm sich von mir zu verabschieden. 

 

Ich lasse diese Begegnungen mit der Erkenntnis hinter mir, mit diesen Personen nicht mehr verkehren zu wollen, dankbar darüber, dass ich die Wahl habe, es nicht zu müssen. Ich lasse sie auch hinter mir in der Genugtuung, dass ich selbst konfrontiert mit Vorstellungen, die mein Wertegerüst zu erschüttern versuchen, in der Lage bin, weitestgehend unaufgeregt zu argumentieren und nicht umzufallen, wenn eine Welle unverhohlen fragwürdiger politischer oder moralischer Einstellung gegen mich schwappt.

 

 

Bücher, die ich empfehlen kann

 

Blogposts, die ich empfehlen kann

 

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Minimalismus & Ausmisten - aber wie?

 

Vor kurzem hat mich mal wieder die Lust zum Ausmisten gepackt. Wer mich kennt, weiß: ich mag es gerne ordentlich (auf eine Monk-ähnliche Weise), ich räume gerne auf, ich habe es gern "clean" wie man so schön sagt - kurzum, das Konzept einer möglichst minimalistischen Lebensweise fasziniert mich schon lange. Da ich im Moment viel Zeit habe, wollte ich es ganzheitlich angehen, quasi all meine Besitztümer Marie-Kondoen. Hier ein kleiner Überblick, wie ich vorgegangen bin und ein paar Tipps, die ich anderen ans Herz legen kann, die auch mal so richtig ausmisten wollen.

 

 

1. Noch mal einen Schritt zurück: passt das überhaupt zu Dir?

Manchmal hat man das Gefühl, einem Trend oder einer Lebensweise hinterher zu laufen, nur weil es alle so machen. Deshalb ehrlich hinterfragen: passt ausmisten und minimalistischer leben überhaupt zu mir? Wenn man sich in einem bunten, liebenswert chaotischen, "lebendigen" Umfeld wohl fühlt, wenn man gerne die Auswahl aus ganz vielen verschiedenen Kleidungsstücken, Schuhen, Nagellacken, Gewürzen und Weihnachtsbaumdekorationen hat, wenn man Bunt und gemustert vielleicht lieber mag als schwarz, weiß, beige, grau uni, ist Ausmisten und Minimalismus vielleicht nicht das richtige.

Wenn man aber wie ich, gerne weniger besitzen möchte, am liebsten in einer Ausgabe der Schöner Wohnen leben wollte (Stichwort diese Häuser, in denen man sich sicher ist, dass da niemand wohnen kann) und gerne ein aufgeräumtes, helles, strukturiertes Zuhause möchte, sollte man das Thema angehen.

Wer sich unsicher ist, kann hier einen kleinen Test machen. Sprechen Dich folgende Bilder eher an oder stoßen sie Dich eher ab? (Hinweis: es handelt sich um das Haus von Kanye West und Kim Kardashian West in Los Angeles, zusammen mit Axel Vervoordt entworfen und Inbegriff von Minimalismus, Photo Credit: Pinterest).

 

 

 

2. Finde Dein Warum?

Wenn man festgestellt hat, dass man gerne ein paar Gegenstände loswerden möchte, sollte man nicht einfach irgendeinen Schrank aufreißen und Dinge, die einem nicht gefallen, raus räumen - dieser Enthusiasmus hält nämlich meistens nicht lang an und er verleitet uns auch zu falschen Entscheidungen.

Stattdessen sollte man sich Gedanken, machen, was einen zum Ausmisten antreibt, welchen Zustand man erreichen will und was die Motivation dahinter ist? In meinem Fall wollte ich z.B. unnötiges Zeug, also Dinge, die ich nie benutze, reduzieren, ich wollte mich "leichter"/befreiter fühlen und keine Angst mehr vor Umzügen haben (mein persönliches Horrorszenario, wenn 20 Kisten einfach nicht reichen und man in der neuen Wohnung/dem neuen Haus feststellt, dass man super viel davon spätestens jetzt eh wegschmeißt).

 

3. Stell einen Plan auf!

Realistischerweise mistet man die eigene Wohnung oder das Haus der verstorbenen Eltern (habe ich z.B. bei meinen Großeltern mitbekommen) nicht in ein paar Stunden aus und man hat auch nicht jeden Tag die gleiche Lust dazu. Deshalb braucht es einen Plan!

Dieser sollte beinhalten: wie will ich das erreichen, d.h. in welchen Schritten will ich beim Ausmisten vorgehen? Marie Kondo empfiehlt z.B. in Kategorien (Kleidung, Schuhe, Küchenutensilien) vorzugehen, die sich auch in unterschiedlichen Räumen befinden können. Mir hat es eher geholfen, mein Vorgehen auf "abgeschlossene" Möbelstücke oder Teile davon zu konzentrieren (z.B. Kleidung im Schrank/Schlafzimmer; Schublade 1 der Kommode/Arbeitszimmer, etc.). Außerdem habe ich entschieden, bei manchen Bereichen mehrere "Runden" zu machen, also an unterschiedlichen Tagen die gleichen Gegenständen wiederholt auszumisten. Hintergrund: man wird zunehmend geübter und vor allem konsequenter und mistet bei Runde 3 Dinge aus, von denen man sich in Runde 1 noch nicht trennen konnte. 

Wenn man seine kleineren "Arbeitspakete" hat (am besten schriftlich, so dass man später abhaken kann), sollte man schätzen, wie viel Zeit einen was ungefähr kostet. Tipp: lieber großzügiger schätzen und schneller fertig sein als frustriert aufzugeben, weil man doch 3 statt 1 Stunde braucht.

Optional kann man sich auch Termine/Slots in den eigenen Kalender eintragen, wenn einem das hilft. Ich habe das nicht gemacht, denn ich habe innerhalb von 2-3 Wochen wirklich immer nur dann einen Bereich ausgemistet, wenn mir wirklich danach wahr. Wenn man eigentlich innerlich keine Lust oder für den Tag keine Disziplin/Konsequenz mehr übrig hat, sollte man es lassen - sonst macht man es nur halbherzig.

 

4. Orientiere Dich an guiding questions!

Mir hat es unheimlich geholfen und Teile davon sind auch Kern der Marie Kondo Methode: sich selbst bei jedem Gegenstand immer wieder die gleichen Fragen stellen:

  • Ist der Gegenstand funktional oder löst er in mir echte Freude aus? Wenn ja, darf er bleiben, wenn nein, weg damit!
  • Benutze ich den Gegenstand (trage ich das Kleidungsstück) regelmäßig oder habe ich es schon seit Monaten/Jahren nicht benutzt (getragen)? Wenn nein, wegwerfen, verschenken, Altkleidersammlung oder auf einer Verkaufsplattform Deiner Wahl einstellen. Ich nutze eBay Kleinanzeigen, shpock (für alles mögliche), Kleiderkreisel, Mädchenflohmarkt (für Kleidung, Schuhe, Accessoires), Rebelle (für Designersachen) und momox (für Bücher).
  • Was kann schlimmstenfalls passieren, wenn ich es wegwerfe/verkaufe? Kann/will ich dieses (meist minimale und wenig folgenschwere) Risiko eingehen?

Mich haben außerdem diese Sätze ermutigt, einen Gegenstand im Zweifel wirklich auszusortieren:

  • Es fällt Dir jetzt schwer es loszuwerden, aber es wird sich befreiend anfühlen und Dich weiterbringen!
  • Du musst nicht alles Aussortierte irgendwo zum Verkauf einstellen - nur die Sachen, die echt noch Geld bringen!
  • Wenn es nach 3 Monaten nicht verkauft ist, wird es entsorgt.

 

5. Etabliere eine Regelmäßigkeit!

Folgende Tipps können helfen, das Ausmisten zur Routine zu machen oder zumindest den "ausgemisteten" Zustand beizubehalten:

  • Sehr regelmäßig ein bisschen ausmisten, wenn man nicht die Zeit hat, es in großen Blöcken zu tun (z.B. jeden Abend 30min.)
  • Jeden Tag eine unnötige Sache loswerden = 365 Dinge weniger pro Jahr
  • Weniger/überlegter Neues kaufen (gerade Kosmetika und Fast Fashion sind anfällig dafür)

 

 

Und jetzt viel Spaß beim Ausmisten

(und Geld mit Deinen alten Sachen verdienen)!

 

 

 

 

 

 

Was mir beim Ausmisten und beim Schreiben dieses Artikels geholfen hat, sind folgende beide Blogposts der lieben Pia:

Minimalism - How it changed my life and why It can also change yours

How to become a minimalist - Five easy tips to get started

 

 

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Travel Story | Gardasee

 

Mitte Juli haben wir entschieden, recht spontan ein paar Tage an den Gardasee zu fahren. Auch bei uns sind Corona eine Reise und so ziemlich die gesamte Urlaubsplanung fürs restliche Jahr zum Opfer gefallen - ein paar Tage Tapetenwechsel waren also notwendig und wohltuend. Hier eine kleine Hotel-Review sowie unsere Ausflugsziele, Aktivitäten und Restaurants (und auch *die, die uns empfohlen wurden, wir aber in den 4 Tagen nicht geschafft haben).

 

 

 

Hotel Bella Riva in Gardone Riviere

Das Bella Riva Hotel hat 5 Sterne, liegt am westlichen Ufer des Gardasees und verfügt über 23 Zimmer, davon 8 Suiten. Alle Zimmer sind modern und geschmackvoll eingerichtet und bieten einen besonderen Blick auf die Umgebung des Hotels: den öffentlichen Park, den kleinen Hafen von Fasano, das Ufer von Gardone oder die kleine Kirche von Fasano. 

Das Hotel hat ein sehr gutes Restaurant mit Bar, einen wunderschönen Garten mit großem Pool und Bootssteg (von dem aus man direkt ins Wasser springen kann), einen hoteleigenen Parkplatz und leihbare Elektrobikes. Wir haben uns (wegen Hund) für eine der Ferienwohnungen des Hotels entschieden, diese haben ca. 60qm und eine eigene Küche. Die Preise für Standardzimmer bzw. Apartments beginnen bei €250.- pro Nacht.

 

 

Insgesamt war unser Aufenthalt sehr schön, sehr erholsam, das Hotel und die Anlage sind sehr modern, hundefreundlich (Willow konnte fast überall ohne Leine laufen), alles ist sauber und einfach traumhaft schön. Wenn man auf recht hohem Niveau etwas kritisieren kann (denn ist dieser Preisrange hat man einfach ziemlich hohe Erwartungen), wären es fehlende Kaffeemaschine und Badewanne in der Ferienwohnung, ein nicht vorhandenes Fitnessstudio und eine Ankunft, die z.B. mit einem Glas Champagner noch einladender sein könnte. Auch der Service am Pool oder beim Frühstück könnte schneller und aufmerksamer sein - auch wenn das Personal schon sehr freundlich ist.

 

Gastfreundschaft und Freundlichkeit 5/5

Service und Effizienz 4/5

Buchungs- und Vorankunftsinformationen 5/5

Begrüßung, Check-in und Zimmerbelegung 4/5

Abreise, Check-out und Bezahlung 5/5

Frühstück 4/5

Restaurantservice 5/5

Essen und Küche 5/5

Bar- und Poolservice 4/5

Raumausstattung 3/5

Sauberkeit 5/5

Komfort 5/5

Preis-Leistungsverhältnis 4/5

 

 

Ausflugsziele

  • Sirmione | am südlichen Ufer gelegen, ca. 1 Stunde Autofahrt von unserem Hotel aus. Zwar einigermaßen touristisch, aber mit sehr schöner Altstadt und nettem Seeufer. Ein Spaziergang dort lohnt sich wirklich.
  • Salò | am westlichen Ufer gelegen, ca. 10min. Autofahrt von unserem Hotel aus. Ein eher wohlhabenderer Ort mit Museum und Boutiquen, vor allem abends, wenn man an einer Art Marina am Wasser spazieren gehen kann, wunderschön. Sehr viel Auswahl an Restaurants, Bars und Pizzerias. 
  • *Monte Baldo | Wer Lust auf körperliche Betätigung hat, kann eine Bergtour zum Gipfel des Monte Baldo machen. Unterschied der Höhenmeter sind zwischen 400 und 800m, die 9km Wanderung ist schon etwas für Fortgeschrittene.
  • *Verona | Zum Beispiel bei schlechtem Wetter kann man ins etwa 2 Stunden entfernte Verona fahren und dort ins Museum fahren. Weitere Top-Sehenswürdigkeit dort sicher der Steinbalkon von Romeo und Julia.
  • *Valle delle Cartiere | Das Papiermühlental von Toscolano Maderno ist heute ein romantisch verschlafenes Flusstal in der grünen Landschaft der steilen Berge des Naturparks Alto Garda Bresciano. Hier wurde früher Papier hergestellt, heute kann man dort entweder wandern oder Radfahren.
  • *Torri del Benaco | Von hier aus ein Boot mieten, rüber nach Sirmione fahren und dort in der Jamaica Bar anlegen - wurde uns heiß empfohlen, haben wir aber nicht mehr geschafft.

 

Aktivitäten

  • Spritz trinken
  • In den See springen (bei uns hatte er 27 Grad!)
  • *Lokalen Wochenmarkt besuchen (vorher rausfinden wo!)
  • Gelato essen
  • *Boot mieten (das geht fast überall und ist auch nicht allzu teuer)
  • *Radtour machen
  • Limoncello aus Limone für Eltern mitbringen

 

Restaurants

  • Riva Carne al Fuoco | Das Restaurant unseres Hotels. Recht teuer, aber sehr gute Qualität. Wir hatten gegrillte Baby-Squids, hausgemachte Ravioli mit Safran und Wolfsbarsch (!), zum Dessert Kaffee-Sorbet und »Torta di Rose«. Das aktuelle Menü findet man hier.
  • Caprice Uno | Restaurant, das wir in Salò gefunden haben. Klassisch italienisch Büffelmozzarella, Rindercarpaccio, gegrillter Wolfsbarsch und Pizza Napoli. Sehr gute Qualität, angemessene Preise.
  • *Casa Del Vino Della Vallagarina | Am Nordufer gelegen, mit sehr schönem Ausblick und guten Weinen.
  • *Locanda del Benaco | An der Strandpromenade gut zu essen ist häufig eine Enttäuschung, nicht so in der »Locanda del Benaco« in Salò. Hat übrigens auch sehr gute Bewertungen auf Trip Advisor. Wir sind dran vorbei gelaufen, leider hatte es keinen Platz mehr für uns.
  • *Ristorante Da Umberto | Im Nordosten in Castelletto gelegen, Bootsbesitzer fühlen sich hier angeblich besonders wohl. Das Boot parkt man direkt davor, man sitzt am See unter einer Markise und genießt köstliche Pasta. 

 

Bei allen mit Sternchen versehenen Zielen handelt es sich um Empfehlungen anderer, die wir leider nicht mehr testen konnten.

 

 

 

Unterm Strich hat es uns beiden unheimlich gut gefallen (wir waren beide vorher noch nie am Gardasee) und kommen auf jeden Fall nächstes Jahr wieder - spätestens!

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Home Story | Makeover Wohnzimmer

 

Ich wurde des Öfteren in letzter Zeit gefragt, konkret wenn ich bei Instagram Storys unseres Wohnzimmers gepostet habe, woher einzelne Möbelstücke seien, ob die Ideen für unser Wohnzimmer Makeover von mir seien und ob ich gedenke, eine Art Homestory dazu (mit verlinkten Artikeln) zu machen. Nun komme ich endlich dazu.

 

 

Zum Hintergrund: fast alle Zimmer unserer sehr clean und modern gestylten 3-Zimmer-Altbauwohnung fühlten sich schon seit ein paar Wochen nach Einzug perfekt an. Das Schlafzimmer mit luftiger "Wolken"-Leuchte, großem Bett mit weichen Kissen und abstraktem Akt-Print - alles in Weiß gehalten. Das Arbeitszimmer, ebenfalls alles in weiß, mit riesiger Schreibtischplatte und zwei Arbeitsplätzen, Skandi-Deckenleuchte und weißer Kommode mit extrem viel Stauraum. Die Küche, in weiß und grau, mit passender Deko-Obstschale, bequemem Esstisch und flauschigen Schaffellen auf Vitra-Lehnenstühlen. Das Bad, grauer Stein, Regendusche, weiße Orchidee, eine flackernde Duftkerze.

Das Wohnzimmer dagegen das "schwarze Schaf", es war immer der einzige Raum, mit dessen Einrichtung ich irgendwie nicht so richtig zufrieden war - in dem ich mich in letzter Konsequenz auch am wenigsten aufhielt. Ein nicht besonders tiefes oder weiches Sofa (ohne Lehnen!) in einem Ton irgendwo zwischen Taubengrau und Asphaltfarben, ein petrolfarbener Teppich (da das dem Sofaton merkwürdigerweise am nächsten kam), ein nicht dazu passendes Acrylglasbild, ein zweistöckiger völlig überladener Couchtisch und eine für den Raum viel zu große, viel zu dunkle Deckenlampe. In der Corona-Quarantäne, in der wir alle deutlich mehr Zeit zuhause verbrachten, riss mir schließlich der Geduldsfaden oder positiv ausgedrückt, packte mich die Motivation, unser Wohnzimmer komplett umzugestalten. Mit einem Partner, der geduldig und mir jegliche Freiheit lassend, lediglich erfragte, wie viel er überweisen solle und meiner Vorliebe für die Interior-Styles von Westwing, konnte es losgehen. Vorgegangen bin ich wie folgt.

 

Anm.: Solltet Ihr über die Links zu den Onlineshops das jeweilige Produkt erwerben, verdiene ich daran nichts.

 

1. Alle alten Möbelstücke und Accessoires auf eBay Kleinanzeigen verkaufen: realistische Preise ansetzen, aussagekräftige Fotos verwenden und ein bisschen Geduld haben - das Übliche quasi. Bei uns hat es innerhalb von ca. 3 Wochen geklappt, auf die Art haben wir ca. ¼ der Neukosten finanzieren können.

 

2. Muss wirklich alles raus? Ich habe mich entschieden, einen weißen, neutralen Schrank zu behalten, außerdem den Flachbild-Fernseher an der Wand und ein goldenes, etwa mopsgroßes Rhinozeros, das ich mal geschenkt bekommen habe. Je nachdem, sollte man darauf achten, ob sich aus den bleibenden Teilen ein einheitlicher Stil kreieren lässt, vielleicht ihn sogar vorgibt.

 

3. Mood Board anlegen: Egal, ob man sehr gut im Visualisieren und Zusammenstellen von Inneneinrichtung ist - ein Mood Board hilft immer, sowohl bei den Dimensionen als auch beim Vergleichen von einzelnen Teilen. Natürlich kann man dazu ganz oldschool Bilder ausschneiden und zusammen pinnen, so etwas in PowerPoint basteln oder man nutzt, wie ich, bei Westwing die Funktion "Raumplaner". Aus Artikeln, die auf der Wunschliste stehen, kann man so ganzheitlich wirkende Looks erstellen - und wenn es gut aussieht, die passenden Artikel direkt von der Wunschliste in den Warenkorb verschieben. Das kann dann im ersten Schritt zum Beispiel so aussehen:

 

 

 

4. Mit den großen Teilen beginnen, kleinere am Ende: in meinem Fall erst der bestehende weiße Schrank, das crèmefarbene Sofa, der Couchtisch, die Deckenlampe, danach Sofakissen, das Wandbild und die Stehleuchte.

 

5. Flexibel bleiben & kreativ sein: Manchmal gibt es einen Artikel so nicht mehr, dann sucht man nach einem möglichst ähnlichen in andern Online-Shops. Manchmal findet man einfach kein passendes Bild in der großen Größe, im Querformat, dessen Motiv einem gefällt - dann wählt man einfach ein Bild in der passenden Größe im Hochformat, dessen Motiv so abstrakt ist, dass es auch quer gut aussieht.

 

6. Saisonal dekorieren: Dekorationsstücke und Accessoires an die Jahreszeit anpassen. Auf dem Deko-Tablett stapele ich Zeitschriften, zuoberst die aktuellste Ausgabe der deutschen VOGUE oder meine liebste Ausgabe der Britischen. Dazu dekoriere ich eine Duftkerze mit frühlingshaften, herbstlichen oder winterlichen (= weihnachtlichen) Noten und eine kleine Vase mit frischen Blumen. Am liebsten nehme ich weiße Hortensien, weiße Amaryllis oder eine dunkelrote Celosia.

 

7. Im Farbkonzept bleiben: damit der Look am Ende modern und ruhig wirkt, sich vorher auf ein Farbschema festlegen. Ich habe mich für Beige - Schwarz - Gold entschieden. Einzelne Farbtupfer, siehe Punkt 6, starke Blüten, z.B. sind natürlich erlaubt und brechen das Ganze auf.

 

 

Das Ganze kann dann am Ende zum Beispiel so aussehen. Die Teile sind hinter den Bildern unten verlinkt. Viel Spaß beim Umstylen!

 

 

Sofa Moby (3-Sitzer), Farbe Beige
Sofa Moby (3-Sitzer), Farbe Beige
Große Pendelleuchte Spike in Gold
Große Pendelleuchte Spike in Gold
Metall-Couchtisch Newton in Schwarz
Metall-Couchtisch Newton in Schwarz
Leselampe Wilson
Leselampe Wilson
PEYTIL Vivian Print (um 90° gedreht)
PEYTIL Vivian Print (um 90° gedreht)
Metallrahmen Schwarz, 70 X 100CM
Metallrahmen Schwarz, 70 X 100CM
Rhinozeros »Metapheros« nach A. Dürer in Gold
Rhinozeros »Metapheros« nach A. Dürer in Gold
Einfarbiges Plaid Madison in Schwarz mit Fransenabschluss
Einfarbiges Plaid Madison in Schwarz mit Fransenabschluss
Baumwoll-Kissenhülle Mads in Schwarz
Baumwoll-Kissenhülle Mads in Schwarz
Hochglanz-Tablett Hayley in Weiß
Hochglanz-Tablett Hayley in Weiß
Duftkerze New York (Grüne Zitrone, Rosen & Holz)
Duftkerze New York (Grüne Zitrone, Rosen & Holz)
Kleine handgefertigte Vase Baby aus Steingut
Kleine handgefertigte Vase Baby aus Steingut
Byredo Dochttrimmer
Byredo Dochttrimmer
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Praktische Tipps zu Hundeerziehung und -erstausstattung

 

Diverse Untersuchungen zeigen, dass die Nachfrage nach einem Haustier, besonders nach Hunden, während der Corona-Quarantäne deutlich gestiegen ist; die ungewohnte Isolation, vermehrte Freizeit beziehungsweise Zeit zuhause und gefundener Gefallen an Spaziergängen könnten Ursachen sein. Nun haben auch wir seit 2 Monaten unseren Hund – die Anschaffung war aber tatsächlich bereits länger vorher geplant. Für alle Menschen in meinem Bekanntenkreis beziehungsweise unter meinen Blog-Lesern, die jetzt oder irgendwann einen Hund in ihre Familie aufnehmen möchten (mir fallen spontan schon einige ein), hier eine Zusammenstellung der grundlegendsten Erziehungs-Tipps, die für uns (!) funktioniert haben, sowie der wichtigsten Artikel für die Welpen-Erstausstattung.

 

 

Tipps zu Erziehung

 

Stubenreinheit

Je nachdem ob der Welpe beim Züchter, in der Unterkunft des Tierschutzvereins oder wo auch immer man den Hund herholt, schon Grundlagen der Stubenreinheit mitbekommen hat oder stattdessen einfach immer überall hinmachen durfte, hat man es leichter oder schwerer. Wir hatten es etwas schwerer und haben in den ersten 2 Wochen wahrscheinlich auch den ein oder anderen Fehler gemacht, um dem Welpen unmissverständliche Orientierung zu bieten. An folgendes sollte man sich halten, vor allem die letzten beiden waren echte „game changer“:

  • Mit dem Welpen so häufig und regelmäßig wie möglich gehen. Am Anfang ca. alle 1 ½ Stunden, außerdem immer, wenn der Welpe geschlafen, gespielt, getrunken oder gefressen hat – also quasi ständig. Auch gehen, wenn es regnet, wenn man keine Lust hat oder denkt, der Welpe müsse noch nicht – er muss auf jeden Fall. Lichtblick: es wird besser, mit ca. 5 Monaten müssen sie schon nur noch 5-7x pro Tag.
  • Den Welpen anfangs möglichst oft beobachten und versuchen, wiederkehrende Signal-Verhaltensweisen zu erkennen. Oft drehen sie sich dann auf der Stelle im Kreis, laufen zur Tür, springen an der Wand hoch oder schnüffeln auffällig viel. Was genau der/die Kleine macht, fällt einem ziemlich schnell auf und man kann den Welpen sofort schnappen, um ihn nach draußen zu bringen.
  • Wenn drinnen ein Missgeschick passiert und man es mitbekommt, dem Welpen unbedingt negatives Feedback geben, ihn laut und scharf ansprechen (z.B. mit „Nein!“ oder „Pfui!“), damit er versteht, dass es kein gewünschtes Verhalten ist. Ich persönlich lehne es ab, den Hund mit der Schnauze in sein gemachtes zu halten, die meisten Hundepsychologen sehen das auch als ungeeignete, weil verstörende und pädagogisch nicht effektive Option. Wenn man es nicht mitbekommt beziehungsweise es erst später findet, es einfach kommentarlos wegmachen und Febreze oder einen anderen Geruchs- Neutralisierer drauf sprühen. Wenn es gelingt, dass der Welpe draußen macht, immer sofort mit einem Leckerli und verbalem Lob belohnen. Der Welpe wird erstaunlich schnell verknüpfen: „Wenn ich draußen Pipi/ein Häufchen mache, bekomme ich ein Leckerli; wenn ich drinnen Pipi/ein Häufchen mache, bekomme ich geschimpft.“ 
  • Nachts in eine so enge Box setzen, dass sich der Welpe kaum bewegen oder rumlaufen, sondern sich gerade so gut hinlegen kann. Klingt erstmal ungemütlich, hat aber einen Sinn. Hunde liegen nicht gerne in ihrem gemachten und wenn die Box zu groß ist, machen sie einfach in die eine Ecke und schlafen in der anderen. Auf diese Art ist die „Hemmschwelle“ höher und der Welpe lernt einzuhalten beziehungsweise zu fiepen, wenn er wirklich nicht mehr aushält.

 

Sitz

Den Welpen, wenn er sich gerade mit nichts anderem beschäftigt, ansprechen und wenn er einen anschaut mit erhobenem Zeigefinger „Sitz!“ sagen. Ich weiß nicht, warum, aber bei sehr vielen Hunden klappt das auf Anhieb. Wenn es nicht klappt, sanft den Po runterdrücken und dabei „Sitz!“ sagen, darauf mit einem Leckerli belohnen. Wie bei allem lebt auch das Erlernen dieses Kommandos von Wiederholung, Lob und Konsequenz. Irgendwann wird sich der Hund ohne Zeigefinger auf „Sitz!“ hinsetzen. 

 

 

Aus

Wir sind hier noch weit entfernt von funktionierendem „Aus!“, allerdings versucht unser Welpe ungefähr alles zu fressen, was auf dem Boden liegt (inkl. Zigarettenkippen, lebende Bienen, Kaugummis, Steine und Haare). Ich muss also recht regelmäßig irgendwas aus dem Mäulchen fischen - möglichst, ohne von dem Milchzähnchen-Piranha dabei gebissen zu werden. Ein guter Trick für den Anfang ist es, von beiden Seiten mit den Fingern in die Wangen beziehungsweise Mundwinkel zu drücken, so müssen sie das Maul aufmachen.

 

 

Nur auf Kommando fressen

Um mittelfristig zu vermeiden, dass der Welpe alles vom Boden aufhebt oder versucht zu fressen und um den allgemeinen Gehorsam zu üben, bringen wir Willow bei vor gefülltem Napf zu sitzen und erst auf Kommando anzufangen zu fressen. Dazu stellt man den Napf auf den Boden, ca. 0,5-1m vom Hund entfernt und kombiniert das Kommando „Bleib!“ mit einer abwehrenden Handfläche, die den Hund zurückhält. Sobald der Hund auf den Napf zuläuft nimmt man entweder den Napf wieder hoch oder zieht den Hund wieder auf den ursprünglichen Platz. Wenn der Hund loslaufen darf, kann man so etwas wie „Und los“ sagen. Auch dieses Kommando lernen die Hunde bei regelmäßiger Wiederholung und ein wenig Geduld recht schnell, da es wie kaum ein anderes direkt mit Futter verknüpft ist.

 

 

Erstausstattung

Je nachdem wie viel Geld man ausgeben möchte, aber auch was man wirklich anschaffen will, kann man sich hier dran gut orientieren – braucht aber mit gesundem Menschenverstand natürlich nicht alles. Generell fand ich diese 3 Brands super (wenn auch teilweise nicht ganz günstig): Wir lieben HUNTER, DOG AND LIVING und Cloud7. Und für Basics findet man auch das meiste bei Amazon oder Fressnapf.

Anm.: Solltet Ihr über die Links zu den Onlineshops das jeweilige Produkt erwerben, verdiene ich daran nichts.

 

 

Zuhause & Unterwegs

  • Hundekissen: Vorab sollte man klären oder recherchieren, wie der Hund beziehungsweise die Rasse typischerweise schläft (also ob er sich z.B. zusammenrollt, ausstreckt oder die Beinchen hinten raushängen lässt). Je nachdem würde ich ein flaches Hundebett empfehlen oder eben eines mit Rand. Mit Sofas (auf Stelzen), Höhlen oder anderen Modeformen wäre ich prinzipiell vorsichtig, viele Hunde mögen das einfach nicht. Ich habe für Willow dieses von Wir lieben HUNTER mit Rand, antibakterieller und leicht zu reinigender Oberfläche (echt wichtig!), gibt es aber auch als Hundebett ohne Rand
  • Hundenäpfe: Je nach Größe des Hundes müssen auch die Näpfe einen höheren/niedrigeren Rand haben und sie sollten spülmaschinenfest sein. Wir haben uns für diese entschieden. 
  • Spielzeug: Wichtiger als man denkt und wichtig, dass der Welpe viel Auswahl hat, auch mit unterschiedlicher Härte, damit ihn das vom Nagen (z.B. an Möbeln oder Schuhen) ablenkt und er auch ein bisschen seine Zähne reinigen kann. Willow hat im Moment diesen Ball (liebt sie!), diesen Chicken Wing und diesen großen Knochen. Die Spielsachen, muss man wissen, sehen sowieso in kürzester Zeit super eklig und angelutscht aus, daher hat man die eh nicht für immer.
  • Hundegeschirr: Generell empfiehlt man für Welpen Geschirre und für ausgewachsene Hunde Halsbänder, einfach weil das dann nicht mehr so auf die Wirbelsäule geht. Willow hat das hier (zum Glück sehr leicht anzuziehen und wird auch nicht so schnell dreckig); im Zweifelsfall mehrere Halsbänder/Geschirre in unterschiedlichen Größen bestellen und den Rest dann wieder zurückschicken. 
  • Leine: Vorab überlegen, ob man eine normale oder eine Rollleine möchte, letzteres ist vor allem bei einem größeren Hund sinnvoll, der mehr Auslauf braucht. Willow hat für ihre Welpenzeit diese hier, wenn sie erwachsen ist, diese hier
  • Kotbeutel - Nervig, aber wichtig, weil man die Häufchen ja auch wegmachen muss, wir haben diese hier.
  • Kotbeutelhalter – praktisch, weil man den einfach an die Leine hängen kann.
  • Leckerlibeutel – zum Gassigehen, wenn man dem Welpen etwas beibringen will, etc., dieser tut völlig seinen Zweck.

 

Ernährung

Am besten daran orientieren, was der Welpe vorher als Futter bekommen und gut vertragen hat beziehungsweise auch mit dem/r Tierarzt*in abstimmen. Darauf achten, dass es explizit für Welpen geeignet ist, da sonst viele Phosphate drin sein können, die begünstigen, dass Knochen zu schnell wachsen. Willow bekommt regelmäßig zu ihrem Welpen-Trockenfutter Quark (40% Fett) oder Hüttenkäse. Und so 1x pro Woche koche ich ihr etwas (Hühnchenbrust oder Lachs pochiert, Nudeln mit gekochter Paprika, Möhren, Brokkoli).

  • Trockenfutter: diese von Beneful oder Eukanuba kann ich empfehlen.
  • Nassfutter: wir sind etwas zurückhaltend, weil das Mundgeruch begünstigen oder Blähungen verursachen kann. Von unserer Tierärztin haben wir das von Vet-Concept empfohlen bekommen und das frisst sie, wenn sie nicht grad Quark oder Hüttenkäse dazu bekommt. 
  • Leckerlis: gibt es von etwa allen Marken welche, einfach ausprobieren, was dem Welpen taugt. Die hier schmecken z.B. Willow gut.
  • Dentasticks für Zahnpflege: die sind für erwachsene Hunde gut gegen Zahnstein, Karies, beispielsweise von Pedigree.

 

Pflege

  • Hundeshampoo: wir haben dieses hier und baden/duschen Willow ca. 1x im Monat.
  • Öhrchenreiniger: zumindest bei Mopshunden muss man alle 2-3 Tage die Öhrchen innen reinigen, muss man also für andere Rassen erst mal recherchieren. Dazu benutzen wir jedefalls den hier und einfach ein feuchtes Tuch/Wattepad.
  • Zahnbürstchen: benutzen wir im Moment noch nicht, da sie ja noch Milchzähne hat. Bei den bleibenden werden wir aber mit dem hier anfangen.
  • Handtuch: Man sollte alte Handtücher bereitlegen (zum Abtrocknen, Unterlegen, dran knabbern). Man kann natürlich auch einfach die eigenen nehmen und dann halt mit 60° oder 90° waschen.
  • Bürste: Willow hat ja kurzes Fell, daher reicht diese aus für 1x pro Woche Bürsten. Für Langhaar wäre z.B. diese geeignet.
  • Erste-Hilfe-Set: wir haben dieses geholt - immer in der Hoffnung, dass man es nicht braucht. Zeckenzange ist auch enthalten.
  • Feuchttücher: kann man für alles nehmen, Gesicht abwischen, Po, etc. Ich hab diese von dm und würde darauf achten, dass sie nicht parfümiert sind.

 

Sicherheit im Auto (optional)

  • Transportbox: wir haben diese in S - allerdings nicht fürs Auto, sondern im Moment noch in der Wohnung für nachts oder wenn sie mal alleine bleiben muss.
  • Sicherheitsgurt zum Anschnallen (= alternativ zur Box): wir haben den hier. Dafür braucht man aber zwingend ein Geschirr, das geht nicht mit Halsband.
  • Schondecke / Autodecke: einfach mal hier durchklicken (die Fleecedecke von MIACARA kann ich aber nicht empfehlen, da die beim Waschen stark einläuft).
  • Reisenapf & -trinkflasche: bis jetzt noch nicht genutzt, daher weiß ich nicht, wie gut sie das annimmt, aber wir haben diese Kombi.

 

WICHTIG

Sind zwar keine „Artikel" im eigentlichen Sinne, aber Hundesteuer und Tierhaftpflicht sollte man möglichst zeitnah anmelden beziehungsweise abschließen. In meiner eigenen bisherigen Privathaftpflicht war z.B. ein gehaltenes Tier explicit ausgeschlossen, daher habe ich für ca. €70.- / Jahr bei der GOTHAER eine Hundehaftpflicht zusätzlich abgeschlossen (damit wäre auch abgedeckt, wenn der Hund etwas größeres in der Wohnung kaputt macht). Hundesteuer kann man (zumindest in München) online beantragen, die Marke bekommt man ca. 2 Wochen später zugeschickt.

Willow ist darüber hinaus auch gechipt und bei TASSO e.V. registriert, außerdem hat sie am Geschirr eine gravierte Marke mit ihrem Namen und unseren beiden Handynummern. Wenn einem das Gebimmel von 2-3 Metallmarken auf den Zeiger geht, einfach bei Amazon „Silencer“ bestellen und drum machen.

 

 

 

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Lieblingsmomente

 

Ich habe letztes Jahr in einem Buch, ich glaube, es war "In die Tiefe" von Anna von Boetticher, von einer Achtsamkeitsübung gelesen, in der man sich über seine Lieblingsmomente Gedanken machen soll. Es geht dabei um die vermeintlich Banalen, die häufig Wiederkehrenden, die Materiellen, genauso wie um die Bedeutenden, die Ausrufezeichen im Kalender des Lebens, die Bleibenden. Hier sind meine und damit auch die Einladung, Dir auch mal über Deine Lieblingsmomente bewusst zu werden - es dauert nicht länger als 30 Minuten, versprochen. 

 

 

Die kleinen Alltäglichen

  • nach einem Mittagsschlaf oder einem anderen Schlaf tagsüber aufwachen und spüren, welchen Gefallen man seinem Körper getan hat
  • ein neues Parfüm finden, von dem man nicht genug bekommen kann (für mich z.B. Narciso Rodriguez for her Pure Musc oder Dior Forever and Ever)
  • wenn es im Blumenladen weiße große Hortensien gibt
  • der erste Kaffee am Vormittag (ich trinke am liebsten Nespresso Barista Chiaro mit Oatly Barista Hafermilch)
  • wenn man ein tolles Album (wieder-)entdeckt, auf dem einem fast alle Lieder gefallen (z.B. Oh Wonder von Oh Wonder)
  • wenn eine geplante Inneneinrichtung oder ein Blumenarrangement sich genauso gut herausstellt, wie man es sich in seinem Kopf vorgestellt hat
  • wenn man per Zufall auf einen Film stößt, von dem man nichts erwartet, der einen dann aber unvorstellbar berührt (bei mir zuletzt „All the bright places“ auf Netflix – ich habe den ganzen Abend geweint)
  • der Geruch, wenn es gerade geregnet hat 
  • wenn die Inbox wirklich mal (!) auf zero ist
  • das Gefühl nach einem anstrengenden Workout unter der Dusche zu stehen (wenn ich z.B. 9km gelaufen bin) 
  • wenn man ein Buch liest, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte (bei mir zuletzt „Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts“)
  • die Aufregung, wenn man eine Party gibt, kurz bevor die Gäste kommen - eigentlich schon am Morgen, wenn man weiß, heute ist der große Party-Tag
  • wenn die Wohnung komplett geputzt und aufgeräumt ist und man diesen Moment der perfekten Ordnung für 5 Minuten genießen kann
  • wenn man einen good hair day hat und sich die Haare easy glätten lassen oder der Dutt einfach perfekt sitzt
  • wenn man in einer tollen Bar den ersten Schluck seines favorite Drinks (bei mir ein Campari Orange) nimmt 

 

 

Die großen Ungewöhnlichen

  • wenn einem ein Mensch, in den man verliebt ist, sagt, dass er auch in einen verliebt ist
  • wenn einem ein Mensch, den man liebt, sagt, dass er einen liebt – beim ersten Mal, aber jedes Mal wieder
  • wenn Sex mit dem Menschen, den man liebt, der Beste ist, den man in seinem Leben hatte
  • wenn man sich manchmal bewusst wird, welche wertvollen Freundschaften man hat – weil sich jemand vor einem als dem inneren Vertrauenskreis outet, weil man sich wünscht und vorstellt, eine Freundin würde in der eigenen Stadt leben oder weil gemeinsam Zeit zu verbringen immer bereichernd und nie anstrengend ist
  • wenn man sich endlich einen lang ersehnten Wunsch erfüllt – dessen Hinauszögerung man vollständig selbst verantwortet – in meinem Fall ein Mopswelpe
  • wenn eine wichtige Präsentation oder Moderation so gut läuft wie man sie geübt hat und man dabei auch noch Spaß hatte 
  • wenn man auf ein Jahr zurückblickt und man dankbar wird für die Erfahrungen, die man gemacht, die Orte, die man gesehen, die Emotionen, die man durchlebt hat - z.B. dieses

 

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How to read more

 

Ich war nie jemand, der besonders viel oder besonders wenig gelesen hat, das letzte mal als "Leseratte" oder "Bücherwurm" hätte ich mich aber wahrscheinlich in der Grundschule bezeichnet. Je mehr ich - und so geht es sehr vielen anderen Menschen auch - dann aber für Schule und später Uni lesen und (Großteile davon auswendig) lernen musste, desto seltener "schaffte" ich ganze Bücher in meiner Freizeit. Magazine oder Zeitungen gingen immer - eine Weile bestand mein regelmäßig zu studierendes Repertoire aus VOGUE, Welt, Zeit, Manager Magazin, Gala und Elle - aber ganze Bücher waren es maximal 3 pro Jahr. Seit Anfang letzten Jahres, seitdem folge ich nämlich folgenden 6 Regeln - mit denen schafft es jeder (!), so viele Bücher zu lesen, wie er/sie möchte. 

 

 

 

1. Set a "number of books per year/month" goal

Wer kein Ziel hat, kann keins erreichen - ein Grundsatz so trivial, wie zutreffend. Wichtig ist, sich ein ambitioniertes, aber erreichbares Ziel zu setzen und sich selbst gegenüber ehrlich in Bezug auf die Lesegeschwindigkeit zu sein. Mit der Zeit hat man auch mehr Erfahrungswerte und kann sein Ziel gegebenenfalls adaptieren. Zur Orientierung: "meine Zahl" sind 4 Bücher pro Monat oder 48 pro Jahr. Dabei zählt ein Buch egal welcher Länge - ob 70 Seiten oder 500 ist irrelevant. Ich weiß, dass ich ein durchschnittlich gutes und durchschnittlich umfängliches Buch mit 280 Seiten pro Woche schaffe; wenn es super ist, schaffe ich es auch an einem Wochenende, wenn es zäh ist, werden selbst die 7 Tage schon ehrgeizig. Womit wir zum nächsten Punkt kommen:

 

 

2. If you aren't enjoying a book stop reading it immediately

Es gibt so viele und so viele gute Bücher auf der Welt, dass ich meine Zeit nicht mehr mit welchen verschwende, die mir nichts geben. Das ist aus meiner Sicht ein Fehler, den sehr viele Leute machen. Auf dem Nachtisch oder im Lesezimmer oder wo auch immer stapeln sich angefangene Bücher, bei denen man immer nur 3 Seiten schafft, bevor man einschläft oder sie weglegt, weil man keine Lust mehr hat - kurzum, der Drang, weiterzulesen hält sich in Grenzen. Das Problem dabei ist, dass man unterbewusst ja gerade schon mit einem Buch beschäftigt ist, es liest, aber eben nicht wirklich. In dieser Zeit, in der man sich von Seite zu Seite quält, obwohl einen weder die Sprache berührt oder die Geschichte fesselt noch man neue, für einen selbst relevante Erkenntnisse sammelt, könnte man schon beim nächsten Buch verbringen, das einem all das bietet. Ich selbst gebe neuen Büchern für gewöhnlich 5-20 Seiten - wenn man mich hier nicht hat, war's das. Natürlich führt das auch dazu, dass man ziemlich viele Bücher blöd finden wird - by the way, auch Klassiker der Weltliteratur, die Millionen andere Menschen toll fanden - und dass man manchmal einen beachtlichen Anteil der neu erworbenen, geliehenen oder heruntergeladenen Bücher wieder loswerden muss. Diesen Tod muss man aber sterben, wenn man es zu mehr Büchern schaffen will.

 

3. Have another book ready before you finish the one you're reading (make a stack of books to-read or stack your e-reader)

Ich habe immer 4-5 Bücher im Schrank stehen, die ich als nächstes lesen werde. Auf diese Art vermeide ich "Leerlauf", wenn ich ein Buch beende und meine neuen Bücher noch nicht da sind und gleichzeitig kann ich so entscheiden, auf welches Buch ich als nächstes wirklich Lust habe. Ich bestelle übrigens ca. alle 4-6 Wochen für mich neue bzw. genau genommen eigentlich fast ausschließlich gebrauchte Bücher und verkaufe die Bücher, die okay oder schlecht waren auch wieder. Bücher, die ich wirklich super finde oder die ich noch verleihen möchte, behalte ich (erst mal).

 

4. Carry a book at all times

Fast jeden Tag und in vielen Situationen ergeben sich Zeiten, in denen man wartet (im Wartezimmer), rumsitzt (U-Bahn) oder sich 5 Minuten auf andere Gedanken bringen möchte (Mittagspause). Natürlich ist es legitim, in dieser Zeit auf Instagram, der Dating App seines Vertrauens oder Spiegel Online rum zu scrollen. Alternativ kann man in dieser Zeit aber auch ein paar Seiten lesen - und wenn es nur 1 oder 2 sind, super). Man glaubt wirklich gar nicht, wie schnell man so weiterkommt, bevor man es nicht selbst ausprobiert! Netter Bonus: man hebt sich super von der Masse (fast) aller anderen mit einem Wartenden/Rumsitzenden ab, die alle auf ihre Smartphones starren und wirkt (gefühlt ;) sofort intelligenter!

 

5. Keep a reading log and share it (people will send you even more good books to read)

Ich notiere alle Bücher, die ich schon fertig gelesen habe (read) oder gerade lese (currently reading) in meiner To Do App - dort notiere ich übrigens auch die Bücher, die ich angefangen habe, aber blöd (started to read, but stupid) fand. Alle Bücher, die ich noch lesen möchte (to read) sammele ich in meinem öffentlichen Wunschzettel bei Amazon (einem sehr praktischem und bequemem Tool). Aktuell stehen auf dieser meiner Liste 61 Bücher (inkl. Bildbänden & Kochbüchern) - wer Inspiration sucht (oder ein Geschenk für mich), darf gerne mal hier durchstöbern. Bücher, die auf diese Liste kommen, nehme ich übrigens von überall her: aus Rezensionen in Zeitschriften, aus Instagram-Posts von Influencern, aus Online-Artikeln und natürlich durch Empfehlungen von Freunden. Auf diese Weise wird die Liste je mehr ich lese irgendwie auch nicht leerer...

 

6. Throw your phone in the Ocean (or keep it in Airplane mode)

Das würde ich als optionalen Punkt sehen. Ich habe mein iPhone meistens lautlos, wenn ich zuhause lese, das reicht für mich. Je größer das eigene Problem mit sich ablenken lassen ist, desto mehr sollte man auf Flugmodus, in einen anderen Raum legen oder im Flugmodus in einen anderen Raum legen, wechseln. 

 

 

 

Anm.: Im Jahr 2019 hat dieses Vorgehen super funktioniert, ich habe 50 Bücher gelesen. Mein Rückblick auf die 6 besten und eine Auflistung der 44 restlichen, auch ganz guten, findest Du übrigens hier.

 

 

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Willow

„Ich bin mit Hunden und Pferden aufgewachsen.“ Wenn mich Menschen heute fragen, ob ich schon mal einen Hund hatte, weil ich jetzt einen Hund habe und mir einen Welpen „zutraue“, würde ich reflexartig genau das gerne sagen. Wenig verkörpert für mich so sehr eine ungestörte und naturverbundene, Ruhe ausstrahlende Kindheit wie dieser Gedanke. Genau genommen sind Hunde und Pferde aber erst in mein Leben gekommen, als ich schon etwa 10 Jahre alt war. Die zweite Hälfte von „aufgewachsen“ mag also stimmen. Jetzt habe ich wieder einen Hund, wieder einen Mops, und damit ist einer meiner großen Wünsche für dieses Jahr schon erfüllt, eins meiner Ziele für dieses Jahr schon erreicht: Ihr Name ist Willow, sie ist geboren am 28. Januar 2020, sie kennt kein Leben vor Corona. Sie bereichert uns, bringt uns jeden Tag zum Lachen und raubt uns manchmal den letzten Nerv.

 

Wenn ich jetzt, mehr oder weniger permanent, von diesem kleinen Wesen umgeben bin, bewege ich mich meistens zwischen Entzückung (wie etwas so goldig sein kann und darüber, dass sie nun zu uns gehört) und Genervtheit (wann und warum das kleine Wanst eine weitere Fußleiste angenagt hat). Dazwischen aber gibt mir unser Mops den ein oder anderen neuen Impuls, den man sich weder selbst noch der Partner einem geben kann – dafür aber jedes in einer Familie neue Lebewesen, das von einem abhängig ist.  

 

 

Verantwortung

Ich hatte in meinem Leben schon für einen Hund und mehrere Pferde Verantwortung, es war meine Aufgabe, dass es den Tieren gut ging. Eigenartigerweise habe ich mir selten Sorgen um die Tiere gemacht, möglicherweise weil mein Hund erwachsen war, als ich ihn bekam und man sich bei robusten, großen Lebewesen wie Pferden nur schwer vorstellen kann, dass ihnen überhaupt irgendetwas was anhaben könnte. Vielleicht auch, weil ich zu dieser Zeit selbst noch ein Kind, eine Jugendliche, war, die immer noch Eltern hat, die im Zweifel für einen in die Bresche springen, die einen von der Verantwortung entbinden, die Entscheidungen für einen treffen.

Heute bin ich erwachsen, ich habe den Hund bezahlt, ich bin ihr Besitzer und ich bin vollverantwortlich dafür, dass es ihr gut geht, dass sie sich nicht verletzt, dass sie spürt, geliebt zu werden. Wenn es ihr nicht gut geht, wenn sie erbricht oder irgend etwas vom Boden frisst, wenn sie sich ein Füßchen einklemmt oder irgendwo runterfällt, weil sie die Höhe noch nicht einschätzen kann, geht es mir nicht gut. Meistens passiert ja nichts, das sollte man sich in den Momenten immer zur Beruhigung vor Augen führen. Dennoch: Man macht sich plötzlich Sorgen um ein kleines Wesen, ein Baby (wenn auch kein menschliches), für das man Verantwortung trägt.

 

 

Geduld und Konsequenz

Eine meiner mich am meisten störenden Eigenschaften an mir ist meine Ungeduld, ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch. Ich will alles am liebsten sofort, wenn Menschen trödeln oder langsam gehen oder nach meiner Einschätzung wertvolle Zeit mit Tätigkeiten oder Menschen verplempern, ärgert mich das.

Nun übe ich mich in Geduld, denn ein Hund wird nicht von heute auf morgen stubenrein, nur weil man es ihm sagt. Man geht auch am Anfang nicht mit einem Welpen vor die Tür, auf den Grünstreifen und sofort ist alles erledigt. Am Anfang dauert es 30, 60 Minuten, in denen der Kleinen draußen nicht einfällt, dass sie dringend muss. Sobald man in der warmen, geschützten Wohnung ist, merkt sie es sofort – dann ist es meistens schon zu spät. Mittlerweile bekommen wir es schon deutlich besser hin; dass ein Hund wirklich stubenrein ist, dauert aber eben ein paar Monate. 

Das gleiche gilt für Kommandos oder andere Verhaltensweisen, bei Fuß zu gehen zum Beispiel. Man muss sich einfach gedulden und verstehen, dass es sich um einen Lernprozess handelt, den man vor allem durch Wiederholung und Konsequenz beschleunigt. Ich würde mich schon als konsequenten Menschen einschätzen, komme aber zu der Erkenntnis, dass sich Konsequenz und Süßheit des Welpen umgekehrt proportional zueinander verhalten. Je süßer das Hundebaby, desto schwerer ist es, konsequent zu bleiben. Analysiert von jemandem, der mal gesagt hat „der Hund kommt nicht aufs Sofa und nicht ins Bett“ - der den Hund mittlerweile je 3-4 Mal auf dem Sofa oder im Bett hatte. Ich gelobe Besserung.

 

 

Ein Hund ist ein Test

Ein Hund ist, wenn man noch keine Kinder hat oder sich nicht sicher ist, welche bekommen zu wollen, neben dem vielen, was ein Hund in erster Linie sein sollte (Kamerad, Freund, Aufmunterer), ein Test. Ein Hund ist ein Test dafür, wie viele Kompromisse man bereit ist einzugehen, genauer gesagt, auf welche Dinge man bereit ist, zu verzichten, was man willens ist zu opfern. Das fängt bei vermeintlich trivialen Dingen wie dem Nachtschlaf an, zieht sich weiter über das Geld, das man für den Hund und nicht für andere Dinge ausgibt und endet darin, ob und wohin man in Urlaub fährt oder generell wie lange man den Hund tagsüber oder abends alleine zuhause lassen kann. Ein guter Indikator für tendenziell egoistischere Menschen ist es, wenn man nach 2 Wochen 1x nachts für 10 Minuten aufstehen, keinen Bock mehr hat, wenn man es als einigermaßen nervig empfindet, in den ersten Wochen permanent (!) hinter dem kleinen Wurm her zu rennen und es nur schafft, zu duschen, wenn der Partner da ist. Ohne den Vergleich zu haben, habe ich die Berechnung angestellt, ein Hund ist etwa 60-70% der Opfer, die man für ein Baby bringen muss – dieses ganze Ding mit der Schwangerschaft offensichtlich nicht mit eingerechnet. 

 

 

Partnerschaft – einer dagegen?

Im Kern habe ich gemerkt, dass beide hinter der Idee stehen müssen, auch wenn einer als treibende Kraft reicht. Ein „Du machst doch eh was Du willst“ ist kein Beleg ausreichenden Commitments, er gipfelt vielmehr eventuell Jahre später in einem „Du musstest die Scheiß-Töle unbedingt haben, jetzt haben wir Problem xy!“

Wenn einer der beiden partout keinen Hund will oder noch drastischer keine Hunde mag oder allergisch ist, muss der andere das akzeptieren – da gibt es leider wenig dran zu rütteln (wenn man sich ansonsten sicher ist, dass der Partner der richtige ist natürlich). Wenn allerdings Raum für Abstimmung und Kompromisse ist und ich nachvollziehbar darlegen kann, was für mich eigentlich, emotional und psychisch, hinter „ich will einen Hund“ steht, kann man das ausdiskutieren. In diesem Fall bewahrheitet sich meist „Dad didn’t want a dog“

 

 

Warum ein Mops?

Die Rasse, zu der man sich entscheidet oder ein Mischling, falls man aus dem Tierheim oder Ausland „adoptiert“ (adopt, don’t shop), sollte zu den Lebensumständen passen und aus meiner Sicht auch zum Charakter des Halters. Natürlich kann man einen Labrador auch in einer Stadtwohnung halten und einen Pitbull, wenn man ein Kleinkind hat. Man kann vieles, manches ist sinnvoller als anderes.

Für mich kam, wahrscheinlich weil ich selbst nicht besonders groß bin und weil wir nun eben in einer Stadtwohnung leben (und es vermutlich auch die nächsten Jahre werden), die meiste Zeit der Überlegungen nur ein kleiner Hund in Frage. Neben einem Mops, dessen Aussehen und Charakter mich seit meinem ersten Hund, einem Mops, natürlich, begeistern, hätte ich mich auch für eine Französische Bulldogge (der Rasse, die meine Mutter seit 15 Jahren ca. hat) oder einen Kurzhaardackel (die finde ich einfach auch brutal süß) erwärmen können. Hätte mein Partner nur einen großen Hund gewollt, wäre auch ein Weimaraner eine Option gewesen, sehr schöne Tiere, aber natürlich eigentlich zu groß für mich. Folgende beide Zitate fassen abschließend die Vorliebe für einen Mops besser zusammen als ich es je könnte:

 

"Möpse sind mit Hunden nicht zu vergleichen.

Sie vereinigen die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen."

- Loriot

 

„Der Mops ist kein normaler Hund, das sieht man auf den ersten Blick:

Er ist eine Mischung aus andalusischem Kampfstier, Marzipanschwein und Weißwurst.

Er passt zu psychisch stabilen Menschen, die sich nicht daran stören, dass ihr bester Freund schnarcht, grunzt, haart und mit völligem Selbstverständnis immer den besten Platz auf dem Sofa für sich beansprucht,

charakterstarken Menschen, die keinen Designerhund als Ablenkung von der eigenen Unzulänglichkeit benötigen.

Der Mops ist kein Modehund, er ist ein Klassiker. Kaum eine Hunderasse ist so häufig in der Kunst festgehalten worden, wie der Mops. Der Mops ist kein Hund - er ist eine Lebenseinstellung.”

- Katharina von der Leyen

 

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Fragen mit und ohne Antwort - Teil 3

In "Fragen ohne Antwort" stellt eine mehr oder weniger bekannte Persönlichkeit aus Kultur, Mode, Politik, ... eine Reihe an meist philosophischen oder zumindest abstrakten Fragen, die man alleine oder in Gesellschaft beantworten kann. Teil 1 gab es hier, Teil 2 hier. Enjoy!  

 

 

MILKY CHANCE, den meisten vor allem durch diesen Song bekannt, besteht aus den 1992 im Abstand von 3 Tagen geborenen Schulfreunden Clemens Rehbein und Philipp Dausch. Vor 8 Jahren luden sie ihre erste Single auf YouTube hoch, seitdem folgten etliche Platin-Auszeichnungen und sie wurden neben Rammstein zur erfolgreichsten deutschen Band. Vor kurzem erschien ihr drittes Album, in der Vogue, April 2020 stellen sie folgende ganz persönliche Fragen.

 

  • Warum wurde Obama gewählt?
  • Warum wurde Trump gewählt?
  • Wird seine Masche ein zweites Mal funktionieren?
  • Können Menschen aus ihren Fehlern lernen?
  • Ist die Menschheit dem Untergang geweiht?
  • Selbst wenn wir die Klimakrise rechtzeitig in den Griff kriegen?
  • Gibt es die eine große Liebe?
  • Ist Liebe die Antwort auf alles?
  • Wenn ja, kann diese eine Liebe alles überstehen?
  • Sind Sie monogam oder polygam?
  • Sind Sie eher rational oder emotional veranlagt?
  • Geht es darum, zu wissen, wer man ist - oder darum, zu wissen, wer man sein will?
  • Verändert Geld die Menschen? Oder verrät der Umgang damit einfach nur (noch) mehr über die Persönlichkeit?
  • Wäre die Welt besser, wenn es ein gesichertes Grundeinkommen für alle gäbe?
  • Angenommen, Sie gewinnen eine Million im Lotto: Spenden Sie es für gute Zwecke oder kaufen Sie sich ein großes Haus?
  • Würden Sie lieber für immer allein in einem großen Haus leben oder in guter Gesellschaft in einem Ghetto?
  • Würden Sie lieber nur mit Tieren leben oder nur mit Menschen?
  • Welche Gabe hätten Sie lieber: die Gedanken anderer Menschen lesen oder mit Tieren sprechen zu können?
  • Warum heißt Flughafen auf Englisch nicht plane station?
  • Finden Sie, dass Menschen intelligent sind?
  • Können Eisbären frieren?
  • Gibt es irgendwann nur noch Städte?
  • Wo im Körper steckt die Seele?
  • Warum sind die gängigen Schönheitsideale so krank?
  • Warum läuft alles schneller und schneller ab?
  • Gibt es jetzt schon Außerirdische auf der Welt?
  • Gibt es Leben jenseits unserer Wahrnehmung?
  • Haben wir noch Zeit oder hat die Zeit schon uns?

 

 

Und so habe ich diese Fragen beantwortet:

  • Warum wurde Obama gewählt? Weil es Zeit wurde.
  • Warum wurde Trump gewählt? Weil die Wählerschaft in den USA einen anderen Wahrnehmungs- und Entscheidungshorizont hat, als es die anderer Länder hat. Und weil Menschen lieber einen selbstbewussten Blender wählen als eine selbstbewusste Frau, der sie misstrauen.
  • Wird seine Masche ein zweites Mal funktionieren? Ich fürchte, ja.
  • Können Menschen aus ihren Fehlern lernen? Prinzipiell ja. Und das tun sie ja auch. Aber leider nicht immer.
  • Ist die Menschheit dem Untergang geweiht? Noch nicht. Aber in ein paar Hundert oder Tausend Jahren schon.
  • Selbst wenn wir die Klimakrise rechtzeitig in den Griff kriegen? Dann vielleicht ein bisschen weniger wahrscheinlich. Aber nach meiner Einschätzung findet der Mensch dan trotzdem noch was, womit er sich selbst zerstört. Ich finde den Gedanken interessant, dass auch der Mensch eine Spezies ist, die nur eine vorübergehende Zeit eine Rolle in der Erdgeschichte spielt.
  • Gibt es die eine große Liebe? Es gibt mehrere große Lieben.
  • Ist Liebe die Antwort auf alles? Nein. Aber sie ist die wichtigste.
  • Wenn ja, kann diese eine Liebe alles überstehen? Nein, leider kann selbst eine große Liebe nicht alles überstehen.
  • Sind Sie monogam oder polygam? Monogam.
  • Sind Sie eher rational oder emotional veranlagt? Emotional.
  • Geht es darum, zu wissen, wer man ist - oder darum, zu wissen, wer man sein will? Darum, zu wissen, wer man ist. Wenn man das nicht weiß, hilft es wenig, zu wissen, wer man sein will.
  • Verändert Geld die Menschen? Oder verrät der Umgang damit einfach nur (noch) mehr über die Persönlichkeit? Letzteres.
  • Wäre die Welt besser, wenn es ein gesichertes Grundeinkommen für alle gäbe? Dafür weiß ich zu wenig davon bzw. es bleiben auch zu viele Fragen offen (bekommen z.B. alle auf der Welt den gleichen Betrag oder wird dieser angepasst, je nachdem wie hoch die Lebenshaltungskosten irgendwo sind oder mit welchen intellektuellen oder anderen Privilegien jemand gesegnet ist). Aber prinzipiell wahrscheinlich ja. 
  • Angenommen, Sie gewinnen eine Million im Lotto: Spenden Sie es für gute Zwecke oder kaufen Sie sich ein großes Haus? Ich spende einen Teil, den anderen würde ich aber nicht nutzen, um ein Haus zu kaufen, sondern um meinen Vermögensaufbau zu unterstützen und etwas fürs Alter zurückzulegen.
  • Würden Sie lieber für immer allein in einem großen Haus leben oder in guter Gesellschaft in einem Ghetto? Ersteres.
  • Würden Sie lieber nur mit Tieren leben oder nur mit Menschen? Lieber mit Menschen. Sein Leben ohne Gespräche, die erwidert werden, führen zu müssen, empfinde ich als trostlosen Gedanken.
  • Welche Gabe hätten Sie lieber: die Gedanken anderer Menschen lesen oder mit Tieren sprechen zu können? Mit Tieren sprechen zu können. Die Gedanken meiner Mitmenschen möchte ich nicht lesen können/müssen.
  • Warum heißt Flughafen auf Englisch nicht plane station? Αεροδρόμιο ist das griechische Wort für "Airport" und wird mit "aerodromio" übersetzt. "Aerodrome" wiederum stammt vom Altgriechischen ἀήρ (aḗr), Luft, und δρόμος (drómos), Straße oder Kurs, wörtlich also Luftstraße. 
  • Finden Sie, dass Menschen intelligent sind? Per se, nicht, nein. 
  • Können Eisbären frieren? Ich denke schon. Aber halt nicht unbedingt dort, wo sie leben, das wäre ja sehr unpraktisch. 
  • Gibt es irgendwann nur noch Städte? Nein, ich glaube nicht. Ich glaube mit Weiterentwicklung von Städten, Technologie und Digitalität wird der Mensch zunehmend wieder (grüne und ruhige) Gegenpole benötigen.
  • Wo im Körper steckt die Seele? Im Gehirn und im Herz. 
  • Warum sind die gängigen Schönheitsideale so krank? Weil sie vermitteln, alle Körpertypen, seien erreichbar - und das sind sie eben nicht oder nur unter großen Mühen oder Einsatz plastischer Chirurgie.
  • Warum läuft alles schneller und schneller ab? Weil Wachstum das wichtigste in unseren Gesellschaften ist, siehe hier.
  • Gibt es jetzt schon Außerirdische auf der Welt? Ich glaube nicht.
  • Gibt es Leben jenseits unserer Wahrnehmung? Ja. Man nehme mal nur Bakterien, die nehmen wir nicht wahr, sind aber Leben.
  • Haben wir noch Zeit oder hat die Zeit schon uns? Wir haben noch Zeit.

 

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Corona Brain

 

Gab es ein Leben vor diesem hier? Eines, in dem man alles machen konnte, in dem alles vermeintlich normal war? Ein Leben vor der „aktuellen Situation“? Falls es das gab, fühlt es sich so weit weg an, als läge eine lange Zeit, ein eigenes Leben, dazwischen. Mindestens 10 Jahre, so fühlt es sich an. So dass man mit seinen Gedanken nur noch in einem Nebel für wahr gehaltener Erinnerung stochert, begleitet von der ständigen bangen Mutmaßung, was davon diese „neue Normalität“ werden wird, von der immer alle reden.

 

Manche Menschen schreiben, man werde in dieser Situation immer mehr man selber. Ich bin nicht nur erinnerungsschwach, ich bin auch leichter zu verärgern. Vielleicht entsprechen Amnesie und Jähzorn ja meinem wahren Ich, ich hoffe stark dagegen.

 

Was andere irritiert, empört mich nämlich mit einer Wucht, die ich nicht von mir kenne.

Wie kann es sein, dass wir es schaffen, 80.000 Erntehelfer ins Land zu bringen, damit der beschissene Spargel nicht verrottet, aber 50 Flüchtlingskinder überfordern uns?

Wie kann es sein, dass eine Institution, nach deren sorgfältiger Analyse im Jahr 2016, 1300 unserer 1600 Krankenhäuser mehr oder weniger überflüssig gewesen seien, nun Empfehlungen dazu aussprechen darf, in welchen Schritten Öffnungsperspektiven umgesetzt werden können?

Wie kann es sein, dass das Maß aller Dinge die Zahl der Neuinfektionen ist, wenn die eigentlich limitierte Ressource sich nur um die Zahl der neuen schweren Krankheitsverläufe sorgen sollte?

Wie kann es sein, dass wir unsere Wirtschaft und Psyche so sehr zerstören, dass wir nach all dem ein vielleicht gesundheitlich minimal sicheres, dafür aber gesellschaftlich mutmaßlich desaströses Leben führen? 

Wie kann es sein, dass diese Idioten immer noch keine beschissenen 1,5 Sicherheitsabstand halten und sich an mir vorbeiquetschen als hätte all das nichts, aber auch gar nichts mit ihnen zu tun?

Wie kann es sein, dass im Haus gegenüber eine Party gefeiert wird und ich ganz ernsthaft mit dem Gedanken spiele, die Polizei zu holen, um meine lieben Party-Nachbarn zu denunzieren?

Wie kann es sein, dass meine über 60jährigen Eltern uns unangekündigt zu Ostern besuchen, uns ihre Umarmungen aufzwingen, gerade so als hätten sie nichts von all dem verstanden?

 

 

Ich weiß, dass ich auch deswegen nachts wach liege, weil mich nichts mehr ausreichend erschöpft. Ich bin zum Beispiel nicht so erschöpft wie Eltern, die ihre Kinder zuhause haben. Kinder müssen beschäftigt werden, sonst eskalieren sie, sonst brennt die Luft, so viel kann ich mir vorstellen. 

 

Ich weiß, dass das Soziale ein Muskel ist, der vor allem bei mir schnell erschlafft. Ich habe Sprachnachrichten auf meinem Handy, die 3 Wochen alt sind, die ich bis heute nicht abhören konnte. Ich war nie ein großer Telefonierer, eine Tatsache, die mich jetzt unvermeidlich einholt.

 

Ich weiß, dass wir die Grundlagen eines funktionierenden Lebens haben: Elektrizität, Kanalisation, Internet, Lebensmittelversorgung – und doch fühlt sich unser Dasein hinreichend beschnitten an.

 

Ich weiß, dass ich nur nicht ausraste, weil ich mich jeden Tag mit mind. 8 Folgen irgendeiner Serie betäube, weil ich jeden Tag online shoppe, weil ich mir jeden Tag um spätestens 16 Uhr den ersten Drink mache und weil wir in 2 Wochen einen Hund kriegen. Die Perspektive auf tägliche Paketlieferungen und einen Welpen besänftigten jeden. „Was würdest Du denn bitte machen, wenn Du ausrastest? So viel bleibt Dir ja nicht.“ „Ich würde vielleicht einen Streit mit Dir anfangen, rein aus Langeweile, einfach weil ich’s kann?“ Auch wenn ich natürlich weiß, dass das beziehungsmäßig ziemlich arschig wäre. Und nicht besonders klug.

 

Ich weiß, dass man den Tag strukturieren soll, das sagen einem ja alle Experten. Aber keiner schnallt, dass es keine Arbeit und Struktur gibt, dass es einfach nur darum geht, egal wie, egal womit, die Zeit rumzubringen, den Tag rumzubringen, ohne auszuflippen wegen der Stupidität des Ganzen. Bevor noch ein Tag kommt, der genauso ist wie dieser, und dann noch einer und noch einer und noch einer bis irgendwann wohin wir noch nicht sehen können.

Bis zu dieser „neuen Normalität“, von der immer alle reden.

 

 

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C

 

 

Selten haben sich meine Gedanken so sehr auf engem Raum immerzu wiederholt, im Kreis gedreht, nicht weiterentwickelt. Selten konnte ich ein einzelnes Thema so sehr nicht mehr hören und doch gleichzeitig permanent alles an Informationen und Neuigkeiten dazu aufsaugen wollen. Selten offenbarte sich so viel Güte, Charakterstärke und Menschlichkeit und doch gleichzeitig soviel Schlechtigkeit, Misstrauen und Egoismus. Noch nie, zumindest in den fast 30 Jahren, die ich auf dieser Erde lebe, gab es ein Thema, ein einziges Wort, mit dem sich alle knapp 8 Milliarden Menschen zur gleichen Zeit, an jedem Tag gezwungen sind zu beschäftigen. Man könnte einwerfen, der Klimawandel, von schlaueren Menschen als „Klimakrise“ bezeichnet, sei auch so ein Thema, aber das stimmt nicht. Man kann sich dazu entscheiden, sich nicht mit der Klimakrise zu beschäftigen, sein eigenes Verhalten nicht anzupassen, Informationen nicht aufzunehmen.  Doch in der jetzigen Situation ist das unmöglich: wir durchleben als Kollektiv eine Lage, mit der sich jeder auseinandersetzen muss, ungeachtet, ob er Lust dazu hat, ungeachtet welche Privilegien er hat. Wir können uns nicht entscheiden, Informationen dazu auszublenden, denn sie sind überall. Wir können uns nicht weigern, unser eigenes Verhalten anzupassen, denn neu geschaffene Regeln (Ausgangsbeschränkungen, Ladenschließungen) zwingen uns dazu. Diese globale Gesundheitskrise unterscheidet nicht nach Maßstäben der Zumutbarkeit oder der Präferenzen oder der Ressourcen. Sie kommt über uns und nimmt, wer das Pech hat, alt oder krank zu sein. 

 

Manchmal schaue ich aus dem Fenster und wundere mich, dass man so gar nichts sieht, dass nichts bis auf die reduzierten Menschenmengen und geschlossene Geschäfte anders zu sein scheint. Dass das Problem ein bis zu 160 Nanometer großes, rundes Molekül ist, und man es deshalb nicht sehen können kann, vergesse ich dabei leicht und wenn es mir wieder einfällt, bin ich überrascht wie etwas dieser Größe den gesamten Planeten lahmzulegen, zu entschleunigen in der Lage ist.  

 

Es fühlt sich an wie eine Art Yoga Retreat, ein Schweigeseminar oder ein freiwilliger Aufenthalt in einem Kloster – nur, dass ich mich dazu nie angemeldet habe.

Es fühlt sich an wie ein ewiger Sonntag oder der Nachmittag von Heiligabend – nur, dass dieser Zustand nicht auf absehbare Zeit enden wird.

Es fühlt sich an, als habe man unendlich viele Möglichkeiten, seine Zeit zu gestalten – nur, dass die Endlichkeit der Optionen dann doch an der Grenze der eigenen Wohnungstür liegt.

Es fühlt sich an, als sei auch in dieser Situation das Maß der Dinge die Selbstoptimierung – wer kein Home Workout macht, verliert.

Es fühlt sich an, als habe sich der eigene Wirkungshorizont so sehr verkleinert, dass man manchmal denkt, man könne nicht atmen.

Es fühlt sich an wie ein monumentaler Reset-Button – nur, dass ein paar von uns stattdessen mit einem Alkoholproblem, einer Depression, 5kg mehr oder einer Beziehung weniger hier raus gehen.

Es fühlt sich machtlos an, denn das eigene Tun (bzw. Unterlassen) bringt streng genommen nur etwas, wenn wir es nicht als einzige tun.

Es fühlt sich an wie der Zwang zur Dankbarkeit, nur zuhause sitzen zu müssen und endlich mal Zeit für alles zu haben, was wir sonst nie machen. Bei allem Respekt, das ist Schwachsinn. 

 

Und bei all dem Fühlen, was tue ich?

Nun, am ehesten trifft es Michel Houellebecq. Er schreibt in „Ausweitung der Kampfzone“ - einem übrigens sehr zu empfehlenden Buch: „Am Wochenende verkehre ich in der Regel mit niemandem. Ich bleibe zu Hause, räume ein wenig auf, kultiviere eine kleine Depression.“

Meine Tage bestehen aus Spaziergängen, wenn ich mich dazu aufraffen kann, aus Lesen, Serien, daraus, zum tausendsten Mal unsere Kammer oder die Küchenschränke oder meine Kosmetikschublade auszumisten. Daraus sich meistens weder zu Mady Morrison Yoga Sessions noch Caro Dauer Ab Workouts motivieren zu können. Daraus neue Rezepte auszuprobieren, wie Cashew Protein Balls, und daraus, neue Rezepte für Kuchen auf einen Zeitpunkt zu verschieben, an dem unser Backofen wieder repariert sein wird. Daraus zu testen wie lange ich meine Haare nicht waschen kann, bevor es für alle Beteiligten unangenehm wird. Meine Tage bestehen aus hinreichend viel Online Shopping und daraus sich ein Puzzle zu kaufen, dessen Motiv mich und meinen Enthusiasmus so sehr enttäuscht, dass ich es zurückschicke. Meine Tage bestehen gelinde gesagt aus dem Versuch vor 13 Uhr aufzustehen, im Wissen, dass es keinen Unterschied machte ob ich überhaupt aufstünde oder nicht. Meine Tage bestehen nicht mehr aus Arbeit, ich arbeite gerade nicht – was allerdings eine längere Geschichte wäre. 

Hin und wieder bestehen meine Tage auch aus Einkaufen, obgleich ich selbst minimale Anschaffungen dazu nutze, ich möchte fast sagen, sie mir ausdenke, um das Haus verlassen zu können. Gestern z.B. brauchte ich dringend Glasreiniger. Tatsächlich ist gerade das Einkaufen sowohl erleichternde Legitimation und Unfähigkeit zugleich, letzteres wusste ich vorher schon, wird mir aber in dieser Situation umso klarer. Die Generation nach mir und ungefähr die Hälfte meiner eigenen weiß natürlich nicht wie vernünftige Vorratshaltung geht. In unserem Kühlschrank findet sich (Stand gerade) eine Packung Oatly Barista Hafermilch, 10 Flaschen the frank juice Detox Säfte, 1 Tube Tomatenmark, 1 Möhre und ein Hyaluron-Serum, das ich mir manchmal morgens ins Gesicht massiere. Oh und wir haben noch eine halbe Flasche Gin. Ich würde gerne sagen, dass ich übertreibe oder dass das eine Ausnahme ist, aber das ist es nicht. 

 

Und von all dem vermeintlich Banalen, dass nur so banal sein kann, weil alle, die ich kenne (noch) gesund sind, zurück zum Größeren, zum Nachdenklichen. Fragen, aus denen meine Tage nämlich auch bestehen.

Was wird all das mit unserer Gesellschaft machen? Was wird es mit uns, als Individuen, machen? Was wird es mit uns machen, als Partner, Freunde, Kinder, Arbeitnehmer, Eltern? Wie werden wir aus etwas herausgehen, was uns so sehr zeigt, was wichtig, was „systemrelevant“ ist, was möglich ist und wie wir miteinander umgehen sollten? Wird alles wieder wie vorher? Werden die Menschen vergessen, zu welcher Solidarität sie in der Lage, auf wessen Beitrag sie angewiesen sind, welche Möglichkeiten es in unserer Welt gibt, um anders zu arbeiten, andere Dinge zu priorisieren, anders auf sich selbst und andere Acht zu geben? Werden die Menschen vergessen, wie menschlich sie sein können? Werden sie vergessen, wie sehr wir als menschliche Wesen andere menschliche Wesen zum Überleben, zum glücklich sein brauchen?

Die Wahrheit ist: wir alle werden erschreckend schnell in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Wir werden Einladungen kurzfristig absagen, zu denen wir zu faul sind, die Wohnung zu verlassen oder schlicht keine Lust haben. Wir werden stunden- oder tagelang zuhause sitzen, um Serien zu schauen anstelle spazieren zu gehen oder in Bars oder Museen. Wir werden aufhören, täglich mit einem Menschen, der uns wichtig ist, zu telefonieren, weil uns angeblich die Zeit fehlt. Wir werden egoistisch wie eh und je einkaufen und krank zur Arbeit gehen und vergessen, dass es ältere Menschen gibt, die unserer Hilfe bedürfen. Wir werden mit unseren Langstreckenflügen weiter die Luft verpesten und wir werden vergessen, dass wir uns bei all dem insgeheim ein bisschen schlecht fühlen. Auch ich werde das tun und auch ich werde die Alternativen dazu verdrängen. 

 

Und doch liegt in all dem die Chance, zumindest ein kleines bisschen das beizubehalten, was wir im Moment tun, was wir im Moment besser, bewusster, weniger egoistisch tun – wir sollten sie nutzen.

 

 

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Wien Guide: Insidertipps für Essen, Trinken & Places To Be

Zu meinem Geburtstag im Dezember habe ich von meinem Freund eine 4-tägige Reise nach Wien geschenkt bekommen, letztes Wochenende waren wir dort. Wir waren beide früher schon in Wien, diesmal hat es uns wieder unheimlich gut gefallen. Da es so einige Spots gibt, die zu schade wären, um sie nicht zuteilen hier mein "Where to .." als Folge zu meinem München-Guide hier. Hinter jedem Bezirk ist eine Karte verlinkt, um zu wissen, wo in Wien das ist. Hinter jedem Spot ist die Website oder der Instagram-Account verlinkt. Die Spots mit Sternchen sind ausdrückliche Empfehlungen, die wir leider selbst nicht mehr geschafft haben, abzuklappern (die aber beim nächsten Besuch definitiv auf der Liste stehen). Enjoy!

 

 

1. Bezirk / Innere Stadt

 

Restaurants, Cafés & Bars im 1. Bezirk

  • The Guesthouse Vienna (Führichgasse 10, 1010 Wien) | In der Bakery & Brasserie im Guesthouse gibt es von 6.30 (für die Frühaufsteher) bis 23.00 (für die Langschläfer) Frühstück. Gelegen zwischen Albertina und Hotel Sacher, super zum Brunch, und nicht zu hip aber dennoch stylish. Es gibt Klassiker wie das Albertina oder Burggarten Frühstück aber auch Kokosmilchreis oder rote Linsen Hummus für Veganer. Wir hatten Egg Benedict & French Toast.
  • WEIN & CO Stephansplatz (Jasomirgottstraße 3/5, 1010 Wien) | Das WEIN & CO ist ein toller Treffpunkt, sowohl auf Drinks als auch zum Essen. Wir haben uns durch die beeindruckende Weinkarte getestet, die Cuvée Auslese macht einfach glücklich.
  • Joseph Brot (Naglergasse 9, 1010 Wien) | Der Joseph ist ein bekannter Bäcker in Wien. Er macht allerdings nicht nur... Brot, sondern auch richtig gutes Frühstück. Man kann z.B. bekommen (und auch mitnehmen): grandiosen Kaffee (als Verlängerter Schwarz oder als Melange mit Hafermilch), "The Healthy" (hausgebeizter Lachs, Avocado Creme, pochierte Bio Eier, Cottage Cheese, Chia Vanilla Granola Pudding) oder ein Feigen Pur Birchermüsli.
  • Zum Schwarzen Kameel* (Bognergasse 5, 1010 Wien) Das Schwarze Kameel gehört einfach zu Wien - eine echte Institution, die man auf keinen Fall versäumen sollte. Hierher kann man zum Frühstück, Brunch, Lunch, Café, Aperitivo oder Dinner. Geheimtipp zum Frühstück: das weiche Ei (von einer Maschine perfekt zum Punkt gegart), dazu eine Melange oder einen Espresso und ein Schnittlauchbrot. 
  • Fabios* (Tuchlauben 4/6, 1010 Wien) | Der In-Italiener mit leichter italienischer Küche, Signature-Drinks an der Bar, großer Weinkarte, eher zum Lunch oder Dinner (obwohl man auch frühstücken kann). Zu empfehlen: die gegrillten Artischocken oder Spinat-Cannelloni - alles "cucina light" sozusagen.
  • PARÉMI Boulangerie – Pâtisserie* (Bäckerstraße 10, 1010 Wien) | Französische Backkunst mit Rückbesinnung auf traditionelles Handwerk (auch zum Dort-genießen): knusprige handgemachte Sauerteig-Baguettes, Brotlaibe aus mühlsteingemahlenem Mehl und Roggenbrote mit kräftiger Kruste, Croissants, Schokoladen-Croissants, Brioches oder Mandelcroissants. Bon appétit!
  • Kleinod Prunkstück*(Bäckerstraße 4, 1010 Wien) | Das Interieur ist etwas ganz besonderes: bestehend aus Onyx-Marmor, Messing, Echtholz und Leder. An Drinks gibt es Spezialitäten wie den "om Kellogg" (Chrunchy Nuts, "42 Below"-Vodka, Zitrone, Wald- und Akazienhonig, Soda), den "Leider Geil" (Mango-Ananas-Gin, frische Limette, Old Judge Falernum, Rohrzucker, Bitters) oder den "NEO Cuban" (Facundo Neo Silver Rum, Limette, Rohrzucker, Szechuan Pfeffer, Champagner).
  • BAR CAMPARI* (Seitzergasse 6,1010 Wien) | Ein bisschen italienisches Flair in der Innenstadt hat noch keiner schönen Stadt geschadet. Wir denken da an den Espresso im Stehen an der Bar, einen Teller göttliche Pasta oder einen Negroni mit frischer Orangenschale. All das, und noch viel mehr, findet man in der Bar Campari im Goldenen Quartier.
  • Capsule-Salon de Champagne* (Tiefer Graben 9, 1010 Wien) | Schon wieder Prickelndes! Wien hat natürlich auch eine Champagner Bar. Man kann vor Ort verkosten, trinken, feine Kleinigkeiten essen oder auch online sehr Spannendes beziehen.

 

Shopping Spots im 1. Bezirk

  • Lederleitner (Tuchlauben 7a, 1010 Wien) | Was für mich coole Bars sind, sind für mich auch Interior Stores. Home Decor Shops und Boutiquen. Dort gibt es Vasen in Hülle und Fülle, tolle Bücher für den Coffee Table und Papierservietten, die ein halbes Vermögen kosten. Aber es ist einfach alles so schön dort! Tipp: es gibt auch eine Lederleitner Gärtnerei an der Wiener Börse, in der man wunderschöne Schnittblumen und Sträuße für alle Anlässe bekommt.
  • Inked Vienna (Bauernmarkt 15, 1010 Wien) | Ein privat geführter Multibrand Store, in dem man von Alexander Wang, Helmut Lang, Acne oder Isabel Marant alles findet, was Rang und Namen hat: “premium contemporary fashion”. Store, Lage und die Auswahl sind premium und contemporary, wenn ich nicht gerade (mal wieder) am Sparen wäre, hätte ich mir direkt diesen Acne Beanie gekauft.
  • THE VIENNASTORE (Herrengasse 5, 1010 Wien) | "Stilvoll" und "Souvenir" schließen sich eigentlich aus, hier nicht. Dort gibt es z.B. den MONOCLE Vienna Guide oder einen Miniatur Wien Gin.

 

Sights to see im 1. Bezirk

  • Stephansdom (Stephansplatz 3, 1010 Wien) | Der Stephansdom ist wahrscheinlich eine der Hauptsehenswürdigkeiten Wiens. Der höchste der vier Türme ist der Südturm mit 136,44 Meter, über 343 Stufen gelangt man bis auf etwa 70 Meter. Man bezahlt €6.-, am Tag drauf kann man jeden seiner Po-Muskeln spüren. Expectation management: man steht oben nicht auf einer freien Terrasse, sondern in einer Turmstube mit umläufigen Fenstern.
  • Albertina (Albertinaplatz 1, 1010 Wien) | Die Albertina sieht von außen nicht nur monumental aus, sie beherbergt auch eine der bedeutendsten grafischen Sammlungen weltweit mit rund 950.000 Zeichnungen und Druckgrafiken, Skulpturen und Keramiken. Von Dürer, Degas, Monet, Rubens, Renoir bis Picasso ist alles vertreten, was man erwartet.
  • Schmetterlingshaus (Hofburg, 1010 Wien) | Auf das Schmetterlingshaus bin ich erst gestoßen als wir schon Wien waren. Die frei fliegenden rund 400 Schmetterlinge der Tropen sind 150 verschiedenen Arten zuzurechnen, von denen keine unter den Artenschutz fällt. Das Innere des Glashauses ist wie ein tropischer Regenwald gestaltet und weist eine konstante Temperatur von etwa 26 Grad sowie eine Luftfeuchtigkeit von rund 80 % auf. 
  • Hofburg (Michaelerkuppel, 1010 Wien) | Die Hofburg zu Wien war vom 13. Jahrhundert bis 1918 die Residenz der Habsburger in Wien. Seit Ende 1946 ist sie der Amtssitz des Österreichischen Bundespräsidenten. In ihr sind der größte Teil der Österreichischen Nationalbibliothek sowie verschiedene Museen und das Bundesdenkmalamt untergebracht.
  • Spanische Hofreitschule (Michaelerplatz 1, 1010 Wien) | Die Spanische Hofreitschule ist eine im Michaelertrakt der Hofburg in Wien ansässige Reitinstitution, die ursprünglich der reiterlichen Ausbildung der kaiserlichen Familie diente. Sie ist einer der wichtigsten Orte zur Erhaltung der klassischen Reitkunst, wobei ausschließlich Lipizzaner ausgebildet werden. Man kann sowohl dem Morgentraining mit Musik zuschauen als auch eine Führung durch die ganze Anlage und Stallungen machen.
  • Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah (Judenplatz, 1010 Wien) | Das Mahnmal ist eine Stahlbetonkonstruktion mit einer Grundfläche von 10 × 7 Metern und einer Höhe von 3,8 Metern. Die Außenflächen des Quaders sind durchmodelliert als nach außen gewendete Bibliothekswände. Die Regale des Mahnmals sind mit scheinbar endlos vielen Ausgaben ein und desselben Buches bestückt, die für die 65.000 Opfer und ihre Lebensgeschichte stehen. 
  • Demel (Kohlmarkt 14, 1010 Wien) | Der Demel ist eine der bekanntesten Wiener Konditoreien am Kohlmarkt 14 im 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt. Demel war seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein kaiserlicher und königlicher (k.u.k.) Hofzuckerbäcker und führt diesen Titel noch heute.

 

 

6. und 7. Bezirk / Neubau

 

Restaurants, Cafés & Bars im 6. und 7. Bezirk

  • ERICH (Neustiftgasse 27, 1070 Wien) | Hier kann man an einer Bar frühstücken, es gibt getoastetes Bio-Sauerteig-Brot mit Avo Mash, Radieschen und Chili, Melange mit Hafermilch, frisch gepressten Orangensaft und und vegane Shakshuka. Alternativ gibt es auch flüssige (= alkoholische) Frühstücksalternativen.
  • Espresso Burggasse (Burggasse 57, 1070 Wien) | Süßer kleiner Laden, sehr Berlin, sehr guter Espresso. Unbedingt das orientalische Frühstück probieren.
  • Der Dachboden (Lerchenfelder Straße 1-3, 1070 Wien) | Die im obersten Stock des 25hours Hotels sitzende Bar "Dachboden" ist wie das restliche Hotel dem Motto "Zirkus" gewidmet. Metallgitter werden als Raumteiler eingesetzt und erinnern an Raubtierkäfige, von der Decke hängt ein Fahrrad. Eine Photobox gibt es natürlich auch, 
  • phil (Gumpendorfer Str. 10-12, 1060 Wien) | Der Mix aus Café, Möbelgeschäft, Buchladen und Plattengeschäft ist im phil wirklich gut gelungen und man fühlt sich dort gleich wohl – fast wie im eigenen Wohnzimmer. Die Frühstücksoptionen sind eher "klassisch".
  • Salonplafond* (Stubenring 5, 1010 Wien) | Im MAK (Museum für angewandte Kunst) angesiedelt, ist der Brunch im Salon Plafond ein super Ausgangspunkt für Sonntage im Museum. Das Interior (besonders der Stuck an der Decke) ist ein Traum und der große Community Table beim Eingang bietet auch größeren Gruppen Platz.
  • Superfood Deli* (Lerchenfelder Straße 63, 1070 Wien) | Kleines Take-away mit der besten Acai Bowl in Wien. Die Auswahl an Bowls, frischen Säften, selbst gemachter Mandelmilch & gesunden Snacks ist riesig. Egal ob Maui Bowl, Hangover Fighter oder Protein Paleo Bowl bestellt – bei 10 verschiedenen Bowls und über 20 Toppings kann man hier eigentlich nichts falsch machen. 
  • Luster (Windmühlgasse 32, 1060 Wien) | Ein Stück Hamburg in Wien. Bar mit Regalkonstruktion, die an einen Luster erinnert, Edel-Snacks wie Laugen Hot-Dog Asia Style und sehr gute Drinks. Ein super Ort, wenn man "noch einen weiter" ziehen will.

 

Shopping Spots im 6. und 7. Bezirk

  • Babetown (Piaristengasse 17, 1080 Wien) | Der Beauty Concept Store wurde imHerbst 2019 eröffnet und ist ein Ort "for all kind of babes". Hier kann man sich nicht nur Maniküre, Pediküre oder Augenbrauen machen lassen, sondern auch auf einen Rosé oder eine Melange herkommen. Das Interieur ist traumhaft, babe.
  • Die Sellerie (Burggasse 21/1, 1070 Wien) | Die Sellerie wird von den Designern Patrick Bauer und Georg Leditzky geführt, mit Leidenschaft für einzigartiges und nachhaltiges Design. Der stilvoll eingerichtete Shop bietet ein einzigartiges Einkaufserlebnis mit Wohnaccessoires von europäischen Manufakturen, selbst gestalteten und lokal produzierten Papierwaren, Keramik und FineArt Prints. 

Sights to see im 6. und 7. Bezirk

  • Naschmarkt (1060 Wien) | Wahrscheinlich das, was der Viktualienmarkt in München ist, ist der Naschmarkt mit 2,315 Hektar der größte innerstädtische Markt der Stadt. Offiziell heißt er Kärtnertormarkt, es gibt ihn seit etwa 1780, damals noch ein Bauernmarkt, auf dem vorwiegend Milchprodukte gehandelt wurden. 

 

Andere Bezirke

 

Restaurants, Cafés & Bars in anderen Bezirken

  • MOCHI* (Praterstraße 15, 1020 Wien) | Mochi ist eigentlich die Bezeichnung für japanische Reiskuchen, die traditionell vor allem zu Neujahr gegessen werden, eines der ausgebuchtesten Restaurants der Stadt heißt aber auch so. Traditionelle japanische Küche mit internationalen Einflüssen, zu den Must-Eats gehören: Baby Spinach Salat mit Sweet Miso und Yuzu Trüffel Dressing, der Brokkolino, die Spicy Salmon Roll, Nasu & Miso (= gegrillte Melanzani mit Sweet Miso und Bonito Flocken), im Winter die Brussel Sprouts und natürlich das obligatorische Kakao Mochi zum Dessert. 
  • Aurora Rooftop Bar* (Arsenalstraße 10, 1100 Wien) | Rooftop Bar im 16. Stock des Wiener Andaz' am Belvedere. Inspiriert durch das Wort "Aurora", das Nordlicht, bietet die Bar kultig nordisches Design, einladend-warmes Ambiente mit offener Feuerstelle und eine großzügige Dachterrasse mit Blick in den Sternenhimmel. Die Cocktails und Speisen sind ebenfalls von Skandinavien inspiriert.
  • das kleine Paradies* (Blindengasse 3, 1080 Wien) | Das wohl kleinste Wohnzimmer Wiens mit mosaiksteinfunkelnder Bar, ein gerade noch nicht oder gerade nicht mehr Palmers-grüner Boden und Holzvertäfelung. Gut gemachte Kleingerichte wie konfierter Wels mit Fenchel und Chilimayonnaise, bissfeste, dünnwandige Ravioli mit Erdäpfel-Schnittlauch-Füllung oder sharing Gerichte wie „überfahrenes Huhn“ mit Trauben und Ofen­sellerie mit Mandelsauce. Sicher eher weniger was für den veganen Lifestyle.

 

 

Für weitere Wien Inspiration empfehle ich die Vienna Picks von The Daily Dose und den direkt Reiseführer Wien von DuMont.

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Fragen mit und ohne Antwort - Teil 2

Teil 2 meines Beitrags zu "Fragen ohne Antwort", in denen eine mehr oder weniger bekannte Persönlichkeit aus Kultur, Mode, Politik, ... eine Reihe an meist philosophischen oder zumindest abstrakten Fragen stellt, die man alleine oder in Gesellschaft beantworten kann. Teil 1 gab es hier. Enjoy!  

 

 

PHILIPP HOCHMAIR, 46, Meisterschüler von Klaus Maria Brandauer, ist an Extremsituationen gewöhnt. Er gehört zu den wenigen Schauspielern, die auf Bühne und Bildschirm gleichermaßen überzeugen: mehr als 1.200 Soloauftritte von "Werther!" und "Jedermann" Reloaded" oder als Wiener Kommissar ohne Augenlicht im ARD-Krimi "Blind ermittelt". Hochmair stellt in der Vogue, Februar 2020 folgende ganz persönliche Fragen.

 

  • Geben oder nehmen?
  • Welche Tiergattung würden Sie mehr als alle anderen vor dem Aussterben retten wollen?
  • Wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Partner einen Mord begeht?
  • Wenn Ihr Leben morgen zu Ende wäre, mit wem würden Sie heute Zeit verbringen?
  • Welche letzte Mahlzeit würden Sie wählen?
  • Wenn die Welt in einem Jahr untergehen würde, was wäre bis dahin Ihre Aufgabe?
  • Schreiben Sie Tagebuch?
  • Welches Gesetz haben Sie schon mal gebrochen?
  • Empfinden Sie das Leben eher als Erzählung oder als Film?
  • Vielleicht sogar als Serie in mehreren Staffeln?
  • Wie würde die dazu passenden Filmmusik klingen?
  • wer sollte die Geschichte Ihres Lebens verfilmen?
  • Gelingt es Ihnen, Ihre Schwächen in Stärken zu verwandeln?
  • Was genau sind Ihre Schwächen?
  • Welche Stärken würden Sie gerne besitzen?
  • Haben Sie das Zeug zum/zur SuperheldIn?
  • Was sehen Sie, wenn Sie Ihre Augen schließen?
  • Könnten Sie sich vorstellen, ein blinder Kommissar zu sein? 
  • In Kafkas Amerika heißt es bei der Aufnahmeprüfung zum großen Welttheater: Jeder ist willkommen! Wir können jeden brauchen. Als was würde man Sie aufnehmen? 
  • Wären Sie lieber OpernsängerIn oder BalletttänzerIn, lieber RegisseurIn oder PlakatmalerIn?
  • Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie verrückt ist die Welt gerade?
  • Wie verrückt sind Sie?
  • Haben Sie schon mal im Theater geweint?
  • Wer sollte den Roman Ihres Lebens schreiben?
  • Welche Form würde Ihnen am besten gefallen: Komödie, Liebesfilm, Heimatfilm, Drama, Schwarze Komödie, Theaterstück, dramatisches Gedicht oder eine Sammlung von Whatsapp-Dialogen?
  • Gibt es ein HappyEnd?

 

 

Und so habe ich diese Fragen beantwortet:

  • Geben oder nehmen? Nehmen.
  • Welche Tiergattung würden Sie mehr als alle anderen vor dem Aussterben retten wollen? An Tierarten am ehesten Eisbären, Gorillas oder Koalas (eine vollständige Liste gibts übrigens hier).
  • Wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Partner einen Mord begeht? Ich weiß es nicht. Die Frage zielt offensichtlich darauf ab, ob man Recht oder Liebe höher achtet bzw. entscheiden ließe. Auch wenn es eigentlich keine Rolle spielen dürfte, würde auch das Motiv meine Entscheidung beeinflussen und die Überlegung wie sehr das eine Beziehung beeinträchtigt. Würde ich mich trennen, weil ich einen Mörder nicht mehr lieben kann? Würde die Beziehung daran zerbrechen, dass von mir erwartet wird einen Mörder zu decken? Ich weiß schlicht und ergreifend nicht wie ich reagierte.
  • Wenn Ihr Leben morgen zu Ende wäre, mit wem würden Sie heute Zeit verbringen? Mit meinen Eltern, meinem Freund und meinen 3-4 engsten Freund*innen.
  • Welche letzte Mahlzeit würden Sie wählen? Ein schönes Sauerteig- oder Vollkornbrot, getoastet oder frisch aus dem Ofen mit gesalzener Butter.
  • Wenn die Welt in einem Jahr untergehen würde, was wäre bis dahin Ihre Aufgabe? Zufriedenheit zu finden, Dinge zu tun, die ich immer tun wollte und nie getan habe, Reisen.
  • Schreiben Sie Tagebuch? Nein.
  • Welches Gesetz haben Sie schon mal gebrochen? Wäre vielleicht nicht so schlau, das ins Internet zu schreiben.
  • Empfinden Sie das Leben eher als Erzählung oder als Film? Eher als bewegtes Bild, also als Film.
  • Vielleicht sogar als Serie in mehreren Staffeln? Vielleicht noch passender, ja. Dann wäre ich in Staffel 11 oder so.
  • Wie würde die dazu passenden Filmmusik klingen? Ein Mix aus Pop, Elektro und Klassik wahrscheinlich.
  • Wer sollte die Geschichte Ihres Lebens verfilmen? Nancy Meyers.
  • Gelingt es Ihnen, Ihre Schwächen in Stärken zu verwandeln? Kommt auf die Schwäche an. Wahrscheinlich nicht immer.
  • Was genau sind Ihre Schwächen? Ungeduld, Impulsivität, Sturheit.
  • Welche Stärken würden Sie gerne besitzen? Geduld, Charisma, Diplomatie.
  • Haben Sie das Zeug zum/zur SuperheldIn? Eher nicht, nein. Ich wirke mutig, bin es aber oft nicht. Und ich bin eher egoistisch, als altruistisch.
  • Was sehen Sie, wenn Sie Ihre Augen schließen? Abhängig von der Helligkeit und den Farben vor meinen Augenlidern, meistens irgendwas frizzeliges. Oder ich sehe Szenen aus Träumen von mir.
  • Könnten Sie sich vorstellen, ein blinder Kommissar zu sein? Nein, weder blind noch Kommissar.
  • In Kafkas Amerika heißt es bei der Aufnahmeprüfung zum großen Welttheater: Jeder ist willkommen! Wir können jeden brauchen. Als was würde man Sie aufnehmen? Als Moderatorin oder Führung durch das Programm, das könnte ich gut.
  • Wären Sie lieber OpernsängerIn oder BalletttänzerIn, lieber RegisseurIn oder PlakatmalerIn? Balletttänzerin.
  • Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie verrückt ist die Welt gerade? 7,5
  • Wie verrückt sind Sie? 7
  • Haben Sie schon mal im Theater geweint? Nein.
  • Wer sollte den Roman Ihres Lebens schreiben? Michael Nast.
  • Welche Form würde Ihnen am besten gefallen: Komödie, Liebesfilm, Heimatfilm, Drama, Schwarze Komödie, Theaterstück, dramatisches Gedicht oder eine Sammlung von Whatsapp-Dialogen? Schwarze Komödie.
  • Gibt es ein HappyEnd? Natürlich.

 

 

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I carry your heart with me

 

Nach gut 1 ½ Jahren wage ich mich mal wieder an einen politischen, an einen ethischen Text, der – ich möchte es betonen – meine eigene, persönliche Meinung zum Thema Organspende und zum jüngsten Gesetzesentwurf zur sog. „Doppelten Widerspruchslösung“ darstellt. Jeder hat das Recht, den Sachverhalt anders zu sehen, einen anderen Standpunkt zu vertreten, das hier ist meiner. Die von mir herangezogenen Quellen finden sich am Ende des Textes.

 

Mitte Januar, am 16.01.2020 gegen 11.45 Uhr, hat der Deutsche Bundestag entschieden, dass er mir nicht zumuten kann, wenigstens ein einziges Mal in meinem Leben eine persönliche Entscheidung zur Organspende treffen zu müssen. Damit mag er meine vermeintliche „persönliche Freiheit“ gestärkt haben, gleichzeitig aber hat er die Hoffnung tausender Menschen auf Leben (aktuell stehen 9.500 Menschen in Deutschland auf der Warteliste für ein Organ) pulverisiert. Für mich ist vieles an dieser Entscheidung nicht nachvollziehbar, teilweise unfassbar scheinheilig und es macht mich wütend – obgleich ich nicht mal betroffen bin und ich meine Haltung dazu im letzten Jahr selbst fundamental geändert habe. Was daran ist für mich nicht nachvollziehbar?

Zunächst mal begreife ich nicht, wieso eine Institution, die mir bereits im Rahmen der Sterbehilfe-Debatte die persönliche Freiheit genommen hat, mir verboten hat, im Ernstfall selbst über mein Leben entscheiden zu dürfen, sich nun damit brüstet, mich davor zu schützen, über den Körper nach meinem Leben entscheiden zu müssen. Beidem wohnt der zutiefst menschliche Wunsch nach „wählen dürfen“ inne, darüber selbst verfügen zu können, was mit meinem Körper, der mir und nur mir gehört, passiert. Mich erinnert der letzte Satz an das Thema Abtreibung, präziser „Schwangerschaftsabbruch“, der in Deutschland grundsätzlich immer noch eine Straftat ist und um den noch immer so viel schockierende Gesetzgebung und rückschrittliche Ansichtsweisen fixiert sind, dass die Debatte §219a in den letzten Jahren einen ganz eigenen Blogtext hier verdiente. Bevor ich mich aber jetzt schon wieder nur aufrege, zurück zum eigentlichen Thema Organspende. Was noch ist für mich nicht nachvollziehbar?

2018 gab es bundesweit 955 Organspender*innen (Anstieg vs. Vorjahr), die positive Einstellung der Menschen in Deutschland gegenüber einer Organ- und Gewebespende ist so hoch wie nie und die Zahl der Personen, die einen Organspendeausweis besitzen, ist ebenfalls in den letzten Jahren gestiegen. Und trotzdem können wir es von der deutschen Bevölkerung nicht verlangen, eine individuelle Entscheidung zu treffen und diese zu verbalisieren respektive zu dokumentieren? Seriously??!

Um es deutlich zu machen: ich vertrete nicht die Meinung, dass jede*r bereit sein muss, ein Organ zu spenden, dass nur das das ethisch korrekte Verhalten sei. Aber ich vertrete die Meinung, dass man als mündiger Mensch in der Lage sein muss, ja sein wollen müsste, eine Entscheidung - sei sie dafür oder dagegen – zu treffen.

Bevor ich versuche, meinen Unmut weiter auszuführen, vielleicht noch mal ein kurzer Überblick, worum es überhaupt geht und welche einigermaßen objektiven Argumente für bzw. gegen die sog. Doppelte Widerspruchslösung sprechen:

 

Worum geht es?

Die Kernidee der neuen Gesetzgebung, initiiert von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), wäre gewesen, dass prinzipiell erstmal – per Default sozusagen – jede*r Organspender*in sein soll. Nur wer im Laufe des Lebens aktiv widerspricht, oder wenn Angehörige betonen, dass die Person die Organe nicht spenden wollte, werden sie nach dem Tod nicht entnommen. So sollen mehr Bürger zu einer aktiven Entscheidung „gezwungen“ werden.

Diesen Vorschlag hat der Bundestag nun abgelehnt, 292 Abgeordnete stimmten für die Widerspruchslösung gestimmt, 397 dagegen.

 

 

Was hätte FÜR die doppelte Widerspruchslösung gesprochen?

 

1. Mehr Organspender

Sie ist (laut Befürwortern) die einzig realistische Chance, zu mehr Organspender*innen in Deutschland zu kommen. Spahn hatte eingeräumt, dass sie einen Eingriff in die Freiheit des Einzelnen bedeute – welcher in der Abwägung mit dem Recht auf Leben, aber zurückstehen müsse. Darüber hinaus sei die jetzige Regelung dafür verantwortlich, dass in Kliniken die „Nicht-Spende quasi der Normalzustand“ sei und möglichen Organspenden nicht konsequent genug nachgegangen werde.

 

2. Die meisten Deutschen sind für Organspende

Laut einer aktuellen Umfrage sind 84% der Deutschen der Organspende gegenüber positiv eingestellt, aber nur 36% haben auch einen Organspendeausweis. Die doppelte Widerspruchslösung griffe die Stimmung in der Bevölkerung am besten auf: wenn die Mehrheit der Deutschen dafür ist, mache es mehr Sinn, dass nur diejenigen, die keine Organspender werden wollen, widersprechen müssen.

 

3. Es ist moralisch richtig

Unter anderem für SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach wäre die neue Regelung moralisch vertretbar. Nach Kant müsse man das, was man von anderen erwarte, auch selber tun. Jeder würde ein Organ nehmen, wenn er es brauchte, aber im Gegenzug nicht bereit sein eines zu geben? Das kann nicht sein. 

 

4. Angehörige würden entlastet

Aktuell müssen Angehörige über die Organspende entscheiden, wenn der Wille des Patienten nicht bekannt ist, für viele aus nachvollziehbaren Gründen eine Überforderung kurz nach der Nachricht des Versterbens. Viele Ablehnungen erfolgen aus verständlicher Unsicherheit heraus und nicht aus der Überzeugung, dass der Verstorbene eine Organspende nicht gewollt hat. Die doppelte Widerspruchslösung sieht deshalb vor, die Angehörigen zwar nach dem Wunsch des Verstorbenen zu fragen, ihnen die Entscheidung aber nicht zu überlassen.

 

 

Was hätte GEGEN die doppelte Widerspruchslösung gesprochen?

 

1. Eingriff in die menschliche Würde und staatlicher Zwang 

Für Kirchen ist sie der „staatliche Zugriff auf den menschlichen Körper“, für manche Abgeordnete sei sie ein Eingriff in die Selbstbestimmung des Einzelnen. Kritiker sprechen häufig vom „Zwang zur Organspende“, eine so tiefgreifende Entscheidung sollte dagegen freiwillig und bewusst getroffen werden. Tatsächlich würde man allerdings nicht zur Organspende, sondern zu einer Entscheidung dafür oder dagegen gezwungen – ein fundamentaler Unterschied.

 

2. Schweigen ist keine Zustimmung

Nach dem deutschen Rechtsverständnis ist Schweigen weder Zustimmung noch Ablehnung, es gilt als neutral und stellt keine Willenserklärung dar. Auch aus ethischer Perspektive sei die Widerspruchslösung ein „gefährlicher Paradigmenwechsel“, weil die aktive Einwilligung eines informierten Patienten einfach umgangen würde.

 

3. Angehörige werden übergangen

Im Gegensatz zur Entlastung der Angehörigen, kann man argumentieren, dass Angehörige nicht mehr in die Entscheidung mit einbezogen würden - was voraussetzt, dass sie diese direkt nach dem Tod des Verwandten treffen wollen, was wiederum in vielen Fällen in der akuten Trauerphase eher als Überforderung wahrgenommen wird als als Einbeziehung. 

 

4. Kein Garant für mehr Spender

In vielen europäischen Ländern gilt eine Form der Widerspruchslösung, in Spanien, Belgien oder Kroatien gibt es gleichzeitig eine hohe Anzahl an Organspendern. Allerdings ist es nicht immer die Widerspruchslösung, die automatisch zu mehr Organspendern führt. In Spanien z.B. ist die Organspende Teil des Nationalstolzes und die Abläufe in Kliniken sind deutlich besser auf die Organspende abgestimmt. Darüber hinaus dürfen in Spanien Organe schon nach dem Herz-Kreislauf-Tod entnommen werden, in Deutschland erst nach dem Hirntod.

 

 

Unterm Strich all dieser Argumente: ich bin enttäuscht. Enttäuscht, weil diese Entscheidung viel weniger zur Erhaltung der Persönlichkeitsrechte beiträgt als dass sie begünstigt, dass weiterhin alle 8 Stunden in Deutschland ein Mensch stirbt, für den es kein passendes Spenderorgan gibt oder vielmehr für den es zur größeren Wahrscheinlichkeit eines gäbe, hätte der potentielle Spender seinen Wunsch dokumentiert. Enttäuscht, weil es vor allem so ein „deutsches“ Problem zu sein scheint, den Fortschritt und die Veränderung lieber abzulehnen, nur weil eine Regelung (noch) nicht perfekt ist oder minimale Risiken birgt. Enttäuscht, denn die Ablehnung des Gesetzesentwurfs basiert auf der Betrachtung der deutschen Bevölkerung als unmündig, als unfähig, lethargisch oder undifferenziert, als unwillig eine einmalige Entscheidung über den eigenen Körper zu treffen, deren Konsequenz wir nicht mal mehr mitbekommen. Enttäuscht zu einem ganz kleinen Teil auch, weil unter anderem die Grünen, denen ich letztes Jahr beigetreten bin, im Bundestag dagegen gesprochen und votiert haben. Enttäuscht, weil ich mich im vergangenen Jahr selbst so massiv bewegt habe - davon, keines meiner Organe im Ernstfall zu spenden hin zu alle meine Organe außer meinem Gehirn zu spenden. So hochethisch dieses Thema ist, so sehr habe ich persönlich entschieden, dass meine emotionale, in Teilen vielleicht „spirituelle“ Haltung, nach dem Tod „ganz“ bleiben zu wollen weder rational zu verargumentieren noch in vertretbarem Maße egoistisch ist. Wenn ich zu Lebzeiten die Chance hätte, ein oder mehrere Leben zu retten, würde ich es tun. Wenn ich es selbst nach meinem Tod noch könnte, umso mehr.

 

 

 

 

 

 

 

 

Links:

LinkedIn-Post eines Kollegen, der den Ausschlag gegeben hat, diesen Text zu schreiben

Hamburger Experten bedauern Organspende-Beschluss (Welt, 16.01.2020)

Die 5 wichtigsten Argumente der Gegner und der Befürworter des Spahn-Vorschlags (Tagesspiegel, 16.01.2020)

Informationsseite zur Organspende der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

 

 

 

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Fragen mit und ohne Antwort

In der deutschen VOGUE, die ich seit einigen Jahren abonniert habe und aus grundsätzlichem Interesse an Mode lese, gibt es seit gefühlt schon immer eine Rubrik, die sich "Fragen ohne Antwort" nennt. Darin stellt eine mehr oder weniger bekannte Persönlichkeit aus Kultur, Mode, Politik, ... eine Reihe an meist philosophischen oder zumindest abstrakten Fragen, die man alleine oder in Gesellschaft beantworten kann - vor allem aber ehrlich beantworten sollte, sonst macht das Ganze weniger Sinn. Leider finde ich selten Menschen, die dieses aus meiner Sicht unterhaltsame Spiel mitspielen möchten, weil die meisten Menschen, die ich kenne Fragespiele eher schrecklich finden. Ich hingegen liebe Fragespiele. Hier also mal 1 Ausgabe "Fragen ohne Antwort" - zunächst ohne Antworten, damit jeder, der möchte, seine Ansicht dazu finden kann und dann mit Antworten, die ich darauf gefunden habe.

 

 

 

 

ACHIM HOCHDÖRFER, 51, leitet seit 6 Jahren das für seine Ausnahmesammlung zeitgenössischer Kunst bekannte Museum Brandhorst in München. Der Bestand umfasst neben Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien von Sigmar Polke, Gerhard Richter, Jean-Michel Basquiat, Alex Katz oder Ed Ruscha mehr als 120 Arbeiten von Andy Warhol und über 170 von Cy Twombly. Hochdörfer wurde 2013 nach München berufen, er stellt folgende ganz persönliche Fragen (Vogue, Januar 2020).

 

  • Woran glauben Sie?
  • Wer macht die Kunst von morgen?
  • Was verbindet Mode mit Militär?
  • Wer oder was ruft sentimentale Gefühle in Ihnen hervor?
  • Muss Kunst politisch sein?
  • Wovor schützt uns Mode?
  • Wie viel Schönheit verträgt die Kunst?
  • Welches ist Ihr Lieblingsmuseum?
  • Warhol oder Twombly?
  • Muss man TikTok haben?
  • Wie alt wollen Sie werden?
  • Zug oder Flugzeug?
  • Wer darf Sie porträtieren?
  • Wie sollte der Titel Ihrer Autobiografie lauten?
  • Was nehmen Sie sich fürs neue Jahr vor?
  • Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten?
  • Heath Ledger oder Joaquin Phoenix?
  • Was ist Ihre Geheimwaffe?
  • Karma oder Charisma?
  • Wie viel Zeit verbringen Sie in Museen?
  • Welches Geschlecht hat Kunst?
  • Beeinflusst der Kaufpreis Ihre Wahrnehmung eines Kunstwerks?
  • Wie viele Frauen sind unter den Top 100 der teuersten Künstler?
  • Wie rassistisch ist Kunst?
  • Lesen Sie Gedichte?
  • Was hinterlassen Sie Ihren Kindern?
  • Wer hört Ihnen wirklich zu?
  • Was kostet Sie Zeit?
  • Wer sind Sie eigentlich?
  • Steht Ihre Tür anderen wirklich immer offen?
  • Der bisher wichtigste Tag in Ihrem Leben?
  • Wird Mode unter- oder überschätzt?
  • Was ist Ihnen peinlich?
  • Welche Art von Ruhm würden Sie sich wünschen?
  • Welche Rückschlüsse auf Ihre Lebenswirklichkeit lassen Ihre Träume zu?
  • Welche Kunst wird in 10 Jahren im Museum hängen?

 

 

Und so habe ich diese Fragen beantwortet:

  • Wer macht die Kunst von morgen? Auf jeden Fall mehr Frauen. Je zugänglicher, demokratischer außerdem die Wege werden, über die quasi jeder Kunst "machen" kann, desto diverser (ethnisch, religiös, wohlhabend/weniger wohlhabend, sexuell orientiert, ...) werden Künstler von morgen.
  • Was verbindet Mode mit Militär? Seit ungefähr 2005 der "Military Style". Ist also nicht der aktuellste, auf jeden Fall aber ein nicht tot zu kriegender Trend.
  • Wer oder was ruft sentimentale Gefühle in Ihnen hervor? Fotos. Gerüche. Damit assoziierte Erinnerungen an Sommerurlaube auf Ibiza in meiner Kindheit, an meine Großeltern, an Gerichte, die ich als Kind geliebt habe.
  • Muss Kunst politisch sein? Nein.
  • Wovor schützt uns Mode? Wovor schützen uns Kunst, Musik, Religion? Vor dem profanen, davor dass wir uns nur noch mit dem absolut notwendigen, nützlichen, alltäglichen beschäftigen.
  • Wie viel Schönheit verträgt die Kunst? Ungefähr 50%. Kunst soll für mich entweder schön sein oder sie soll mich bewegen, berühren, schockieren, anekeln. 50% Ästhetik und 50% Botschaften sind eine gute Balance.
  • Welches ist Ihr Lieblingsmuseum? Schwer. Am ehesten folgende: Musée de l'Orangerie und Musée d'Orsay, Paris. Guggenheim und MoMa, New York. Tate, Saatchi und National Portrait Gallery, London. Städel, Frankfurt und Pinakothek der Moderne, München.
  • Warhol oder Twombly? Warhol. Ist zwar kommerzieller, aber auch bunter und besser zu verstehen.
  • Muss man TikTok haben? Nein.
  • Wie alt wollen Sie werden? Früher dachte ich, verhältnismäßig jung sterben zu wollen, nicht ironischerweise möchte ich je älter ich werde umso älter werden. Ich möchte so alt werden, dass ich alles was ich tue, noch in Würde tun kann. So alt, dass Menschen um mich herum mich um meine Weisheit, Reife, Erfahrung und Zufriedenheit beneiden und mich nicht ob meiner Zerstreuung, Morbidität, Abhängigkeit bedauern.
  • Zug oder Flugzeug? Aus Umweltaspekten ist die Antwort klar, innerhalb Deutschlands und Europas (wo möglich) auch. Für 1 oder 2 Langstreckenflüge zu Urlaubszwecken werde ich ab diesem Jahr CO2 kompensieren - sollte übrigens jeder machen (wenn man sich schon einen Flug leisten kann).
  • Wer darf Sie porträtieren? Jeder.
  • Wie sollte der Titel Ihrer Autobiografie lauten? Had to google that one. Google hat gesagt "Life happens"  passe zu mir - finde ich gar nicht so scheiße.
  • Was nehmen Sie sich fürs neue Jahr vor? Zu viel vermutlich. Aber 2 meiner wichtigsten Vorhaben sind, mich beruflich so zu verändern, dass ich mich wieder inspiriert und herausgefordert fühle und meine Ernährung bis zum Ende des Jahres auf 95-100% vegan umgestellt zu haben.
  • Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten? Ich besitze Aktien, falls das zählt. 
  • Heath Ledger oder Joaquin Phoenix? Heath Ledger. 
  • Was ist Ihre Geheimwaffe? Dass man mich aufgrund meiner Körpergröße und meines Alters manchmal unterschätzt? Vielleicht.
  • Karma oder Charisma? Karma.
  • Wie viel Zeit verbringen Sie in Museen? Zu wenig.
  • Welches Geschlecht hat Kunst? Immer noch männlich.
  • Beeinflusst der Kaufpreis Ihre Wahrnehmung eines Kunstwerks? Wenn ich ihn kenne ja. 
  • Wie viele Frauen sind unter den Top 100 der teuersten Künstler? 20-30 vielleicht? (Die Lösung ist übrigens 2. 2 von 100 sind Frauen.)
  • Wie rassistisch ist Kunst? Weiß ich nicht. Weniger als früher? Als weißer Mensch ist es schwerer, Rassismus einzuschätzen. 
  • Lesen Sie Gedichte? Ja, aber zu selten. Am liebsten welche von Rilke.
  • Was hinterlassen Sie Ihren Kindern? Eine Frage, die voraussetzt, dass man definitiv Kinder hat oder bekommt.
  • Wer hört Ihnen wirklich zu? Kein Mensch hört einem immer zu 100% zu, ich tue das bei Anderen auch nicht. Am ehesten mein Freund, zu 90% würde ich sagen. Meine Kollegen wahrscheinlich zu 70%.
  • Was kostet Sie Zeit? Fortbewegung auf täglicher Basis. Also von A nach B zu kommen. Finde ich zudem sehr ermüdend.
  • Wer sind Sie eigentlich? Diese Frage ist eine sehr faszinierende. Je länger man am Stück darüber nachdenkt, desto mehr schaut man von außen auf diesen Menschen und realisiert, dass man immer "nur" genau dieser eine Mensch, mit dieser Seele und diesem Körper sein wird.
  • Steht Ihre Tür anderen wirklich immer offen? Nein, im beruflichen Kontext mit ziemlicher Sicherheit nicht. Ich versuche mir Zeit für andere zu nehmen, fühle mich aber schnell gehetzt und werde ungeduldig, wenn ich keinen unmittelbaren, vermeintlichen Mehrwert für mich erkenne. 
  • Der bisher wichtigste Tag in Ihrem Leben? Den einen wichtigsten Tag in meinem Leben kann ich nicht benennen, u.a. weil ich weder geheiratet noch ein Kind zur Welt gebracht habe. Wichtige Tage waren als ich mich entschieden habe, nach München zu ziehen (weil ich mich hier zuhause fühle), mein Gap Year zu machen (weil ich darin so viele Erfahrungen und Orientierung gefunden habe) und der Tag, an dem ich meinen jetzigen Freund kennen gelernt habe (weil in dieser Beziehung zum ersten Mal alles einfach nur einfach ist).
  • Wird Mode unter- oder überschätzt? Das kommt auf die Perspektive an. Aus meiner Perspektive wird Mode von außen oft mehr belächelt als sie es verdient, von innen mit mehr Wichtigkeit bedacht als sie tatsächlich hat (verglichen mit sagen wir mal, einer Operation am offenen Herzen oder dem Hunger in Afrika).
  • Was ist Ihnen peinlich? Mir ist sehr wenig peinlich. Am ehesten aber wenn ich in Situationen gebracht werde, in denen ich über Dinge sprechen muss, von denen ich nicht genug verstehe (und mich dann selbst nicht überzeuge).
  • Welche Art von Ruhm würden Sie sich wünschen? Am ehesten als Schriftsteller, falls ich mal ein Buch schriebe.
  • Welche Rückschlüsse auf Ihre Lebenswirklichkeit lassen Ihre Träume zu? Als Laie der Traumdeutung würde ich sagen wenige, aber vermutlich liegt genau darin der Trugschluss.
  • Welche Kunst wird in 10 Jahren im Museum hängen? Vermutlich immer noch ein Großteil der Kunst, die auch heute als Meisterwerke gilt. Hoffentlich mehr Kunst von Frauen.

 

 

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Bye Bye 2019

 

Relativ kurzfristig und vielleicht ein bisschen, weil es scheinbar alle machen, habe ich mich entschieden, doch noch einen kleinen Jahresrückblick zu erstellen. Es ist der 31.12., kurz nach halb sieben Uhr abends, viel knapper vor Jahresende hätte ich nicht mehr erkennen können, wie reich mein Jahr eigentlich war und was ich alles erleben durfte. Die Aufzählung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit (offensichtlich^^), alle “Highlight-Fotos“ finden sich ganz unten. Happy New Year!

Januar

- den Film "Birdbox" gesehen (sehr empfehlenswert!)

- einen "trockenen Januar" gemacht, d.h. keinen Alkohol getrunken

- beruflich nach PHILADELPHIA gereist (dort hatte es -16°C!!!)

 

 

Februar

- den Cartier Pop-up Store in der Maximilianstraße besucht

     - mit meinen Eltern und meinem Freund in der Oper "L'Elisir d'amore" gewesen

- mit meinen Eltern und meinem Freund unser erstes Escape Game gemacht

- die LAX Eatery in Schwabing getestet

- die "Alex Katz" Ausstellung im Museum Brandhorst angesehen

- die "Samurai" Ausstellung in der Kunsthalle angesehen

 

  

März

- privat mit meinem Freund nach MALLORCA gereist

- den 60. Geburtstag meiner Mutter gefeiert

- viel Schnee in München gehabt

- privat für 10 Tage zum Kuren und Wellness gefahren

 

 

April

- den Club "Café Bangkok" in München entdeckt (sehr empfehlenswert, wenn auch in Schwabing)

- mein erstes Banana Bread gebacken (fürs Rezept please reach out ;)

- zum ersten Mal nach ca. 15 Jahren wieder Tennis gespielt

- an Ostern einen Ausflug an den Ammersee gemacht (mit dieser Idee nicht allein gewesen)

 

  

Mai

- beruflich nach NEW YORK gereist (und dann privat mit meinem Freund verlängert)

- zum ersten Mal First Class geflogen

- privat mit meinem Freund nach BUDAPEST gereist

- die Doku "Knock down the House" gesehen (sehr empfehlenswert!)

- bei den Europawahlen gewählt

- Einweihungsparty in unserer Wohnung gefeiert

- an meinem ersten Flower-Workshop teilgenommen (Thema "Living Coral")

 

 

Juni

- im Neuen Botanischen Garten gewesen (sehr empfehlenswert, wenn man auf Blumen steht (wie ich))

- den Geburtstag meines Lieblingsmenschen gefeiert

- sehr viel in der Ory Bar gewesen (wie fast jeden Monat^^)

- die Pop-up Bar auf den Stufen des Staatstheaters ausprobiert

- mit meiner Freundin Lisa auf dem Lena-Konzert in der Tonhalle gewesen

 

  

Juli

- mit meinen Eltern und meinem Freund in der Oper "Figaros Hochzeit" gewesen

- beim Christopher Street Day auf einem Wagen mitgefahren

- auf einem Bio-Bauernhof kleine Ferkel gehalten und gestreichelt

  (einer meiner glücklichsten Tage in 2019)

 

 

August

- mit meinen Eltern und meinem Freund an einer Lama- und Alpaka-Wanderung teilgenommen

- privat mit meinem Freund nach MAINZ gereist (wo ich herkomme)

- die Hochzeit von Freunden von mir, Caro und Moritz, in DÜSSELDORF gefeiert (und den Brautstrauß gefangen)

 

  

September

- beruflich nach DÜSSELDORF gereist (und Wladimir Klitschko am Flughafen getroffen)

- den 30. Geburtstag einer meiner besten Freundinnen, Anja, in FRANKFURT gefeiert

- an meinem zweiten Flower-Workshop teilgenommen (Thema "Flower Crown" (Haarkranz))

- nicht auf der Wiesn gewesen (und es nicht vermisst)

 

  

Oktober

- privat mit meinem Freund auf die MALEDIVEN gereist

- meine zugewachsenen oberen 4 Ohrlöcher wieder aufstechen lassen (ich habe 6 insgesamt)

- eine Massage im Charles Hotel Spa hier in München gemacht (sehr empfehlenswert!)

- die "40 Jahre VOGUE" Ausstellung in der Villa Stuck angesehen

- mich von meinen beiden Trainees verabschiedet

  

 

November

- die "Kanada und der Impressionismus" Ausstellung in der Kunsthalle (geführt) angesehen

- mit meiner Freundin Anja auf dem Mat Kearney-Konzert im Zenith gewesen

- mit etwas angefangen, was ich voraussichtlich im Sommer 2020 hier ausführlich teilen werde

 

 

Dezember

- im Restaurant "Enter the Dragon" mit der Xmas Party von meinem Freund gewesen

- Geburtstag gehabt und 28 Jahre alt geworden

- Weihnachten alleine (!) zuhause verbracht (sehr entspannt!) und dabei meinen kompletten Kleiderschrank ge-Marie Kondo-ed!

 

 

 

 

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Gelesen und für gut befunden

Ich bin bei Buch 48 meines Vorsatzes, in diesem Jahr 50 Bücher gelesen zu haben. Weil ich nicht glaube, dass die letzten 2 Bücher meine bisherigen Favoriten vom Thron stoßen werden, hier mein sharing is caring, meine Empfehlung an Werken, die toll zu lesen sind, zufrieden machen oder ohne die gelesen zu haben man nicht alt werden sollte. 

P.S.: Solltet Ihr über den am Ende jeden Absatzes zu Amazon führenden Link das Buch erwerben, verdiene ich daran nichts.

Vom Ende der Einsamkeit 

 

'Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.' Vor vielen Jahren sind Jules Eltern bei einem Autounfall in Frankreich ums Leben gekommen, Jules war damals zehn. Eine Familienkatastrophe, die den Erzähler und seine älteren Geschwister Marty und Liz aus der Bahn geworfen hat. Aus dem draufgängerischen Jules wird ein schüchterner, in sich gekehrter Internatsschüler und später ein mäßig erfolgreicher Mitarbeiter einer Musikfirma, der unter seiner "Talentlosigkeit" leidet und den letzten gemeinsamen Momenten mit seinem Vater nachtrauert. Marty, der ältere Bruder, gefällt sich als genialischer Einzelgänger und Nerd, wird dann relativ rasch vernünftig und bringt es mit einer Computerfirma zu Wohlstand, ohne jemals den seltsamen Tick ablegen zu können, Türklinken heimlich nach einem bizarren Zahlensystem herunterzudrücken. Liz, die attraktive ältere Schwester, balanciert mit ihrem erhöhten Männer- und Drogenkonsum immer am Abgrund: Um nicht selbst noch einmal verlassen zu werden, verlässt sie die anderen. "Sie redete, wie ein Verdurstender trinken würde: gierig nach jedem einzelnen Wort", so schildert der Erzähler seine Schwester, die Unerreichbare.

"Vom Ende der Einsamkeit" ist ein Roman über drei Geschwister, die sich immer wieder aufrappeln, einander schicksalhaft zugetan sind und dennoch ganz allein. "Vom Ende der Einsamkeit" hat mich gefesselt mit seiner reduzierten, so sehr auf den Punkt bringenden Sprache darüber, was an Schicksal und Gefühlen doch eigentlich nicht in Worte gefasst werden kann. "Vom Ende der Einsamkeit" ist ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Wells liebt die Ordnung, die Knappheit, die erzählerische Sorgfalt und genau das macht diesen Text zu einem, dessen letzte Seite man nicht erreichen möchte.

 

Vom Ende der Einsamkeit | Benedict Wells | Diogenes Verlag | 22,00 Euro

Teile dieser Buchbesprechung entstammen dieser Rezension von Christian Mayer erschienen in der Süddeutschen

 

Arbeit und Struktur

 

Bei Herrndorf wurde 2010 ein nicht heilbarer bösartiger Gehirntumor diagnostiziert, ein Glioblastom, laut Herrndorf was Status betrifft der "Rolls-Royce" unter den Krankheiten. Für seine Freunde schrieb Herrndorf von März 2011 an ein digitales Tagebuch, in dem er neben seiner eigentlichen Arbeit, dem Schreiben an seinen bislang unfertigen Romanen, seinen Kampf gegen die Krankheit dokumentierte. "Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem": Herrndorf überwand Skrupel, Hemmungen, Zweifel, die ihn jahrelang gehindert hatten, seine Romane zu vollenden. Nach wenigen Monaten erschien "Tschick", im Jahr darauf "Sand". Der Blog entstand in den Arbeitspausen und veränderte im Lauf der Monate - zwischen Operationen, Chemotherapien, zwischen der Furcht, die Kontrolle zu verlieren und Stunden mit den Freunden - seinen Charakter. Beim Lesen merkt man, wie sehr Herrndorf sich selbst nach und nach seine kognitiven Fähigkeiten verlieren erlebt. Was mich am meisten beeindruckt hat ist sein Sarkasmus, seine Besessenheit davon, die Kontrolle über alles zu behalten, während man tatsächlich gegen etwas kämpft, das man nicht besiegen kann. Er wechselte zwischen Pointen, Scherzen, Todesangst und Verzweiflung. Herrndorf nahm sich schließlich im August 2013 das Leben. Er schoss sich nachts am Ufer des Hohenzollernkanals im "korrekten" Winkel in den Kopf – exakt so wie er es sich vorgestellt hatte. Ich persönlich mochte dieses Buch sehr, aber es wird nicht für jeden etwas sein.

 

Arbeit und Struktur | Wolfgang Herrndorf | Rowohlt | 12,00 Euro

Teile dieser Buchbesprechung entstammen dieser Rezension von Jens Bisky erschienen in der Süddeutschen

 

Untenrum frei

 

In "Untenrum frei" diskutiert Margarete Stokowski sowohl Mechanismen als auch Ausprägungen heutiger sexueller Unterdrückung. Sie beschreibt, wie es ist, als Mädchen in Deutschland aufzuwachsen. Sie schreibt von unzulänglichem Aufklärungsunterricht, von Gewalterlebnissen, von Sex und von Liebe und zeigt: Noch immer besteht mit Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit eine kollektive Schieflage. Für Veränderung im Großen, so Stokowskis These, bedarf es den Blick auf die Details. Nackte Frauenkörper als Werbung im öffentlichen Raum sind inzwischen so normal geworden, dass wir sie nicht mal mehr wahrnehmen – geschweige denn als sexualisierte Körper. Dass niemand auf die Idee käme, einen erfolgreichen Mann als "Karrieremann" oder "Powermann" zu bezeichnen, dass so viele Männer versuchen mit "Dickpics" eine Chat-Konversation zu beginnen, aber nur extrem wenige Frauen mit einem Bild ihrer Vulva - dass all das weder toll noch Ausdruck sexueller Befreiung ist, greift die Autorin schon in ihrer zentralen These auf, die da lautet: "Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind." Sprich: Es geht sowohl um die "kleinen, schmutzigen Dinge", über die man nicht spricht, als auch um die großen Machtfragen, über die man auch nicht spricht – und darum, wie Untenrum und Überbau zusammenhängen. Was im ersten Moment nach willkürlich zusammengewürfelten Anekdoten klingt, fügt Stokowski so klug wie nachvollziehbar ins Gesamtbild eines Herrschaftszusammenhangs, der nicht nur Frauen unterdrückt, sondern sämtliche Geschlechter. Was im ersten Moment als angenehm zugänglicher Tonfall daherkommt, stellt sich als etwas heraus, hinter dem ein enormes Wissen steht. Mal locker-flapsig, mal kühl-analytisch, fundiert sowohl mit feministischer Literatur von Simone de Beauvoir bis Naomi Wolf als auch mit eigenen Erfahrungswerten, die nicht immer leicht zu verdauen sind. "Untenrum frei" ist eine krasse, bisweilen verstörende Lektüre einer Autorin, die nicht als erste ihres Genres von Essstörungen, sexualisierter Gewalt und selbstverletzendem Verhalten berichtet. Es drängt sich die Frage auf, wie viel Anteil dies auch an den Normalbiografien junger Frauen heute hat.

Ich habe mich in in diesem Jahr intensiv mit dem Thema "Feminismus" beschäftigt, ich habe enorm viele Bücher dazu gelesen und ich halte dieses für ein unendlich wichtiges. Für Männer, für Frauen, für jeden. "Untenrum frei" gilt darüber hinaus als Standardwerk des modernen Feminismus. 

 

Untenrum frei | Margarete Stokowski | Rowohlt | 19,95 Euro

Teile dieser Buchbesprechung entstammen dieser Rezension von Anja Kümmel erschienen in der Zeit

Die Liebe im Ernstfall

 

Sie heißen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Sie kennen sich, weil das Schicksal ihre Lebenslinien überkreuzte. Als Kinder und Jugendliche erlebten sie den Fall der Mauer, und wo vorher Grenzen und Beschränkungen waren, ist nun Freiheit. Doch Freiheit, müssen sie erkennen, ist nur eine andere Form von Zwang: der Zwang zu wählen. Fünf Frauen, die das Leben aus dem Vollen schöpfen. Fünf Frauen, die das Leben beugt, aber nicht bricht. 

Fünf Frauen Mitte 40 und so unterschiedlich ihre Leben auch sind, so sehr eint sie die Erfahrung, dass jede Lebensentscheidung ihren Preis hat.

Alleinerziehung, Depression, plötzlicher Kindstod, Affäre, Betrug und Scheidung, den eigenen Lebenstraum aufzugeben - doch was die Leben dieser fünf Frauen beschädigt oder bricht, sind nicht immer die großen Katastrophen, nicht einfach überforderte oder selbstgerechte Männer oder Hypotheken der Kindheit. Es sind, müssen sie feststellen, die eigenen Entscheidungen, aus denen sich das Schicksal formt. Sie alle erleben Augenblicke, in denen sie sich zu erinnern versuchen, wann „die Dinge außer Kontrolle geraten“ oder dem Glück am ähnlichsten waren. Und die Liebe, so geht der weiterhin an ihren geschiedenen Mann gefesselten Schriftstellerin Brida irgendwann auf, die Liebe ist vom titelgebenden Ernstfall aus zu betrachten, denn "Liebe ist eine Tat". Doch wie lebt es sich nach dem Ende der Liebe? Oder noch schlimmer: Wie lebt es sich, wenn die Liebe zwar andauert, aber beim anderen kein Echo mehr findet? "Die Liebe ist nicht das Miteinander zweier unabhängiger Individuen, die sich jederzeit wieder auf die eigene Selbstständigkeit zurückziehen können." Daniela Krien beherrscht, ja orchestriert die Form ihrer Versuchsanordnung. Die wechselnden Perspektiven setzen sich immer neu zusammen und fügen sich am Ende zu einem Bild von der Mitte des Lebens, nach der es mit so massiven Beschädigungen genug Anlass gäbe, zu verzweifeln - was aber keine der Protagonistinnen tut.

 

Die Liebe im Ernstfall | Daniela Krien | Diogenes | 22,00 Euro

Teile dieser Buchbesprechung entstammen dieser Rezension von Julia Schröder

 

Wir von der anderen Seite

 

"Zum ersten Mal sehe ich mich im komplett im Spiegel. Ich bin dünn und bucklig, meine Muskeln sind verschwunden, meine Haut ist gelb von der angeschlagenen Leber. Irgendjemandem sehe ich ähnlich. Wem denn nur? Dann fällt es mir ein: Ich sehe aus wie Mr. Burns von den Simpsons! Immerhin noch Körbchengröße C. Ihr seid die echten Survivor!" Als Rahel aus einem heftigen Fiebertraum erwacht, versteht sie erst mal gar nichts. Wo ist sie, warum ist es so laut hier, was sind das für Schläuche überall. Nach und nach begreift sie: Sie ist im Krankenhaus, sie lag im Koma. Doch richtig krank sein hatte sie sich irgendwie anders vorgestellt: irgendwie feierlicher. Als Komödienautorin kennt sich Rahel durchaus mit absurden Situationen aus, aber quasi vom Tod zurückzukehren ist doch noch mal eine eigene Nummer. Vor allem, wenn der Medikamentenentzug Albträume und Halluzinationen hervorruft. 

Ein unglaublich tolles Buch! Ich habe die 400 Seiten in gerade mal 1 ½ Tagen verschlungen, weil ich einfach nicht aufhören konnte, zu lesen. Ja, es wird gerade gehypt und das zu Recht. Wenn man dieses Jahr nur ein einziges Buch gelesen haben sollte, so ist es dieses hier. Ich habe so sehr geweint und so sehr gelacht wie bei kaum einem Buch. Es erzählt vom Chaos, wenn man Menschen, die einen lieben große Sorgen bereitet, wenn man unfreiwillig herausfinden muss wie gut die eigene Beziehung in schlechten Zeiten wirklich ist und wie es sich anfühlt, wenn der Körper, in dem man lebt, nur knapp nicht stirbt. Ich war an genau dieser Kombination von Punkten schon mal - vielleicht hat es mich deshalb so angesprochen.

 

Wir von der anderen Seite | Anika Decker | Ullstein | 20,00 Euro

Gut gegen Nordwind

 

Gibt es in einer vom Alltag besetzten Wirklichkeit einen besseren Raum für gelebte Sehnsüchte als den virtuellen? Gibt es in einer von Plänen und Strategien durchzogenen Welt ein schicksalhafteres Aufeinandertreffen als das zufällige? Bei Leo Leike landen irrtümlich E-Mails einer ihm unbekannten Emmi Rothner. Aus Höflichkeit antwortet er ihr. Und weil sich Emmi angezogen fühlt, schreibt sie zurück. Ein reger Austausch entsteht, schnell spielen Gefühle mit. Vor einem Treffen aber schrecken beide zurück. Denn Emmi ist verheiratet und Leo laboriert noch an einer gescheiterten Beziehung. Und überhaupt: Würden auf diese Weise entwickelte Liebesgefühle einer Begegnung standhalten? Und wenn ja: Lohnt es sich, alles auf eine Karte zu setzen - für eine Liebe, die aus nichts als einem Zufall entstanden ist?

Glattauer hat sein ganzes Werk nur aus E-Mail-Nachrichten geschaffen; nie gibt es ein Gespräch, nie eine Beschreibung oder gar ein Treffen der Protagonisten. Doch genau das macht die Lektüre für den Leser so interessant, weiß er doch über das Gefühlsleben von Emmi und Leo nur genau so viel wie die beiden vom anderen. Ohne sich jemals gesehen zu haben kommen sie nicht mehr voneinander los und je länger das Ganze dauert, umso intensiver wird es. In den anderen verliebt, schaffen sie es trotzdem nicht, ihr gegenwärtiges Leben aufzugeben, um ein gemeinsames Neues zu riskieren. Das Ende des Buches ist unerwartet, unerfüllt, traurig - exakt so speziell, wie es das Buch verdient und ohne welches es gefährlich nah am Rande des Kitsch stünde. Das Buch ist eines meiner liebsten dieses Jahr, denn es geht um die Magie von Sprache, den Einfluss von Zufall und die Schnelligkeit, mit der man sich in jemand bislang fremden verlieben kann. Es ist traurig und wunderbar, es endet nicht gut und trotzdem macht es zufrieden. Die Verfilmung mit Nora Tschirner ist zu empfehlen, ich habe jede Sekunde genossen.

 

Gut gegen Nordwind | Daniel Glattauer | Goldmann | 10,00 Euro

Teile dieser Buchbesprechung entstammen dieser Rezension 

 

 

 

Mir kam schlussendlich noch der Gedanke, auch alle anderen Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe, hier aufzuführen. Wenigstens namentlich. Falls sich mal jemand mit dem Gedanken trägt, eins dieser zu lesen, feel free to reach out - ich könnte zumindest sagen, ob es sich lohnt ;)

 

Belletristik

  • Radikal digital | Reinhard Sprenger 
  • Heart Talk | Cleo Wade 
  • Nüchtern betrachtet war's betrunken nicht so berauschend | Susanne Kaloff 
  • Bloom for Yourself | April Green 
  • Der bessere Berliner | Michael Nast 
  • Lob der Liebe | Peter Engelmann (Hrsg.), Alain Badiou 
  • It's a match | Julia Heyne 
  • Kaffee und Zigaretten | Ferdinand von Schirach 
  • Wo warst Du? | Anja Reich, Alexander Osang 
  • Die Schachnovelle | Stefan Zweig 
  • Wie halte ich das alles nur aus? | Sybille Berg
  • Alle sieben Wellen | Daniel Glattauer
  • Das Millenial Manifest | Bianca Jankovska
  • All das zu verlieren | Leïla Slimani
  • Der Alchemist | Paulo Coelho
  • Die schönen Dinge siehst Du nur, wenn Du langsam gehst | Haemin Sunim
  • Vom Sinn unseres Lebens | Michael Nast
  • Tinder Stories | Luise Ritter

 

Politik/Gesellschaft

  • Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen | Axel Hacke 
  • Die Herzlichkeit der Vernunft | Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge
  • Am Beispiel des Hummers | David Foster Wallace 
  • Wer wir sein könnten | Robert Habeck

 

Satire/Komödie

  • 100 Tricks to appear smart in Meetings | Sarah Cooper
  • Treffen sich zwei Träume, beide platzen | Patrick Salmen
  • Heute ist leider schlecht | Ronja von Rönne
  • How to swear | Stephen Wildish
  • How to adult | Stephen Wildish 
  • Partyspaß mit Kant | Nicolas Mahler

 

Sachbuch/Ratgeber

  • Der Ernährungskompass | Bas Kast
  • In der Regel bin ich stark | Anna Wilken
  • Premium Ratgeber Mops | Helga Schukat 
  • BusyBusy | Tony Crabbe
  • In die Tiefe | Anna von Bötticher
  • Zurück ins Leben | Nina Wolf

 

Feminismus

  • Alte weiße Männer | Sophie Passmann 
  • We should all be feminists | Chimamanda Ngozi Adichie 
  • Dear Ijeawele | Chimamanda Ngozi Adichie
  • Ja heißt ja und... | Carolin Emcke
  • Nichts, was uns passiert | Bettina Wilpert
  • Die potente Frau | Svenja Flaßpöhler
  • Die letzten Tage des Patriarchats | Margarete Stokowski
  • Wie es ist eine Fledermaus zu sein | Thomas Nagel
  • Wenn Männer mir die Welt erklären | Rebecca Solnit
  • On Abortion | Ramon Pez

 

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Manchmal ist „für immer“ auch nur „jetzt bis später“

Für L.

 

 

 

Ich würde so gerne den Schmerz von Dir nehmen. Wenn ich könnte, würde ich den Schmerz für Dich ertragen, jeden Teil davon, ich würde jede Träne für Dich weinen, jeden brennenden Muskel für Dich erspüren, jeden Schlag Deines immer noch brechenden Herzens durchatmen. Und wenn nicht der komplette Schmerz geht, dann würde ich auch nur einen Teil machen. Ich würde von Dir nehmen, was ich kann, ich würde so gerne mehr tun als immer wieder zu sagen „es wird besser, vertrau mir, es wird irgendwann besser werden“.

Wenn ich in Deine Augen schaue, sehe ich so viel an unverstandener Emotion, an Zurückweisung, an nicht genug gewollt werden, an Verletzung – exakt so viel wie auch ich schon gespürt habe, exakt so viel wie in uns verbleibt, wenn jemand anderes unser Zweisein ohne Diskussion vom Tisch fegt. Wenn ich Deine Hand nehme, spüre ich wie sie ruhig in meiner liegt, wie sie meine wärmt und festhält und doch gleichzeitig mit den Fingern unruhig tastend mit jeder Körperzelle nach Erklärung lechzt. Was das Patentrezept sei, willst Du von mir wissen, ich hätte doch so was schon so oft durchlebt. „Zeit“ sage ich und so sehr ich weiß, dass ich Recht habe, so sehr befriedigt mich meine eigene so dermaßen altkluge Antwort nicht, so sehr würde ich gerne sagen, dass es noch etwas anderes gibt, was Du tun kannst. Und das andere, was Du tun kannst, ist Ablenkung und Konfrontation und darüber reden – und all das trägt Dich doch wieder nur über besagte Zeit, die sich gnadenlos nicht beschleunigen, die Deinen Schmerz erst nach der vermeintlich vordefinierten Menge an durchschnittlich 200.000 Minuten endgültig verschwinden lässt.

 

Ich würde Dich so gerne auf eine liebevolle Weise zwingen, genau jetzt daran zu glauben, wie wichtig Liebe ist, wie richtig es ist, sich verletzlich zu machen, sich vertrauensvoll und immer wieder in jemandes Arme zu werfen – in der trotzigen Gewissheit, dass der so banal als „Liebeskummer“ bezeichnete, in Wirklichkeit aber existenzielle Schmerz so sicher folgt wie der Abend auf den Tag. Unsere Generation lebt in Zeiten der seriellen Monogamie, das werde ich nicht müde zu vertreten, wenngleich jeder in jeder Beziehung in dem unerschütterlichen Glauben lebt, dass diese für immer sei. So oft zeigt die Realität dann aber das „für immer“ auch nur „jetzt bis später“ ist – ein Gedanke, der mich immer mal wieder ohne konkreten Anlass ein bisschen trauern lässt.

 

Wenn ich heute in Dein Gesicht schaue, wünsche ich mir so sehr für Dich, dass Du Dich nicht fürchtest vor Nähe, vor Verletzbarkeit, vor Enttäuschung, vor Schmerz und Zurückweisung. Ich wünsche mir für Dich, dass Du mutig und frei und Dir selbst treu durch diese Welt gehst und nicht dem falschen Schluss erliegst, das Alleinsein der bessere Weg sei. Zweifelsohne, es ist der Weg, der Dich vor der Zurückweisung schützt, aber was ist das für ein Leben in Feigheit, Alleinsein und ohne Vertrautheit, Intimität, lieben und geliebt werden? Mir fällt ein Zitat ein, ich habe oft auf eine passende Gelegenheit gewartet, es anzuführen:

 

 

 

All our troubles, says somebody wise, come upon us because we cannot be alone.

And that is all very well. We must all be able to be alone, otherwise we are just victims.

But when we are able to be alone, then we realise that the only thing to do is

to start a new relationship with another - or even the same - human being.

That people should all be stuck up apart, like so many telegraph-poles, is nonsense.

D. H. Lawrence

 

 

 

Und bis dahin werde ich bei Dir sitzen, Deine Hand halten, Deine Ablenkung und Dein Rat sein, Dich tröstend in der Gewissheit, dass könnte ich Dir Deinen Schmerz abnehmen, ich keine Sekunde zögerte. Wer die absolute Gewissheit hat, dass es irgendwann endet, erträgt fast alles.

 

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I forgot that you existed

 

 

 

I forgot that you existed

It isn’t love, it isn’t hate

It’s just indifference

 

 

Vor ein paar Wochen habe ich mich kurz geärgert. Bevor ich mich geärgert habe, war ich überrascht, irritiert, verständnislos und mitleidvoll – ungefähr in dieser Reihenfolge. Zwischendrin mag ich auch mal völlig irre gelacht haben. Dann aber habe ich mich nur noch geärgert. Mittlerweile ist da wieder nichts mehr. 

 

Menschen, mit denen wir über eine gewisse Zeit auf welche Weise auch immer, aber einigermaßen intensiv verbunden sind, hinterlassen in uns immer ein Gefühl - auch wenn wir schon lange nicht mehr mit ihnen sprechen oder das Gefühl wirkungsvoll verdrängen. Ein Gefühl, das wir hatten, wenn wir mit ihnen zusammen waren, das sie uns gaben, das wir mit ihrem Gesicht oder ihrer Stimme verbinden. Mit den Jahren verblasst dieses Gefühl dann immer mehr bis es - wenn alles glatt läuft - schließlich sanftmütige Gleichgültigkeit erreicht. Diese triumphal errungene Gleichgültigkeit ist sehr oft aber sehr harte Arbeit und zwar geschuldet der Tatsache, dass wir in unserem track record durchaus auf eine ansehnliche Menge an Tränen, Schmerz, Sehnsucht, Streit und nicht übereinstimmenden Erwartungen verweisen. 

Um die am meisten durchdrungene Metapher zu bemühen, wäre es die einer Wunde, die irgendwann zu einer Narbe wird und ganz irgendwann sogar ihren Hautton angleicht, sodass wir nur noch sehen, dass sie da ist, weil wir wissen, dass sie da ist. Tatsächlich finde ich aber das Bild, mit beiden Füßen wieder fest auf dem Boden zu stehen, ein viel Schöneres und weniger abgegriffen – wenngleich es der passierten Verletzung keine Rechnung trägt. Aber wir wissen eh, dass die Kratzer und Dellen und Schnitte und Brüche nicht äußerlich sichtbar sind – selbst, wenn sie sich manchmal so anfühlten. Mit beiden Füßen also wieder auf dem Boden zu stehen, unumkippbar, mit jedem Nerv in den Fußsohlen jedes Sandkorn, jedes Stück Erde, jedes Atom Boden zu spüren, eine Verbindung einzugehen, in perfekter 180-gradiger Balance, die uns niemand nehmen kann. Das ist Gleichgewicht, das ist Gleichgültigkeit, die auf das Taumeln, das Stolpern, den weggezogenen Boden und die gefühlte Einbeinigkeit folgt.

 

Warum habe ich mich also geärgert? Warum war ich überrascht, irritiert, verständnislos, mitleidvoll? Und warum war sich kurz ärgern, bevor ich zu meiner Yoga-Pose des ausgeglichenen Standes zurückkehrte das einzig richtige? 

Ein nicht unerheblicher Teil der Texte in den Jahren 2017 und 2018 – es waren insgesamt 9 Stück, ich habe sie gerade gezählt – beschäftigt sich mit jemandem, den ich „Peter Pan“ oder „Den Mann in Chucks“ nenne. Unser letzter Kontakt, nachdem wir den zweiten und letzten Versuch miteinander erfolgreich gegen die Wand gefahren hatten und wir uns um der schönen Zeiten willen, wilde Dinge per Whatsapp an den Kopf warfen, war meine Nachricht, dass er einfach ein „Idiot“ sei und dass ich seinen „negativen Shit hart nicht vermissen würde“. Das war Ende Juli 2018. Wie habe ich geschaut, als ich vor 4 Wochen eine Nachricht romanartiger Länge bekam von einer Nummer, die ich längst gelöscht hatte. Das war der Moment der Überraschung. Der Moment der Irritation folgte, als man mich um mentale Unterstützung bat, eine gerade gescheiterte Beziehung emotional zu verarbeiten, da ich mich ja bestens mit Sehnsucht, Liebe und Kummer auskenne. Ja, er erkenne vor dem Hintergrund unserer gemeinsamen Vergangenheit durchaus die Ironie. Meine Verständnislosigkeit speiste sich unter anderem aus der Frage, welcher seiner Freunde ihm geraten haben könne, mich, ausgerechnet mich, um Rat zu bitten. Mein kurzer Moment des Mitleids – er war wirklich sehr kurz, aber ich möchte ihn nicht verschweigen – überkam mich, als ich mich daran erinnerte, wie sehr gebrochen, wie sehr emotional unnahbar und wie phobisch dieser Mann vor 2 Jahren auf Nähe, Verletzbarkeit, Verbindlichkeit reagierte und wie tief der Grund dafür sitzen muss, wenn es bis heute einfach nicht besser wird. 

Ab welchem Punkt aber habe ich mich geärgert? So richtig geärgert habe ich mich, als mir klar wurde, dass das hier die einzig logische Fortsetzung eines selbstverletzenden Umgangs mit mir werden könnte, den ich über ein Jahr lang praktiziert hatte. Toxische Menschen ändern sich nicht, es ist an uns, das zu erkennen, zu akzeptieren und selbst unsere Grenzen zu ziehen. Toxische Menschen sind oft egoistisch, es geht um ihr Leben, ihr Wohlbefinden, ihre Bedürfnisse. Gehen jemandes anderen Bedürfnisse dabei vor die Hunde, sie merkten es kaum. Zu guter Letzt: wie viel Zeit meines Lebens kann ich jemandem widmen? We meet people for a reason, either they’re a blessing or a lesson. Meine lesson dauerte 1 Jahr, sie war insgesamt ziemlich schmerzhaft, aber oder gerade deswegen auch ziemlich lehrreich.

Und das hier am Ende reflektiert nur geringfügig, was ich im Kern und in seiner emotionalen Tonalität als Ratschlag geben kann: Es steht literally alles, was ich zum heutigen Tage zu den Themen Sehnsucht, Liebe und Kummer sagen könnte und werde im fucking Internet. Lies meinen Blog, meine Texte, wenn Du wissen willst, wie es mir mit Dir ging, was man tun kann und wenn das nicht reicht, lies sie noch mal und dann noch mal und noch mal. Der Weg zur Gleichgültigkeit ist lang und hart, er erfordert unkonventionelle Ansätze der Ablenkung, der Konfrontation und der Neuorientierung und er erfordert Geduld und Zuversicht und Mut. Ich bin weder Therapeut noch in solchen Themen ausgebildet, aber so viel habe ich mit Ende 20 offensichtlich verstanden.

Stark gekürzt und wenig überraschend endete der Sachverhalt darin, dass ich mich gegen ein Treffen entschied. Du warst meine lesson, aber irgendwann muss es auch mal gut sein.

 

 

***

 

 

„Gibt es Deinen Blog überhaupt noch? Du hast ja Ewigkeiten nichts mehr richtiges geschrieben.“

Tja, was soll ich sagen. Ich habe eine Schreibblockade. Ganz offensichtlich. Quell meiner Inspiration bezog ich in den letzten Jahren vornehmlich aus Herzschmerz, Angst oder Traurigkeit – gänzlich uneitel kann ich trotzdem sagen, dass das einige meiner besten und als einziges auch abseits des Blogs veröffentlichten Texte wurden. Und warum schrieb ich insgesamt so viel über diesen einen Menschen und heute zum letzten Mal immer noch? Es ist meine Form der Therapie, frei heraus zugegeben und ein bisschen stolz wie gut sie funktioniert. Ich schrieb, dass wir an manchen Gleichgültigkeiten viele Jahre arbeiten und soweit ich an dieser schon gekommen bin, so sehr tue ich das noch immer. 

Warum schreibe ich so gut wie nichts über meine Beziehung? Weil sie in mir keinen Schmerz, keinen Ärger, keine Unzufriedenheit zeugt, weil in mir keine Traurigkeit, Sehnsucht oder Angst und nichts Unausgesprochenes ist, das in meine Finger fließt. Meine Texte würden eine unaufhaltsame Überflutung an so gefühlter Kitschigkeit, ich könnte nicht garantieren, dass nicht die Begriffe „Schicksal“, „Magie“, „Glück“, „Seelenverwandter“ oder „perfekt“ fielen. Begriffe, die selbst bei mir ohne Bedeutung in ihrer reinen Aneinanderreihung eher Brechreiz statt Bewunderung hervorrufen.

Ich stehe also mit beiden Füßen auf dem Boden, unsere Beziehung brächte kein Wind, kein Mensch, keine Laune aus dem Gleichgewicht und dabei gedenke ich es an Kommentar für den Moment zu belassen.

 

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München Guide: Insidertipps für Essen, Trinken & Places To Be

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Credit: ©Artjazz - Stock.adobe.com

 

 

Wenn man schon seit mehreren Jahren dort lebt, wo andere zum Urlaub machen - oder zumindest für ein verlängertes Wochenende - hinfahren, wird man immer mal wieder gefragt, was man empfehlen kann - ein "Where to .." quasi. Im Folgenden deshalb endlich (mit jahrelangem Vorlauf) meine persönlichen Tipps für Bars, Cafés, Restaurants und andere Orte. Wie man so schön sagt handelt es sich hierbei um ein "lebendes Dokument", das ich immer mal wieder ergänzen und/oder aktualisieren werde. Enjoy!

P.S.: bei fast jedem Tipp habe ich Euch etwas interessantes, witziges, schönes oder weiterführendes verlinkt! 

P.P.S.: dass ich hier (noch) nicht alle Viertel Münchens abdecke (nicht mal das, in dem ich wohne, Obergiesing), ist mir natürlich klar - für die perfekte Zusammenfassung empfehle ich daher diese Viertelkunde.

 

 

 

Stadtteil Isarvorstadt

 

Restaurants, Cafés & Bars in der Isarvorstadt

 

Shopping Spots in der Isarvorstadt

  • VIU (Corneliusstr. 14, 80469 München) | Das beliebte Brillen-Label führt einen Store in München.
  • Tipp: Die Straßen rund um den Gärtnerplatz sind gefüllt mit hübschen Läden, die außergewöhnliche Stücke und Designer bereithalten. Auch Interieur-Herzen schlagen hier Viertel höher!

 

Places to be in der Isarvorstadt

  • Gärtnerplatz (Gärtnerplatz, 80469 München) | Klein, aber oho. So könnte man den kleinen Platz, auf dem sich auch gerne der ein oder andere Fußballspieler tummelt, beschreiben. 
  • Isar (zwischen der Cornelius-, Reichenbach- sowie Wittelsbacherbrücke) | Hier ist an heißen Tagen oft kein Stückchen Wiese mehr zu sehen – gefühlt ganz München holt sich dort seine Abkühlung. Empfehlenswert daher eher der Spaziergang und Sundowner mit Gösser Radler vom Reichenbach Kiosk.

 

 

Stadtteil Altstadt-Lehel

 

Restaurants, Cafés & Bars in Altstadt-Lehel

 

  • Bar Centrale (Ledererstr. 23, 80331 München) | Man fühlt sich einfach sofort wie im Italien-Urlaub: der kleine Fernseher oben über dem Eingang, in dem den ganzen Tag Fußball läuft, die imposanten Espressomaschinen, die Tramezzini und das Personal mit einem hohen Anteil an Italienern. Von einer „Münchner Institution“ zu sprechen ist sicher nicht übertrieben.
  • Die goldene Bar (Prinzregentenstr. 1, 80538 München) | Warmer Glanz, Art déco und dunkles Parkett am Boden, ein Kronleuchter unter der Decke und innen golden gestrichene Wände – so sieht es aus in einer DER Bar-Institutionen der Stadt. Zu finden im hinteren Teil des Haus der Kunst.
  • Grapes Weinbar (Ledererstr. 8a, 80331 München) | No wine, no way. Süffige Tropfen, Überraschungen im Glas und seltene Flaschenschätze – hier wird wirklich jeder Weinliebhaber (oder der einer werden will) fündig. Dazu gibt’s innovatives Fingerfood mit regionalen, saisonalen Produkten. Ich trinke hier super gerne den 2017er Beerenauslese Cuvée, meinem Freund schmeckt der Flammkuchen mit Pfifferlingen, Pinienkernen, Spinat und Ziegenkäse.
  • Les Fleurs du Mal (Odeonspl. 6-7, 80539 München) | Ein edler Trinkflur im Obergeschoss des Schumann's. Dunkelroter, flauschiger Teppichboden. Ein massiver, neun Meter langer Tisch aus Nussbaumholz. Schon mehrfach zur deutschen „Bar des Jahres“ gekürt wechselt die kleine, raffinierte Karte des „Les Fleurs du Mal“ wechselt regelmäßig. Die Whisky-Auswahl sucht ihresgleichen und die Drinks sind schlicht und ergreifend großartig. Die Atmosphäre ist etwas steif, aber einfach einzigartig. Ganz lange meine unangefochtene Lieblingsbar in München.
  • Lux Bar (Ledererstr. 13, 80331 München) | „Ring for Champagne“. Das schönste Detail in der kleinen Lux Bar ist die Champagner-Klingel, welche an 4 Tischen als Klingelknopf mit Messingschild angebracht ist und mit der man nach Champagner läuten kann. Schöner kann ein romantisches Date kaum sein. Und das in einer Hotelbar.
  • Ory Bar (Neuturmstr. 1, 80331 München) | Seit ihrer Eröffnung nahezu meine Lieblings- und Stammbar, man findet mich hier ziemlich zuverlässig wenigstens jeden zweiten Freitag oder Samstag. Die neue Hotelbar des Mandarin Oriental beeindruckt mit stylishem Interieur, im Gedächtnis bleibenden Drinks und super nettem Team. Dietmar, Natalie und die anderen machen es einem leicht, sich hier wohl zu fühlen.
  • Schwarzreiter (Maximilianstr. 17, 80538 München) | Chic elegantes Restaurant mit Bar im Hotel Kempinski Vier Jahreszeiten, wenn’s mal etwas vornehmer sein soll. Hier gibt's z.B.  die Lobster Box mit Krabbenpflanzerl und Kustentierschaum oder ein vegetarisches Bayrisches Risotto. 
  • Strangers Café (Christophstr. 3, 80538 München) | 'München ist doch auch nur ein großes Dorf' hört man ja gerne mal, Strangers Café im Lehel passt also vom Namen her schon mal gut. Alle Lebensmittel sind bio, ohne raffinierten Zucker oder Geschmacksverstärker. Von Antipasti-Stullen mit Grünkohl-Hummus über Spekulatius-Bananenbrot bis Overnight Oats und Raw Snickers – alles ist vegetarisch, vieles vegan, es schmeckt ausgefallen und auffallend gut. Achtung, nur Takeaway!

 

Places to be in Altstadt-Lehel

  • Eisbachwelle (Prinzregentenstr. 1, 80538 München) | Auch ich bleibe hier jedes Mal stehen, um den Surfern tagsüber oder bei Flutlicht zuzuschauen.
  • Fünf Höfe (Theatinerstr. 15, 80333 München) | Die Einkaufspassage lockt mit vielen Läden und hippen Food spots (z.B. dem zweiten Bite Delite oder dem Armani Caffé).
  • Hofgarten (Hofgartenstr. 1, 80538 München) | Der Großteil der Münchner zieht als Park den Englischen Garten vor, meiner ist eher der hier. Die vielen Parkbänke mit auf Plaketten eingravierten Widmungen, die sauber geharkten Wege und die Ähnlichkeit mit meinem Lieblingspark in Paris machen diesen Ort zu einem für mich besonders schönen. Tipp: im Sommer ist Sonntag abends im Dianatempel in der Mitte des Hofgartens Swing und Salsa Open Air Tanzen – ohne Anmeldung, ohne Eintritt, einfach mitmachen.
  • St.-Anna-Platz (St.-Anna-Pl. 1, 80538 München) | Schattiger Kirchplatz mit Cafés, ruhigen Ecken und wöchentlichem Bauernmarkt. Tipp: Hillingers Weinbar!

 

 

Stadtteil Maxvorstadt

 

Cafés & Bars in Maxvorstadt

  • Ballabeni (Theresienstr. 46, 80333 München) | (Aus Sicht vieler) das beste Eis der Stadt. Lieber etwas längere Wartezeiten einplanen.
  • Bite Delite (Schellingstr. 15, 80799 München) | Mit seinen beiden Läden gehört Bite Delite zu DEN Tipps für health food in München. Meine Favoriten: „GOLDEN MILK“ mit Kurkuma, Ingwer, Zimt und Kokosdrink oder „BLACK LATTE“ statt mit Kurkuma und Zimt mit Aktivkohle.
  • Home (Amalienstr. 23, 80799 München) | Die Bar Home in der Amalienstraße besteht aus Schrott - die Einrichtung ist komplett zusammengesucht und/oder selbst gebastelt. So entsteht zum einen aber eine sehr gemütliche Atmosphäre, zum anderen die unangestrengte Lässigkeit, die München an so vielen Orten sonst fehlt.
  • Super Danke (Türkenstr. 66, 80799 München) | Der Klassiker in München, wenn es um kaltgepresste Säfte oder Smoothies geht. Tipp: der „BLOODY HELL“ mit Orange, Zitrone, Leinsamen, Açai, Minze, Trauben und Rote Beete.

 

Places to be in Maxvorstadt

  • Museum Brandhorst (Theresienstr. 35a, 80333 München) | Wenn man sich für moderne Kunst interessiert, führt hier kein Weg dran vorbei. Ausgestellt sind unter anderem Werke von Andy Warhol, Gerhard Richter, Damien Hirst, Cy Twombly und Alex Katz. Fun Fact: die Fassade des Museums besteht aus 36.000 Keramikstäben in 23 verschiedenen Farben. Tipp: sonntags kostet der Eintritt in München in vielen Museen (auch hier) nur 1 Euro! 
  • Café im Vorhoelzer Forum (Arcisstr. 21, 80333 München) | Die schönste und hippste Dachterrasse Münchens mit 360° Aussicht: man blickt über die Dächer Münchens, sieht die Türme der Frauen- und der Theatinerkirche und bei gutem Wetter auch das Alpenpanorama.

 

 

Stadtteil Schwabing

 

Restaurants, Cafés & Bars in Schwabing

  • Cochinchina (Kaiserstr. 28, 80801 München) | Hier gibt es vietnamesische Küche mit chinesischem Einschlag kombiniert mit modernem Interieur. Perfekt auch für Geschäftsessen (wenn man nicht schon wieder in den Biergarten will).
  • LAX Eatery (Neureutherstr. 1, 80799 München) | In die LAX Eatery geht man, wenn man Bock auf Avocado Bread, Huevos Rancheros, Kalifornien, draußen sitzen oder alles zusammen hat. Leider kann man nicht reservieren, ein bisschen Glück muss man also haben.
  • Occam Deli (Feilitzschstr. 15, 80802 München) | Immer noch angesagtes Café um die Ecke der Münchner Freiheit - auch für Frühstücksliebhaber super!
  • MORSO (Nordendstr. 17, 80799 München) | Münchner haben bekanntermaßen eine Schwäche für den Süden – wahrscheinlich ist das Schwabinger Morso deshalb so beliebt. Hier bekommt man Espresso und Cornette (die italienichen Hörnchen), Tramezzini oder Piadine und mittags auch größere Gerichte wie Trapezio-Pasta mit Ziegenkäse. 

 

Places to be in Schwabing

  • Elisabethmarkt (Elisabethpl., 80796 München) | Der alteingesessene Markt lockt am Wochenende mit seinen Flohmärkten. Am besten dort ist der Kaffeeladen „Standl 20 – Da wo’s an Kaffee gibt“!
  • Englischer Garten (Münchner Nordosten) | Der Englische Garten ist mit 3,75 km² größer als der Central Park in New York. 
  • Seehaus (Kleinhesselohe 3, 80802 München) | Restaurant und sehr schöner Biergarten direkt am Kleinhesseloher See im Englischen Garten. Toll auch im Winter, wenn der See zugefroren ist und man hier Schlittschuhlaufen oder mit dem Hund nach Bällen „rutschen“ kann.

 

 Stadtteil Au/Haidhausen

 

Restaurants, Cafés & Bars in der Au/Haidhausen

  • Café Blá (Lilienstraße 34, 81669 München) | Von Skandinavien und Island inspiriertes Café in modernem Ambiente mit hausgemachten Skyr- oder Karottenkuchen und Waffeln. Die Kaffee-Hausröstung kann man kaufen, genauso wie Honig (vom Bruder der Besitzerin) und Schokolade (aus Reykjavik). Es gibt natürlich (!) ausreichend vegane Optionen ;)
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Lebenszeichen.1

Im Schmerz schreibt es sich wie geschnitten Brot. Musste ich erst mal auf die harte Tour lernen - aber jetzt habe ich 5 Monate lang nichts geschrieben (oder nicht schreiben wollen) - und ebendiese These durch ihren Gegenbeweis verifiziert. In fact, the last months of 2018 were the plot twist I've been waiting for.

 

In den letzten 6 Monaten, eigentlich schon davor, in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres, habe ich "nächste Schritte" gemacht, bin gewachsen - genau dieses Wachstum, was mich eine Weile vorher nicht unwesentlich beschäftigt hat. Retrospektiv bin ich mir sehr sicher, dass sich diese guten Dinge nur so entwickelt haben, weil ich mir über das ein (Männer & ich) oder andere (mein Job & ich) sehr klar geworden bin - und vielleicht auch, weil ich darauf vertraut habe, dass ich genug Mut habe, um neue Dinge einfach auszuprobieren. Das klingt jetzt alles sehr vage und für Menschen, die nicht unmittelbar beteiligt waren, völlig nichtsagend, aber here's what it is. Die 3 1/2 Highlights meines letzten Jahres (und der Vorsatz, jetzt wirklich wieder etwas regelmäßiger was zu schreiben)..

 

J. 

Ich hatte Glück. Und ich habe es immer noch, jeden einzelnen Tag. Ich habe im Juli einen Mann getroffen, mit dem ich mich von der ersten Sekunde an sicher fühle, der mich so sein lässt wie ich bin, der mich zum Lachen bringt, der mich jeden einzelnen Tag glücklich macht. Ich habe bekommen, was mir so sehr gefehlt hat, was ich so sehr brauche - Verbindlichkeit, zueinander stehen, an einem gemeinsamen Leben basteln - ohne immer wieder dafür kämpfen zu müssen und es dann doch wieder entgleiten zu fühlen. 

Seit wir uns das erste Mal gesehen haben, verbringen wir jeden Tag miteinander - es sei denn, wir sind beruflich an unterschiedlichen Orten. Nach einer Woche waren wir zusammen, nach 2 Wochen miteinander im Urlaub, nach 3 Monaten haben wir uns entschieden, zusammen zu ziehen.

Was sich für mich jahrelang wie ein Spiel mit unklaren Regeln, wie Experimente mit unklaren Ausgängen, wie Sprünge mit unklarem Aufprall gestaltet hat, fühlt sich plötzlich einfach nur einfach an. Fall in love with someone who doesn't make you feel love is hard.  

 

 

 

/Befö́rderung/

Ich hatte kein Glück. Also auch, aber nicht primär. Primär habe ich gute 2 Jahre lang dafür gearbeitet und mit meiner Leistung überzeugt, ich habe meine Stärken gestärkt, meine Entwicklungsfelder erkannt und mein Netzwerk im Unternehmen ausgebaut. Die Beförderung war aber tatsächlich auch nur die Hälfte meines "Jahres-Gelingens". Die andere Hälfte war die Co-Moderation der jährlichen Gesamttagung vor 1.500 Kollegen. Dabei gelernt: wenn Du die Nervosität als Teil akzeptierst (embrace it!"), geht sie fast von alleine weg. 

Und Status jetzt? Auf der dringenden Suche nach dem nächsten Job-Ziel, denn: without a goal you can't score. 

 

 

 

Altbau. Stuck. Fischgrätparkett.

 

Wir hatten Glück. Nachdem wir uns Anfang Oktober entschieden hatten, zusammenzuziehen, um dann erst mal jeden Tag einen fair amount of time mit Immobilien-Apps zu verbringen, haben wir uns Ende November die erste Wohnung angeschaut - und die einfach genommen. Zu schön, um wahr zu sein - der einzige Kompromiss ist, dass ich weiterhin keine Badewanne habe. Was wir dafür haben? Einen sanierten Altbau, zentral gelegen, 3 Zimmer, Balkon, Stuckdecken, Fischgrätparkett, super modernes Bad und Küche, endlich ein Arbeitszimmer mit Arbeitsplatz für jeden - und das Ganze sogar bezahlbar. We died and woke up in real estate heaven. 

 

 

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Ich bin nicht intolerant, Du bist ein Nazi!

Ich bin kein politischer Mensch, zumindest war ich es in der Vergangenheit nicht oder hätte mich bisher nicht als solchen bezeichnet. Ich gehe wählen, ich habe eine Meinung zu den meisten gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit, auf die es eigentlich die primäre Aufgabe von Politikern ist, Antworten zu finden – eben genau, weil wir sie dazu auf demokratischem Weg gewählt haben. Ich schaue mir Talkshows an und schüttele den Kopf, wie das ein oder andere so sein kann wie es ist oder weil ich einfach nicht finde, dass man das „ja wohl noch sagen dürfen wird“. Mittlerweile bin ich sogar in der Lage, die Fragen eines Wahl-O-Mats differenziert genug zu beantworten, um ein parteipolitisches Stimmungsbild von mir selbst wiederzugeben, was modellhaft für meine Standpunkte in der Realität ist. Aber ich habe mich nie politisch engagiert, war nie Mitglied einer Partei, war nie auf einer Demo und habe mich nie als Individuum dafür eingesetzt, dass meine Anliegen Wirklichkeit oder - aus meiner Perspektive als solche eingeschätzte - Fehlentwicklungen verhindert würden.
In den letzten Wochen und Monaten jedoch manifestiert sich in mir der Gedanke, etwas tun zu wollen gegen eine Tendenz, die sich erschreckend schnell, in meines Erachtens schon zu lange zu vielen Wählerköpfen in einem Land ausbreitet, welches sich bestimmte Ideologien, Rhetoriken und Tatsächlichkeiten einfach kein zweites Mal leisten könnte. Leisten darf. Was genau bei mir den Schalter umgelegt hat, weiß ich nicht. 
Ob es die Vorstellung war, mich bei einem möglichen Besuch in Chemnitz in meinem eigenen Land unsicher und fremd zu fühlen. 
Ob es Wahlplakate einer Partei sind, bei deren Kampfparolen mir schlecht wird. 
Ob es Politiker derselben Partei sind, mit denen a) nicht zu diskutieren ist, weil sie sich regelmäßig durch Flucht der Diskussion entziehen oder weil ihre verquere politische Haltung nach außen so glatt und in ihrer Falschheit selbst so schlüssig zu sein scheint, dass man b) an ihr abgleiten muss. 
Ob es die Äußerungen von so vielen Menschen sind, die darauf vertrauen, dass sich die Brisanz der Problematik auf die mittlerweile nicht mehr wenigen Mitglieder einer mittlerweile nicht mehr am Rande der Gesellschaft befindlichen Partei und ein einziges, hochkochendes Brennpunktthema reduzieren lässt und dabei verdrängen, dass wir diesen Rahmen längst verlassen haben. 
Am wahrscheinlichsten jedoch ist es ein Satz, den ich vor kurzem gelesen habe und der mich seitdem nicht mehr loslässt:
1933 hätte 1928 verhindert werden müssen.
Meine Generation und ich und selbst in Teilen die Generation unserer Eltern lebt in dem Luxus, nie erfahren zu haben, was ein Krieg ist. Wir kennen keinen Weltkrieg, keinen Glaubens- oder Handelskrieg und auch einen Bürgerkrieg eigentlich nur aus den Nachrichten. Wir leben im Luxus einer für selbstverständlich gehaltenen Demokratie, eines Grundgesetzes, für das Menschen, die Jahrzehnte vor uns gelebt haben, die Erfahrung von ein oder zwei Weltkriegen erst mal haben machen müssen. Wir leben im Luxus einer selbstverständlichen Arroganz, deren Leitsatz ist, dass uns das damals nicht passiert wäre, dass wir etwas dagegen gemacht hätten, dass wir nicht mit angesehen hätten, wie Anhänger oder Ausführer einer Ideologie Millionen Menschen ermordet und gleich mehrere Länder in einen Krieg gestürzt haben, der noch mehr Leben kostete.  Wir leben in der angewöhnten Bequemlichkeit, dass sich um die Probleme in der Welt jemand anderes kümmert und das ist nicht faul oder uninteressiert, es ist eine bewusste Entscheidung. Diese wiederum können wir uns nur leisten, weil es andere Menschen gibt, die etwas gegen verhungernde Kinder, Müttersterblichkeit, globale Erwärmung und Klimawandel oder das Aussterben bedrohter Arten tun und uns unser Gewissen von der Pflicht entbindet, den Planeten auf dem wir leben entgegen unseres Egoismus zu schützen und nicht seine Zerstörung zu beschleunigen. Der Mensch ist vermutlich das einzige Tier, das sehenden Auges an dem Ast sägt, auf dem es sitzt und das dann auch noch verdrängt.
Ich halte prinzipiell nichts von Schwarzmalerei, nichts von Panikmache oder Aktionismus. Ich glaube stattdessen, dass sich viele Probleme oft von selbst nivellieren oder sogar lösen. Nur leider weiß man das bei manchen Problemen nicht vorher und manche Konsequenzen solcher Probleme sind zu verheerend, als dass wir dieses Risiko immer eingehen könnten.
Ich wurde so erzogen, dass Toleranz einer der wichtigsten Werte ist, mit denen wir durchs Leben gehen sollten. Ich muss nicht jeden gut finden, ich muss mich auch nicht mit jedem auseinandersetzen, aber ich muss andere in ihrer Andersartigkeit belassen. Genau diesen Satz hat meine Mutter immer gesagt und genau das ist Toleranz.
Aber wie sehr vieles hat auch Toleranz Grenzen. Und die liegen sehr deutlich am Gesetz, an unserer Rechtsstaatlichkeit, dort wo sich Verfassungsfeindlichkeit ansiedelt und oder oder andere, uns wichtige Werte berührt werden. Ab dort muss man nicht mehr tolerant sein, mehr noch man sollte es nicht mehr. 
Von einer Politikerin wurde vor einigen Monaten ausgerufen, die politische Korrektheit gehöre "auf den Müllhaufen der Geschichte". Politische Korrektheit aber ist kein Selbstzweck, sie sorgt dafür, dass wir uns in unserer Sprache zumindest grob am in unserer Kultur vorherrschenden Wertesystem orientieren, dass ein sich selbst enttarnender Mechanismus sofort deutlich macht, was objektiv falsch oder unmoralisch ist. In manchen Fällen ist sie ein Korsett, aber in vielen anderen hilft sie uns. Wenn wir aber damit beginnen, unsere Sprache verrohen zu lassen, auf den Müllhaufen zu werfen, wie wir miteinander umgehen wollen, werden wir damit enden, unsere Werte gegen Parolen einzutauschen, die behaupten eine Lösung oder Alternative für Deutschland zu sein, die aber in Wirklichkeit keine Alternative sind.
Und jetzt frage ich mich was ich tun soll.
Ich frage mich, was ich tun soll, denn nichts tun ist keine Option. 
Ich frage mich, was ich tun soll, denn ich will mir nicht irgendwann vorwerfen müssen, nichts getan zu haben.
Ich frage mich, was ich tun soll, denn ich will etwas tun.
Und jetzt frage ich mich, was ich tun soll. Muss. Will. Werde. 
Nike von ThisIsJanewayne schreibt übrigens hier über dasselbe Thema.

But do they get you on a soul level, though? – Teil II

 

Als Fortsetzung zu meinem letzten Post, weil ich mich wie erwähnt vor kurzem Hals über Kopf in jemand wunderbaren verliebt habe und weil mir nun ein eben dazu passender Artikel vor die Füße gefallen ist, möchte ich noch ein wenig weiter bei dem Thema „What makes us click with another person“ bleiben. Obwohl ich seit Jahren darüber nachdenke, schmälert sich die Faszination dieser Fragestellung für mich nicht - im Gegenteil, sie wird eigentlich zunehmend spannender, je älter ich werde und je facettenreicher ich in der Lage bin, zwischenmenschliches zu betrachten. Vielleicht hätte ich doch Soziologin oder Anthropologin werden sollen oder Psychologie studieren, aber sei’s drum.

 

Besagter Artikel trägt den Namen „20 weird psychological reasons someone might fall in love with you“ – ich nehme es aber vorweg, ich werde nicht auf alle 20 möglichen Gründe eingehen. Zu denjenigen, zu denen ich eine Meinung habe, welche darauf basiert, ob dieser einzelne Grund bei mir schon mal oder mehrfach „funktioniert“ hat, d.h. ob ich mich anhand dessen in jemanden verlieben konnte, werde ich etwas sagen, den Rest lasse ich unkommentiert. Dieses Vorgehen betont übrigens auch, dass es sich dabei um meine individuellen Erfahrungswerte handelt – bei jemand anderem bzw. auch in groß angelegten Studien, mag sich ein völlig anderes Bild zeichnen. Das Ganze folgt jetzt im Übrigen der Struktur „Jemand könnte sich in Dich verlieben, wenn...“

 

.. wenn Du wie sein gegengeschlechtlicher Elternteil aussiehst

Psychologen der Universität von St. Andrews haben herausgefunden, dass manche Menschen sich von Personen angezogen fühlen, deren Haar- und Augenfarbe dem des jeweiligen gegengeschlechtlichen Elternteils entspricht. Darüber hinaus spielt das Alter der Eltern zum Zeitpunkt der eigenen Geburt scheinbar eine Rolle. Letzteres drückt sich beispielsweise darin aus, dass Frauen, deren Eltern zum Zeitpunkt der Geburt über 30 waren, sich weniger von Jugendlichkeit, als eher von Zeichen fortgeschrittenen Alters in männlichen Gesichtern angesprochen fühlen als Frauen, deren Eltern unter 30 waren. Bei Männern war die Vorliebe für weibliche Gesichter stark beeinflusst vom Alter der Mutter – allerdings nur für Langzeitbeziehungen.

Meine erste Intuition sagte mir: kompletter Schmarrn. Aber sobald ich ein wenig darüber denke und mir vor Augen führe, von welchen Männertypen ich in der Vergangenheit angezogen wurde, kann ich Teile eventuell doch bestätigen. Mein leiblicher Erzeuger hatte dunkles Haar und braune Augen – von ihm habe ich übrigens auch meine Augenfarbe – meine Eltern waren beide über 30 bei meiner Geburt. Dass ich mich nur vom Typ Haar dunkel/Augen dunkel angezogen fühlte, muss ich tatsächlich komplett negieren. Ich hatte eigentlich nie einen besonderen „Typ“, einzig meine Vorliebe für Brillenträger (wenig erstaunlich, wenn man selbst einer ist) und in den letzten Jahren für verschmitzt aussehende, blonde Männer sind zwei Konstanten, die ich tatsächlich so benennen würde. Beim zweiten Punkt, Alter, kann ich aber – wenn auch eingeschränkt – zustimmen: ich habe mich immer zu Männern, die älter waren als ich (Minimum 5 Jahre) hingezogen gefühlt und tue das bis heute. Allerdings muss man diesen Altersvorsprung nicht zwingend im Gesicht lesen können.

 

 

.. wenn Du „richtig“ riechst

Wenig überraschend, das Konzept der Pheromone und des „sich riechen Könnens“ sind nun nicht mehr ground-breaking. Was ich spannend fand, war, dass auf Basis der Untersuchungen scheinbar Unterschiede bestehen, je nachdem in welcher hormonellen Phase sich eine Frau gerade befindet. Tatsächlich ist dieser Grund aber aus meiner Sicht auch ohne hormonellen Einfluss zutreffend. Wenn ich jemandem umarme, spüre ich, ob ich mich wohl fühle. Das hat – da habe ich mich selbst beobachtet – wirklich etwas damit zu tun, wie ein Mann riecht. Und ja, Eigengeruch und After shave muss man versuchen, auseinanderzuhalten, aber der Punkt greift - easy as that.

 

.. wenn Du dem anderen 2 Minuten lang in die Augen schaust

In einem Versuch der University of Massachusetts wurden 72 Teilnehmer gebeten, sich in Paaren 2 Minuten lang gegenseitig in die Augen zu schauen. Im Anschluss berichteten fast alle, dass sie stärkere Gefühle von Zuneigung oder gar Verliebtheit dem anderen gegenüber hatten – obwohl sich die Paare vorher nicht kannten. 

Meines Erachtens durchaus zutreffend. Ich finde sogar, erst 4 Minuten gehen wirklich wohin – aber dazu mehr in dem Text (den ich bald schreibe) über das Experiment, das ich vor Kurzem mit meinem (seitdem ;) Freund gemacht habe.

Wichtig bei diesem Grund aus meiner Erfahrung: versuchen, nicht zu starren (was gar nicht so leicht ist) und seine Mimik nicht bewusst versuchen zu kontrollieren. Wenn man lächeln möchte oder einem danach ist, sich mit der Zunge über die Lippe zu fahren, sollte man das nicht unterdrücken. Sprechen dagegen ist tabu – auch wenn es der erste, eingängige Impuls ist, um die Stille angenehmer zu machen.

 

 

.. wenn Du die Farbe rot trägst

Aus meiner Sicht wenig überraschend und leicht nachvollziehbar, da mit Sinnlichkeit und Liebe konnotiert. Mein „Go to” Tipp (da ich selbst kaum farbenfrohe Kleidung, sondern vor allem schwarz und grau trage): roter Lippenstift. Sendet eindeutige Signale – derer man sich allerdings bewusst sein und sie entsprechend einsetzen sollte. Entweder man möchte jemanden anmachen (erotisch wirken) oder man möchte selbstbewusst auftreten. Mit dieser Awareness kann man dann auch über dem „slutty“ oder „aggressive“ stehen, welches der ein oder andere einem unterstellt. Mir persönlich steht vom Hautton Pink oder Fuchsia eigentlich besser, aber in der ein oder anderen Situation entscheide ich mich ganz bewusst zu einem schönen roten Chanel Pirate oder Palpitante.

 

.. wenn Du “hard to get” spielst 

Nicht ganz so trivial dieser Punkt. In einer Studie von 2014 wurde herausgefunden, dass Männer Frauen reizvoller finden, wenn diese vorgeben, an Fragen der Männer gänzlich uninteressiert zu sein. Bemerkenswerter Knackpunkt: auch wenn die Männer die Frauen in dieser Situation mehr „wollten”, „mochten“ sie sie weniger. Ach, Liebe ist kompliziert.

Ich halte selbst extrem wenig von Spielchen, schon gar nicht, sich absichtlich rar zu machen, jemandem länger als nötig nicht zu antworten, etc. Bin ich verdammt schlecht drin, weil ich es als unreifes Verhalten erachte und zu sehr der Meinung bin, dass zu seinen Emotionen zu stehen einen stärker macht – und übrigens auch fairer ist.

 

 

.. wenn Du den “richtigen” Gesichtsausdruck hast

Zufriedenheit auszustrahlen ist im Allgemeinen attraktiv an Frauen – nicht so sehr aber an Männern. Im Jahr 2011 wurde in Experimenten mit mehr als 1.000 Teilnehmern herausgefunden, dass Männer Frauen am attraktivsten finden, wenn sie glücklich und am wenigsten attraktiv, wenn sie stolz aussahen. Bei Frauen war es genau andersherum: Stolz zog an, Zufriedenheit nicht.

Interessanterweise wurde Scham als Gesichtsausdruck von beiden Geschlechtern als gleichermaßen attraktiv angesehen.

 

.. wenn Du dem aktuellen oder letzten Partner ähnelst

Etwas weirder Ansatz um zu eruieren, ob sich jemand (der ggf. gerade in einer Beziehung ist) jetzt in einen verliebt, aber gut. Wir alle scheinen einen „Typ“ zu haben – meinen Kommentar dazu habe ich beim ersten Punkt schon abgegeben – aber Frauen bleiben der Statistik nach eher bei ihm als Männer. In einer Studie von 2011 aus Großbritannien kam heraus, dass sowohl Männer als auch Frauen gegengeschlechtliche Gesichter attraktiver einschätzten, je ähnlicher sie dem aktuellen oder letzten Partner sehen. Ist jetzt nicht so überraschend und aus meiner Erfahrung so naja zutreffend.

 

.. wenn Du in drei grundlegenden Bereichen “kompatibel” bist

Auf Basis des kanadischen Psychologen Eric Berne harmonieren die am besten zueinander passenden Paare auf drei Ebenen. Dabei bedient er sich ein bisschen an Sigmund Freud und seinen berühmten drei Ichs, die angeblich jede Person hat:

• The Parent: Was Dir beigebracht wurde – das Über-Ich

• The child: Was Du gefühlt hast/fühlst – das Es

• The adult: Was Du ge- oder erlernt hast – das Ich

 

Paartherapeut Peter Pearson hat dazu jeweils Fragen konzipiert, anhand deren man für jedes Level feststellen kann, inwiefern man “kompatibel” ist:

 

• The parent: Habt Ihr ähnliche Werte und Prinzipien über die Welt?

• The child: Habt Ihr Spaß zusammen? Könnt Ihr spontan sein? Findet Ihr den anderen sexy? Reist Ihr gerne zusamen?

• The adult: Glaubt jeder vom anderen, er sei intelligent? Könnt Ihr gut gemeinsam Probleme lösen?

Eine abschließend sehr schönes, aus meiner Sicht durchaus zutreffendes Kriterium. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob man daran nicht eher abzirkeln kann, inwiefern eine Beziehung auf Dauer funktioniert.

 

Den ganzen Artikel gibt es übrigens hier.

 

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But do they get you on a soul level, though? - Teil I

Seit mittlerweile mehreren Jahren beschäftige ich mich mit der Frage 'what makes you click with another person' - nicht durchgehend logischerweise, aber konstant und immer mal wieder, denn sie lässt mich einfach nicht los. Sie scheint mein ganz persönliches Pendant zur Frage nach dem Sinn des Lebens und mittlerweile komme ich nicht mehr umhin, sie für ähnlich unmöglich beantwortbar zu halten. Entweder es ist etwas, das wir nie erklären werden können oder es sind tausend Dinge auf einmal - was im Grunde auch die (unbefriedigende) Antwort auf den Sinn des Lebens sein könnte. 

 

 

Ich habe mich verliebt. Mit Haut und Haaren. Bis ins Mark, bis in jede Faser meines Herzens. Unerwartbar, unvermittelt, unumgänglich. Jemand der mich auf Händen trägt, aufs Kreuz legt, mich in den Arm nimmt, meinen Nacken küsst, mir in die Augen schaut und meine Seele sieht. Klingt nach Kitsch des Todes, aber so fühlt es sich an. Jemand, den ich vor 8 Tagen noch nicht mal kannte. Der mich von Sekunde 0 an hatte, als ich ihn sah. Mit dem sich doch jede neue Situation so vertraut anfühlt als würden wir uns ewig kennen. "Super krass, oder", sagt er ziemlich oft dazu und ja, es ist halt einfach mal super krass. Aber genau das ist madly in love - super krass eben.

An ihm stellt sich mir also erneut die Frage, was das eine ausschlaggebende Atom ist. Das Momentum, in dem einen der andere auf einer Metaebene erwischt, die matcht. Woran wir bonden, was man nicht beeinflussen, beschleunigen oder erzwingen kann, was da ist - oder in der Majorität der Begegnungen eben nicht.

 

 

In all dem ist es relativ basal, anzunehmen, dass jeder von uns Attraktivitätskriterien hat, nach denen er schaut, aufgrund derer er jemanden überhaupt als potentiellen Partner wahrnimmt. Das muss nicht zwingend ein einziger, besonderer Typ sein, aber nichtsdestotrotz ziehen uns Haarfarbe, Augenfarbe, Statur, Habitus, Physiognomie auf ihre eigene Weise an -  und visuelle Reize haben eben unbestreitbar ihren Einfluss. Sie sind aber aus meiner Sicht nur notwendig, eine conditio sine qua non, sie sind niemals hinreichend.

Ich glaube das Hinreichende sind Charakterzüge und Verhaltensweisen, die uns spiegeln oder mit denen wir uns identifizieren - paramount ist, dass wir uns mit ihnen wohlfühlen. Bei mir ist das klassischerweise, dass mich jemand zum Lachen bringt. Miteinander lachen ist alles, jemand der mir Spaß macht, hat 89% meines Herzes. Bei mir ist es auch emotionale Intelligenz, Differenziertheit und die Fähigkeit, ehrliche, tiefgründige Gespräche führen zu können - ohne dass es zwingend jedes Mal in deep psycho shit ausarten muss (der ist nämlich auf Dauer ziemlich anstrengend). Bei mir ist es außerdem das Gefühl von commitment, dass jemand verbindlich ist, definitive Aussagen macht, mir Sicherheit gibt, zu mir steht und ernsthaft an einem Plan und einer gemeinsamen Zukunft arbeiten möchte. Und ich glaube, als letztes ist es Toleranz und das Gefühl zu bekommen, dass ich so wie ich bin "okay" bin, dass ich genauso um - oder vielleicht sogar trotz - meiner selbst Willen gemocht und begehrt werde. 

Bei jedem sind das unterschiedliche Dinge, die den Anderen für uns attraktiv machen. Klar, vielen sind ähnliche Dinge wichtig, aber für jeden ist das set of attraction unique. Sozusagen. Mehr noch: das, was uns in einer Beziehung wichtig ist, Werte, Miteinander, ein Team zu sein, ist nicht dasselbe, wie das was uns uns verlieben lässt. Und genau das kann gefährlich werden. Das ist nämlich genau der Grund, warum wir uns nicht immer in Menschen verlieben, mit denen eine Partnerschaft glücklich wird, die gut für uns sind - darüber hinaus, manchmal verlieben wir uns leider in absolut ungünstige, toxic people, die uns wehtun, unglücklich machen und keinen Aspekt einer zufriedenstellenden Partnerschaft bedienen. Der Mensch ist ein unlogisches Tierchen - vielleicht das unlogischste, das auf der Erde weilt.

 

Vor kurzem habe ich mich mit jemandem unterhalten, der zu meiner über diesem Eintrag stehenden Frage zwei Hypothesen hatte:

1. Ähnliche Dysfunktionalitäten

Die Tatsache, ähnliche Traumata, dysfunktionale Beziehungsformen oder Familiendynamiken, Unzulänglichkeiten am eigenen Charakter, Aspekte der Unzufriedenheit, kontraproduktive Verhaltensweisen oder autoaggressive, in der Sozialisation verwurzelte Prinzipien zu haben, kann einen sich in jemand anderen verlieben lassen. Das Gefühl, dass der andere nachvollziehen kann, warum man so ist, weil er etwas Ähnliches durchlebt hat, kann anziehen. Im Umkehrschluss kann es wie so oft auch das genaue Gegenteil sein: die absolute Abwesenheit von Dysfunktionalem kann uns ebenso gerade ansprechen, weil wir keine Angst haben müssen, dass uns der andere so etwas auch noch mal antut (was er vielleicht selbst durchlebt hat und reproduziert) und wir uns gleichzeitig von jemand Stabilem getröstet fühlen können.

2. Ähnliche Persönlichkeitstypen

Relativ selbsterklärend. Wenn man als Basis z.B. den MBTI (Meyers-Briggs-Typenindikator) nimmt und sich 16 mögliche Ergebnisse betrachtet, so ist es naheliegend anzunehmen, dass Menschen, die sich eher ähnlich sind, besser nachvollziehen können, warum jemand in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Weise reagiert. Auf der anderen Seite wird ständiges Unverständnis und fehlende wahrgenommene Stimmigkeit nicht dazu beitragen, dass man sich dem anderen näher fühlt. Salopp gesagt: einen ISTJ mit einem einem ENFP zu verkuppeln kann fairerweise nur in die Hose gehen.

 

 

Je länger ich darüber nachdenke und dazu recherchiere und da ich vor Kurzem ein Experiment dazu gemacht habe, was bewirkt hat, dass ich mich in jemanden und er sich in mich verliebt hat, desto mehr nähere ich mich der Idee, dass es einen einfachen Schlüssel zu geben scheint. Wenngleich man auch den nicht erzwingen wird können, so ist doch erkennen und verstehen schon mal besser als gar nichts. Und hier kommt die große dramaturgische Klimax: ich spreche von vulnerability.

Wenn man bereit ist, sich zu öffnen, ist es wahrscheinlicher, dass der andere ehrlich über sich selbst sprechen wird. Verwundbarkeit zu zeigen, zu offenbaren, dass man selbst menschlich und fehlbar ist, kann den anderen entspannen – von ihm wird keine Perfektion erwartet, da man sich selbst schon entblößt hat. Und ist man erst mal durch diese intimacy barrier gegangen, ist es viel einfacher, sich auf einer tieferen Ebene zu verbinden – gleichzeitig gibt es eine feine Grenze zwischen charmanter Offenheit und wild-unangemessenen Enthüllungen. Honesty without tact is cruelty und und verletzlich sein und den anderen verschrecken werden eben nie synonym sein.

 

 

Ich werde wohl demnächst mal über obiges "Experiment" schreiben, einfach weil ich es nicht nicht kann. Bis dahin gibt es zu meiner mich weiterhin begleitenden Fragestellung some food for thought - für denjenigen unter Euch/Ihnen, den es interessiert:

 

 

 

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Alle wollen immer wachsen - Teil II

Per se ist es so, dass wenn man einen Teil I von etwas schreibt und ihn auch so benennt, man sich sehr offensichtlich und bewusst dem Druck oder der Erwartungshaltung aussetzt, auch einen Teil II zu schreiben. Auf den muss wiederum nicht zwingendermaßen ein Teil III folgen, aber das ist ein anderes Thema. Vor ca. 7 Wochen habe ich also das erste Mal hier über Wachstum geschrieben, die Welt hat sich weitergedreht, aber ich nehme den Faden mal wieder auf.

 

 

Ich habe in der Zwischenzeit viel darüber nachgedacht, was Wachstum bedeutet, warum er gut oder vielleicht auch kritisch zu sehen ist und wie ich selbst an mir persönliches Wachstum stimulieren kann. Im Folgenden also meine paar sehr theoretischen Gedanken dazu, die zugegeben auch ein wenig durcheinander oder ungerichtet erscheinen mögen.

 

 

Veränderung ist unumgänglich, Wachstum ist optional

Ich weiß nicht, ob das pauschal so stimmt. Wachstum ist etwas Natürliches, jeder Organismus tut es, man könnte es teilweise gar nicht verhindern, wenn man wollte. Der Mensch und jedes Tier und jede Pflanze wächst, erstere hören ab einer gewissen Größe auf „automatisch“ zu wachsen, letztere wachsen manchmal ewig weiter. Leben wächst, um stärker, stabiler zu werden, um mehr Raum einzunehmen, um Kraft zu haben und anderem Leben zu trotzen. Das ist es aus meiner sehr basalen, unwissenschaftlichen Sicht, was biologischen Wuchs legitimiert.

Mit Wirtschaft, Unternehmen, Märkten ist es anders, sie wachsen nicht „automatisch“, man muss schon etwas dafür tun. Ich habe mich damit im Rahmen des kürzlich erwähnten Finanz-Forecasts sehr intensiv beschäftigt und das tatsächlich am meisten gefallene Wort in diesen Meetings war „Wachstum“ – ich hätte vielleicht mal eine Strichliste machen sollen. In diesen Fällen geht es um Umsatzwachstum, was sich bei gleichbleibenden oder geringer werdenden Kosten in einem Gewinnwachstum wiederfindet – zu dieser Logik muss man kein BWLer sein. Am Ende des Tages gibt es also vom Finanzvorstand eine Zahl, auf die man sich in Verhandlungen einigt, weil man mit seinen eigenen Berechnungen einen gewissen Zielwert mit einer gewissen Verteilung und einem spezifischen Anstieg für ambitioniert, aber realistisch erachtet. Unternehmen wollen Gewinne und davon möglichst mehr machen und das ist völlig in Ordnung, lässt sich aber halt auch nur im Kontext des Kapitalismus einigermaßen rational einordnen. Ob diese Tatsache oder der Kapitalismus an sich prinzipiell immer sinnvoll ist, wo Wachstum vielleicht schädlich ist, weil man auch einen gewissen Preis (Stichwort schwindende Produktivität der Ressource Humankapital) bezahlt, möchte ich mir nicht anmaßen zu beurteilen. Aber es ist eine valide Frage.

Gleichzeitig denke ich, dass es ein gewisses Maß an Wachstum, an Ehrgeiz, an überhobener Selbsteinschätzung (im schlimmsten Fall) gibt, an dem Schluss ist. Man kann nicht unendlich wachsen – auch nicht in persönlicher Weiterentwicklung oder Lernen von neuen Kompetenzen und uns allen sind natürliche Grenzen gesetzt. Mir kommt spontan Ikarus in den Sinn, der mit seinem übermütig hohen Flug an die Sonne mit dem Tod bestraft wird. Auch wenn diese Mythologie sicherlich einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt hat, so sagt sie uns: „Wenn Du zu viel willst, gehst Du daran zugrunde“.

 

 

Wachstumsschmerz

Es gibt ein empfehlenswertes Buch mit ebendiesem Namen, aber um das soll es jetzt nicht gehen. Es geht vielmehr darum, was sich in genau diesem Wort und so vielen Zitaten wiederfindet:

 

• Your comfort zone is a beautiful place, but nothing ever grows there

 

• Growth and comfort do not coexist

 

• Growth is often a painful process

 

• Everyone wants to live on top of the mountain, but growth comes from climbing it

 

 

Es gibt in Anamneseerhebungen in der psychologischen Diagnostik an irgendeiner Stelle die Frage, ob man grundsätzlich davon ausgeht, dass man sich Dinge im Leben erarbeiten muss oder ob man Sachen geschenkt bekommt. Ich vermute, da geht es darum zu verstehen, wie sehr Menschen mit Leistungsgedanken sozialisiert wurden, aber mit Sicherheit weiß ich es nicht. Anyway. 

Ich persönlich glaube und so habe ich diese Frage immer beantwortet, dass man nichts im Leben geschenkt bekommt – was sehr viel über meine Prägung in Bezug auf Leistung aussagt. Ich glaube, dass man eigentlich für alles arbeiten muss und für die besonderen, schönen, erstrebenswerten Dinge härter als für die anderen, sonst würde die ganze Logik ja keinen Sinn ergeben. Ich weiß, dass man auch Glück im Leben haben oder mit Eigenschaften gesegnet sein kann, die anderen fehlen und für die man nie arbeiten musste, aber wenn es darum geht, sich von seinem Status Quo wegzubewegen, geht das nur mit Aufwand von Kraft. Und damit wären wir beim Wachsen – was nur geht, wenn es unangenehm ist. Wenn ich mich immer da aufhalte, wo ich mich wohl fühle, mich keinen neuen Herausforderungen stelle, werde ich mich sehr wahrscheinlich nicht da weiterentwickeln, wo mir noch Kompetenzen fehlen. Mein Chef hat vor Kurzem etwas sehr Wahres gesagt: „Wenn Du Dich an zu vielen aufeinander folgenden Tagen zu wohl fühlst, in dem was Du tust, solltest Du misstrauisch werden. Wenn es zu gemütlich wird, solltest Du was ändern“.

 

 

Möglichkeiten, zu wachsen kommen nicht auf einem Silbertablett vorbeigefahren

Nach zwei Jahren, die ich mir als Orientierungsphase und Berufsanfänger gut zugestehen konnte und zugestanden habe, fange ich jetzt aktiv an, nach Gelegenheiten, Optionen, Themen zu suchen, an denen ich wachsen kann. Mir ist bewusst geworden, dass niemand bei mir vorbeikommt, der mich fragt, ob ich wachsen will oder der mir sagt, dass ich diese Herausforderung annehmen muss. So sehr ich jeden Tag einfach so weitermachen könnte wie am Tag zuvor, so sehr muss ich mich jeden Tag oder zumindest regelmäßig in den Hintern treten und nach den Opportunitäten suchen. Sie kommen nicht auf einem Silbertablett vorbeigefahren, von dem man nur noch zugreifen muss. Ich muss danach suchen, darum bitten, mich damit beschäftigen, was meine blind spots sind, mein Schwächen, mein fehlendes oder unzureichendes Können und dann muss ich genau da dran. Und ich schreibe hier die ganze Zeit "müssen", dabei muss ich gar nichts, sondern will es.

 

 

Wachstum ist, sein Leben zu schütteln 

Ich hatte vor ungefähr 4-5 Wochen eine Phase, in der ich unheimlich unzufrieden war. Ich saß mit Philip und Lisa sonntags in einem Café bei uns in der Au und was ich nicht einmal sagen musste, drückte alles an meiner Körpersprache aus: ich war unfassbar unzufrieden. Mit unterschiedlichen Aspekten der Gegebenheiten. Vor meinem inneren Ich hatte ich drei Dinge ganz klar identifiziert, die mich nervten, ärgerten, an mir zerrten, mir fehlten und mich jeden Tag unleidlicher machten. Und dann muss man den Mut haben, an diesen Schrauben zu drehen, wenn man für sich klargezogen hat, dass es die ausschlaggebenden sind.

Man muss sich Herausforderung suchen, wenn man sich im Job langweilt und zunehmend zu der Überzeugung gelangt, die eigenen Tasks könne auch ein  dressierter Affe übernehmen.

Man muss sich nicht damit abfinden, unglücklich oder ängstlich zu sein, wenn man dagegen etwas einnehmen kann, was einem aus dem Gleichgewicht geratenen Gehirn hilft.

Man darf nicht erwarten, dass einen ein Partner glücklich macht - das muss man schon alleine schaffen, so viel habe ich verstanden - aber wenn der andere es halt nicht besser, sondern schlechter macht, kann man das auf Dauer nicht aufrecht erhalten.

Und wenn man die Stellschrauben so klar vor sich liegen sieht, muss  man die Konsequenz haben, an ihnen zu drehen, Dinge in sein Leben zu holen, Menschen aus seinem Leben zu lassen - auch wenn eine Linderung weder kurz- noch mittelfristig absehbar, aber das ganze Ding das Richtige ist. Dieser Mut zu elementaren Veränderungen bedeutet wachsen. Zumindest für mich. Und er wird belohnt.

 

 

 

Heute ist es 5 Wochen später.

Ich arbeite nicht stundenmäßig mehr, aber ich arbeite an strategischeren Projekten, versuche fokussierter und effizienter zu sein und strenger zu priorisieren. Der Affe könnte seltener für mich übernehmen und das tut mir gut.

Mein Gehirn beruhigt sich, die Konzentration an Serotonin im synaptischen Spalt erhöht sich langsam, aber stetig und die Unzufriedenheit vergeht. 

Den Mann und mich gibt es so nicht mehr  (ausführliche Erklärung hier) und ich bin jetzt quasi „Single af“. Nachdem ich nun 1 Jahr lang einer Beziehung hinterhergelaufen bin, die ich nicht bekommen habe, brauche ich eine andere jetzt auch nicht mehr. Ich laufe gerade halbwegs stabil oder ganz gut alleine - nicht ohne offene Augen jedoch oder Sensibilität für meine Bedürfnisse und das ist ein schönes Gefühl.

 

 

 

 

 

 

 “Ich habe schon

wieder kein Ziel,

aber ein bisschen Bock

auf einen Weg.”

Sarah Kuttner, 180 Grad Meer

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Die wahren Tragödien unserer Zeit

Ich würde gerne sagen, dass alles gut ist. Aber das ist es nicht. Und ich würde gerne einfach da weiterschreiben, wo ich zuletzt geendet habe, aber gerade gibt es unendlich viele Worte in meinem Kopf, die vorher, jetzt, auf Papier geboren werden wollen.

 

Wer meinen Blog schon seit längerem liest, wird mitbekommen haben, dass ich von Oktober letzten bis Anfang diesen Jahres keine ganz so leichte Zeit hatte. Emotional betrachtet.

Wo der allgemeine Sprachgebrauch den so banal klingenden „Liebeskummer“ bemühen würde, fällt meine Wahl zur Umschreibung dieser Phase eher auf die Analogie einer Entziehungskur - Entzugserscheinungen allererster Güte inklusive. 

Ein Mensch kann wie eine Droge sein. Er kann uns betäuben vor Glück und uns gleichzeitig zu einem Wrack machen – je nachdem, in welcher Dosis wir ihn wie lange an uns lassen und welcher Art er selbst ist. Und wie bei Drogen oder Medikamenten sind Wirkung und mögliche Nebenwirkung ungefähr absehbar, aber zeigen sich eben doch bei jeder Person individuell.

Als ich mich also im Oktober für den kalten Entzug entschied, äußerten sich meine Symptome der Suchtentwöhnung in den ersten 2 Wochen in täglichen Heulkrämpfen und einem Brustkorb, der so schmerzte, dass ich dachte, mein Herz breche – etwas, das auch als Broken Heart Syndrome bekannt ist. Nach 2-4 Wochen wich das langsam einem Zustand sich permanent wiederholender, tagelang andauernder Gedanken- und Frageketten (ohne Antwort natürlich), während sich Monat 3 und 4 zuerst durch Vermissen und schließlich durch Wut auszeichneten. Überbrücken ließ sich das halbwegs gut durch Methadon in Form von Dating-Apps, ein lächerliches Substitut, das einen aber zumindest nicht jeden Morgen beim Aufstehen schon zittern lässt. Und was hier alles so übertrieben theatralisch klingt, fühlt sich ja in Realität an, als käme man an die Grenzen der eigenen Leidensfähigkeit. Man flüstert sich zu this too shall pass (übrigens eine der wenigen Zeilen, die ich mir vorstellen könnte, mir tätowieren zu lassen) und gleichzeitig weiß man, dass das Quatsch ist: es gibt keine vorher festgelegten Grenzen dessen, was man ertragen kann. Man hält durch, was man muss, jedes Mal von Neuem - eine andere Wahl bleibt einem ja gar nicht.

Und als ich mich also schließlich nach guten 5-6 Monaten, ungefähr Mitte März, selbst aus einer Klinik als clean entlassen hätte, habe ich etwas gemacht, von dem mir in meiner Sucht-Analogie zu diesem Zeitpunkt nicht klar war, dass ich mir hier gerade wieder einen Schuss setzen würde. 

Mir fiel die Spritze in die Hände, als eben genau dieser Mann plötzlich wieder in der U-Bahn saß. Samstag nachts, wir beide nicht nüchtern, der Zufall ist halt ein perfides Arschloch. Und irgendwas in mir (die Vernunft war es nicht) entschied sich bewusst dagegen, ihn zu ignorieren, ihn nicht zu grüßen, einfach nach Hause zu gehen. Was man lange entbehrt, wird einem entweder gleichgültig oder man giert so abartig danach, dass die Ratio nur noch unvorhandenen Einfluss nimmt. Natürlich vergönnt mir das Leben zweiteres. Und so begann ich von vorne, von was ich dachte, es könne heilen. Uns, ihn, mich. 

Ich halte nichts von der pauschalen Einstellung, man dürfe vergangenem nie eine zweite Chance geben, da ich glaube, dass das zu wenig differenziert. Aber ich bin halt auch stur und manchmal dumm und mache manche Fehler lieber so 7-8 Mal – nur um sicher zu gehen, dass es wirklich falsch ist. Und die Frage, wie sehr man Dinge dann danach bereut ist berechtigt, aber aus meiner Sicht keine zielführende. Ich bereue im Übrigen per se selten. 

 

Heute sitze ich also hier, 3 Monate später und wir beide, der Mann und ich, haben auf ganzer Linie, in ganz großem Stil, nach insgesamt fast einem Jahr noch mal alles von Neuem versaut, was man hätte versauen können. Und nein, leider wird es einen dritten Anlauf nicht geben. 

Ich glaube, man lernt sehr viel, wenn man mit jemandem zusammen ist oder auch, wenn man es nicht offiziell ist, aber so ähnlich eben. Ich zumindest habe viel gelernt, manches wurde mir auch nur noch mal schmerzlich bewusst.

 

  1. Wie viel einem jemand bedeutet, wie sehr man ihn in sein Leben lässt und wie stark man emotional involviert ist, sind nicht zwingend miteinander verbundene Systeme. Sie bedingen einander nicht und sie speisen sich nicht gegenseitig - zumindest nicht bei jedem.
  2. Zwei junge Menschen, die gutaussehend, intelligent, sympathisch sind, einen Job und eine Wohnung haben, die mitten im Leben stehen, bei denen alles passen würde und die - am wichtigsten - in vielen, in ehrlicherweise absolut genug Bereichen ein gutes Team sind - und es trotzdem nicht auf die Reihe kriegen miteinander: das sind die wahren Tragödien unserer Zeit.
  3. Der Mensch handelt sich seine Probleme ein, weil es oft genug eine Diskrepanz gibt zwischen dem, was wir wissen, was richtig oder vernünftig ist und dem, was wir aus dem Bauch oder Herz heraus wollen - und weil wir dann viel zu oft Letzteres tun. Würden wir immer nach unserer Ratio handeln, wir hätten keine Probleme. Aber wir würden eben auch nicht leben und genau das ist ja der springende Punkt.
  4. Mir gefallen Metaphern des Lebens als Baum. Man sollte sein Leben bisweilen schütteln um zu sehen, was rausfällt, Reifes oder Verfaultes. Aber ich glaube nicht, dass man selbst einer ist. If you don’t like where you are move, you are not a tree.

 

 

Es liegt nicht an Dir. Was für eine beschissene Floskel, ich weiß. Aber Du hast objektiv nichts falsch gemacht. Ich weiß. Aber ich weiß auch, dass es nie nur an einem liegt, es sind immer zwei Menschen beteiligt und der, dessen Probleme den größeren Anteil am Ergebnis ausmachen, wird trotzdem nicht gesamtschuldnerisch haftbar.

 

 

Ich gebe Dir noch einen Rat und den willst Du jetzt am wenigsten hören: lass‘ Dir nicht von jemandem einreden, Du müsstest anders sein. Du müsstest Dich verbiegen, ändern. Und vor allem, versprich‘ mir, dass Du auf Dich aufpasst.

Erst will ich schmunzeln. Gerade ich. Ich, die sich regelmäßig irgendwo stößt, sodass sie ständig blaue Flecken an den Armen trägt, die sich halbjährlich so betrinkt, dass sie in Fötalstellung über irgendwelchen Bürgersteigen hängt, die sich trotzig wie ein kleines Kind weigert, sich in der Sonne einzucremen, weil sie sich eh nicht verbrennt oder weil es ihr komplett egal wäre, falls doch. Dann muss ich schlucken. Ich, die über lange Zeiträume in der Lage ist, ihre Bedürfnisse zu leugnen, zurückzustellen, die aufhört zu spüren, was sie sich wünscht, die inkonsequent und nicht fürsorglich sich selbst gegenüber ist.

Doch schließlich steigen mir die Tränen in die Augen. Weil ich noch so viel mehr mache, mit dem ich mir mutwillig schade. Und weil mir bewusst wird, dass Dir mein Wohl wirklich wichtig ist und dass Du wahrscheinlich weinen würdest, wenn Du von all dem wüsstest.

 

Und jetzt ist es an mir, jeden Morgen aufzustehen und zu akzeptieren, dass ich für 1-2 Monate schönes Gefühl, abgeschwächten Rausch, den Preis zahle, eben erneut clean werden zu müssen. Es wird nicht so hart wie beim letzten Mal und es wird nicht so lange dauern, aber Nina, dass Du vielleicht im August erst wieder da bist, wo Du im Februar schon mal warst, hast Du Dir teuer eingekauft.

Der Schmerz, die Traurigkeit ist ein mehrschichtiges, komplexes Gebilde, dessen Fäden man hoffen kann, mögen sich von alleine irgendwann auflösen oder die man sorgfältig beginnt, zu entwirren. Ich, die Gefühle immer so gut es geht mit dem Verstand analysieren will, setze mich gedanklich hin to disentangle those strings.

Da sind die täglichen Routinen, das Schreiben, telefonieren, aneinander denken, sich sehen, körperliche Nähe erleben – die brachial einfach weg sind und durch nichts ersetzt werden. Das ist das spürbarste. Dann kommt die Trauer über einander als gescheitertes Paar oder das, was es hätte werden können – bei all dem tut es mir einfach unendlich leid um uns. Und dann ist da Vermissung eines Menschen, den man sehr mag, mit dem man lacht, den man gerne um sich hat. Und natürlich sehnt man sich auch nach dem Mann, mit dem man eben durch Eros, nicht durch Philia verbunden war und der als Liebhaber für immer unerreichbar sein oder bleiben wird. Daraus also besteht Schmerz und vielleicht macht das Wissen um seine Anteile das Ertragen schaffbarer. Vielleicht..

 

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Alle wollen immer wachsen - Teil I

Ein Thema, das mich in letzter Zeit viel beschäftigt, ist Wachsen. Ich bin aktuell an einem Punkt in meinem eigenen Leben, aber auch wenn ich die Leben anderer meiner Alterskohorte betrachte, an dem es fast unausweichlich ist, mich damit auseinanderzusetzen und ich darf sagen: es ist gar nicht mal immer so angenehm.

     

 

Witzigerweise bin ich zu Beginn meiner Recherche dazu zunächst auf Ergebnisse gestoßen, die der Bedeutung, um die es mir in diesem Eintrag gehen soll, eher untergeordnete Priorität beimessen. In vorrangigem Sinne steht "Wachstum" nämlich für:

  • Markt-, Unternehmens- oder Wirtschaftswachstum sowie Expansion, 
  • biologisches oder anatomisches Wachstum (siehe auch Wuchs), 
  • Wachstum in der Mathematik oder
  • Städtewachstum (als Aspekt der Urbanisierung).

 

Alles harte, greifbare, zahlenorientierte Definitionen, die Synonyme für Wachstum dagegen machen das Verständnis zum Glück schon etwas weicher: Entfaltung, (gehoben) Blüte; Evolution; Anstieg, Ausbau, Ausbreitung, Ausdehnung, Erhöhung, Erweiterung, Hebung, Steigerung, Vergrößerung, Vermehrung, Vervielfachung,  Zuwachs; Potenzierung, Progression - sind aber alle immer noch nicht das, was mich aktuell umtreibt. Was ich nämlich meine, ist persönliche Weiterentwicklung, Neues lernen, emotionales Reifen, nächste Schritte im Leben gehen, Verantwortung übernehmen, solche Dinge - die eben schwerlich in prozentualer Zunahme abbildbar sind.

 

Wieso beschäftigt mich das also gerade so sehr? Nun ja. Es sind wie immer mehrere Faktoren, die aber ausnahmsweise mal sehr logisch nachvollziehen lassen, warum das Thema gerade jetzt so prominent in meinen Gedanken aufpoppt.

Zunächst mal ist es so, dass ich nun schon geraume Zeit, im Juni nämlich 2 Jahre, wieder in München und in meiner Wohnung in der schönen Au lebe. Und im Juli werden es 2 Jahre, die ich meinen Job als Produktmanager in einem Pharmaunternehmen mache. Das sind beides Konstanten, fast uneingeschränkt positive sogar, an denen sich (von wirklich überschaubaren Veränderungen mal abgesehen) nichts getan hat - was per se auch nicht negativ zu bewerten ist. Die Wohnung und der Job sind zwei Bereiche des Lebens, die elementare Wichtigkeit für jeden von uns haben, zusammengenommen verbringen wir in und mit ihnen wahrscheinlich 85% unserer Zeit. Beide sind ein klassisches Beispiel von perfekt gibt es nicht, aber mit dem ein oder anderen Kompromiss ist gut gut genug, um sie zu behalten. Mit den beiden bin ich also die meiste Zeit zufrieden - das eine gibt mir ein Gefühl von Zuhause, das andere zunehmende Expertise, Erfahrung und Reputation. Und trotzdem: es ist gewissermaßen ein Stillstand - und Stillstand ist Rückschritt, oder?

 

Vor 2 Wochen hatte ich mit einer sehr guten Freundin mehrere Gespräche zu meinen Gedanken dazu und auch darüber, in welcher Lage sie sich befindet. Wir haben zusammen studiert, sie lebt in Frankfurt, hat einen guten Job, eine bezahlbare, zentrale Wohnung und ist objektiv betrachtet ähnlich gut situiert, sie hat einen intakten Freundeskreis und erfüllende Hobbies. Und auch sie fragt sich, was fehlt, wie es weitergeht - woran sie wachsen kann. Als wir so darüber sprachen, wurde uns beiden bewusst, dass wir tatsächlich in einer Phase unseres Lebens angekommen sind, in der wir nicht mehr wie bescheuert in recht kurzen Intervallen auf irgendwas hinarbeiten, was das nächste Ziel in Form einer Klausurenphase, eines Praktikums, der Bewerbung dafür, des nächsten Auslandssemesters, des nächsten Umzuges dafür, der nächsten Masterarbeit darstellt. 

Unbenommen, unsere Herausforderungen mögen andere und nicht eben einfachere sein, aber sie sind vergleichsweise weniger disruptiv, wesentlich langfristiger und wir bekommen sie nicht von einem Curriculum diktiert, sondern entscheiden uns selbst für sie bzw. müssen uns selbst für sie entscheiden. Und wir können uns hier vergleichen, denn in unser beider Leben (und in dem von noch so ca. 6-7 weiteren mir nahe stehenden Menschen) war das eben über ein paar Jahre hinweg ein ähnlich abwechslungsreiches, chaotisches und kompetitives Dasein. Und diese Darstellung - das ist mir wichtig - will sich nicht mit anderen lineareren Lebensläufen vergleichen, aber 10-15 Umzüge in 6 Jahren mit bis zu halbjährlichen Aufenthalten in bis zu 4 neuen Ländern außerhalb Deutschlands bis zum Alter von 25 verhindert eben Stillstand und fordert Wachstum. "Man arbeitet immer auf etwas hin und kaum bist Du da angekommen, musst Du schon überlegen, was Du für das Nächste machen musst - Du kommst gar nicht mehr zur Ruhe oder zum Überlegen und diese von außen vorgegebene Taktung fehlt jetzt einfach", hatte sie abschließend gesagt und ich glaube, damit hat sie sehr recht.

 

Wir befinden uns also in einer Phase, in der wir einen sicheren guten Job haben, halbwegs gesettelt sind, uns (zumindest für diese Phase) für eine Stadt, für einen Freundeskreis, für tägliche Routinen entschieden zu haben scheinen. Und ich? Naja. Ich wachse nicht, zumindest habe ich nicht mehr das Gefühl. Während man in den ersten Monaten in einem neuen Job und/oder einer neuen Branche eine relativ steile Lernkurve spürt, die sich nicht unselten wie Überforderung anfühlen wird, flacht diese mit der Zeit natürlicherweise ab. Tasks werden repetetiv, Wissen wird mehr, Prozesse bekannt und Präsentationen vor vielen oder wichtigen Menschen weniger furchteinflößend. Ich habe das erkannt, weil mir weniger der Dinge, die ich lese oder höre neu oder ein Zuwachs an Wissen sind, weil mich weniger zwingt, darüber tiefergehend nachzudenken und weil mich die vor mir liegenden, täglichen Aufgaben mehr und mehr langweilen. Ich habe mit meinem Chef persönliche Entwicklungsfelder identifiziert und arbeite mit einem Coach an meiner Seniorität, ein Buzzword zugegeben, aber leider ein für mich wichtiges (und an meinem manchmal zu wenig ausgeprägten Pokerface).  Ich habe außerdem um ein wirklich mal herausforderndes Projekt gebeten und das habe ich in Form eines komplexen Kalkulationsmodels zum Finanzforecast auch bekommen. Wo ich mich reinfuchsen muss, woran ich vermutlich vorübergehend verzweifeln und worüber ich fluchen werde, wird mich wachsen lassen, so meine Hoffnung.

 

Was mache ich noch? Ich spiele immer mal wieder mit dem Gedanken umzuziehen, also innerhalb Münchens und auch nur in einem gewissen Radius. Nachdem ich aber neulich eine Wohnung im Blick hatte, wurde mir bewusst, dass ich nur umziehe, wenn es eine eklatante Verbesserung im Sinne eines Balkons und einer Badewanne umfasst und wenn mein Bauch mir sagt "Tu es". Achso. Oder wenn ich in den nächsten Jahren doch mit jemandem zusammenziehen sollte. Und bis dahin werde ich Abwechslung herbeiführen, indem ich meine Einrichtung ein wenig umgestalte - Ideen habe ich schon ein paar.

 

Zu guter letzt der Bereich Beziehungen, Partnerschaft und Liebe (und das zu erwähnen macht Sinn, wenn ich darauf schaue, wo andere da stehen), ich lebe nämlich in einem nicht ganz eindeutig zu definierenden Beziehungsstand. Also objektiv ist es ledig, Single, keine Kinder, aber subjektiv ist das Single so glasklar schon nicht mehr. Wir, also dieser Mann und ich, treffen uns, tuen Dinge, die Paare tun, aber wir sind keines. Wir schlafen mit niemand anderem (etwas was man gemeinhin als „Exklusivität“ bezeichnet), wir lassen den anderen zu einem gewissen Grad an unseren Gedanken und Gefühlen teilhaben. Wir unterhalten uns über die Zukunft, aber nicht unbedingt darüber, wie wir sie gemeinsam gestalten würden. Unser Weg bis hierher war nicht ganz frei von Hindernissen und Herausforderungen - wer, wenn nicht Ihr und Sie hat das anhand all der Texte im letzten und Anfang diesen Jahres mitverfolgen dürfen - und mir bedeuten, das was wir haben und dieser Mann sehr viel - auch wenn es in keine Definition passt. Am ehesten ist es vielleicht noch Mingle, aber das spielt im Grunde auch keine Rolle. 

Linearität des Zusammenfindens und bis dahin vergangene Zeit sind kein Gradmesser für Liebe oder Zuneigung, das habe ich ihm neulich so ähnlich gesagt - und gesellschaftlich vordefinierte Kategorien von partnerschaftlichem Zusammensein sind es eben auch nicht. Nicht unbedingt.

 

Yeah sex is cool but have you ever received emotional support from a like minded individual who wants to be a part of your growth and development?

 

 

 

 

 

>> To be continued >> Teil 2 coming soon

 

 

 

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Manchmal passiert lange Zeit nichts und dann alles auf einmal

Wow. Nun habe ich über 3 Monate nichts geschrieben - zumindest nicht am Blog. Grund dafür? Sehr viele. Da heute also der erste Tag ist, an dem ich es wirklich wieder in den Fingern fühle, im Folgenden der Versuch eines halbeleganten Anschlusses an den letzten Eintrag und einer nicht ganz so chaotischen Zusammenfassung der letzten 98 Tage. Wo Worte nicht reichen, hängt ein Link dahinter und/oder Bilder unten dran. Enjoy!

 

 

 

Erlebt

 

 

weswegen ich jetzt froh bin, mal eine Weile in München zu sein - Gewesen

In Berlin, Mannheim, Dresden und Prag.

(No holiday, just business)

 

 

Gesehen

  • Fifty Shades of Grey - Befreite Lust (tatsächlich der beste der drei Filme)
  • Die Verlegerin (ich liebe Meryl Streep, aber die Rolle war bissel farblos)
  • Red Sparrow (wenn einem Salt und Atomic Blonde weder verwirrend noch brutal noch lang genug waren)
  • Black Panther (eigentlich kein Superhelden-Film Fan, aber der hier ist echt empfehlenswert)
  • Unsere Erde 2 (Günther Jauch spricht den Erzähler und man sieht Tierbabys, needless to say more)
  • Vielmachglas, Dieses bescheuerte Herz, Midnight Sun, Game Night, The Avengers: Infinity War (alle joar.. ne)

 

 

 

weil jeder weiß, wie sehr ich gute Sprüche & Zitate liebe - Sprüche

 

Follow your heart, but take your brain with you.

 

What doesn't kill you gives you a lot of unhealthy coping mechanisms and a really dark sense of humor.

 

Friends come and go like waves of the ocean but the true ones stick like an octopus on your face.

 

The answer may not lie at the bottom of a bottle of wine, but you should at least check.

 

 

Get you a person who laughs with you when the joke dies like 20 minutes ago.

 

 

 

 

 

Gründe, warum ich nichts am Blog geschrieben habe

  • weil ich tatsächlich mein angefangenes Buchmanuskript wieder rausgekramt habe, dort Texte umarbeite und ein paar Neue schreibe - deren Stil aber nicht auf den Blog passt
  • weil ich andere Texte schreiben wollte und geschrieben habe (einen emotionalen Brief, eine kreative Bewerbung (nicht für einen Job) und eine besondere Email) und die haben meine Kraft für gute Formulierungen ziemlich vereinnahmt

 

 

 

 

 

 

 

weil es diesen Eintrag ins Verhältnis zum letzten setzt und weil es mir viel bedeutet - Status

Ziemlich genau der Inhalts des Flashbacks, in der Gegenwart, so alle 2-3 Tage, mit ebendiesem Menschen, aber in schön. Manchmal konfrontiert einen das Leben wiederholt mit Menschen, die man schon fast abgeschrieben hatte. Vielleicht weil es so sein soll oder weil blöder Zufall oder weil weiß man nicht. Definitiv und immer aber, weil die Geschichte scheinbar noch nicht zu Ende geschrieben ist.

 

It's you, because no one else makes sense.

 

 

 

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Flashback

Es ist der 3. Oktober und jeder (zumindest in Deutschland) weiß, dass dieser Tag die Vereinigung zweier Teile zelebriert.

Ironischerweise habe ich mich entschieden, gerade heute eine Mauer zwischen uns beiden zu ziehen, unsere Leben und uns beide voneinander zu trennen. Glücklicherweise kleben unsere Leben nur ein bisschen aneinander und nicht ineinander - die Wundfläche wäre nicht unwesentlich größer und blutiger und das Auseinanderreißen viel schmerzhafter.

 

Ich stehe also zum unendlichsten Mal vor Deiner Tür und meine Augen huschen über die vielen Klingelschilder. Ich kann mir einfach nicht merken, wo Deines ist - vielleicht will ich es auch nicht. Unter Deinem Namen steht nämlich immer noch ihrer. Der Name der Frau, die so lange in Deinem Leben war und auf die ich, ohne sie zu kennen, unfassbar wütend bin. Wütend, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie sehr alles auseinander fällt, wenn jemand den gemeinsamen Lebensplan ohne Vorankündigung und ohne Diskussion vom Tisch fegt. Wütend, weil ich glaube, dass Du mich wegen ihr nicht an Dich heranlässt. Wütend, weil ich ihr nie das Wasser reichen werde. Deswegen. Und selbst wenn Du protestiertest, wenn Du beteuertest wie sehr Du Dich selbst wieder zusammengesetzt hast, dass es an ihr nicht liege, ich würde nur stumm nicken. Deep inside we've all shattered. 

 

Ich drücke fest auf den Klingelknopf und warte. Oh Gott, wie oft habe ich das gemacht. Wie oft war ich ganz still, um den leisen Türsummer nicht zu überhören. Wie oft habe ich tief Luft geholt, bevor ich die Türe aufschob. Wie oft bin ich mit klopfendem Herzen und Vorfreude in allen Nervenenden die Stufen hochgesprungen. Wie oft standest Du da in der Tür, an den Rahmen gelehnt, schief grinsend. Heute mache ich all das zum letzten Mal. Mit dem einzigen Unterschied, dass heute nichts klopft, nichts pocht, nichts sich freut, nichts mehr Dich erwartet, nichts mehr Dich brauchen will. Alles in mir ist ertaubt, selbst mein Blick ist stumm, nach unten gerichtet. Ich gestehe mir nichts an Empfindungen zu, es endete sonst in meinem persönlichen sofortigen 9/11 - in dem alles in sich einstürzte. 

 

Ich weiß nicht, ob Du meinen Blick deutest, vermutlich nicht. Sonst würdest Du nicht in vorwurfsvollem Ton sagen: "Hättest Du mal meine Nachricht gelesen und nicht geklingelt. Marie schläft". Für den Bruchteil einer Sekunde durchzuckt mich der Gedanke, dass Du nicht Hallo gesagt hast und das Gefühl eines schlechten Gewissens, doch beides verfliegt zu schnell, als dass ich es wahrnähme. Ob Deine Mitbewohnerin nun meinetwegen aufgewacht ist, könnte mir gerade egaler nicht sein. Dass Du mir nie wieder Hallo sagen wirst und es gerade noch gar nicht weißt, zerreißt mich dagegen jetzt schon. 

Ich küsse Dich flüchtig, jedem normalen Mensch ist spätestens hier klar, dass etwas gewaltig nicht mehr stimmt. Ich schlüpfe an Dir vorbei in den Wohnungsflur und streife meine Leoparden Ankle Boots von den Füßen. "Zwischen mutig und nuttig ist ein schmaler Grat", hast Du manchmal zu denen gesagt, böse gemeint war das nie. Das liebe ich an Dir, Deinen Humor.

Ohne mich umzudrehen oder auf Dich zu warten gehe ich den Flur entlang bis ins Wohnzimmer und lasse mich aufs Sofa fallen. Nach einigen Sekunden stehst Du in der Tür, ich kann Dich nicht ansehen. "Ich habe Tee gemacht, magst Du auch einen?" Ich nicke, obwohl ich gar keinen verdammten Tee mag. Weil ich aber Angst habe, vom Sofa zu rutschen und weil ich mich an Dir inklusive heute nie wieder werde festhalten können, nehme ich den Tee und halte mich eben an dem fest. Du setzt Dich neben mich. "Ich kann das nicht mehr. Das. Uns. Ich kann einfach nicht mehr und ich muss das beenden. Jetzt. Heute." Wow, Nina, ohne Vorrede direkt zum Punkt. Und super, keine 7 Sekunden im Gespräch und meine Augen stehen voll mit Tränen. 

"Oh. Okay." Ohne etwas weiter zu sagen, schenkst Du Dir einen Becher Tee ein. Du blickst nach unten. Es muss etwas mit Ingwer und Zitrone sein, es schmeckt wässrig und heiß, im Grunde nach nichts, aber es tut gut. Ein bisschen wie wir waren, heiß und nichts, aber wohltuend.

 

-Schnitt-

 

Mein Gefühl sagt mir, dass Dir in diesem Moment zum ersten Mal wirklich klar wird, wie sehr ich leide. Wie sehr ich die letzten Wochen gelitten habe. Du reibst Dir verstohlen eine Träne aus dem Auge. Das berührt mich, zumindest kurz, denn tatsächlich ist es die manifestierteste Geste, die ich in 3 1/2 Monaten erlebt habe, die zeigt, dass ich Dir nicht egal bin.

 

-Schnitt-

 

"Ich mag mein Leben so wie es ist." sagst Du. Und mir wird plötzlich alles klar. "Und weißt Du, genau das ist der Unterschied: ich hasse mein Leben so wie es gerade ist."

 

-Schnitt-

 

Ich hätte Dir nicht schreiben sollen. 

Richtig. Du hättest mir nicht schreiben sollen. Und der eine Teil von mir vierteilt Dich innerlich dafür, dass Du auch weiterhin, 4 months ahead, weiterhin nur nach Deinen Impulsen, nach Deiner Egozentrik, nach primär Deinem Wohlergehen handelst und es Dir scheißegal ist, wie es einem anderen Menschen damit geht. Wir hatten eine Vereinbarung, dass Du Dich nicht bei mir meldest, nicht wenn Du mich vermisst, nicht wenn Dir der Sex fehlt, nicht wenn Du betrunken bist, nicht wenn Dir langweilig ist. Sondern nur dann, wenn sich etwas fundamental bei Dir ändert, wenn Du mit mir zusammen sein willst, wenn Du wirklich Gefühle für mich hast. Ich habe Dich darum gebeten, nicht weil ich Angst hätte, weich zu werden, umzufallen, freitagnachts zu Dir und in Dein Bett gelaufen zu kommen. So kopflos ich in manchem sein mag, hier wäre ich erstaunlich willensstark. Nein. Nur um mich vor der Hoffnung zu bewahren, die eine Nachricht von Dir bedeutet. Der Mensch wird vor allem von zwei Dingen angetrieben, von Angst und von Hoffnung. Aber was soll ich mit Hoffnung, die Hand in Hand mit Enttäuschung, Einschränkung und Zurückweisung kommt?

Der eine Teil also hasst Dich. Und der andere? Der liebt Dich immer noch. Denn ja, ich habe Dich geliebt. Anders kann ich mir dieses Drama nicht erklären. 

Dieser Teil ist also leider unendlich dankbar für Deine Nachricht, der freut sich, wenn Du mich mit Aufmerksamkeit bedenkst, der ist blind und taub und will nichts Rationales wissen. 

 

 

your name is

the strongest

positive and negative

connotation in any language

it either lights me up or

leaves me aching for days

 

 

 

Ich denke jeden Tag an Dich, ich vermisse Dich jeden Tag. Ich drehe mich jeden Tag auf der Rolltreppe um, wenn ich aus der U-Bahn gestiegen bin und suche die Menschenmenge hinter mir ab. Suche nach Deinem Gesicht. Mein Herz ist immer noch bei Deinem, aber eigentlich bräuchte ich es hier mal wieder. Und für all diese Gefühle hasse ich mich leider, ich schäme und ich ärgere mich. Ich fühle mich erbärmlich und mag mir nicht ausmalen, für wie erbärmlich und lächerlich erst Du mich hältst. Sie hängt immer noch an mir, krass peinlich. Schwach. Nicht selbstbewusst, nicht stark, nicht attraktiv. Wie ein unglücklich verliebter Teenie, der leider noch keine Ahnung hat, wie das Leben läuft.

This is how the world works: You gotta leave before you get left.

 

Ich versuche so sehr, mir Zeit zu geben, mit mir selbst gnädig und fürsorglich zu sein. Ich brauche so lange ich eben brauche. Und wenn es ein Jahr dauert, dauert es ein Jahr. 

Aber Nina, bist Du eigentlich bescheuert?! Wie lange soll dieses Trauerspiel denn noch gehen? 

The worst battle is between what you know and what you feel.

 

-Schnitt-

 

Du wärst gerne mit mir befreundet, ich halte mein Gefühl dazu für paradoxe Perversion. Alles an mir und in mir will Dich sehen, Dich fest umarmen und wahrscheinlich Dich küssen. Deine Stimme wieder hören, die 4 Monate später langsam in meiner Erinnerung verblasst. Alles in mir will alles, aber keine Freundschaft. Ich kann nicht an zwei Orten gleichzeitig existieren. Zumindest im Moment nicht.

 

 

 

 

 

"MANCHE WORTE SCHREIBT MAN NUR, DAMIT SIE ENDLICH AUS DEM KOPF SIND. DASS SIE ABER LEISE IM HERZEN WEITERWOHNEN, VERHINDERT MAN DADURCH NICHT."

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2 in 1 Posts - surprise!

Die Tatsache, dass ich in einem meiner letzten Beiträge vollmundig angeteasert habe, über was ich in meinen nächsten Beiträgen schreiben würde, hilft mir jetzt dabei, meinen Content strukturiert anzugehen. Dass ich mir bei den einzelnen Punkten keine Gedanken gemacht habe, wie ausführlich die jeweiligen Themen, ob sie die einzigen eines Posts sein sollen, bremst mich jetzt etwas aus, aber das soll Euer Problem nicht sein. Wie immer, wenn man nicht weiß, wo man anfängt, fängt man - Ihr erratet es vielleicht - unten an, genau.

 

 

 

Buch Rezension "Milk & Honey"

Im November letzten Jahres habe ich meine letzte Buchbesprechung gepostet - es handelte sich um diese hier. Wer sich dabei schon dachte "Boar Alter, lass‘ mich mit so was bitte in Ruhe", dem sei gesagt, dass es mir leid tut, dass ich schon wieder ein Büchlein dieses Genres empfehlen muss. Mir gefällt es in der Tat aber unheimlich gut - und nicht nur mir, siehe Platz 1 New York Times Bestseller Liste. Ich spreche von "Milk & Honey" der kanadisch-indischen Autorin Rupi Kaur, das sie als ihren ersten Gedichtband 2014 veröffentlicht hat. Ihr später erschienenes Buch, "The Sun and her Flowers" (2017), steht jetzt schon auf meiner Amazon-Wunschliste. Weil ich finde, dass der Klappentext mal wieder besser zusammenfasst, um was es geht, als ich es je könnte, hier ist er: 

 

 

milk and honey is a collection of poetry and prose about love, loss, trauma, abuse, healing, and femininity. It is split into four chapters, and each chapter serves a different purpose, deals with a different pain, heals a different heartache. 

milk and honey takes readers through a journey of the most bitter moments in life and finds sweetness in them because there is sweetness everywhere if you are just willing to look.

 

 

Von ihren eigenen Skizzen illustriert handelt es sich um unheimlich ehrliche, rohe Gedichte, die aus meiner Sicht mit der Weisheit einer älteren Frau die kollektiven, alltäglichen Erfahrungen junger Frauen heutzutage erfassen. Auch ich finde mich in so manchem wieder und daher hat das Buch jetzt, wo ich 2x durch bin an die 20-30 Eselsohren. Das sind meine liebsten Gedichte - von denen ich Euch natürlich auch eine Auswahl präsentieren möchte. Und weil ich das Layout des Buchs wunderschön passend finde, in meinem Post zu diesem Büchlein adäquat widerspiegeln und ganz alleingestellt ohne Vorrede oder Umschreibung wie hier wirken lassen  wollte.. habe ich den Post, surprise, nämlich auch schon geschrieben. Ich habe mir diesmal - mehr noch als sonst - Gedanken gemacht, welches Design dazu passt und welche Ausschnitte ich mit Euch teilen möchte. Und das Ergebnis findet Ihr hier. Enjoy!

 

 

 

 

Dating is over

Wenn man Dating-Apps kündigt, sein Abo löscht, sein Profil dauerhaft entfernt oder seinen Account los wird, fragt einen die App in vielen Fällen, was der Grund sei. Zur Auswahl stehen meistens "ich bin jetzt in einer Beziehung", "die Vorschläge haben mir nicht gefallen", "ich hatte zu wenig Konversationen" und zum Glück auch "Sonstiges". Was man nicht anklicken kann, aber zumindest aus meiner Sicht viel ehrlicher wäre: "ich bin einfach erschöpft", "es ist immer das gleiche, was man da erzählt", "ich denke immer noch an meinem Ex", "ich gebe auf", "wieso seid Ihr alle so langweilig?".

Fakt ist: ich habe vergangene Woche das letzte Relikt meiner Dating Apps gelöscht und gedenke erst mal nicht, mich wieder irgendwo anzumelden. Wozu auch? Tatsächlich habe ich immer, wenn mich die jeweilige App nach dem Grund meiner Abmeldung fragte, auf "Sonstiges" getippt. Alle anderen trafen einfach nicht zu: ich bin immer noch in keiner Beziehung, die Vorschläge haben mir durchaus gefallen und ich hatte definitiv auch genug Konversationen. Und unter "Sonstiges" konnte ich in meinem Kopf die Gründe subsumieren, die ich stattdessen für die wahre Antwort halte - siehe oben.

Neulich saß ich mal wieder bei der Maniküre (wo ich im Übrigen alle 2 Wochen sitze) und dort ist es ein wenig wie beim Friseur, was den therapeutischen Effekt des Gesprächsflusses angeht. Und ein bisschen wie das Klischee mehrerer nebeneinander sitzender Kundinnen, ihnen gegenüber die Kosmetikerin, die sich über die Wahl der Nagellackfarbe oder eben über sonstig weltbewegendes über die Köpfe hinweg und wild durcheinander schnatternd unterhalten. Nachdem ich das anwesende Kollektiv also mit meinen letzten Fails an Dates in mir glücklicherweise angeborenen galgenhumoristischem Ton erheitert hatte, fragte mich die Kundin neben mir, eine junge Frau meines Alters, bildhübsch und scheinbar gut situiert, ob sie sich bei diesen Apps auch mal anmelden solle. Sie sei jetzt 6 1/2 Jahre in einer Beziehung gewesen, frisch getrennt und alle ihre Freundinnen, die schon ewig Single seien, rieten ihr dazu. Der Markt sei nun mal mittlerweile so. In meinem Kopf ratterte es wie verrückt, wie ich trotz meiner eigenen offenkundig vorhandenen Neigung dennoch glaubwürdig und vehement davon abraten und eine weitere junge Frau vor meinen gemachten Erfahrungen schützen würde können. "Um Gottes willen, bloß nicht. Also im Ernst, wenn Sie mir ein bisschen zugehört haben, wissen Sie auch, warum nicht. Dazu kommt: es ist ein bisschen wie eine Sucht oder wie mit Tattoos - wenn man erst mal damit anfängt, kommt man nie mehr ganz weg davon. Also: lassen Sie es. Gehen Sie raus, Sie sind doch jung und hübsch und scheinbar ganz reflektiert, Sie finden unter Garantie jemanden." Ich habe mich in diesem Moment unheimlich alt gefühlt, so als hätte ich bereits in einer Weise resigniert, die ob meiner Lebenssituation absolut nicht angebracht ist. Wäre. Aber genau das ist der Status Quo, den ich vielleicht - hier sollte ich ehrlich mit mir sein - mit der Nutzung von insgesamt 6 Apps, ca. 100 Konversationen und unterm Strich 12 Dates in ca. 3 Monaten auch provoziert habe. Leider kenne ich da keine Mäßigung: entweder ich mache es richtig und riskiere, irgendwann erledigt zu sein oder ich mache es gar nicht. Schwachsinnig, aber wahr. Casual Dating kenne ich nicht, ich kenne nur Power Dating. Mit dem Resultat, ja, dass ich am Punkt bin zu sagen: Dating is over. For now. Ich bin genug mit meinem Job und mir beschäftigt, ich lebe in der analogen Realität und ich weigere mich zu glauben, dass man nicht auch dort jemanden finden kann. Beziehungsweise ich erlaube mir zu sagen, dass ich für alles andere für den Moment zu faul bin, zu ausgelaugt, zu unmotiviert.

Und so sehr vieles am eigenen Verhalten, an der inneren Einstellung zu etwas liegt, so sehr findet sich der Fehler hier unter Anderem auch im System. Mein Lieblingsautor, Michael Nast, dessen neues Buch "Egoland" im Frühling diesen Jahres erscheinen wird, schreibt darin und das finde ich ein schönes Schlusswort: 

 

Das sind die Liebesgeschichten unserer Zeit.

Sie finden in den Köpfen statt, aus der Ferne einer virtuellen Distanz, 

und sie enden, wenn man sich in der Wirklichkeit begegnet.

Sie enden, bevor sie überhaupt beginnen können.

 

 

 

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milk and honey

- by rupi kaur

the

hurting

 

i've had sex she said

but i don't know

what making love feels like

 

 

 

 

if i knew what

safety looked like

i would have spent

less time falling into

arms that were not

 

 

 

the

loving

 

what am i to you he asks

i put my hands in his lap

and whisper you

are every hope

i've ever had

in human form

 

 

 

 

you are the faint line

between faith and

blindly waiting

- letter to my future lover

 

 

 

 

love will come

and when love comes

love will hold you

love will call your name

and you will melt

sometimes though

love will hurt you but

love will never mean to

love will play no games

cause love knows life

has been hard enough already

 

 

 

 

your name is

the strongest

positive and negative

connotation in any language

it either lights me up or

leaves me aching for days

 

 

 

 

i want your hands

to hold

not my hands

your lips

to kiss

not my lips

but other places

 

 

 

the 

breaking

 

i always

get myself

into this mess

i always let him

tell me i am beautiful

and half believe it

i always jump thinking

he will catch me

at the fall

i am hopelessly

a lover and

a dreamer and

that will be the 

death of me

 

 

 

 

don't mistake

salt for sugar

if he wants to

be with you

he will

it's that simple

 

 

 

 

you whisper

i love you

what you mean is

i don't want you to leave

 

 

 

 

i didn't leave because

i stopped loving you

i left because the longer

i stayed the less

i loved myself

 

 

 

 

i don't know what living a balanced life feels like

when i am sad

i don't cry i pour

when i am happy

i don't smile i glow

when i am angry

i don't yell i burn

-

the good thing about feeling in extremes is

when i love i give them wings

but perhaps that isn't 

such a good thing cause

they always tend to leave

and you should see me

when my heart is broken

i don't grieve 

i shatter

 

 

 

 

i will not have you

build me into your life

when

what i want is to

build a life with you

- the difference

 

 

 

 

people go

but how

they left

always stays

 

 

 

 

love is not cruel

we are cruel

love is not a game

we have made a game out of love

 

 

 

 

he isn't coming back

whispered my head

he has to

sobbed my heart

- wilting

 

 

 

 

i am water

soft enough to offer life

tough enough

to drown it away

 

 

 

the

healing

 

the thing about writing is

i can't tell if it's healing

or destroying me

 

 

 

 

you must enter a relationship

with yourself

before anyone else

 

 

 

if the hurt comes

so will the happiness

- be patient

 

 

 

 

most importantly love

like it's the only thing you know how

at the end of the day all of this

means nothing

this page

where you're sitting

your degree

your job

the money

nothing even matters

except love and human connection

who you loved

and how deeply you loved them

how you touched the people around you

and how much you gave them

 

 

 

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Wir kommen nie zu Gedanken - sie kommen zu uns

Es ist Sonntagmorgen, ich sitze bei weit geöffnetem Fenster, ärmellos im Bett. Mir ist nicht kalt, ich genieße die angenehme Frische auf meiner Haut. Als ich das Fenster aufgemacht habe und auch jetzt bilde ich mir ein, das erste Mal Frühling in der Luft zu riechen - Ende Januar zugegeben eher nur so mittelwahrscheinlich. Die Situation hier lässt sich darüber hinaus so beschreiben: Haare zu einem ungeordneten Dutt zusammengeschlungen, Bleaching-Streifen auf den Zähnen, auf den Nägeln eine Farbe, die mich 2 Tage nach der Maniküre offen gesagt nicht glücklich macht, MacBook auf dem Schoß, Arbeitsrechner neben mir. Es könnte unglamouröser nicht sein, vor allem aber ist es ein Setting, in dem mich überrascht, wie sehr es mich zum Schreiben zieht. Gerade wenn ich keinen Anfang, einen Einstieg, ersten Satz, Ice Breaker zwischen mir und dem Geräusch meiner flink auf die Tastatur eintippenden oder verunsichert innehaltenden Finger habe. Aber man will sich nicht ausbremsen - vielleicht wird etwas Schönes daraus. So wie das Zitat, das ich als Titel gewählt habe - ist übrigens nicht von mir, sondern von Heidegger.

 

In meinem letzten Eintrag habe ich zum Ausdruck gebracht, dass mich im Moment viel beschäftigt, dass ich viel nachdenke und ich glaube, das hat verschiedene Ursprünge. Zunächst ist es so, dass ich wieder angefangen habe, regelmäßig zu laufen. Also nicht dass ich damit aktiv je aufgehört hätte - das Laufen begleitet mich mit krankheitsbedingten Unterbrechungen mittlerweile ca. 5 Jahre - aber ich habe es in den letzten Monaten, im letzten Jahr eigentlich, weder priorisiert, noch fokussiert. Irgendwas ist dann doch immer wichtiger (Mails z.B.), redet man sich ein. Irgendwie ist es stressig (viele Meetings), lügt man sich vor. Die Wahrheit aber ist: gerade und genau dann, wenn es viel ist, sollte man sich dem widmen, von dem man weiß, dass es einem Ausgleich verschafft, dass es dem Körper guttut und auch der Seele. Man sollte Zeit aus der vollgestopften Agenda höhlen, wissend wie dankbar man sich selbst sein wird, wenn man es tut. Letztes Jahr habe ich eine tolle Abbildung gesehen, die mit verschiedenen Zitaten Arbeit und Leben in Bezug zueinander setzt - unter Anderem das hier ist mir so sehr im Kopf geblieben, dass es mir jetzt einfällt: Take good care of yourself, you are the only person who can. Nun ja, lange Rede gar kein Sinn: ich habe eben wieder begonnen, immer zu laufen, wenn ich eine Gym in der Nähe habe und das gibt mir 45-50 min. ungestörte Zeit mit mir und meinen Gedanken. Der ein oder andere mag belächeln, wenn ich dabei die Augen schließe (das ist übrigens der Grund, warum ich ohne Ausnahme immer am Band laufe), aber es erleichtert mir das Nachdenken, es lässt alles in meinem Kopf (unbeeinflusst von mir selbst) dahin, wo es hingezogen wird. Mit dem Resultat, dass ich nach 9km, die ich auf der Stelle gelaufen zu sein scheine, in vielen aktuellen Projekten, Problemen und Strukturen ganze Welten, Herangehensweisen und Lösungen weiter und im Kopf so much more at ease mit mir selbst bin. Auch hier entstehen übrigens Ideen zum Blog.

Ein weiterer Grund wird sein, dass ich in diesem Monat ein paar tolle Stücke Musik für mich entdeckt habe, die schreibe ich ganz unten als Empfehlung auf. Man sagt nicht umsonst "Musik an, Welt aus" und so sehr einen manche Lieder vor allem an den Gefühlen nehmen, so sehr erinnert man sich, träumt, reflektiert, sinniert man nun doch mit dem Kopf. Auf eine schöne Weise. Und vielleicht, weil jemand anderes so selbstverständlich die Worte in Melodien legt, nach denen man gar keine Ahnung hatte, ewig gesucht zu haben.

Zu guter letzt habe ich gestern und vor einer Woche mit zwei Menschen telefoniert, mit denen ich nicht häufig spreche, es möglicherweise aber ab sofort öfter tun sollte. Beide stehen mir nicht so nah, dass ich sie in meinem allerengsten Freundeskreis sehen würde, beide leben nicht in München und beide habe ich schon Jahre nicht mehr gesehen. Die Themen waren, obwohl so gut wie nicht überlappend, extrem persönlich für mich wie für meine Gesprächspartner und mir bedeutet es viel, dass wir uns mit so viel Offenheit, Vertrauen und Verständnis begegnen können. Auch wenn man (wie es mit Pia der Fall ist), seit ca. 5 Jahren "nur" über WhatsApp, Instagram und Blogs am Leben der jeweils anderen teilgenommen und die durchaus vorhandenen hardships aus den Zeilen und captions gewittert hat. Mir ist Euer Rat wichtig, er lässt mich Dinge aus einer weiteren Perspektive sehen, er hilft mir an manchem nicht zu verzweifeln, er ist nicht belehrend. Er zeigt mir, dass ich mit der ein oder anderen Thematik nicht alleine bin, er gibt mir das Gefühl, dass meine Reaktionen okay sind, dass ich mich nicht schämen muss, dass es normal ist, was ich fühle. Ich weiß nicht, ob ich zu den so what's eigene Texte schreiben werde - beide Gespräche sind vielleicht gar noch intimer als ich es hier bei vielem bin. Aber wenn ich die Essenz in je einem Satz zusammenfassen müsste, wäre sie: 1) Hab' Geduld mit Dir selbst, gib' Dir Zeit bis Du es verarbeitet hast - Du brauchst so lange Du eben brauchst und das ist okay so. Und 2) Fang' an und mach' ein paar Dinge einfach anders, probier' Neues aus, schaff' Dir schöne Momente, die nichts mit funktionieren müssen oder Leistung oder Perfektionismus zu tun haben.

Und so generisch das beides klingt, für mich hat es eine Bedeutung darin, die Worte vor mir selbst zu wiederholen, mir weniger Druck zu machen - etwas von dem mir mit 26 wirklich brutal bewusst wird, wie sehr ich es nicht kann. 

 

So. Der geneigte Leser mag sich jetzt denken: "Prima, sie denkt nach und zwar viel und heftig, what now?" Tjaha. Ohne mich selbst unter Druck setzen zu wollen und ohne ein in der nächsten Ausgabe lesen Sie, sind hier die Themen, die vor allem als Ergebnis des vielen Denkens zumindest unter folgenden Arbeitstiteln in meiner Blogthemen-Datei stehen - Eure und Ihre letzte Chance, ein Veto einzulegen ;)

  • 2018: Gute Vorsätze vs. (schöne) Dinge, die ich in mein Leben holen möchte
  • Dating is over
  • What makes us "click" with another person?
  • Buch Rezension "Milk & Honey"

 

Und hier, weil oben versprochen, meine aktuelle Lieblingsmusik - viel Spaß beim Anhören! xx

 

James Arthur

Naked (Single, 2017)

Back from the Edge (2016) - beste Lieder: Can I Be Him, I Am, Train Wreck, Safe Inside, Let Me Love the Lonely, Sermon, Skeletons

James Arthur (2013) - beste Lieder: You're Nobody Til Somebody Loves You, Get Down, Supposed, Is This Love?, Certain Things

 

Kanye West

808s & Heartbreak (2008) - beste Lieder: Street Lights, See You in My Nightmares, Coldest Winter, Love Lockdown

 

Fakear

Give Me a Sign (Single, 2017)

Animal (2016) - beste Lieder: Sheer-Khan, Animal, My Own Sun, Red Lines, De La Luz, Lessons, La belle âme, Ankara, Rise, Song For Jo

 

Gestört aber GeiL

#ZWEI (2017) - beste Lieder: Be My Now, Daddy Says

 

Marie Bothmer - Fieber (2017)

 

Roy Woods - Dangerous (2016)

 

Axwell Λ Ingrosso - I Love You (2017)

 

Arlissa & Jonas Blue - Hearts Ain't Gonna Lie (2018)

 

R3hab & Krewella - Ain't That Why (2018)

 

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Fast 10%

"Sind Sie Beraterin?" Ich schaue von meinem iPhone hoch. "Ob ich was bin?" "Beraterin." "Gott bewahre, nein. Ich bin keine Beraterin. Wie kommen Sie denn darauf?" "Sie kommen doch von einer Geschäftsreise, oder?" "Ja, schon, aber es ist doch Dienstagabend. Die meisten Berater fliegen donnerstags zurück. Das wäre mir auch eh viel zu stressig." Ich wende mich wieder meinem iPhone zu.

Es ist Dienstagabend gegen 23 Uhr, ich sitze im Taxi vom Flughafen zurück, 2 Tage Münster liegen hinter mir. Generell liegt ein durchgetakteter, arbeitsintensiver Januar hinter mir, in dem ich nach relativ kurzer Zeit so viele Projekte und damit verbundene To Dos angehäuft habe, dass ich schon jetzt kaum noch drüber schauen kann. Sodass 12 Stunden Tage durchaus vorkommen. Entsprechend komme ich weder viel zum bewussten Nachdenken noch zum Schreiben - weder das eine noch das andere aber sollen eine Entschuldigung dafür sein, dass ich schon wieder einen Monat lang nichts von mir habe lesen lassen. 

 

Dabei habe ich eigentlich viele Gedanken. Viele Worte und Empfindungen, die mich umtreiben, die sich aber weder auf ein übergeordnetes Thema noch auf eine Anordnung in Sätzen einigen können und es so bis heute nicht schafften, bis zu meinen Fingerspitzen fließen zu wollen. Nicht mal jetzt, beim Tippen endlich, bin ich mir sicher, dass das am Ende alles zum Ausdruck bringt, zu was sich meine Synapsen mal mehr, mal weniger stabil verknüpfen.

Etwas, was mich mal wieder beschäftigt ist das Phänomen der subjektiv rasenden Zeit. Ich habe schon einmal (hier) darüber geschrieben, aber eben jetzt finde ich es wiederholt und präsent erschreckend. Gerade noch war es ein frisches Jahr, erste neue, unbeschadete Tage - doch wie nach einmal Blinzeln ist der Januar vorbei. Der Januar, der über 5 Wochen dauert und so eigentlich viel länger erscheinen müsste, ist vorbei gehuscht, kaum sichtbar, greifbar oder erlebbar. Die ersten 31 von 365 Tagen, die ersten 5 von 52 Wochen, der erste ganze von 12 Monaten. Es ist nicht der BWLer in mir, eher der Laufbandläufer, der eine Affinität dazu hat, Dinge in abgelaufenen Prozentzahlen zu quantifizieren. Je nachdem, welche Einheit man also bemüht, sind bereits fast 10% des Jahres schon wieder vorbei. 

Ich weiß nicht, warum die Zeit gerade für mich so sehr flieht, während andere das "die Zeit rast" nur unbeeindruckt abnicken. Angst ist vielleicht das falsche Wort, aber ich habe die Sorge, dass ich eines Morgens aufwache und mein Leben ist vorüber. Mich sorgt, dass ich nicht mehr all das machen kann, was ich doch noch erleben möchte, dass ich die Momente, die mich bewegen und die pures Leben sind, nicht festhalten kann. Dass ich nur dieses eine Leben habe und dass es vielleicht viel zu kurz sein könnte. Es sind für einen relativ jungen Menschen eigentümliche Besorgnisse - bin ich doch nicht unmittelbar mit der Endlichkeit meines Daseins konfrontiert, wie jemand Altes oder unheilbar Krankes.

Nun gibt es für diese Gedanken keine Linderung oder gar Lösung, aber ich will es trotzdem mal versuchen: das bedauerlichste finde ich tatsächlich, wenn man gar nicht mehr genau weiß, womit man seine objektiv viele Zeit überhaupt verbringt. Tage fließen an einem vorbei, Montag bis Freitag sind manchmal ein Kampf, das Wochenende gerade lang genug, um seine über die Woche angesammelten Angelegenheiten zu ordnen und gerade kurz genug, um in seinen 4 Wänden keine beginnende Depression zu kultivieren. Ich habe mir daher mal wieder ein unprätentiöses Word-Dokument angelegt namens "Keeping track of my year", in das ich mir alles mit notiere, was nur minimal von alltäglichem Aufstehen - Sport - Arbeit - Schlafengehen abweicht - im Guten wie im Schlechten. Ich weiß nicht, ob es mir helfen wird, die Momente mehr festzuhalten, Zeit weniger schnell vergehen zu lassen, mehr zu erleben anstatt zu verleben. Aber einen Versuch ist es wert. Und ein kleiner Auszug meines Januars liest sich also wie folgt:

 

3. Januar: Kino „Star Wars – The Last Jedi“

6. Januar: Geburtstags-Nachfeier im Herzog mit Anja, Andy, Philip und Matthias

14. Januar: kochendes Wasser über die Hand gegossen

17. Januar: Telefonat mit Axel (nach über 1 Jahr endlich wieder!)

 

 

Ein weiterer Gedankenfaden betrifft die Ausrichtung des Blogs. Wer meinen Blog im vergangenen Jahr verfolgt hat, wird wahrgenommen haben, dass ich doch den ein oder anderen sehr nachdenklichen, sehr emotionalen und ja, weil es so ist, auch sehr schmerzenden Text verfasst und hier geteilt habe. Ein ehemaliger Kommilitone schrieb mir unter Anderem dazu: "Gefühle sind doch alle doof. Bewundernswert, dass du das alles so abstrakt betrachten kannst". Und das hat mich sehr ins Nachdenken gebracht, denn das ist nicht die Botschaft, die ich hier vermitteln will.

Was ich eigentlich meine ist, dass es viele verschiedene Gefühle gibt und dass alle ihre Berechtigung haben, gefühlt zu werden. Dass man für Liebe riskieren muss verletzt zu werden (und es auch wird), aber dass es das wert ist - immer. Dass uns nur unsere Gefühle lebendig machen (sogar die doofen) und dass ich lieber die Hochs möchte und die Tiefs nehme anstelle einer horizontalen Gerade auf stabilem Mittelniveau. Vor kurzem habe ich ein Zitat gelesen, das fand ich sehr treffend: "nobody queues for a flat rollercoaster".

Und Jule, Gründerin des Online-Magazins im gegenteil, das im letzten Jahr ein paar meiner Texte veröffentlicht hat (Yay!), schrieb mir zu einem: "Ach, der ist schön. Schön traurig. Aber du machst das schon alles richtig. Fühlen ist anstrengend, aber auch geil."

So what also? Natürlich höre ich nicht auf, emotionale Texte zu schreiben - darin liegt mein Talent und viele von ihnen sind schriftstellerisch sehr gut. Natürlich schreibe ich hier weiterhin über Dinge, die an mich persönlich gehen und die real sind - authentischer content also. Und natürlich können wir nicht direkt beeinflussen, mit welchen Situationen das Leben uns und unser Seelenheil herausfordert. Aber an der Ausgewogenheit der Darstellung kann ich arbeiten und daran, (noch) mehr von den schönen Emotionen und Momenten hier aufzubereiten - in denen man sich unendlich geliebt oder nur über ein Gespräch so unheimlich verstanden fühlt, in denen man so sehr lacht, dass man weint, in denen das Herz schneller klopft. In denen man spürt, dass man lebt eben, in denen man den Moment fest- und die Zeit anhalten will, weil sie so schön und besonders ist..

 

 

 

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Sie sind nicht Du

Vor jetzt bald 3 Monaten habe ich mich entschieden, dass es besser ist zu gehen als zu bleiben. Dass ich nicht mehr länger warten kann, ob oder bis Du Dich in mich verliebst. Dass ich lieber den schmerzhaften Cut jetzt nehme, als das beschissen ungewisse Gefühl bis zum Sankt Nimmerleinstag. Und ich will nicht die ganze Litanei des heartbreaks widerkäuen – we’ve all been there, we all suffered. 

Was machte man also? Nun ja, man trank Wein, viel Wein, man heulte, man kotzte den Wein wieder aus, man meldete sich zum xten Mal auf gleich mehreren Dating Apps an, man stürzte sich in die Arbeit. Man legte sein iPhone mit der Leiter ganz oben auf den Küchenschrank, man schrieb Dinge, die man Dir schreiben wollte statt in WhatsApp lieber in seine Notizen, man starrte wie eine Idiotin auf Dein Profilbild und auf das „Zuletzt online“, man rief den besten Freund an und sagte ihm 1:1 die Worte, die man Dir sagen wollte. Kurzum, man machte und macht immer noch alles, um sich abzulenken, man stellte sich buchstäblich auf den Kopf, um bloß das einzige nicht zu machen, was man auf gar keinen Fall machen darf: Dir schreiben. Dich anrufen. Zu Dir gehen. Auf seine Gefühle hören. Zu seinen Gefühlen stehen - weil das eben gar nichts bringt.

 

Das Blöde aber an dem Wein, den man ja eigentlich trinkt, damit er einem hilft und den ganzen Kummer vergisst, ist, dass er nach dem dritten Glas erbarmungslos an die Oberfläche zerrt, was ich doch so sorgfältig verbuddelt habe. Dieser Verräter. Ich werde also immer mal wieder nicht ganz nüchtern von meiner eigenen Erkenntnis überrumpelt, wie sehr ich den anderen, Dich, manchmal immer noch vermisse, wie sehr ich die Vermissung irgendwo in mich reinvergraben habe und gleichzeitig heuchlerisch beteuere, ich sei ja so cool drüber hinweg. Etwas Anderes kann mein Umfeld auch by the way gar nicht mehr hören. Wenn ich zugäbe, dass es Stand heute immer noch ein bisschen weh tut, würden meine Eltern und mein bester Freund mich nicht in den Arm nehmen. Sie würden die Augen verdrehen und so etwas sagen wie: „Scheiße, Nina, ernsthaft?“

Und das Blöde an den Dating Apps, die man ja eigentlich nutzt, um andere - neue, vielversprechende - Männer kennenzulernen und auch um sich selbst ein bisschen Ego-Push zu verschaffen, ist, dass sie einen auf profanste Weise arrangiert mit Menschen für leider sehr oft nur sehr oberflächliche Gespräche zusammentreffen lassen und daran erinnern, dass unser, Dein und mein, Zusammentreffen für mich so gar nicht profan und arrangiert, sondern nur - klingt kitschig, aber - magisch und zufällig war, serendipitous. Achso. Und diese Dates schreien einem übrigens auch entgegen, dass jeder von ihnen nicht Du ist. Das kann man jetzt gut finden oder nicht.

 

Die Wahrheit ist also: ich habe die nutzlose, nicht zielführende und selbstzerstörerische Sehnsucht nach Deinem spitzbübischen Lächeln, Deinen gezogenen Ähms, Deinen blonden, verstrubbelten Haaren, Deinen warmen, langen Küssen, Deinem Geruch und ja, auch dem phänomenalen Sex mit Dir irgendwo ganz tief in mir versteckt - so tief, dass sie nie rauskommen, dass sie nie Tageslicht sehen, dass keiner sie ahnt, dass ich sie oft selbst schon vergesse. Bis sie mich einholen und mich wie jetzt gerade unterdrückt schluchzen lassen und jeder Knochen in meinem Leib schmerzt und ich verdammt noch mal eigentlich nicht heulen will. Wie lange kann man daran weinen? Wie war das mit dem limitierten Tränen-Kontingent, das man angeblich pro Mann haben soll? Und wieso geht das alles überhaupt?

Nun ja, zum Glück ist mein Herz ein Masochist mit Elefantengedächtnis, der auf der Frequenz, auf der mein Hirn mit ihm spricht taub ist. Die beiden leben seit 26 Jahren nebeneinander her und nie hört der eine dem anderen zu oder gar auf das, was er sagt. Und jetzt, gerade jetzt, wo es einfach mal nice wäre, einzusehen, dass das Ganze nichts bringt, dass es besser so ist, dass wir uns hier echt nur im Kreis drehen und sich nie etwas ändern wird, wenn wir so weitermachen, ist mein Herz weiterhin quengelig, stur und bockig. 

Liebes Herz. Du bist ein Muskel, der wichtigste, den wir haben. Aber eben auch nur ein Muskel. Du bestehst aus 4 Hohlräumen, zwei Vorhöfe und zwei Herzkammern, genannt Atrium und Ventrikel, verteilt auf zwei Hälften – das rechte Herz und das linke. Deine Aufgabe besteht darin, sauerstoffreiches Blut in unseren gesamten Körper und sauerstoffarmes Blut zurück zu Dir und in die Lungenstrombahn zu pumpen. Das ist wichtig, ohne Dich kann niemand leben. Aber das ist im Grunde auch schon alles, was Du tun sollst. Was Du nicht tun sollst ist bei jedem Date mit einem Mann, der halbwegs vernünftig, klug, sympathisch, gutaussehend, was auch immer zu sein scheint, in der Ecke zu sitzen und zu schmollen. 

Für aufgeregtes Herzklopfen und Funken überspringen bist Du viel zu beschäftigt und zwar damit, motzig zu gucken und Deine Schnute und Deinen Blick sagen zu lassen: „Aber er ist nicht J.“. Danke, ich bin ja nicht dumm, das weiß ich selber - zu gut leider.

Und mein Hirn ist langsam genervt, ich bin es auch, denn ich muss die beiden ja schließlich ertragen. Der eine Typ ist also zu nett, der andere sieht zu gut aus, der dritte küsst schlecht (etwas, das sogar ich zugebe), der vierte ist schlicht und ergreifend langweilig. Alles bestimmt nette Männer, nur eben nicht für mich. Und sie sind alle nicht Du – auch die nächsten zehn werden es nicht sein - aber das ist ja auch der Sinn der Übung.

 

Vorgestern Abend auf dem Rückweg von einem Date kam ich, nüchterner nicht sein könnend, an Deinem Haus vorbei und mich traf in voller Wucht, wozu es nach meiner erlernten Logik mindestens 3 Flaschen Wein bedurft hätte. Mir tat schlagartig alles weh, der Kloß im Hals war wieder da, das Bild mit Dir auf dem Sofa zu sitzen, alles. Es war abrupt wieder Sommer, Tränen stiegen mir in die Augen, mein kompletter Oberkörper wurde von feinen, ziependen Stichen durchzogen, ich versuchte weiterzugehen, aber ich konnte es nicht. Ich blieb stehen und starrte die dunklen Fenster Deiner Wohnung an, dachte an Dich, daran, wo Du jetzt sein konntest, ob Du alleine bist. Ich musste schlucken und aussprechen, was ich dachte: „Nina, das wird doch noch eine ganze Weile dauern. This is not over yet.“ 

Und gestern auf dem Rückweg eines anderen Dates kam ich leider wieder an derselben Ecke vorbei und - was viel schlimmer war - ich sah Dein Wohnzimmer erleuchtet. In mir stieg hoch, was ich kaum kenne: eine hässliche Wärme, die von einer wohligen, schönen Erinnerung an uns zehrt und sich gleichzeitig widerlich an der Eifersucht erhitzt, Du könnest da gerade jetzt mit einer anderen sitzen, wo vor ein paar Monaten ich mit Dir saß, ich Dich geküsst, gehalten, ins Bett gezogen habe. 

Der Typ neben mir hat in diesem Moment keine Ahnung von meinen Gedanken, er sieht mein versteinertes Gesicht im Dunkeln nicht. Er redet vor sich hin, ich höre nicht zu und habe keine Ahnung über was. 

Ich setze einen Fuß vor den anderen, lebe einen Tag nach dem nächsten, erledige meinen Job, lache, manchmal bin ich auch glücklich. Aber ich verstehe es einfach nicht: wir sollten im Leben doch darauf vertrauen, dass unsere Gefühle uns in die richtige Richtung führen. Oder? Aber meine Gefühle haben keine Richtung. Sie verlaufen in keiner Linie, sie drehen sich auch nicht im Kreis. Wenn sie irgendeiner Form ähnelten, so wären es zufällige, temporär irgendwo auftauchende Punkte. Ein bisschen wie Malen nach Zahlen - am Ende kommt irgendwas raus, aber schön ist es nicht.

Meine Gefühle führen mich gar nicht, sie verwirren mich nur. Wahrscheinlich sind sie selbst viel zu verwirrt – nach 3 Monaten mehr als eh und je. Dazwischen dass sie nicht wissen, ob ich in Dich verknallt oder verliebt war oder ob ich Dich geliebt habe, ob ich Dich vermisse oder das Gefühl, das Du mir gegeben hast oder ob ich nur einsam bin, ob Du mich vermisst – sehr wahrscheinlich nicht, sonst hättest Du Dich längst gemeldet – und wann es aufhört so zu sein wie es gerade ist. Wann es aufhört, wehzutun, wann ich weiterkomme im Leben, wann ich nicht mehr nachts oder tags oder irgendwann an Dich denke. Wann ich mich einfach umhauen lassen kann von jemand Neuem. Und wann mein Herz über diesen Mann mir gegenüber endlich nicht mehr sagt: er ist eben nicht Du.

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Gut · Wahr · Schön

Nachdem ich in letzter Zeit eher persönliche Texte mit emotionalen Themen geschrieben habe, möchte ich mich mal wieder ein bisschen dem anderen Schwerpunkt des Blogs widmen: Besprechung von Erlebnissen, Kunst, Rezension von Literatur. Einen Anfang mache ich daher mit der Ausstellung »GUT · WAHR · SCHÖN - MEISTERWERKE DES PARISER SALONS AUS DEM MUSÉE D'ORSAY«, die aktuell in der Kunsthalle in München zu besuchen ist.

 

 

Ich habe mir diese Ausstellung vor ca. 3 Wochen zusammen mit meiner Mutter angesehen und bin ehrlicherweise noch immer hin- und hergerissen, ob ich sie empfehlen kann oder nicht. Zunächst sollte man sich vor Augen führen, wie das, was man da betrachtet kunsthistorisch einzuordnen ist, wie Leihgaben aus dem Pariser Musée d'Orsay hier reinpassen und was es mit dem etwas kryptischen Titel auf sich hat.

Den "Salon de Paris" zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert kann man sich in etwa wie das jährliche Mega-Event der zeitgenössischen Kunstszene vorstellen. Bedeutende Kunstmessen, die wichtigsten zeitgenössischen Museen der Welt, tausende Künstler, Kunstinteressierte aller gesellschaftlichen Schichten kamen zusammen, um zu begutachten, was gerade "in" ist. Das "in" der damaligen Zeit lässt sich anhand eines strengen, ästhetischen Schönheits- und Lehrideals beschreiben: nämlich gut, wahr und schön.

Es handelt sich bei den jetzt vom Pariser Salon und dem weltbekannten Musée d'Orsay geliehenen, in München ausgestellten Werken vornehmlich um, wenig verwunderlich, die französischer Künstler - ein Großteil davon selbst mir nichts sagend, die sich doch einigermaßen mit Kunst auskennt. Aber anyway. Insgesamt handelt es sich um mehr als 100 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen - was am Ende des Tages in den Räumen der Kunsthalle gar nicht mal so viel wirkt - man ist entsprechend durchaus noch aufnahmefähig, wenn man die Ausstellungsräume verlässt. Von den Motiven her konzentriert sich das Ganze auf antike Mythologie, biblische Szenen sowie allegorische und dekorative Momente. Etwas Grundwissen zu dem ein oder anderen tut also nicht weh.

 

Wenn man jetzt, so wie ich, mit zwei grundsätzlichen Verhaltensweisen bzw. Ansprüchen in Museen und Ausstellungen geht, kann man es hier durchaus ganz gut aushalten: erstens bin ich ein Eklektiker, nicht nur bei Kunst, sondern per se bei vielem. Ich picke mir gerne Dinge heraus, die mir gefallen, taugen oder in mein Weltbild passen und setze mir daraus ein schönes Erlebnis oder eben etwas Neues zusammen. Zweitens sehe ich mir gerne Kunst an, die "schön" ist. Ich habe nichts gegen auch mal verstörende Bilder, aber meine Vorliebe gilt Werken, die ein Balsam für die Augen sind, sei es wegen ihrer Farbkomposition, ihres Minimalismus, ihrer ausgestrahlten Ruhe, ihrer Detailtreue einer ästhetischen Szene, was auch immer. Ich sehe mir daher generell gerne Impressionisten an (Monet, Renoir, Degas, Cézanne sind meine Favoriten) oder abstrakten Expressionismus (Rothko, de Kooning, Pollock, Twombly, Teile von Gerhard Richter) oder - mein persönliches, von anderen oft nicht nachvollziehbares Faible - niederländische Stillleben (Brueghel d.Ä., van Dyck, Claesz, Kalf). Da sind eigentlich meine Ansprüche gut abgedeckt.

Zurück zu besagter Ausstellung muss man sagen, dass viele Gemälde einfach sehr schön anzusehen sind (und jeder Kunstkritiker verzeihe mir diese primitive Bewertung) und man sich ohne größere Anstöße zu nehmen, durch diese großzügige und nicht allzu fordernde Hängung treiben lassen kann. Für die Höhe des Eintritts (wie immer in der Kunsthalle eher zu teuer) kann einem das reichen, muss es aber nicht. Im letzteren Fall und dank unseres kontemporären Kulturniedergangs kann man sich das ganze natürlich auch unter dem Hashtag #gutwahrschön auf Twitter und Instagram ansehen - wenn es einem das Geld nicht wert sein sollte.

Ich war trotzdem ganz happy - ich war allerdings auch eingeladen..

 

 

 

Praktische Informationen

GUT · WAHR · SCHÖN - MEISTERWERKE DES PARISER SALONS AUS DEM MUSÉE D'ORSAY, 22. September 2017 bis 28. Januar 2018. 

 

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung

Theatinerstraße 8

(in den Fünf Höfen)

80333 München

 

Täglich geöffnet, 10-20 Uhr.

 

Eintritt regulär €12, Senioren €11, Kinder (bis 18 Jahre) €1 - an Montagen 50% Ermäßigung auf alle Eintrittspreise.

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Il sangue non è acqua

Manchmal, wenn ich mich mit Menschen unterhalte, die aus welchen Gründen auch immer bisher nicht in den Genuss gekommen sind, in meine leicht Patchwork-artigen Familienverhältnisse eingeführt worden zu sein, ertappe ich mich dabei, dass ich meine Worte extrem sorgfältig wähle. Wenn ich über meine Familie spreche, konkret über meinen jetzigen Papa, differenziere ich sehr klar zwischen meinem "biologischen Erzeuger" - ein Ausdruck, der im Übrigen gut und gerne aus einem Buch von Sarah Kuttner oder Charlotte Roche stammen könnte - und meinem jetzigen Vater, also Papa, dem Mann meiner Mutter, Alfons eben. 

Mir ist hier nicht wichtig, die Historie der Trennung meiner leiblichen Eltern zu rekonstruieren oder wie wir dahin gekommen sind, wo meine Mutter, Alfons und ich heute stehen. Aber mir ist wichtig, zu belegen, warum Alfons jeden Tag lebendig beweist, dass die relative Dicke von Blut oder Wasser eben völlig irrelevant ist.

 

 

Der Satz Blut ist dicker als Wasser hat in meiner Sozialisierung nie eine besonders große Wichtigkeit zugemessen bekommen. Er ist darüber hinaus meines Erachtens im Hinblick auf die Entwicklung von Scheidungsraten und demographischem Wandel auch aus der Zeit gefallen. Die Verlässlichkeit des Blutes hat ab- und die Notwendigkeit des Wassers, Familienbande zu tragen, hat zugenommen, könnte man sagen. Ich habe früh erlebt, dass gemeinsame Gene kein automatischer Garant für liebevolles Miteinander, Verantwortungsbewusstsein oder bedingungslose Unterstützung sind. Nicht an mir selbst, aber beispielsweise an der Generation meiner Großeltern. An mir selbst erlebt habe ich es erst später.

Wie kann man nun erklären, wie jemand zu Familie wird, der es per DNA nicht ist? Warum ist es ungleich schwerer zu erläutern, was "ein echter Vater" ist gegenüber dem, was "eine echte Mutter" ist? Was ist überhaupt „eine echte Mutter“?

 

Meine Mutter und mich einte schon immer einiges, was wir mit ähnlicher Ausprägung verfolgten. In anderem dagegen unterscheiden wir uns bis heute sehr deutlich. Von meiner Mutter habe ich den Ehrgeiz, die Differenziertheit im Denken, das Durchhaltevermögen – den drive, wie man neudeutsch wahrscheinlich sagen würde. Von ihr habe ich auch die schlanken Unterschenkel und Schultern, den ein oder anderen Leberfleck und die einigermaßen schmalgliedrigen Hände.

Uns unterscheidet dagegen vor allem die Emotionalität, die wir anderen zeigen. Ich, ein sehr authentischer, offener, direkter Mensch, manchmal unfassbar nah am Wasser gebaut, feinfühlig, extrovertiert, mit einem Hang dazu, bisweilen zu laut zu lachen oder meinen schrägen, sarkastischen Humor kundzutun, mit einem Faible für Sprache und mit einer durchschnittlichen bis langsamen Geschwindigkeit, mich über Dinge aufzuregen. Meine Mutter dagegen turnt in beeindruckender, scheinbar schwereloser Manier dazwischen, den übernächsten beruflich strategischen Schritt zu evaluieren, mich überraschend fest zu umarmen, nach einem von mir vorgelesenen Blogtext mit Tränen der Rührung dazusitzen, über eine Verfehlung der Deutschen Post in einen (oft berechtigten) atomaren Tobsuchtsanfall auszubrechen oder mir seit gefühlter Ewigkeit das Konzept des „willst Du was gelten, dann mach’ Dich selten“ näherzubringen.

Meine Mutter hat mich zur Welt gebracht, war nie nicht in meinem Leben und hat nie einen Zweifel an ihrer Liebe zu mir und ihrem Stolz auf mich gelassen. Ich glaube, das ist eine Form davon, „eine echte Mutter“ zu sein.

 

Was aber ist nun „ein echter Vater"? Was kann er sein, wenn ich nicht meine Gene von ihm habe? Wo hört Biologie auf und wo fängt Verwandtschaft an? 

Alfons war derjenige, der mich seit er meine Mutter kennt – und das sind jetzt auch 6-7 Jahre - so behandelt hat, als sei ich sein eigenes Kind. Es gab keine Versuche, sich einer möglichen, wenn auch zu Anfang nicht rechtlich legitimierten Verantwortlichkeit zu entwinden. Ich spürte früh, wie sehr er bei sich einen wenn nicht „Erziehungs-“, so zumindest doch „Prägungsauftrag“ für mich sah und wahrnahm. Er setzte sich selbst mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit, doch ohne jegliches Drängen in die bis dahin verwaiste Vaterrolle, die mir in den für meine Prägung wichtigen Jahren als junge, erwachsene Frau so bitter gefehlt hatte. Er ließ mich umsonst in seiner Wohnung wohnen, als mir in meiner eigenen die Decke auf den Kopf fiel. 

Mittlerweile ist Alfons einfach da, wenn ich nicht mit dem x-ten Problem auch noch zu meiner Mutter will - vor allem, wenn es sich um ein Männerproblem handelt. Er ist der, der wie ein unsichtbarer Geist alle neuen Lampen in meiner Wohnung angebracht hat, wenn ich nach einem Arbeitstag nach Hause komme und eigentlich bloße Glühbirnen von der Decke baumeln erwarte. Er ist übrigens auch der, der mir beibringt, dass es nicht „Glühbirne“, sondern „Leuchtmittel“ heißen muss. 

Alfons ist enorm klug, auch wenn er sich selbst nie so einschätzen oder bezeichnen würde. Von ihm stammen Sätze wie "das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden" oder "es gibt nicht nur 'ne Handvoll, es gibt das ganze Land voll". Wenn ich manchmal nicht weiß, wie ich mich verhalten, was ich machen soll, kann ich mir sicher sein, dass er es weiß. Von Alfons habe ich mein erstes Mini-Werkzeugset bekommen - gleich zusammen mit Hammer, Nägeln und Zange. Er ist derjenige, der mich vor einem ersten Date anrufen würde und Dinge sagt wie "ich muss Dich doch noch briefen". Bei Alfons kann ich heulen, wenn mir danach ist - ohne erst nach dem Grund gefragt zu werden. Gerade hilft er mir dabei, meine Finanzen etwas zu strukturieren – etwas, dessen ich trotz Master in BWL und aufgrund eines denkbar schlechten, hedonistisch orientierten Umgangs mit Geld stark bedarf. 

Er hat mir vor Kurzem mal erklärt, dass er alles tut, was er auf seinem Punkt kann, um mir zu helfen, glücklich zu werden. Wenn ich nun alles von meiner Seite aus täte, näherten sich die Kreise irgendwann an, schnitten sich, überlagerten sich, glichen sich. Das sei der Punkt, an den wir wollten.

Nun. Er tat und tut das alles, ohne etwas dafür zu erwarten. Es war seine stille und manchmal hörbare Unterstützung in den Jahren, die mich über Wasser hielt, auch wenn er oft im Hintergrund blieb. Anfangs habe ich ihn manchmal auf Distanz gehalten, weil ich a) nicht dachte, dass er jemand war, an dem ich mich festhalten würde können und b) weil ich entsetzliche Angst hatte verkraften zu müssen, dass nochmal ein Mann meine Mutter und mich verlässt. 

 

Mittlerweile ist da keine Distanz mehr. Also: wie kann jemand zu einem echten Vater werden? Nun, indem er auf Sätze wie Il sangue non è acqua nichts gibt. Oder in dem er sich meinen zum Vorbild nimmt.

 

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Love Her Wild

Gerne möchte ich Euch, Dir, dem geneigten Leser mal wieder (seit langem) ein tolles Buch empfehlen, das ich nun innerhalb von 2 Wochen schon zum zweiten Mal gelesen habe. Das war auch nicht so schwer, es ist nämlich a) ein Gedichtband und b) in so schöner, emotionaler Sprache geschrieben. dass es einen wirklich ergreift. 

 

 

Es handelt sich um das Büchlein "Love Her Wild" eines Künstlers namens Atticus, das in drei Kapitel unterteilt - "Love", "Her", und "Wild" - vor allem etwas für Menschen ist, die englischsprachiger Literatur und Poesie etwas abgewinnen können und die sich bei emotional eindringlichen Texten nicht direkt an vermeintlichem Kitsch oder Melancholie stoßen. Für Fans von E.E. Cummings, Lord Byron, Shakespeare und William Blake. Der Klappentext beschreibt seinen Inhalt so:

 

 

With honesty, poignancy, and romantic flare, Love Her Wild captures what is both raw and relatable about the smallest and the grandest moments in life: the first glimpse of a new love, a late night drive singing along to a car radio, the irrepressible exuberance of the female spirit, the simple pleasure of a good whiskey. Atticus distills the most exhilarating highs and the heartbreaking lows of life and love into a few short lines, ensuring that his words will become etched in your mind - and will awaken your sense of adventure.

 

 

Unten habe ich meine 15 Lieblingsgedichte reingepackt, den Instagram-Account von Atticus (für die tägliche Dosis sozusagen) findet man hier und kaufen kann man das tolle Werk hier.

 

Enjoy, xx

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An den Mann in Chucks (Peter Pan)

 

 

„Ich hatte einfach nicht das Bedürfnis, mich bei Dir zu melden.“ 

Schon bei diesem Satz, bei diesen elf Worten in 51 Buchstaben hätte ich begreifen müssen. Begreifen müssen, was ich nicht wahrhaben wollte. Ich hätte mich selbst verstehen lassen sollen, dass meine verklärte Hoffnung von einer zumindest halbwegs emotional gespiegelten Verbindlichkeit nicht Wirklichkeit werden wird. Egal wie lange ich gewartet, egal wie sehr ich mich den doch vorhandenen Deltas zwischen Deinem und meinem Leben angenähert hätte - eine gemeinsames hätte es nie gegeben.

Denn: es gab kein Uns. Das „Uns“ war eine täuschend lebendig aussehende Totgeburt, deren Existenz geendet hatte, lange bevor sie überhaupt begann. Und weil ich mich so sehr davor fürchtete, diese Realität rechtzeitig zu akzeptieren, den Schmerz in mir zu beweinen und Dich gehen zu lassen, klammerte ich mich wochenlang an diese Nichtbeziehung, die ich mir mit einem „Wir“ auf der Tonspur und manchmaligem Händchenhalten und wenigstens einmal täglicher Kommunikation schönredete in etwas, was „ja noch hätte werden können“.

 

 

 

„Ich brauche eben Zeit, bei mir ging das nie so schnell, dass ich mich verliebe“ hast Du gesagt.

„In ein paar Monaten sind wir zusammen und ich habe die gleichen Gefühle für Dich wie Du für mich“ wollte ich hören. 

Heute schaffe ich es endlich, Dir nicht zu glauben. Du hättest Dich einfach nur nie in mich verliebt. Diese Erkenntnis ist verletzend. Sie hat mein sorgsam errichtetes Kartenhaus umgefegt, eingerissen, im freien Fall, unumkehrbar. Sie hat eine Delle in mein Selbstbewusstsein als Frau gehauen, dass ich für einen bestimmten Mann nicht reiche. Es ist okay, ich kriege diese Delle auch wieder raus. Aber Du, vielleicht verliebst auch Du Dich irgendwann mal von einer Sekunde auf die andere und brauchst keine Zeit oder Dein Herz gibt Dir gar keine, weil Dich ein Mensch einfach so umhaut. Dann kannst Du vielleicht nachvollziehen wie es mir ging mit Dir.

 

 

 

„Ich weiß nicht, wie es mir gehen wird, wenn ich Dich ab jetzt nicht mehr sehen kann“ hast Du gesagt.

„Ich hoffe, dass es mir langfristig besser geht, wenn ich Dich ab jetzt nicht mehr sehen muss“, habe ich geantwortet.

Bis zum Ende des Jahres hatte ich Dir geben wollen. Doch Ende September war ich ein Wrack. Die anfänglich pure Begeisterung für Dich als Mensch und für Deine Art mit mir umzugehen, hat sich im Lauf der Zeit einen Antagonisten zugelegt: eine nagende, unbefriedigende Gefühlsmixtur aus Angst, Dich zu verlieren, Eifersucht auf die 6 ½ Tage in der Woche, in der wir uns nicht sehen, grundlagenlosem Hoffen, Du mögest Dich für mich entscheiden und Wut über Deine fehlende Sehnsucht, Dich bei mir zu melden. 

Wie die Wochen vergingen kippte das Verhältnis der beiden in eine Schieflage, mit der es mir immer öfter nur noch schlecht ging, als dass sie mich glücklich gemacht hätte. Ende September hatte ich für das Gefühl, das ich mit Deinem Namen verband nur noch Tränen übrig. Ich rettete mich herüber bis zum Tag der Deutschen Einheit und redete meinem Herz und meiner Würde gut zu, dass wir jetzt zu dritt die Reißleine zögen. Die beiden schauten mich ungläubig an, hatte ich doch in den letzten Monaten entgegen aller Selbstfürsorge so viel von ihnen genommen. 

 

 

 

„Hattest Du bei mir das Gefühl, dass ich der Richtige hätte sein können?“ hast Du gefragt. 

„Ich weiß es nicht. Es ist schwer, das Gefühl in sich zu nähren, jemand anderes, den man unfassbar toll findet, ist der Richtige, wenn der Dich permanent auf Armeslänge Abstand hält“, habe ich geantwortet.

Was ich meinte, war: so einfach ist das Leben nicht. Es gibt viele Richtige, mindestens aber für eine Person mehr als einen. Für mich warst Du einer von ihnen. Aber das habe ich Dir nicht gesagt. 

Anfangs hielt ich das für absurd. Wie kann etwas so Kurzes mich so sehr verletzen? Der Grund ist: Es geht gar nicht nur um das, was wir hatten. Das, was so sehr schmerzt, dass ich es körperlich spüren konnte, ist die Vernichtung der Vorstellung, was wir hätten sein können.

 

 

 

„Bereust Du die Zeit mit mir?“ hast Du gefragt.

„Nein. Niemals. Ich habe Verliebtheit gefühlt und ich habe viel gelacht, ich habe viele der Momente genossen. Ich weiß, dass man für Liebe Risiken eingehen muss und dass man bisweilen sehr verletzt wird. Aber müsste ich mich entscheiden, ob ich Dich noch mal in der U-Bahn anspreche mit dem Wissen, wie das Ganze heute endet, ich würde alles noch mal exakt genauso machen."

Du bist nicht mehr da. Also schon noch, aber nicht bei mir. Aber das warst Du ja eh nie, wenn ich ehrlich bin. Ich habe Dich stehen lassen, gerade weil ich Dich so toll fand. Eigentlich finde, denn die Gründe, warum man jemandes Art schätzt, lösen sich ja nicht in Luft auf. Ich habe Dich stehen lassen, weil es nach meinem ersten alles initiierenden der letzte Akt der Selbstbestimmtheit sein musste, den ich für mich beanspruchen konnte. Mit mir hat es begonnen, mit mir lasse ich es auch enden.

Ich fühle mich so stark darin gegangen zu sein, so stark darin, mich nicht bei Dir zu melden, so stark darin, wie ich mit den Tränen, die immer noch manchmal kommen umgehe, so stark darin zu wissen, dass mir jemand anderes das geben wird, was Du nie hättest können.

 

 

 

Deine Nummer habe ich immer noch nicht gelöscht. Gleichzeitig würde ich mir eher einen Finger abhacken, als Dich anzurufen. Dabei mag ich Dich noch immer, Mann in Chucks, Peter Pan. Und ich bin mir gar nicht mal so sicher, ob ich von Liebe zu Dir wirklich weit entfernt war. Vermutlich nicht.

Heute glaube ich trotzdem: ich habe alles richtig gemacht. Ich bin gegangen. Ich mache alles richtig. Ich vermisse dich. Noch ein bisschen. Noch eine kleine Weile. Bis es sich wieder ganz leicht anfühlt und mein Herz sich die restlichen Fasern zurückerobert hat, die ich Dir gegeben habe. Im Gleichtakt schlägt es zum Glück schon wieder öfter. 

Ich finde nämlich, Liebe sollte sich unbedingt und immer ganz unbeschwert und gleichtaktig anfühlen.

 

 

 

Teile dieses Textes entstammen dem Artikel "Tarnfarben der Liebe", erschienen am 10. November 2017.

 

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#MeToo: Ich auch - Teil II

sex takes the consent of two

if one person is lying there not doing anything

cause they are not ready

or not in the mood

or simply don't want to

yet the other is having sex

with their body it's not love

it is rape

- rupi kaur

 

 

 

Ich habe schon oft über Dinge geschrieben, die sehr persönlich von mir berichten. Ich habe über Panikattacken und Trauer nach Terroranschlägen geschrieben, davon wirklich geliebt worden zu sein oder darüber, was mein Leben reicher macht. Ich gebe sehr viel preis - weil ich mich damit wohl fühle, dass sich Menschen von der Sprache meines neumodischen Tagebuchs hier angesprochen fühlen und weil es an sie rührt, wenn es ihnen ähnlich geht. Der jetzt folgende Text wird der bis dato vielleicht persönlichste.

 

 

Es gibt Momente im Leben eines Menschen, in denen einem etwas fundamental klar wird. Man könnte sie "Wasserglas-Momente" nennen, weil einem jemand ein Glas Wasser ins Gesicht schüttet und man mal aufwacht und merkt, dass hier grade was falsch läuft. Oder man nennt sie "Weihnachtsmann-Momente", denn einem wird gnadenlos klar, dass es den Weihnachtsmann offenbar überhaupt gar nicht gibt, sondern nur Eltern, die den Wunschzettel lesen und die Geschenke bringen. Von diesen Momenten hat man auf wirklich existenzieller Ebene im ganzen Leben nur wenige. Ich hatte in diesen Tagen einen. Mir wurde klar: #MeToo.

Seit nunmehr ungefähr 8 Jahren, die ich auf dieser Erde verbringe, beschäftige ich mich aktiv mit Männern. Oder weniger gestochen ausgedrückt: ich date, habe Beziehungen, habe undefinierbare Dinge, die keine Beziehungen sind, habe Sex, wundere mich, ärgere mich, bin verletzt oder freue mich - alles in Bezug auf und in direkter Verbindung zu Männern. Ich mag Männer, ungefähr die Hälfte meines engen platonischen Freundeskreises besteht aus ihnen. Ich denke nicht, dass Männer Arschlöcher sind.

 

Die gerade stattfindende Diskussion und Bewegung zum Thema Sexismus und sexueller Übergriffe hat mich durch mehrere Phasen des anfänglich wenigen Interesses, dann des Ärgers über meine eigene Ignoranz, der differenzierten Auseinandersetzung und schließlich des Jetzt, der Identifikation mit einigen dieser Frauen geführt. Mir ist das nämlich auch passiert.

Konkret geht es um Situationen, in denen ich Sex mit Männern hatte, mit denen ich eigentlich keinen Sex haben wollte. Situationen, in denen ich "Nein" gesagt habe, aber vielleicht nicht laut genug oder nicht oft genug oder nicht körperlich wehrhaft genug. Situationen, in denen ich dachte "lass' es halt über Dich ergehen" oder "er wird dich schon nicht umbringen" oder "Du willst jetzt nicht die Spielverderberin sein, die Ärger macht, also lass' ihn halt". Oder einfach "ich will das gerade nicht und Du tust mir weh". 

Man verstehe mich nicht falsch: ich glaube nicht, dass das unter Vergewaltigung fällt. Aber bisher dachte ich, das sei halt manchmal so, dass Männer mehr wollen als Frauen, dass man sich eben als Frau manchmal fügen muss, dass das "normal" sei. Wenn ich mir jetzt gerade beim Tippen zusehe und die Worte in meinem Kopf mitdenke, wird mir schlecht. Mir wird schlecht vor mir selbst, wie ich die letzten Jahre nicht begreifen habe können, dass das alles aber nicht "normal" und nicht "okay" war.

 

Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, dem Mann etwas schuldig zu sein, beispielsweise, wenn er Drinks und Taxi bezahlt hat. Oder wenn man sich schon zum dritten Mal trifft. Oder wenn ich mit ihm geflirtet und getanzt habe. Ich hatte das Gefühl "bis zum Schluss" gehen zu müssen - auch wenn in mir drin alles geschrien hat, dass ich das nicht will.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich klar gesagt habe: "Ich will nicht mit Dir schlafen, ich will jetzt lieber alleine nach Hause." In der ich zur Antwort bekam, ich solle mich mal nicht so anstellen - und es dann über mich ergehen ließ.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mich zu einem Wochenend-Trip mit einem Bekannten in einer Stadt verabredet hatte. Für ihn war die Stadt völlig nebensächlich, ich kam an und es gab entgegen der Vereinbarung nur ein Hotelzimmer mit nur einem Bett. Das Ende der Geschichte: ich hatte Sex hatte mit einem doch deutlich älteren, körperlich viel stärkeren Mann, der mich dazu gedrängt hat, obwohl ich es nicht wollte. Er hat mich nicht angesehen, ich habe geweint, das hat er nicht mal gemerkt. Ich habe mich ekelhaft und benutzt gefühlt.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich bei Freunden auf einer Party war und viele der Gäste zusammen in einem Raum auf Matratzen und Betten übernachteten. In der mich einer der anwesenden Jungs so lang begrapschte und versuchte, einfach auf mich drauf zu klettern, dass ich um halb fünf morgens meine Sachen zusammenraffte und panikartig die Wohnung verließ. Ich saß 3 Stunden im Winter in Heidelberg am Bahnhof und habe geheult und mich geschämt. An diesem Tag habe ich mir geschworen, dass ich beim nächsten Mal die Polizei hole und denjenigen anzeige.

Man achtet beim Sex immer wahnsinnig auf die körperliche Gesundheit, aber die psychische wird oft vernachlässigt. Man mutet sich Dinge zu, ich habe mir Dinge zugemutet, die man nicht mehr vergisst, die der Körper nicht mehr vergisst und einem auch nicht verzeiht. Mich haben diese Erlebnisse sehr verunsichert und ich habe viel Respekt mir gegenüber verloren.

 

 

So sehr mir erst jetzt, in diesen Tagen, in denen andere Frauen ihre Erlebnisse teilen, klar wird, dass einige dieser meist Jahre zurückliegenden Erlebnisse wirklich schlimm waren und vor allem nicht "okay" oder "normal", versuche ich mich daran zu stärken, dass sie nicht in einem Vakuum meiner Lebenserfahrungen schweben. Uns macht nicht nur das aus, was scheiße gelaufen ist, sondern alles, was uns widerfährt, mit dem wir umgehen. 

Heute ärgere ich mich nicht über mich selbst. Ich dachte, ich war zu den Zeitpunkten alt genug, meinen Standpunkt zu vertreten, war ich aber nicht. Ich dachte, ich hätte mich durchsetzen können, konnte ich aber nicht. Das habe ich mir selbst oft vorgeworfen, manchmal habe ich gesagt, ich hätte mir den Sex in seiner Gesamtheit selbst "kaputt gemacht". Das habe ich aber nicht.

Sex ist keine Verhandlungssache, darüber sollte man nicht diskutieren müssen. Entweder man will oder man will nicht. Ich habe das Gefühl, Männer denken, sie müssten uns Frauen verführen. Und dass Frauen ein bisschen kokettieren, aber insgeheim mehr wollen. Dass sie wenn sie "Nein" sagen, eigentlich "Ja" meinen. Aber wir meinen nicht "Ja" und auch nicht "Ja, aber nur, wenn Du mich noch länger bequatschst" oder "Ja, aber ich sage nur Nein, weil ich denke, Du hältst mich sonst für eine Schlampe". Wenn ich "Nein" sage, meine ich "Nein" und ich hoffe, ich bin in einem Alter, in dem ich mich zukünftig immer dagegen wehre, wenn ich etwas nicht möchte, gestärkt in der Erkenntnis, dass ich die absolut Einzige bin, die entscheiden darf, ob sie mit einem Mann schlafen will oder nicht.

 

 

 

Teile dieses Textes entstammen dem Artikel "Er hörte einfach nicht auf", erschienen am 30. Oktober 2017.

 

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#MeToo: Ich auch - Teil I

Unter dem Hashtag #MeToo posten seit etwa 2 Wochen weltweit Millionen von Frauen in sozialen Netzwerken, dass und teilweise wie sie Opfer männlicher Sexualität geworden sind - wie sie angemacht, angegrapscht, entwürdigt, vergewaltigt wurden.

Jede Frau mehr, die gesteht, dass auch sie schon mal von sexuellen Übergriffen betroffen war oder ist, verstärkt den Eindruck, das geschehe a) überall und b) viel häufiger als man denkt. Scheinbar so alltäglich, dass sich bisher - wenn überhaupt - im Individuellen darüber geäußert wurde, selten jedoch wie jetzt im Kollektiv. 

Auslöser war bekanntermaßen die Enthüllung um Hollywood-Produzent Harvey Weinstein, der offenbar jahrzehntelang seine Machtposition ausgenutzt hat, um vor allem Schauspielerinnen zu missbrauchen. Am Anfang habe ich sämtliche Artikel dazu ignoriert, weil ich dachte: sexuelle Gewalt ist Alltag, das wird jetzt auch nicht mehr sein als früher und überhaupt Klischee "alter Sack vergreift sich an jungen, unterlegenen Frauen" erfüllt. Je mehr ich dazu lese, desto mehr möchte ich mich für meine anfänglich sehr eindimensionale Haltung in den Hintern beißen. Denn die greift nicht mal in Ansätzen die Vielschichtigkeit des Problems.

 

 

 

Mir hat niemand gesagt, dass ich ein Idiot bin

Der Journalist Christian Gesellmann hat in einem Essay vor Kurzem darüber geschrieben, wie er als Mann über die #MeToo-Debatte denkt. Für viele gilt er plötzlich als Vorzeige-Feminist - und das aus meiner Sicht mit Recht - selbst wenn er nach eigenem Bekunden bisher nie etwas mit Feminismus am Hut hatte.

Ihm gelingt es, im genau angebrachten Ton die Wahrheit darin zu beschreiben, dass das Problem unter Männern nie angesprochen oder diskutiert wird, dass er Zeuge übergriffiger Situationen geworden ist und dass er sich selbst (vor allem in pubertärem Alter) in frauenverachtender Weise geäußert hat.

 

 

"Wir wollen stark sein und sind in Wahrheit oft herablassend.

Wir wollen potent sein und sind in Wahrheit oft belästigend.

Wir denken, wir lieben, und verstehen nicht,

dass es keine Liebe ohne Respekt gibt."

 

 

Dass er seinen Kumpels oder jedenfalls den Tätern jedoch nie gesagt hat, dass sie Idioten sind, wenn sie Frauen angrapschen, über sie wie über Sexobjekte sprechen oder darüber, dass sie deren Notsituationen ausnützen würden, um "einen wegzustecken". Dass ihm selbst niemand gesagt hat, dass er ein Idiot ist.

Gleichzeitig ordnet er das Ganze in den Kontext unserer kulturellen Prägung ein, die wie er schreibt "in unserer Gesellschaft leider zu Ungunsten der Frauen ausgefallen ist". Der abschließende Punkt ist ihm dennoch wichtig: Wir können etwas daran ändern. Und Frauen können Männern öfter sagen, wenn sie Idioten sind.

 

 

Wo ist die Grenze zwischen Kompliment und Sexismus?

Diese Frage habe ich mir tatsächlich schon früher des Öfteren mal gestellt, z.B. als es vor 3-4 Jahren unter dem Hashtag #Aufschrei um die Aussage eines Politikers ging, dass eine Journalistin "ein Dirndl schon ausfüllen" könne. Da habe ich mich gefragt, wer das jetzt entscheiden darf, wie etwas gemeint ist. In diesem Fall bin ich mir nämlich fast sicher, dass es als Kompliment gemeint war. Okay war es aber trotzdem nicht, es war sexistisch.

Jana Weiss, ebenfalls Journalistin dröselt das "Wer also darf sagen, was Sexismus ist und was nicht?" in ihrem Artikel in mehrere Fäden auf. Da ist z.B. die Zeit, in der wir leben, die vermutlich aktuell für sämtliche in diese Richtung gehenden Töne sensibler sein wird als beispielsweise in den 70ern. Die Gewöhnung daran, dass wir vielleicht auch selber unbewusst Sachen sagen, die genau genommen unter Sexismus fielen - unbemerkt und unbeabsichtigt. Daran, dass wir sexistische Bemerkungen von anderen gar nicht als solche wahrnehmen, weil wir nie darüber gesprochen haben, wie genau sich Sexismus definiert.

 

 

"Dinge, die ich ständig höre. Die ich aber auch ständig selbst sage.

Erfahre ich also permanent Sexismus, ohne es zu wissen?

Bin ich selbst sexistisch, ohne es zu wollen?"

 

 

 

Dass der Altersunterschied und das Machtverhältnis eine fast ausschlaggebende Rolle spielen, ist glaube ich klar. 

Als ich vor Kurzem mit meinen Eltern darüber gesprochen habe, habe ich ins Spiel gebracht: mein eigenes Empfinden. Wenn ich eine Formulierung als unangebracht, demütigend, schmierig empfinde oder eine bestimmte Berührung als unangenehm, so müsse dies ebenfalls unter Sexismus fallen. Problematisch dabei: was für mich das Überschreiten einer Grenze bedeutet, muss es nicht für eine andere junge, weiße Frau auch bedeuten. Und ich muss benennen, dass ich als Betroffene in diesem Moment eine junge, weiße Frau bin, denn Alter und Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit (in diesem Fall eben nicht, weil ich nicht schwarz bin) machen es im Zweifelsfall noch schlimmer.

 

Eine wirkliche Antwort, wem die Definitionshoheit in dieser Frage zusteht, gibt es vermutlich nicht. Fakt ist jedoch, dass eine Debatte, in der es anfänglich auch um Vergewaltigungsfälle ging, sich zu einer entwickelt, in der manchen Menschen nicht passt, was und wie andere Menschen etwas gesagt haben. Hier kann es emotional werden, Teile der Gesellschaft werden über die Empfindlichkeit gegenüber dem, was als sexistisch empfunden wird oder die Ignoranz und Abgestumpftheit, dessen was es nicht ist, irritiert sein. Fakt ist auch, dass Menschen, die sich in ihrer Vergangenheit aufgrund ihres Bildungsstandes nie mit Geschlechterverhältnissen beschäftigen konnten oder haben, plötzlich teil eines Diskurses werden können, der sie zu Schuldigen macht - den sie aber vielleicht gar nicht im Grundkern nachvollziehen können: wie kann eine junge Frau schockiert darüber sein, "jung" und "schön" genannt zu werden?

Und was die Grenze zwischen Kompliment und Sexismus betrifft, so hilft vielleicht Oscar Wilde, der gesagt haben soll, Komplimente seien wie Parfum: "sie dürfen duften, aber nie aufdringlich werden." 

 

 

 

 

 

Christian Gesellmann, #metoo Ich auch (Oktober 2017)

Jana Weiss, Höflichkeit ist kein Sexismus (Oktober 2017) 

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Worüber wir reden müssen

Ich möchte heute ausnahmsweise mal über etwas schreiben, was mich gar nicht direkt betrifft, weil ich mich vor Jahren dagegen entschieden habe. Was aber dennoch etwas sehr persönliches ist, für Millionen von Frauen weltweit eine Rolle spielt und was indirekt etwas darüber aussagt wie Männer und Frauen heutzutage mit Verantwortung, Selbstbestimmtheit und Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft umgehen - sofern sie Sex haben. Ich spreche von der Pille und jeder Mann, der jetzt denkt "okay, betrifft mich eh nicht, muss ich nicht weiterlesen, weil Verhütung ist Frauensache" ist Teil des Problems.

 

Ich habe vor Kurzem ein Gespräch mit meinen Eltern geführt, das mich an einer Stelle ziemlich schockiert hat. Es ging sinngemäß darum, dass ich mir schon bewusst sein müsse, dass Sex mit Kondom für Männer halt wirklich nicht so toll sei und Verhütung auch eh Frauensache. In diesem Moment muss ich abwechselnd ausgesehen haben, als fiele mir alles aus dem Gesicht oder als habe ich in etwas sehr saures gebissen. Mich hat in diesem Moment erschüttert, wie unheimlich weit entfernt meine sonst so vernünftigen, aufgeklärten Eltern von der in der Generation der Millenials stattfindenden Debatte zu sein scheinen und wie wenig sie sich mit Gleichberechtigung und Emanzipation in sehr alltäglichen Belangen - wie Sex und Verhütung es sein sollten - auseinander setzen. Ich denke, dass die Wahl der Verhütungsmethode für jeden in Absprache mit dem jeweiligen Partner eine ganz individuelle Entscheidung ist und ich finde Toleranz an wenigen Stellen wichtiger als hier. Die Haltung "Verhütung ist Frauensache" aber finde ich bizarr bis mittelalterlich.

 

Ich habe mich wie oben beschrieben bereits vor Jahren gegen die Pille entschieden, Gründe waren vor allem die negativen Nebenwirkungen - von denen oft erwartet wird, dass man sie sang- und klanglos hinnimmt, wenn man sie hat. Ich habe damals, da war ich ca. 15 Jahre alt über 1 Jahr hinweg 3 verschiedene Minipillen ausprobiert - um es kurz zu machen, ein launisches, in Phasen heulendes, depressiv-aggressives Nervenbündel mit Wassereinlagerungen, spannenden Brüsten & Co. zu sein war kein Spaß. Sicher, alle Frauen reagieren unterschiedlich und manche jubeln einfach über glänzendes Haar, tolle Haut und verschwundene Regelkrämpfe oder nehmen die Pille eh primär deswegen. Was der Rest dazwischen macht, weiß ich nicht, ist aber auch egal. Für mich persönlich war die Entscheidung dagegen in Anbetracht des dahinter liegenden Wirkprinzips - man futtert täglich Hormone und simuliert dem Körper durch Östrogen und Gestagen eine Dauerschwangerschaft - keine allzu schwere. Hormonelle Empfängnisverhütung (darunter fallen auch Spirale, Nuvaring, Pflaster, implantierte Stäbchen, etc.) kam und kommt für mich nicht in Betracht und zum Glück gibt es Alternativen. Womit ich mich langsam mal an den Gegenpart der Verantwortung wage.

 

Bis heute gab es hochgerechnet 1-2 Männer, die die Augen verdreht haben, als ich sagte, ich nähme keine Pille. Begeistert war das Gros auch nicht, aber das kann man vermutlich auch nicht erwarten. Was man aber erwarten kann und was ich auch ehrlich gesagt erwarte ist, dass man sich bewusst ist, dass einen sicheren Schutz vor Krankheiten - gerade wenn man vielleicht noch keinen HIV-Test des Anderen gesehen hat und sich noch nicht seit Jahren kennt - nur ein Kondom bieten kann.

Ich erwarte, dass man das Thema rechtzeitig anspricht und nicht stillschweigend voraussetzt, die Frau mache das schon, weil ist ja ihr Körper und sie wird ja im Zweifelsfall schwanger. 

Ich erwarte, dass sich Männer gleichermaßen für das Thema Verhütung verantwortlich fühlen und wenn sie das bisher nicht getan haben, sich jetzt mal anfangen damit auseinander zu setzen.

 

Man liest es vielleicht: ich ärgere mich ein wenig.

Ich ärgere mich über Frauen, die - nicht immer, aber oft - undifferenziert möglicherweise assoziierte Begleiterscheinungen oder Folgeerkrankungen wie Depressionen, Thrombosen und ein erhöhtes Risiko an Krebs zu erkranken ausschließlich mit der unemanzipierten Argumentation beiseite wischen, das (= die Pille zu nehmen) sei angenehmer und weniger nervig für ihren Freund, Mann, Partner.

Ich ärgere mich über forschende Pharmaunternehmen, die Studien zur Erforschung der „Pille für den Mann“ abbrechen, weil die Nebenwirkungen mit Stimmungsschwankungen, Gewichtsproblemen und sonstigen hormonellen Dysbalancen für Männer nicht zumutbar gewesen seien - hallo??! 

Ich ärgere mich über Männer, die mir weismachen wollen, es sei für sie wesentlich schlimmer für 5min. bis 2 Stunden ein Kondom zu ertragen als für mich, 24 Stunden an 7 Tagen die Woche in 12 Monaten im Jahr in einem Körper zu leben, über den ich die hormonelle Autonomie an eine kleine, kreisrunde Wirkstoffkeule verloren habe.

 

Aber ich sehe es nicht zu schwarz: wie gesagt, ich habe eine Entscheidung getroffen, mit der ich mich wohl fühle und hinter der ich so stehe, dass jeder Mann, der sie nicht akzeptiert, Pech hat. Ich bin froh, dass die Debatte an der ein oder anderen Stelle geführt wird und dass mehr und mehr Frauen heutzutage nicht einfach das machen, was ihnen ihr Gynäkologe auf ein Rezept schreibt. Ich bin froh über Männer, die begreifen, dass wenn sie zu 100% den Spaß wollen, sie auch zu 50% die Verantwortung tragen.

 

 

 

 

Was die Pille mit der Seele von Frauen anstellt (Welt, Januar 2018)

Auch aktuelle hormonelle Kontrazeption erhöht das Brustkrebsrisiko (Ärzteblatt, Dezember 2017)

Why Millennial Women Are Rejecting The Pill (Vogue, November 2017)

Freiheit von der Pille (Süddeutsche Zeitung, November 2017) 

Die Pille: nicht nur Frauensache (Zeit Campus, Oktober 2017)

Verhütung in Zeiten der Gleichberechtigung (Süddeutsche Zeitung, Juni 2017)

Die Antibabypille ist unzumutbar (Zeit, April 2017)

Warum wir heimlich die Pille absetzen (ThisIsJaneWayne, März 2015) 

 

                                                   Credit: Jody Todd

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Life is bitter

Zwei Wochen ist mein letzter Eintrag her,  zwei Wochen, die mir viel länger vorkommen als so manche zwei Monate, die ich mal nichts geschrieben habe. Zu sagen, es gehe mir besser, wäre der Euphemismus davon, dass ich in eine Phase hinüber gleite, in der ich nicht mehr jeden Tag heule. Heartbreak sucks. Aber nachdem die Welt sich weiter dreht und - auch wenn man es manchmal weder glauben kann noch möchte - das Leben weiter geht, im Folgenden ein kleiner Statusbericht.

 

Ich werde auf mich selbst gestoßen. Man verstehe mich nicht falsch, ich habe mich immer schon viel mit mir selbst beschäftigt und konnte meistens auch gut alleine sein, aber jetzt ist es mal wieder so weit und wahrscheinlich ist das sogar gerade ganz angebracht. Ich denke viel nach, vor allem über die Frage, in welche Richtung ich mein Leben verlaufen sehen möchte. In die, in die es im Moment läuft, jedenfalls nicht. Ich bin nicht zufrieden und das wurmt mich.

 

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Vor kurzem saß ich bei meinem Chef im Büro, primär um zu besprechen, an welchen Projekten ich gerade arbeite. "Was nervt Dich? Dich nervt doch irgendwas." Ich rutsche unentschlossen auf der Stuhlkante herum. Mein Chef kennt mich gut, wir verstehen uns, er ist von der Sorte Mensch, der ich mich trotz der stets professionellen Distanz in Bezug auf manche Themen anvertrauen kann und möchte. "Es hat nichts mit meinem Job zutun, da ist echt alles gut. Es ist was Privates." Er nickt. "Es ist.." Mir versagt die Stimme und mir steigen mal wieder die Tränen in die Augen. "Ich kann das Dir jetzt nicht im Detail erzählen, weil ich sonst schon wieder weinen muss. Aber Du kannst Dir vorstellen, worum es in den meisten Fällen geht, wenn Frauen heulen." Er nickt wieder.

Was ich erzähle, um die grobe Gesamtsituation zu skizzieren ist zu wenig, um zu sagen, ich hätte mein Herz ausgeschüttet. Was er mir rät und aus seiner Erfahrung berichtet, ist zu wenig, als dass ich daraus den ultimativen Ratschlag für meine Situation entnehmen könnte - den es im Übrigen eh nicht gibt. Und doch geht es mir hinterher besser. Er sagt, dass er möchte, dass es uns gut geht und zwar in allen Lebensbereichen, weil wir nur dann gut arbeiten können. Ich solle selbst entscheiden, wie viel ich schaffe, wie viel Ablenkung ich möchte und wann ich einfach mal nicht mehr kann oder einen Tag frei brauche. Ich könne mit so was immer zu ihm kommen und das ist einfach ein gutes Gefühl.

 

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Ich versuche viel spazieren zu gehen, wenn ich es schaffe. Mit den Füßen durch rot-orangefarbene Blätterberge und wie poliert glänzende Kastanien auf dem Weg an die Isar. Dort sehe ich so viele Menschen, alle geeint im Wunsch, die letzten verschwenderischen Sonnenstrahlen des Jahres mitzunehmen. Ich beobachte sie, wie sie mit ihren Hunden spazieren gehen, mit ihren Partnern im Gras auf einer Decke liegen, den eigenen Kopf auf der Brust des anderen. Wie sie mit ihren Kindern vorne am Wasser stehen und zusammen kleine Steine oder Äste ins Wasser werfen. Wie sie an mir vorbei joggen, federnder Schritte und geröteter Wangen. Dazwischen ich, ohne Hund, Partner oder Kind und ohne klares Ziel - oder vielleicht gerade mit dem Ziel zu lernen, dass ich alleine auch komplett bin..

 

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Ich versuche viel mit meinen Freunden zu telefonieren, gerade die, die ich länger nicht gesprochen habe, die mir aber eigentlich unheimlich nahe stehen. Diese Gespräche helfen mir, mich zu erinnern, dass es auch im Leben anderer so manche Baustellen gibt, dass auch andere nicht immer zufrieden sind, mit der Ausrichtung, die ihr Leben hat - vor allem erinnern sie mich aber daran, dass ich unheimlich und bedingungslos geliebt werde. Gerade essentiell in Phasen, in denen man sich vielleicht selbst nicht gut ausstehen kann oder in denen einem klar wird, dass es Menschen gibt, deren bedingungslose, unheimliche Liebe man nie bekommen wird - nicht mal, wenn man sich auf den Kopf stellt.

 

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Relativ abstrakt stelle ich mir also wie oben beschrieben die Frage, wo ich mit meinem Leben hinwill. Es sind teilweise unbequeme Fragen, die ich weder erwartet habe oder mir gewünscht hätte, aber die mein Unterbewusstsein nun erbarmungslos an die Oberfläche zerrt und auf die mein Bewusstsein nun Antworten zu finden gezwungen ist. Was möchte ich in den nächsten Jahren erreichen - im Job? Wo möchte ich in den nächsten Jahren ankommen - privat? Muss ich tatsächlich erst mal lernen, mich selbst zu lieben und mir "genug" zu sein? Welche Signale sende ich eigentlich unterbewusst aus und wen ziehe ich damit an? Was möchte ich erleben in den nächsten Jahren? Was muss ich für meine Gesundheit tun, was in den letzten Jahren erheblich gelitten hat? Ist München vielleicht doch nicht die "letzte Station", möchte ich noch mal ins Ausland - oder laufe ich damit weg?

 

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Konkret habe ich nun endlich meinen Urlaub für Mitte bis Ende November gebucht, mache mir nun endlich Termine bei den ganzen Ärzten, die ich bisher in München noch nicht hatte (Hausarzt, Gynäkologe & Co), "saniere" meine Finanzen und verbringe viel Zeit mit meinen Eltern.

Und ja, ganz typischerweise weine ich immer noch jeden 2. Tag und widerstehe dem Drang, ihm zu schreiben und spüre einen Kloß im Hals, wenn ich Ecken sehe, an denen wir gemeinsam waren. Ich balanciere also auf diesem haarfeinen, hauchdünnen Grat zwischen meiner idiotischen Sehnsucht, er möge mich anrufen und mir sagen, er wolle mich zurück und liebe mich und meinem diametral entgegen gesetzten, wahrscheinlich selbstfürsorglichen Wunsch, einfach nur in Ruhe gelassen zu werden. Mir wird letzteres vergönnt sein, Gefühle hören nicht einfach von heute auf morgen auf und wie meine beste Freundin Anna sagte bringt es jetzt auch nichts, "trotz all der offenen Joghurts, die ich in meinem Rucksack schon mit mir rumtrage" den "Sand in den Kopf zu stecken".. 

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"Leuchtende Tage. Nicht weinen, dass sie vorüber, sondern lächeln, dass sie gewesen." - So ein Bullshit.

Konfuzius soll das angeblich gesagt haben und falls er das tatsächlich gesagt und auch noch ernst gemeint hat, hatte der alte, bestimmt hochintelligente Knacker in seinem Leben nie Liebeskummer. 

 

Ich will nämlich weinen. Mein Herz will weinen. Es will, dass der Schmerz gefühlt wird und es will meinen Körper in Mitleid erregenden Schluchzern durchschütteln. Mir verläuft der Eyeliner, Tränen hängen in großen Tropfen in meinen Wimpern und kullern mir die Wange herab. Sie fallen auf meinen grauen Kaschmir-Mantel und versickern dort, nicht ohne einen kleinen, nassen, unförmigen Punkt zu zeichnen. Ich vergrabe mein Gesicht in diesen Tagen in so mancher Schulter derer, die mir nahe stehen und mir ist es egal, wenn meine Rotze oder mein Mascara an ihrem Hals herabläuft, während ich in Stößen vor mich hin heule. "Nicht weinen. Er ist es nicht wert. Es kommt ein anderer. Sei stark, hör' auf zu weinen!" "Ich will aber weinen, weil.. es mir danach besser geht. Und er ist es wohl wert, weil.. weil er es eben wert ist. Und ich weiß selbst, dass ein anderer kommt, aber eigentlich.. will ich keinen anderen!" Meine Wangen sind ganz rot, ich nuschele vor mich hin und ziehe geräuschvoll die Nase hoch - man versteht wahrscheinlich gar nichts. Atmen, weinen und reden ist ganz schön schwer.

Wenn ich nicht darüber nachdenke oder mich in das, was die Situation so macht wie sie ist, hinein fühle, kann ich gut so tun als sei nichts - oder zumindest nichts weniger blöd als die letzten Monate. Wenn ich die Gedanken und Gefühle aber dahin und zu Dir und dazu, dass ich Dich jetzt selbstgewählt nicht mehr sehe wandern lasse, steigt der Wasserstand in meinen Augen unaufhaltsam an, ich beginne zu zittern und der ganze Mist geht von vorne los. Ziemlich schnell verschwimmt meine Sicht, so als sei der Scheibenwischer eines Autos bei Starkregen ausgefallen und ich muss unterbrechen was ich gerade tue. Meine Nasenflügel beben, während ich vergeblich versuche mich zusammenzureißen und den Kloß und das Herzweh und die Erinnerung an Dich und mich mit Dir einfach herunterzuschlucken. 

 

Schon wieder nicht. Schon wieder hat es nicht geklappt und schon wieder muss ich mich fragen, woher ich das Talent habe, etwas mit gegengeschlechtlichen Individuen anzufangen, die nicht die richtigen sind oder unter denen nicht "der eine Richtige" für mich ist. Meine Liste an Jungs, Typen, Kerlen und in den wenigsten Fällen tatsächlich Männern liest sich wie der seit Jahren komplett minder erfolgreiche Versuch, den Deckel zum Topf zu finden - der sich bisher immer als nicht passend oder noch nicht mal als Deckel herausstellte. 

Ungebremst mein Mut und meine Hoffnung, selbst in den Momenten in denen ich mein Herz brechen oder zumindest knacksen spüre und mir die Luft aus den Lungen gequetscht wird. In denen meine Pläne, die ich mich mit dem ein oder anderen getraut habe zu machen dahin segeln. Sie landen geräuschlos auf einer dreckigen Pfütze und saufen dort ab oder lösen sich in triefende, unlesbare Klumpen auf. Das Ganze wird dann meist noch vom Karma oder wem auch sonst immer in meinem Unterbewusstsein lautmalerisch begleitet von einem gehässig herein krakeelten "Ätsch bätsch, schon wieder nicht, heheheheh!". What the fuck.

 

Auch jetzt wieder. Ich sehe mich ein bisschen selbst wie ein Kind, dass immer wieder mutig seine Hand auf die Herdplatte legt, in der Hoffnung, sie möge a) nicht heiß sein oder b) bei angenehm warm aufhören und sich nicht weiter erhitzen oder c) dass dem Kind selbst nach all den Brandblasen eine derartige Hornhaut wachse, dass der Grad der Verbrennung bei jedem Mal mehr, verschwindender relevant wird. Ich will nicht lernen, ich will aus augenscheinlichen "Fehlern" nicht die Erkenntnis ableiten, ich hätte etwas falsch gemacht. Und schon gar nicht will ich etwas anders machen. Ich weiß, dass ich damit verliere - meistens. Der, der mehr fühlt, der mehr liebt, verliert eigentlich immer. Aber eines Tages, eines Tages werde ich mit dieser meiner Haltung, mit meinem großen, naiven Wollen, mit meinem unvernünftigen Herzen vielleicht gewinnen - nicht gegen einen anderen, aber mit diesem anderen ein tolles großes Gefühl, ein gemeinsames Leben und eine Liebe, die ich so sehr zurückbekomme, wie ich sie gebe.

 

Mir fällt der Text "Du kannst feige sein oder Du kannst lieben" ein, den ich schon immer sehr mochte, den ich immer für uneingeschränkt zutreffend gehalten habe. Heute lese ich ihn das erste Mal differenzierter. 

So lange ich mich an die letzten Jahre erinnere, wollte ich, wenn es gerade nicht der Fall war, verliebt sein. Ich wollte mich wieder verlieben und neu und in jemand interessanten mit allem, was dazu gehört. Verliebtheitswütig. Nicht um des Gefühls selbst willen, weil es sich anfühlte wie ein Drogenrausch ohne Drogen und in bio und vegan, aber natürlich immer mit der Hoffnung verbunden, es sei das letzte Mal, dass ich mich verliebe.

Manchmal frage ich mich, ob es anderen Menschen auch so geht oder ob die meisten der Menschen, die nicht verliebt sind, dieses große Gefühl vergessen zu haben scheinen. Ob es für sie vielleicht wirklich nicht wichtig oder erstrebenswert ist oder ob sie sich stattdessen im Bedürfnis danach, es zu erleben, beschneiden. Warum jeder sich gerade nicht festlegen kann oder möchte oder momentan zu viel um die Ohren hat. Warum viele in einer Bindung eher eine Verpflichtung als eine Bereicherung sehen. Wann man im Leben endlich mal Zeit mit sich selbst verbringen sollte und muss und wo die haarfeine Grenze dazu verläuft, dass man sich mit sich selbst alleine eigentlich am wohlsten fühlt. Und ja, aus gemachter Erfahrung, warum alle immer und immer wieder nur weglaufen.

Ich höre mich an, als wüsste ich es wirklich besser. Aber das tue ich nicht. Leider wusste auch ich es schon so oft selbst nicht besser. Leider bin auch ich schon ein Feigling gewesen. Auch ich bin schon weggelaufen – meistens, indem ich stur in irgendwas hineingelaufen bin. Immer mit der Rechtfertigung, das sei meine mutige Art zu fühlen. Vielleicht ist es leichter, sich immer wieder in etwas neues hinein zu fühlen, zu wollen, zu retten, als sich endlich mal mit sich selbst zu beschäftigen. Auch ich fühle mich im Nachhinein beim Lesen dieser Zeilen also ertappt. 

 

„Die Menschen reden immer von ihrer Freiheit und meinen dabei nur ihre Angst vor einer Liebe,

 

die größer werden könnte als ihr eigener Egoismus."

 

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"Verliebe Dich nicht in mich" hättest Du sagen sollen

Der Großteil der Texte auf diesem Blog hat - und daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht - stark autobiographische Züge. 95% der Geschichten habe ich selbst erlebt und/oder gefühlt, die restlichen 5% haben andere Menschen erlebt und ich sie zitiert. Nichts davon war erfunden, Fiktion liegt mir einfach nicht. Ebenso wenig übrigens wie kurze, pointierte Sätze. Aber weil Du neulich meintest, meine Sätze seien furchtbar lang und die Verständlichkeit des Geschriebenen leide darunter, versuche ich mich zu bessern. Im Folgenden außerdem das erste Mal ein Text, bei dem ich ganz bewusst offen lassen möchte, ob er mich oder jemand anderen betrifft oder ob er schlichtweg gänzlich erdacht ist. Man lasse sich nicht täuschen, vieles mutet an, als sei ich der Nukleus des Geschehenden. Völlig egal. Was mich in Teilen dazu inspiriert hat, steht hier.

 

Du weißt, was ich fühle und es ist mehr als ich sollte. So schön jeder Moment ist, den ich mit Dir verbringe, den ich an Dich denke, den ich Dich neben mir spüre, Dich küsse oder den Du mit mir sprichst - er ist dennoch bittersüß. Ich habe mich in Dich verliebt, ich habe es Dir auch gesagt - geantwortet hast Du so gut wie nichts und das macht mir nichts aus. Du brauchst eben Zeit. Und das respektiere ich. Rede ich mir ein. Ziemlich erfolgreich sogar. Aber von Anfang an.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick, gewiss nicht. Aber seit dem ersten Moment, in dem ich Dich gesehen habe, kribbelt etwas in mir, wenn es um Dich geht. Am Anfang waren es meine weichen Knie, dann war es mein schneller klopfendes Herz, schließlich meine Gedanken und Hoffnungen, die sich völlig unkontrolliert alles vorstellen wollen und völlig unbremsbar in Richtungen rennen, in denen sie nichts verloren haben. Wenn Du mich berührst, spüre ich nichts und alles. Ich spüre meine kleinen Armhärchen sich aufrichten, fühle meinen Unterleib sich wohlig verkrampfen, merke meinen Kopf, in dem nicht außer Watte ist. Das schaffst Du immer wieder. Du machst es nicht absichtlich, weil Du nichts davon weißt. Und es nutzt sich mit der Zeit auch nicht ab oder würde weniger.

"Super!", könnte man meinen. "Uneingeschränkt super!". Aber es ist eben nicht super. Es will sein: unbeschwerte Verliebtheit. Es ist: naives Hoffen. Es ist ein flaues Gefühl und es ist, ich müsste sonst lügen, auch Angst. Nicht Angst vor dem existenziell bedrohlichen Schmerz, den man so harmlos "Liebeskummer" nennt, aber Angst vor der Enttäuschung. Angst vor dem "war doch klar", vor dem "hättest Du besser wissen müssen". Vor dem "ich habe lange in mich hinein gehört, aber es reicht einfach nicht". Ach fuck it. 

Ich verdränge den Gedanken. Das flaue Gefühl kann ich schwer verdrängen, vor allem nicht, wenn ich bei Dir bin. Ich erlebe, wie schön es sein kann, wie sehr ich Dich mag. Ich erlebe, was ich nicht bekomme, wenn ich Dich nicht bekomme. Der geneigte Leser fragte sich nun: "Aber warum denn nicht? Was bitte ist denn das Problem?". Tja. Im Grunde ist es ganz simpel - lösbarer wird es dadurch trotzdem nicht.

Konflikte - oder flaue Gefühle - entstehen zwischen Menschen unter Anderem, wenn sie unterschiedliche Dinge begehren. Oder wenn sie glauben, dass die Dinge, die andere begehren so furchtbar unvereinbar mit ihren eigenen Wünschen seien. Wo liegt die Grenze zwischen Verbindlichkeit und Einengung? Wie viele Kompromisse muss man eingehen und wie viele fühlen sich davon noch als solche an, wenn man es für den richtigen Menschen tut? Ist „schon bald mal“ noch eine Teilmenge von „in den nächsten 5 Jahren definitiv nicht“? Hm. Ich habe keine Antwort darauf.

Aber die Probleme fangen doch da an: wenn ein Mensch mit einem anderen zusammen sein will, also so richtig mit beieinander übernachten, über Gefühle sprechen und eine Zukunft planen, aber der andere nicht. Also noch nicht oder nicht richtig oder nur in Teilen. Aber vielleicht, das weiß der andere Mensch noch nicht genau, vielleicht auch nie, nie richtig.

Wenn der eine Mensch Gefühle für den anderen hat, aber der andere noch nicht so viele oder nicht die gleichen. Wenn er auch nicht absehen und nicht versprechen kann, ob die jemals kommen.

Wenn der eine Mensch in den nächsten Jahren definitiv keine Kinder möchte und vielleicht nie welche wollen könnte, aber der andere schon. Vor allem, wenn der eine Mensch von sich selbst denkt, niemals ein guter Elternteil werden zu können, den anderen aber für einen in der Zukunft phänomenalen hält. Hach ja. Perks of dating elder men who will someday make amazing dads. 

 

Ganz am Anfang, da hättest Du mich warnen sollen. "Verliebe Dich nicht in mich" hättest Du sagen sollen. Aber wer sagt so was schon? Keiner. Und Du schon dreimal nicht. Du bist selbstbewusst, aber nicht eingebildet. Du bist klug, aber kein Weissager. Du bist emphatisch, aber weniger emotional. Du verliebst Dich langsam, wenn überhaupt. Du trägst Dein Herz nicht auf der Zunge - im Gegensatz zu mir. 

 

Manchmal beobachte ich Dich aus der Ferne. Wenn Du ein paar Meter entfernt stehst und telefonierst. Wenn Du auf der anderen Straßenseite aus Deiner Haustür kommst und mich noch nicht entdeckt hast. Wenn Du am Tisch meiner Eltern sitzt und Dich angeregt unterhältst. Ich sehe diesen tollen Mann, der witzig, liebevoll, klug und selbstbewusst ist und mein Herz schlägt schneller. Ich möchte zu Dir gehen und Dich festhalten, Dir durch die Haare streichen, Dir genau das sagen. Und ich mache.. nichts davon. Was sollte es ändern, was Du nicht schon weißt? 

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Was machen wir hier eigentlich?

"Du hast seit bestimmt 4 Wochen nichts mehr geschrieben." "Oh. Echt? Ja, stimmt. Es kam mir irgendwie gar nicht so vor, aber Du hast recht. Ich weiß auch nicht, irgendwie habe ich kein konkretes Thema, sondern eher viele diffuse." "Ah. Naja."

Wir - und damit meine ich mich und viele andere Menschen – haben in vielen Dingen einiges gemein. So unterschiedlich unsere Leben und Persönlichkeiten und Umstände, in die wir hineingeboren werden oder die uns ereilen auch sind, uns verbindet manch Elementares und das machen wir uns gar nicht allzu oft klar. Ich möchte heute über zwei dieser Aspekte schreiben.

 

Die Zeit rast

Wie schnell wir empfänden, dass die Zeit vergehe und dass sich dieses Empfinden immer drastischer in unserem individuellen Bewusstsein nach vorne schiebe, sei ein Altersphänomen sagte man mir immer. Vor allem Menschen, die älter waren als ich sagten mir das und die, die jetzt älter sind als ich sagen es mir immer noch. Doch daran glaube ich nicht. 

Ich glaube schon als vergleichsweise junger Mensch sehr stark zu spüren, wie sehr die Zeit rast und dass sie sich gefühlt beschleunigt anstelle in ihrer von Kalender und Uhr vorgegebenen Gleichmäßigkeit nach vorne zu fließen. Tatsächlich braucht die Zeit und mit ihr die Wochen, Tage und Stunden immer genau gleich lang für alles. Ihr ist es egal, was in der Welt passiert, sie schreitet unaufhörlich und unaufhaltsam voran. Alle Jahre sind, wenn man das Prinzip des ominös auftauchenden 29. Februar und die Existenz nanosekündlicher Abweichungen vernachlässigt, gleich lang. Die Zeit macht uns alle gleich, gleich ausgeliefert, denn niemand kann ihr für immer entfliehen. 

Aber: perception is reality. Und so haben wir stattdessen jedes Jahr das Gefühl, die Zeit vergehe schneller als im Jahr zuvor.  Rilke sagt zu Zeit und Leben in einem seiner frühen Gedichte:

 

Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge 

und keine Heimat haben in der Zeit. 

Und das sind Wünsche: leise Dialoge 

täglicher Stunden mit der Ewigkeit. 

 

Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern 

die einsamste Stunde steigt, 

die, anders lächelnd als die andern Schwestern, 

dem Ewigen entgegenschweigt. 

 

Ich sage zu dem obigen, dass ich schon wieder nicht weiß, wo das bisherige Jahr geblieben ist. Dass ich nicht sagen könnte, was ich an den meisten dieser Tage besonderes gemacht hätte außer vermutlich zwischen 2 und 12 Stunden in irgendeine Art von Screen zu starren. Dass mich die auf mich leder- und rostbraun herab segelnden Blätter so unvorbereitet treffen wie der Wind, der mich frösteln lässt, wo er mich noch vor zwei Wochen angenehm gekühlt hat. 

 

 

What will survive of us is love

Einer meiner liebsten Sprüche. Ich glaube, er ist sehr wahr. Mittlerweile weiß wahrscheinlich fast jeder, der hier ein bisschen liest, der mich kennt, wie sehr ich mich mit der Liebe auseinandersetze, für wie fundamental wichtig ich sie halte. Nicht wie sehr ich dazu forsche oder wie viel ich darüber weiß. Aber dass sie mir am Herzen liegt. Das habe ich hier, hierhier und hier schon beschrieben.

Uns wird also nur die Liebe überdauern, wenn wir mal nicht mehr sind – selbst, wenn wir Kinder und Enkelkinder und Urenkelkinder hinterlassen, so werden auch die irgendwann nicht mehr sein. Was von uns bleibt, allerdings auch nur in den Menschen, deren Lebenszeit sich mit unserer überschnitten hat, sind tatsächlich die Erinnerungen an uns: was waren wir für Menschen, wie sehr haben wir gelebt, wie moralisch haben wir entschieden. Wie sehr wir geliebt haben und wie viel Liebe wir in diese Welt gegeben haben aber bleibt (in zugegeben wahrscheinlich nur meiner Denke) für immer. Ich stelle mir die Welt wie ein geschlossenes System vor, in dem Liebe nicht vergeht, verschwindet oder in die Atmosphäre diffundiert. Ich glaube, wenn wir sie einmal gegeben haben oder uns einmal eingestehen, dass und wenn wir sie fühlen, ist sie da und geht nie wieder weg. Sie geht vielleicht von einem Menschen, den wir nicht mehr lieben zu einem anderen, aber sie verschwindet nicht mehr. Liebe stelle ich mir wie unkaputtbare Materie vor und das ist ein schöner Gedanke.

 

Es gibt hin und wieder Augenblicke, in denen ich auf meine Beziehungen zurückblicke und mich frage, ob ich meine Ex-Freunde geliebt habe. Ob ich ein Gefühl gespürt habe, wie ich es unter Liebe verstehe. Ich weiß, in welchen Fällen ich es bejahen kann und das sind glücklicherweise die meisten.

Dem ein oder anderen wird der Fragebogen mit 25 Fragen des Schweizer Schriftstellers Max Frisch ein Begriff sein, dieser ist mittlerweile weltberühmt. Eine der besagten Fragen lautet: „Lieben Sie jemanden? Und falls ja, woraus schließen Sie das?“ Tja, das ist eine sehr gute und gleichzeitig sehr schwer zu beantwortende Frage. Eine Frage, die sich jeder an einem bestimmten Punkt oder auch an mehreren einmal stellen sollte. Und how do you know you’re in love? Well, you just know reicht hier nicht.

Der Schriftsteller Jonathan Franzen hat so geantwortet: „Mein Herz sagt es mir, und mein gesunkenes Maß an Selbstsucht liefert verlässliche Beweise dafür.“ Besser kann man es wohl nicht formulieren.

 

Gleichzeitig sollten wir uns bisweilen damit auseinandersetzen, wie unsere Gesellschaft in Teilen liebt. Und das ist nicht selten wie folgt der Fall: viele Menschen und ich weiß nicht, ob die drastische Konkretisierung „die meisten“ gerechtfertigt ist, leben eine narzisstische Liebe. Sie lieben nicht einen Menschen, sondern das Gefühl, das er ihnen gibt, sie brauchen die Gefühle des anderen, um sich selbst zu bestätigen und sie verwechseln Selbstliebe mit Selbstverliebtheit. In der Bedarfsweckungsgesellschaft, in der wir leben, brauchen wir kein Telefon, sondern das neueste iPhone, wir müssen uns permanent selbst optimieren wollen, damit das System funktioniert. Die Feststellung, dass die Gefühle eines anderen Menschen für uns nur unserer Eitelkeit schmeicheln und nicht mehr, macht der von mir hoch geschätzte Michael Nast in seinem Text „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“.

Erich Fromm, für den die Liebe zu sich selbst unabdingbare Voraussetzung für die Fähigkeit jemand anderen zu lieben ist, habe ich schon das ein oder andere Mal gedanklich an die Wand geklatscht. "You can’t love someone unless you love yourself first“. Bullshit. I have never loved myself. But you. Oh god, I loved you so much I forgot what hating myself felt like.

 

Tja, aber ich meine, wer liebt sich schon selbst? Auch wenn uns das Tag ein Tag aus gepredigt wird. Ich kenne niemanden. Aus diesem Blickwinkel ist es auch nachvollziehbar, warum wir uns überhaupt verlieben, inwieweit unsere Gefühle etwas mit der anderen Person zu tun haben. Wir verlieben uns entweder in Schnittmengen eines zweiten Menschen und Lebens mit uns selbst und unserem    Leben oder tatsächlich in etwas, was wir gar nicht begründen können. Der zweite ist immer der schönere Fall.

 

Bisher sind – offenkundig - all meine Beziehungen irgendwann in die Brüche gegangen und das reicht von nahezu geräuschloser, erschütterungsarmer Auflösung der gemeinsamen Idee von einem Uns bis zum ohrenbetäubenden Aufprall und gleichzeitig stumm schreienden Zerspringen eines Lebensplans in tausend Scherben. Ich bin daher vermutlich nicht mal in der berechtigten Position mich immerzu in dem Maße darüber auszulassen und wiederholt auf manches einzulassen und dennoch: ich habe in all dem viel über mich herausgefunden. 

Ich glaube, dass die Liebe zu jemandem - und hier spreche ich bewusst nur von erwiderter, ohne Stolz zugegebener, gegenseitiger Liebe - den tiefen Impuls auslöst, ein besserer Mensch zu werden. An seinen Baustellen zu arbeiten. Seine Selbstsucht zu überwinden und ein besserer Mensch zu sein. Und diesen Anstoß, diesen intrinsischen Antrieb gibt uns so einzigartig nur die Liebe. 

Wir sollten ihn nutzen.

 

 

 

Teile dieses Textes entstammen dem Artikel "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" von Michael Nast, erschienen am 24. Juni 2015.

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Why we love, why we cheat

Vor kurzem hatte ich einen kleinen Austausch mit einer ehemaligen Kommilitonin und langjährigen Freundin, Pia. Pia schreibt ebenfalls einen Blog, sie verdient ihr Geld ebenfalls nicht als Bloggerin und kann daher das ein oder andere nachvollziehen. Ich verlinke Euch ihren Blog mal hier.

Jedenfalls fragte Pia mich, woran ich gerade schreibe und meine Antwort war in etwa die, dass ich in nächster Zeit unter Anderem wieder mehr über Liebe schreiben wolle. Was sie soziologisch gesehen bedeutet, aus was sie besteht, woran wir sie merken. Und genau dem will ich jetzt anfangen nachzukommen. 

 

It's all about love. We're either in love, dreaming about love, recovering from it, wishing for it or reflecting on it.

Es dreht sich alles um Liebe. Man verstehe mich nicht falsch: es dreht sich im Leben nicht permanent alles um Liebe. Die meisten von uns haben Freunde und eine Familie (manchmal sind auch Freunde unsere Familie), einen Job (ein Studium oder eine Ausbildung) und Hobbys. Wir haben unsere Routinen, sei es immer an einer bestimmten Stelle in die U-Bahn ein- und auszusteigen, morgens vor dem Aufstehen den ersten Blick in unsere Mails  zu werfen oder die Isar immer an der gleichen Stelle zu überqueren - das sind beispielsweise ein paar meiner Routinen. Wir haben Vorlieben (ich trinke z.B. lieber Weißwein als Rotwein), wir alle teilen uns an unterschiedlichen Orten das Wetter. Also die Sonne, die uns behaglich wärmt oder gnadenlos herunter brennt. Oder den Regen, der sich in großen Tropfen vom Himmel stürzt, der kleine Seen entstehen lässt und der die Welt meistens in schleiriges Grau hüllt. Es gibt also vieles, was nicht direkt etwas mit Liebe zu tun hat. Und dennoch wäre ohne Liebe alles nichts. A world without love is a deadly place.

 

Ich habe meine ganz eigene Meinung und meine eigenen Prinzipien und natürlich meine eigenen Erfahrungen mit der Liebe. Über die ein oder anderen habe ich auch schon geschrieben, hier z.B. Vielleicht werde ich auch über meine Grundsätze im Konkreten noch mal schreiben, heute möchte ich aber mit dem oben angeteaserten - Bedeutung, Bestandteile, woran merken wir sie - beginnen. Ich bin bekanntermaßen weder Soziologe, noch Anthropologe oder Psychologe und kann daher keine akademisch validierte Herleitung bieten. Aber ich weiß, wer es kann. Tatsächlich beschäftigt sich einer meiner liebsten TED Talks mit diesem Thema. Ich kann ihn wärmstens empfehlen, unter Anderem auch, da Helen Fisher eine meines Erachtens sehr gute Rednerin ist. Ich verlinke ihn unten, falls Interesse besteht, ihn sich in voller Länge anzuhören. Herausgreifen möchte ich aber nur die mir wichtigsten Punkte.


 

Um zu verstehen, was es mit romantic love auf sich hat, kann man sich wie Fisher eine Reihe von Dingen anschauen, die es zu geben scheint, wenn man sich verliebt.  Das erste, was passiert, ist dass eine Person eine spezielle Bedeutung - special meaning - für uns annimmt: unsere Welt bekommt einen neuen Mittelpunkt, unsere Gedanken ein neues Zentrum. George Bernard Shaw soll es etwas sarkastischer ausgedrückt haben: Liebe besteht darin, die Unterschiede zwischen einer Frau und einer anderen zu überschätzen. Und tatsächlich tun wir genau das. For whatever reasons ist alles an dieser Person anders als bei allen anderen. Es ist, als sei alles grau und sie sei es nicht, als seien alle stumm, nur sie spräche, als seien alle starr, nur sie bewege sich. Sie ist nicht die richtige Antwort auf eine Frage, sie ist die richtigere. 

Nun reicht es nicht aus, dass diese Person eine spezielle Bedeutung bekommt. Man fokussiert seine Aufmerksamkeit auf sie, man stellt sie (meistens) auf einen Sockel, man hat (oftmals) wahnsinnig viel Energie. Man ist überdurchschnittlich euphorisch, wenn Dinge gut laufen, man ist in tiefer Verzweiflung, wenn etwas nicht klappt, klassische Stimmungsschwankungen also. Darüber hinaus werde man, so Fisher, extremely sexually possessive, sexuell besitzergreifend also. Während es einem, wenn man nur gelegentlich bedeutungslosen Sex miteinander hat, relativ egal sei, wenn der Andere noch mit anderen schläft, so führe der Umstand der Verliebtheit dazu, dass man Exklusivität beansprucht. Der andere soll eben nur noch mit einem selbst schlafen - und sonst mit niemandem. 

 

Eins der drei Hauptcharakteristika romantischer Liebe sei aber in der Tat Verlangen, cravings, und zwar nicht primär sexueller, sondern emotionaler Natur. Es ist schön, miteinander Sex zu haben, aber viel mehr möchte man, dass die andere Person einen anruft, einen ausführt, mit einem die Gefühle teilt und so weiter. Man will, dass sie einem sagt, dass sie einen liebt.

Das zweite sei die Motivation - das Gehirn arbeitet und man will die andere Person, koste es was es wolle. Und das letzte sei Besessenheit, obsession. Fisher hat, um in ihrer Arbeit Vermutungen mit medizinischen Beweisen zu stützen, mehrere Jahre lang Verliebte in MRTs gelegt, Fragen gestellt und Hirnfunktionen gemessen. Unter diesen Fragen war auch "Wie viel Prozent des Tages denkst Du an die andere Person?" und in der Tat antworteten die Befragten fast durchweg mit "Immer. Den ganzen Tag, die ganze Nacht. Ich kann einfach nicht aufhören, an ihn/sie zu denken." Und die letzte Frage in diesen Settings war schließlich stets: "Würdest Du für ihn/sie sterben?" und auch hier antworteten alle Befragten mit "ja!" - und zwar in einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, als ginge es darum, das Salz herüber zu reichen, wie Fisher beschreibt. 

 

Während dieser Untersuchungen maßen Fisher und ihre Kollegen aber wie gesagt auch Hirnaktivitäten und stellten Erstaunliches fest. So stellten sie z.B. fest, dass die Hirnregion, die aktiv wird, wenn man den Probanden Bilder ihrer Liebsten zeigte, dieselbe ist, die aktiv ist, wenn jemand einen Kokainrausch verspürt. Und an dieser Stelle dämmerte es Fisher, dass romantische Liebe eben keine Emotion ist, auch keine Reihe oder Wolke an Emotionen.

Sie ist vielmehr ein Trieb, derselbe der Wollen und Begehren hervorruft. Womit wir wieder bei den cravings von oben wären. Und die Begründung, warum dieser Trieb mächtiger ist als das sexuelle Verlangen, der sex drivefolgt auf dem Fuße: wenn man jemanden fragt, ob er/sie mit einem ins Bett geht  und der andere ablehnt, so wird man sich nicht umbringen wollen und man wird auch nicht in eine klinische Depression rutschen. Wenn jemand Verliebtem aber die Erwiderung romantischer Liebe verwehrt wird, so gibt es mit Sicherheit Menschen, die sich selbst oder andere umbringen oder es zumindest erwägen. People live for love, they kill for love, they die for love.

 

Der finale Schritt, den Fisher in ihrer Argumentation macht, ist der, diese drei Gehirnprozesse (zwei habe ich schon genannt) grundsätzlich von einander zu trennen und zu unterscheiden:  erstens der sex drive (eine Art "unerträglicher, neuronaler Juckreiz"), das Verlangen nach sexueller Bestätigung, zweitens der romantic love und drittens der des attachment, also einer tiefen Bindung, eines Sicherheitsgefühls für/bei einem anderen Menschen.

Das Pikante an dem Ganzen ist nun, dass diese drei Teile nicht immer zusammen arbeiten oder wirken oder wir für eine einzige Person empfinden. Sie können zusammen kommen, aber sie müssen es nicht. Einer der Gründe, warum beiläufiger Sex nicht zwingend "beiläufig" bleiben muss. Mit Orgasmen erreicht das Dopamin im Hirn Höchststände, Dopamin ist neuronal mit romantischer Liebe assoziiert, weswegen man sich durchaus in jemanden verlieben kann, mit dem man nur "beiläufig" oder gelegentlich unkomplizierten Sex hat. Anyway. Und so rutschen wir manchmal in das Dilemma, eine tiefe Bindung zu einem (langjährigen) Partner zu spüren, während wir romantische Liebe für jemand anderen empfinden und gleichzeitig aber mit jemand anderem (dritten) Sex haben zu wollen. In short, we're capable of loving more than one person at a time..

 

 

 

Helen Fisher, Why we love, why we cheat (2006)

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7 Wochen

In letzter Zeit habe ich mich oft an in meinem Ermessen guten oder wohlklingenden Artikeln festgehalten, wenn ich einen neuen Blogpost geschrieben habe. Das hat mich einerseits in tollen Formulierungen und interessanten Standpunkten inspiriert, aber andererseits hat es mich in Worten gefangen, die andere gefunden haben und die eben nicht meine eigenen sind. Das führte manchmal dazu, dass ich verkrampft versuchen wollte, in meinen Augen phänomenal gut klingende Fragmente aneinander zu reihen beziehungsweise in  eine mir eigens stimmige Tonalität zu quetschen. Ein nicht angenehmes Schreiben, für mein Dafürhalten auch nicht immer gelungene Einträge. Im Folgenden daher eine Geschichte, die aus keinem Artikel kommt, die mein Leben gerade schreibt und die hoffentlich ungehemmt aus meinem Herzen in die Tasten fließt. [Memo an mich selbst Ende.]

 

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[Mein Track zum Text: One Republic - "Burning Bridges"]

 

"Hi, also.. ähm. Ich mache so was eigentlich nicht, aber.. ähm, kann ich vielleicht Deine Nummer haben?". Meine Knie sind Wackelpudding, mein Puls rast, ich mache mich völlig zum Horst und es ist mir völlig egal.

"Meine? Du meinst seine, oder? Er hat Dich doch gerade angesprochen!". Du schaust verwirrt bis belustigt und deutest auf Deinen Kumpel neben Dir.

"Nein, ich meine schon Dich." Dein Kumpel grätscht dazwischen, die Nummer habest Du schon für mich aufgeschrieben. Du kramst in Deiner Tasche, zum Vorschein kommt ein kleiner Zettel, zweimal gefaltet.

"Hier bitte." Deine Finger zittern (was Du später und bis heute bestreiten wirst) als Du ihn mir hinhältst. Ich strecke meine Hand aus, meine Finger zittern auch. Wir berühren uns kurz, vielleicht streife ich auch nur das Papier, so genau weiß ich es nicht mehr. Ich falte den Zettel auseinander, darauf Dein Name, Deine Nummer und eine kleine gekritzelte Sonne. 

“Danke.. ich bin Nina." Mein Gesicht muss mittlerweile die Farbe einer Himbeere haben, das kriege ich aber kaum mit. Ich bin hingerissen von Dir und Deinem zugleich offenen und schelmischen Gesicht, ich bin amazed über mich selbst und meinen Mut, Dir hinterherzulaufen und ich überlege krampfhaft wie ich einen souveränen Rückzug hinlege.

"Okay, Nina. Ich würde mich freuen." Und ich mich erst. Das sage ich natürlich nicht. Beziehungsweise nicht so.

"Ich mich auch. Einen schönen Abend Euch!" Ich drehe mich um. Jetzt nicht hinfallen, nicht gegen die Tür laufen, einfach nichts peinliches mehr machen. Genug peinliches für einen Abend. Ich trete hinaus in die immer noch warme Abendluft. Ich atme tief durch. Ich strecke die Schultern und mein Kreuz durch und gehe die Straße entlang nach Hause.

 

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"Ich kann mit Sicherheit noch total gerade laufen. Ich zeig's Dir!" Es ist ein warmer Abend, ich habe mich auf nüchternen Magen an einer halben Flasche Weißwein gütlich getan. Entsprechend mein Selbstvertrauen. Ich kneife die Augen zusammen und fixiere die weiße Linie, die auf der Wittelsbacherbrücke den Fußgänger- vom Fahrradweg trennt. Du stehst einige Schritte vor mir, mit dem Rücken zu unserer Gehrichtung, bereit mein Balancieren zu beurteilen. Ich bilde mir ein zu fühlen, wie Du innerlich lachst, aber man merkt Dir nichts an.

"Joar.. das kann man noch als gerade durchgehen lassen. Du bist also nicht betrunken. Aber.. es gibt eigentlich noch einen anderen Test." Klugscheißer und ins-Wort-Faller, der ich bin und zu wissen meinend, was jetzt kommt, unterbreche ich Dich. Ich bleibe abrupt stehen, schließe die Augen, stelle mich auf ein Bein und führe den Zeigefinger zur Nase. Ich treffe meine Wange und bin nicht ganz zufrieden. Ich weiß, dass Du mich beobachtest. Ich weiß nicht, über was wir die letzten drei Stunden geredet haben. Aber ich weiß, dass ich mich wohl fühle. Ich weiß, wann ich mich naiv stelle (jetzt) und schaue Dich mit großen Augen an. Ich warte darauf, dass Du etwas sagst. Irgendwas.

"Nee nee, das musst Du noch mal machen, das war noch nix!" Ich wiederhole das Prozedere, besser.

"Noch mal, mach' das noch mal. Du musst Dich jetzt mal konzentrieren, Nina! Mach' die Augen zu!" Ich schließe die Augen erneut. Ich bewege meinen Finger zur Nase und meine Gedanken zwischen 'Will er mich eigentlich verarschen, wie oft soll ich das noch machen' und 'Checkt er eigentlich, dass das eine 1A Gelegenheit wäre, mich zu küssen?'. Ich lasse meinen Finger sinken und die Augen geschlossen. Dein Atem streift meine Wange und Deine Lippen die meinen. Mein Herz wird warm und weit, meine Muskeln entspannen sich, in meinem Kopf ist Watte und das ist ein schönes Gefühl. 

 

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Es ist Sonntagabend. Ich sitze im Schneidersitz auf Deinem Sofa, Du links neben mir. Es läuft House of Cards, Season 5. Mein linker Arm um Deinen Nacken, meine Hand ruht auf Deiner Schulter. Du lehnst an mir, Dein Arm liegt auf meinem Knie. Vor mir steht eine Schale mit geschnittenem Pfirsich. Plattpfirsiche, die süßen. Hin und wieder stocherst Du mit der Gabel in der Schale und piekst ein passendes Stück auf. Dein Blick wandert nicht vom Screen, Deine Stirn ist gerunzelt, Du schaust konzentriert. Ich beobachte Dich ohne dass Du es merkst. Ich beobachte Dich gerne - vor allem, wenn Du es nicht merkst. Hin und wieder küsse ich Dich auf die Schläfe, Du rutschst fast unmerklich an mich heran. Zumindest scheint es mir so. In solchen Momenten trete ich manchmal  aus der Situation heraus und betrachte uns so möglich es mir von außen ist. Ein Teil dieses betrachtenden Ichs ist gerührt von der alltäglichen Vertrautheit der Situation in Anbetracht der Zeit, die wir uns kennen. Und "kennen" ist zu viel gesagt. Zeit, die wir von der Existenz des anderen wissen und regelmäßige alle möglichen Aktivitäten, Gespräche und Gedanken, die wir teilen, anhand derer wir uns bit by bit entmystifizieren. Gefühle teilen wir noch nicht so viele. Und nun ist da der andere Teil des beobachtenden Ichs, der uns beide fragen würde, was wir sind, was wir füreinander sind, was wir uns vorstellen können zu werden. Die Nina, die dann wieder auf dem Sofa sitzt, möchte weder die Situation, noch die Sorglosigkeit unserer Zeit noch die Waagschale, in die Emotionen und Hoffnungen geworfen werden können, überfrachten. Sie mag das unbeschwerte Jetzt gerne ein bisschen festhalten, will, dass es so bleibt, wie es genau in diesem Moment ist. Sie mag nicht darüber nachdenken, es könne for whatever reasons vielleicht nicht funktionieren, es könne wieder richtig wehtun. Muss sie auch nicht. Und deswegen würde sie antworten: Wir können alles sein, Baby!

 

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[Mein Track nach dem Text: The Chainsmokers - "Roses (feat. ROZES)"]

 

 

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Jede Entscheidung ist ein Massenmord an Möglichkeiten

Jeder kennt es, viele hassen es, daran scheiden sich die Denker von den Machern, die "vielleicht's?" von den "JA's!". Ich spreche davon, Entscheidungen zu treffen - was ein richtiger pain sein kann.

Mich treibt das Thema zwar schon seit Jahren unterbewusst, seit geraumer Zeit aber immer mal wieder wahrgenommener um. Im Folgenden also der hoffentlich realitätsnahe Versuch zu erklären, was manche Entscheidungen so schwer macht, warum wir die sind, die sie sich schwer machen und warum ich selbst abhängig vom Kontext sehr gut oder sehr schlecht im Entscheidungen treffen bin. 

[Im Voraus: Entschuldigung für die romanartige Länge des Textes - ich konnte mich einfach nicht entscheiden, welchen Teil ich wegkürzen hätte sollen..]

 

Zunächst einige grundlegende Dinge.

Entscheidungen können lebensweisender, mittelwichtiger oder belangloser Natur sein, die Grenzen ebendieser Kategorien sind eigentlich großteils mit gesundem Menschenverstand abzuzirkeln, trotzdem aber oft noch sehr individuell und mögen durchaus wabern. Zwei kleine Beispiele zur Veranschaulichung: sowohl die Entscheidung, ein Kind in die Welt zu setzen wie auch die, sich ein Tattoo auf der Stirn zuzulegen, sind es wert wenigstens 2x überdacht zu werden, sie könnten tatsächlich lebensweisende Wirkung entfalten. Dagegen ist für viele Menschen, die Entscheidung, welches Duschgel sie kaufen eher belanglos. Nicht für mich, aber dazu komme ich noch.

Des weiteren divergieren Entscheidungen darin, wie man sie trifft. Es gibt die, die man bewusst trifft, weil man sie treffen muss bzw. weil sie wichtig sind. Gleichzeitig gibt es welche, die so automatisiert ablaufen, dass wir sie nicht oder nicht mehr als solche wahrnehmen - der Mensch trifft laut Psychologe Daniel Kahnemann täglich 40 Millionen unterbewusst. Das muss man sich wirklich mal reinziehen. Und dann gibt es noch die Entscheidungen, die uns treffen (die "Lotterie des Lebens", die Schicksalsschläge)  - um die soll es aber hier und heute nicht gehen.

Und zu guter letzt, die von vielen für existent gehaltene Option, sich einfach "nicht zu entscheiden". Die gibt es aber nicht. Zumindest nicht wirklich. Sie ist vielmehr ein falscher Freund, weil sie einem vorgaukelt, sie könne einen von der Verantwortung und den Konsequenzen entbinden, die "ich mache A" oder "ich mache B" mit sich bringen. Kann sie aber nicht, denn "nicht A und nicht B" gleichen halt "C". Und auch C wird seine Folgen haben - wahrscheinlich. Der schlimmste Weg, den man wählen kann, ist oftmals der, keinen zu wählen oder: wer versucht, sich stets alle Türen offen zu halten, verbringt sein Leben auf dem Flur.

 

Ich wollte das eigentlich recht akademisch abhandeln und nun die Phasen beschreiben, in die sich eine Entscheidungsfindung gliedert. Viel spannender erscheint mir aber die Frage, was es für uns so schwierig macht, eine Entscheidung zu treffen. Daher fange ich damit mal an. Die meisten Menschen charakterisieren sich in Bezug auf Entscheidungen anhand von 3 Merkmalen: erstens möchten sie eine möglichst gute und/oder richtige, wenn nicht gar die perfekte Entscheidung treffen anhand der Informationen, die sie zu ebenjenem Zeitpunkt zur Verfügung haben. Zweitens können sie nicht in die Zukunft schauen, haben aber doch gewisse Mutmaßungen wie die oft gefürchteten Konsequenzen aussehen könnten. Diese "Furcht" skaliert sich von der Unruhe eines "was, wenn ich mich hinterher unwohl mit meiner Zahnpasta-Wahl fühle?" (klassischer Fall von Mini-Kaufreue) bis zu "was, wenn diese Entscheidung mein Leben derart beeinflusst, dass sie mich davon abhält, glücklich zu werden?" (darunter fallen z.B. Berufswahl und Ehe). Es erscheint lachhaft, aber selbst die erste der beiden kann schon sehr unangenehm auszusitzen sein. Drittens können sich die Menschen mit steigender Anzahl an Optionen schlechter entscheiden. Darunter fällt auch mein "Duschgel-Dilemma".

Perfektionismus und Ungewissheit also gepaart mit der Verantwortung, die man zumeist alleine tragen muss und kombiniert mit unserer sich in vielen Lebensbereichen rasant vervielfachenden Menge an Möglichkeiten - eine interessante bis toxische Mischung.

 

Nun ist das alles sehr theoretisch, daher fülle ich es mal mit ein wenig Leben. Die folgenden Anekdoten erheben weder Anspruch auf Vollständigkeit noch legten sie Wert auf Chronologie - manche Entscheidungen prasseln ja nicht einmal, sondern immer wieder auf einen ein. Ich finde sie nur plakativ und hübsch zu erzählen.

Eine der ersten großen Entscheidungen also, an die ich mich in diesem Kontext erinnere, ist die meiner Studien- bzw. Berufswahl. Ich wusste, was ich wollte, so dachte ich zumindest. Bis zu dem Punkt, an dem klar wurde, dass die beiden Dinge, die ich wollte in einem eher unwahrscheinlichen bis unmöglichen Szenario miteinander vereinbar sein würden. Konkret ausgedrückt: ich hatte großes Interesse an Kunstgeschichte, Vergleichender Literaturwissenschaft und Anglistik und wollte gleichzeitig auch zukünftig meinen schon damals eher überdurchschnittlichen, angenehmen Lebensstandard aufrecht erhalten. Entweder ich machte also das, von dem ich dachte, es mache mich intrinsisch glücklich, weil es mich interessiert oder ich machte das, was sinnvoll erschien. Ich hatte kaum Ahnung von den Konsequenzen, eigenartigerweise beschäftigte ich mich aber auch gar nicht so sehr mit ihnen. Normalerweise muss man sagen: Mach’ Dir nichts vor – Du kennst höchstens Deine Erfahrung, aber nicht die Zukunft. In diesem Fall konnte ich nicht mal mit der Erfahrung bisheriger Studienwahlen aufwarten, ich hatte schlicht keinerlei Vergleichswerte - wie so ziemlich jeder junge Mensch an diesem Punkt im Leben. Wer mich kennt, weiß: ich habe BWL studiert, also etwas in den Augen vieler "Vernünftiges" gemacht. Im Nachhinein kann ich sagen: richtige Entscheidung. Die damals nicht ich, sondern in der Tat meine Mutter für mich getroffen hat und der ich nicht widersprochen habe. Freunde, wir geben es ungern zu, aber manchmal haben Eltern Recht!

Wenn ich jemandem heute diese Geschichte erzähle, werde ich oft gefragt: "Wärest Du mit dem anderen glücklicher geworden, also wenn Du das andere studiert hättest?". Meine Antwort darauf ist dann die immer gleiche: "Ich weiß es nicht, kann ich auch nicht mal hypothetisch einschätzen. Aber ich weiß etwas anderes: wir können nur ein Leben leben. Wir können nicht an einem bestimmten Punkt sagen, dass wir eine vor 10 Jahren getroffene Entscheidung noch mal vor 10 Jahren anders treffen und schauen wie sich das Leben in Szenario B entwickelt. Wir sind bekanntermaßen keine Zeitreisenden und wir können Wege, die wir einmal gehen eben nicht noch mal gehen." 

 

Kommen wir nun zu einer Situation der anderen Wichtigkeits-Kategorie, die mich erst vor kurzem ereilte. Ich war noch nicht mal Protagonistin, ich war nur begleitendes Beiwerk, das um seine Meinung befragt wurde - tatsächlich hätte ich es aber auch selbst sein können, so schwer wie wir uns taten. Es ging darum, einen Herrenduft auszusuchen.

Ich fand mich also an einem brütend heißen Samstagnachmittag im Douglas in der Theatinerstraße vor einer Wand aus Minimum 500 Düften, Aftershaves und Co.  Das von mir im Folgenden geschilderte Erleben ist übrigens auch psychologisch erforscht. Es gab mal ein Experiment, in dem zwei verschiedene Gruppen von Kunden entweder 24 Sorten oder sechs Sorten Marmelade probieren durften. Ergebnis: die, die 24 testen durften, kauften weniger als die, die nur sechs testeten. Und sie waren obendrein unzufriedener. Das erklärt der Psychologe Barry Schwartz so: Kann man unter vielen Möglichkeiten wählen, hat man immer das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Wir konnten also quasi fast nur verlieren. Keine ermutigende Erkenntnis im Nachhinein.

Aber zurück zur Geschichte. Man sollte vielleicht noch vorab erwähnen, dass der Favorit des Entscheiders schon vor Betreten des Geschäfts Acqua di Giò von Giorigio Armani war und mein alltime favorite Boss Bottled ist. Kommentar zu letzterem war aber: "zu mainstream, das trägt doch echt jeder". Alright, dann eben das nicht - ich muss mich ja hier nicht entscheiden.

Klug erschien uns beiden, bei etwas zu starten, was man kennt und gut findet. Auch für in dem Fall diejenige (mich), die als Begleitung bislang nicht um die Vorlieben des Entscheidungsträgers weiß. Gemeinsame Basis schaffen und so. Wir begonnen also bei Terre d'Hermès - holzig, stark und sehr maskulin - für einen sommerlichen, legeren Duft definitiv zu heftig. Es folgten (wie man es sich vorstellt) unzählige Teststreifen, die nacheinander mit so ziemlich allem, was die Welt der Herrendüfte hergibt, besprüht wurden. Von Sauvage und Fahrenheit (beide Dior), über Bleu, Allure, Allure Homme Sport, Égoïste (alle Chanel), zu Emblem, Legend und Legend Spirit (Montblanc), alle 4 Sorten von Armani Code (eine reicht nicht!), The One und Light Blue (Dolce & Gabbana), alle 10 Sorten der aktuellen Colonias von Acqua di Parma bis zu L'Homme Ideal und L'Homme Ideal Sport (Guerlain). An diesem Punkt waren wir und unsere Nasen kurz vor der Kapitulation, genervt, dass sich manches Eau de Toilette auch für einen Giftgasangriff nutzen ließe (dafür aber im gut dreistelligen Eurobereich liegt) und weit entfernt von einem Favoriten oder gar einer Entscheidung. Ich kürze es ab: ich beschloss, dass wir Beratung benötigten, wir testeten 2 Düfte auf der Haut des Misters, drehten eine viertelstündige Überlegungsrunde durch den benachbarten Nespresso Store und entschieden uns schlussendlich für keinen der beiden, sondern.. Trommelwirbel.. Acqua di Giò. 

Mich nerven solche summa summarum ca. 1 stündigen Unterfangen nicht mal ansatzweise, weil ich selbst ebenfalls ungefähr alles halbwegs in Frage kommen könnende durchtesten würde, um mich dann für meinen anfänglichen Favoriten zu entscheiden. Nur um auf Nummer sicher zu gehen. Und um das gleich noch mit meinem "Duschgel-Dilemma" zu linken: Duschgel kaufen ist für mich ein 1 1/2 monatlich wiederkehrender Graus. Zu neugierig, um immer wieder das Gleiche zu nehmen (auch weil mich bislang nichts langfristig überzeugt hat), zu oberflächlich, um mich für eine gut duftende Option in einer in meinen Augen hässlichen Flasche (die nicht gut zu den anderen Flaschen in meiner Dusche passt), zu fixiert auf Inhaltsstoffe, die nicht der letzte Parabene-Erdöl-Schrott für meine Haut sind, zu.. unentschieden. Und frustriert. Momentan benutze ich das hier - ist solide ;)

 

So. Und all das bin ich nur privat. Im Job habe ich im Hinterkopf immer das weiche "Gewissens-Kissen" von „slower deciders make better strategists“, was ich nicht mal bräuchte, da ich mich hier eh schon entschieden einfacher tue. Farbtypologisch mit starkem Rotanteil bin ich ein Macher, der sogenannte "Initiator" und "Reformer". Mir fällt es leicht zu entscheiden, ob man ein bestimmtes Projekt aus strategischen, taktischen oder direkt Business relevanten Gründen verfolgen sollte oder eben nicht. Mir fällt es leicht, Schritte zu gehen, wenn ich sie für sinnvoll halte, Dinge ohne Zaudern anzupacken, wenn mir vermittelt wird, dass sie meine Top-Priorität sind, Menschen anzusprechen, mit denen ich zusammenarbeiten muss oder die ich für interessant und hilfreich für mein Netzwerk halte.

Was macht es mir so viel einfacher, hier entschieden und willensstark, überzeugt von meiner eigenen Einschätzung und furchtlos vor Konsequenzen voranzugehen? Nun ja. Obwohl es mein Job ist, der mir sehr viel bedeutet, mit dem ich mich identifiziere, den ich gerne mache, ist es am Ende des Tages eben doch auch "nur" ein Job. Ich treffe Entscheidungen, bei denen genug Menschen mir zutrauen, dass es die für das Business richtigen sind, ich kann Kollegen oder meinen Vorgesetzten um Rat fragen, ich bin also nicht mit mir allein. Ich bewege mich in Szenarien, die wenn sie schief gehen, mich nicht meine Anstellung kosten und die vor allem emotional nicht tief in mich schneiden. Klar, ich ärgerte mich, wenn ich mich falsch entschiede, aber ich kann berufliche Fehler analysieren und den Prozess spätestens mit Projektende abschließen. Wenn ich mich im Privaten aber nur beispielsweise entscheide, Gefühle für jemanden zuzulassen, mich in jemanden verliebe, dem ich nicht hätte vertrauen sollen, weil er mir dann doch wehtut, sind die emotionalen Konsequenzen eine ganz andere Hausnummer. Die Fallhöhe bei beiden ist einfach eine andere, private Miss-Entscheidungen kann ich fürderhin nicht mit meinem Laptop zuklappen, die hängen mir länger nach. 

 

 

 

Zum Abschluss möchte ich gerne ein paar Perlen der Weisheit zitieren von Menschen, die wortgewandter waren oder sind, als ich es je sein werde und die auch ihre 5 Cent zu Entscheidungen abgegeben haben. Und die vielleicht eine guidance darstellen oder einfach zeigen, dass es anderen genauso geht.

 

Es ist oft besser, etwas zu tun, als etwas nicht zu tun, egal ob positiv oder negativ.

Am Ende lernt man aus dem Handeln, nicht aus dem Nichtstun. (Unbekannt)

 

Es ist besser, unvollkommene Entscheidungen durchzuführen,

als beständig nach vollkommenen Entscheidungen zu suchen, die es niemals geben wird. (Charles de Gaulle)

 

 

Eine meiner lieb geschätztesten Schriftstellerinnen, Julia Engelmann (bei vielen besser bekannt als die "Poetry Slam Tante"), schreibt in Teil 2 ihrer "Bestandsaufnahme in 3 Teilen":

Was ich alles hab’, aber nicht will

Ich hab’ Angst, ich hab’ Angst vor falschen Entscheidungen und davor, mich nicht zu entscheiden.

Ich hab’ Angst, irgendwo weg zu gehen und mir eigentlich zu wünschen zu bleiben.

Ich hab’ Angst, Fehler zu machen, auch wenn ich weiß, dass sie wichtig sind.

Ich hab’ Angst zu spät zu merken, welche Wege doch richtig sind..

 

 

Wen eines der oben angerissenen Themen näher interessiert, dem sei der Artikel "Die Kunst der Entscheidung" (Zeit Online, 2011) empfohlen und/oder der Douglas Onlineshop, Kategorie "Herrendüfte".

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Diese Woche vom Leben gelernt

If you love someone set them free, if they don't come back, text them when you're drunk.                       

 

Geschmacksache ist Bullshit. Geschmack liegt im Wesentlichen in der Fähigkeit zu unterscheiden -

die manchen gut, anderen schlechter beschert ist.                             

                

Der Alkohol spielt immer wieder Verstecken mit meiner Intelligenz.      

 

    Wovon das Herz voll ist, läuft der Mund über.            

 

Ich beim Friseur:

"Die Haare sollen ab. Oder zumindest ein Stück kürzer.

Kurz, aber nicht zu kurz. Also schon noch lang. Also eigentlich wie jetzt, nur anders."

 

Kitsch ist nur ein Begriff von Menschen, die Angst vor zu viel Intimität und Furcht vor der Überlegenheit des Einfallsreichtums anderer haben.

 

My alone time is sometimes for your safety.

 

Some days I amaze myself. Other days I look for my phone while holding it.

 

Ja mei (bayer.) = 

Reaktion auf den drohenden Weltuntergang, einen Alienangriff, Kalt-Hunger-Pipi oder die Bierpreise auf der Wiesn 

 

 

 

 

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„Axolotl Overkill“ ergeht sich in dekorativer Kaputtheit

 

Normalerweise liest man Rezensionen und weiß hinterher, ob man sich einen Film oder eine Ausstellung ansieht. Diese eindeutige Guidance kann ich mit folgendem Blogpost zu „Axolotl Overkill“ leider nicht bieten – aber unterhaltsam sind der Film und mein Kommentar dazu trotzdem.

 

Scheinbar ging das vor sieben Jahren wirklich, dass man einfach ein ganzes Buch lang einen renitenten Teenager durch Berlin fallen lässt und ohne viel Sinnzusammenhang oder Reihenfolge nahezu sämtliche Klischees der Stadt abarbeitet. Ich kann es nicht beurteilen, ich habe „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann damals nicht gelesen. Vermutlich, weil mich weniger die damaligen „Phänomenaler Roman“ und „Hegemann schreibt begnadet“ als die vermeintlichen Plagiatsvorwürfe erreichten. Oder weil ich im Jahr 2010 überschaubares Interesse an Gegenwartsliteratur hatte, die nicht im Oberstufenunterricht zu interpretieren gewesen wäre – Abi war ja zum Glück gerade rum.

 

Anyway, Hegemanns Romanvorlage wurde von ihr selbst verfilmt und heißt jetzt „Axolotl Overkill“.  Der Film besteht aus abwechselnden Szenen, in denen mit Filmstars rumgekokst wird, in denen in halb heruntergekommenen Altbauwohnungen inhaltslose, desinteressierte Dialoge in maximal hipsterigem bis ungepflegtem Kleidungsstil geführt werden oder exzessiv und psychedelisch bis Sonntagmorgens im Berghain herumgehopst wird – nicht ohne lesbisches Rumgeknutsche natürlich. Dazwischen passiert an Handlung nichts oder zumindest nichts Nennenswertes, eine Entwicklung durchlebt ebenfalls keiner der Protagonisten. Schnitt, irgendeine Party, Schnitt, irgendjemand kotzt, Schnitt, geiles Landhaus in Brandenburg, Schnitt, egal, Schnitt, noch egaler. So geht das immer weiter, man könnte es sich auch rückwärts anschauen. 

 

Die ziellos widerspenstige, 16jährige Mifti, die eigentlich Mafalda heißt, tut genau das, was sie (vermutlich) auch im Buch tut, sie ist dekorativ kaputt, kichert herum oder guckt genervt. Sie raucht (wobei sie Kippen am Toaster oder an ganzen brennenden Streichholzheftchen anzündet), sie schwänzt die Schule und wenn sie doch hingeht, benimmt sie sich so daneben, dass sie beurlaubt wird. Sie fühlt sich sehr erwachsen und lässt sich durch Erwachsenenwelten treiben, dabei missversteht Mifti das Erwachsenwerden gründlich und absichtlich. Wahrscheinlich ist sie bei dem Ganzen in die 20-30 Jahre ältere Alice verliebt und wahrscheinlich ist die Schauspielerin Ophelia ihre beste Freundin. Die Namen der beiden könnten zufällig gewählt sein, sehr naheliegend ist das aber bei ihren berühmteren Namensvetterinnen der Weltliteratur nicht. Genau kann man tatsächlich auch nicht sagen, wie die beiden zu Mifti (und sie zu ihnen) stehen, schließlich nehmen sie Medikamente, die ihnen verschrieben wurden nicht ein, dröhnen sich mit anderen (nicht verschriebenen) Substanzen zu oder sind tatsächlich gerade mal ekelhaft nüchtern – auch kein schöner Zustand in Anbetracht ihrer Gestörtheit.

 

Am besten erwartet man wie gesagt keinen roten Faden, keine Handlung, keine Entwicklung. Was man erwarten kann, sind dagegen kraftvolle, teils unheimlich schöne, teils bizarre, gut ausgewählte Bilder und Szenerien, geschmackvolle Musik und putzige Tierchen. Letztere werden sinnfrei entführt (zwei Lamas/Alpacas - man weiß es nicht genau), hopsen in unerwartetem Kurzauftritt über die Türschwelle (ein possierlicher Pinguin) oder geben dem Film überraschend tiefgründig seinen Namen: der Axolotl, präziser der Baby-Axolotl, ist nämlich ein Lurch, der ewig im Larvenstadium verharrt, „wirklich das beste Tier“. Er wird nie erwachsen und ihm wachsen abhandengekommene Körperteile selbstständig nach. Er ist also das am meisten naheliegende Metapherntier, wenn es darum geht, einen Gradmesser für die Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung einzusetzen. 

Alles in allem bleibt einem als Zuschauer entsetzlich viel Zeit, darüber nachzudenken, was einem da gerade gezeigt wird und warum. Man hat schon verstanden, dass Erwachsenwerden und Verantwortung übernehmen und Sätze an Mitmenschen nicht mit „Fuck you“ oder „Fotze“ zu beginnen und/oder zu beenden, langweilig ist. Gleichzeitig ist einem klar, dass Mifti als Bürgerkind der Mittelschicht keine wirklichen Probleme haben müsste - aber sich dann halt welche macht.

 

Wir verlassen schließlich das Kino, etwas verwirrt, weil wir nicht wissen, ob der Film gut oder schlecht war. Und nicht ohne festzustellen, dass man das Buch vielleicht gelesen haben müsste, es jetzt doch noch liest oder es besser unverfilmt hätte lassen sollen.

 

„Das Ende war jetzt auch irgendwie.. “

„Ja, also wie sie da mit ihrem Handy auf den Hügel klettert, um Empfang zu bekommen, ich weiß nicht. Was hat das jetzt noch gebracht? Und dann plötzlich vorbei.“

„Womit hat denn der Film noch mal angefangen? Weil das hätte auch der Anfang sein können. Eigentlich hat der Film weder Anfang noch Ende, er ist also keine Linie.“

„Ja gut, aber ein Kreis ist er auch nicht.“


Keine Linie und kein Kreis. Ein Fragezeichen.

 

 

 

Teile dieses Textes entstammen dem Artikel "Total lurchgedreht" von Andrea Diener, erschienen am 28. Juni 2017 in der FAZ

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Tinder - eine Sozialstudie

Ich möchte heute über etwas schreiben, das mich in den vergangenen 4 Wochen sehr beschäftigt hat - vor allem, weil ich mich damit selbstgewählt sehr stark beschäftigt habe. In diesem Eintrag wird es um das Thema "Tinder" gehen, genauer gesagt um die Erfahrungen, die ich damit gemacht habe und um das, was es mit mir gemacht hat.

Der ein oder andere wird möglicherweise jetzt schon die Augen verdrehen - entweder garniert mit „Warum bist Du denn bitte bei Tinder? Geh' doch lieber raus und lern' im echten Leben jemanden kennen“ oder resultierend aus dem Vorurteil, das man zu der App und ihrer Nutzung haben kann. Oder daraus, dass ich ja noch nicht allzu lange wieder Single bin. Oder weil es opportun erscheint, bei dem Wort "Tinder" mit den Augen zu rollen. Anyway.

Ich habe diesen Post schon einmal begonnen zu schreiben, allerdings habe ich vieles wieder weggenommen, da es keine der oben angerissenen Themen bedient oder beantwortet. Jetzt versuche ich es erneut.

 

Die Frage, was es mit mir macht, lässt sich mehrstufig beantworten. Ich war bereits 2 Male bei Tinder angemeldet und habe mein Profil jedes Mal nach einer Weile wieder gelöscht, weil es mich nur noch genervt hat. Das erste Mal ist ca. 2 Jahre her und ich, natürlich völlig unwissend, hatte innerhalb einer Woche an die 50 Matches akkumuliert (das, wenn beide sich nach rechts wischen, ergo gut finden). Ich war völlig lost und habe komplett den Überblick verloren - glücklicherweise nicht, ohne einen Menschen kennenzulernen, mit dem ich heute noch - rein platonisch - befreundet bin und der sich tatsächlich mittlerweile zu einem meiner treuesten Blog-Leser entwickelt hat: Lars.

Nach besagter Woche und einen Nervenzusammenbruch später die Erkenntnis: sofortigst abmelden! Learning I: wenn man sich auf Tinder bewegt, sollte man sehr genau wissen, wer man ist. Von der Selbstdefinition und von einer gefestigten Persönlichkeit. Es geht so schnell und ist so leicht, sich selbst zu verlieren - in dem ganzen Wust an Menschen, die man nicht kennt, denen man aber immer einen Teil von sich zeigt, wenn man mit ihnen schreibt und respektive auch den Teil eines Menschen zurück gezeigt bekommt.

Beim zweiten Mal habe ich es ganze 3 Wochen ausgehalten, vor allem aber war es wesentlich entspannter. Learning II: wisse, was Du willst und was Du nicht willst. Weiche nicht davon ab und swipe in Gottes Namen höchst selektiv. Der Männer-Überschuss spielt einem so oder so in die Karten und das vom weiblichen Swiping-Verhalten abweichende  vieler Männer (= erst so gut wie jede rechts wischen und später aus den Matches aussortieren) ebenfalls. Anyway. In dieser zweiten Runde habe ich meinen jetzigen Ex-Freund kennengelernt und ich muss auch hier sagen: wunderbarer Mensch, den ich sehr froh bin, eine schöne Zeit lang in meinem Leben gehabt zu haben - selbst wenn es letzten Endes nicht gehalten hat.

Aber here we are, Runde 3 - es wird glaube ich erst mal die letzte sein. Wie auch bei den vorangegangenen Malen beobachte ich an mir per se zwei Verhaltensweisen. Erstens hat die App und das Gewische ein enorm hohes Suchtpotenzial oder zumindest hat sie es bei mir. Ob ich in der U-Bahn sitze, auf sie warte, aus ihr aussteige, morgens vor dem Aufstehen, abends beim Schlafengehen: ich bin nur noch am swipen. Und auch sonst ständig. Als gäbe es kein Morgen. Hier mal schnell 50 Leute weggewischt/aussortiert, dort mal 100. In vielen freien Minuten mache ich es und wenn ich nur freie Sekunden habe, mache ich es auch. Es ist schlimmer als Heroin - oder zumindest stelle ich mir das vor. Unterstützt von Pop-ups wie "It's a Match!" (inklusive belohnendem "Pling") oder von Notifications, die man sich im Sperrbildschirm anzeigen lassen kann wie z.B. "xy hat Dir eine Nachricht gesendet!". Ein auditiver Reiz, das Prinzip der sogenannten instant gratification, welches laut Wirtschaftslexikon folgendermaßen erklärt wird: "die sofortige Befriedigung von Wünschen und Bedürfnissen, häufig durch den Kauf eines Produkts oder einer Dienstleistung". An dieser Stelle: herzlichen Glückwunsch an mich selbst - ich kaufe Menschen!

Zweitens bin ich (fast unisono damit) ziemlich angewidert von meinem eigenen Verhalten. Ich bewege mich auf Tinder wie ich mich in den Online-Shops von H&M und Zara bewege, wähle aus, was mir stehen könnte, lege ein Teil nach dem nächsten in den Warenkorb. Den Warenkorb sortiere ich dann manchmal noch aus, trage ihn zur Kasse und lasse mir die Artikel zuschicken. Ich probiere sie einmal an, wenn sie nicht passen oder mir Qualität oder Schnitt nicht gefallen, sende ich sie zurück und bekomme mein Geld wieder. Das ekelhafte, wie ich es sehr selbstkritisch an mir feststellen muss, ist, dass ich mit diesen Menschen ähnlich verfahre. Swipen, schreiben, treffen und zurückschicken. Geld gibt es allerdings keins zurück. Ich begreife durchaus, dass die Funktionsweise der App auf optischen Reizen basiert. Sie macht es einfacher als einfach, Menschen "auszusortieren" aus der Alterskohorte, die man haben möchte. Sie gibt Dir die Chance, andere Menschen ganz leicht und konsequenzlos "zurückzugeben", dies funktioniert über "Match auflösen". Mir ist klar: Tinder ist ein Affenzirkus, in dem man künstlich Treffen arrangiert basierend darauf, ob man bearbeitete Fotos von anderen Menschen hot or not findet. Es ist völlig absurd.

 

Ein Grund, weswegen Tinder trotz besagter Absurdität doch in signifikanter Häufigkeit von Menschen zwischen sagen wir mal 18 und 38 genutzt wird, liegt darin, dass diese App einiges in uns bedient, was in Generationen vor uns nicht allzu prävalent gewesen zu sein scheint. Zunächst vernetzt sie enorm. Sie ermöglicht uns die Kontaktaufnahme mit Menschen (erst wollte ich "Verbindung" schreiben, aber diese Bezeichnung ist zu schade für das was auf Tinder passiert), von deren Existenz wir nichts wissen, die sich gerade in diesem Moment vielleicht mehrere hundert oder tausend Kilometer entfernt von uns befinden. Sie zeigt uns, welche gemeinsamen Facebook-Freunde wir haben - wie "klein" also augenscheinlich die Welt ist. Darüber hinaus erleichtert sie uns den Konsum - siehe oben der Abschnitt über Online-Shopping (auch auf mobilen digitalen Devices). Wir müssen uns nicht mehr samstags in eine Bar oder einen Club stellen, Drinks bezahlen, uns vielleicht vorher noch gescheit zurecht machen. Wir können stattdessen kostenlos, bequem, in Jogginghose (auch wenn ich persönlich dieses Kleidungsstück ablehne) vom Sofa aus mit einem Glas Rotwein in der einen Hand und iPad in der anderen Menschen abchecken, auf uns aufmerksam machen und unverbindliche Konversationen anfangen. Dieser weitestgehend anonyme Ablauf erspart uns die harte Schule des Erlernens bestimmter Kompetenzen im realen Leben. Wir müssen nicht mehr mit jemandem flirten (Augenkontakt, lächeln, verschüchtert wegsehen, hingehen, ansprechen), uns keine kreativen Anmachsprüche mehr überlegen (Resultat ist, dass auch auf Tinder die Eloquenz der meisten Männer bei Heyyy!" oder "Wie geht's?" endet oder bei einem mäßig kreativen Satz, in dem klar wird, dass "dass" und "das" nicht dasselbe sind), schon gar nicht müssen wir uns damit abfinden, wenn uns jemand einen Korb gibt. Tinder ersetzt uns das durch Proxys, es nimmt uns jegliche Möglichkeit der Blamage - und es macht uns immer dümmer, bequemer, emotional unintelligenter und oberflächlicher.

Vor allem aber suggerieren Apps wie Tinder Dir, Du könnest immer noch mehr, besseres, besser aussehendes, grüneres Gras bekommen - im Universum unendlicher Möglichkeiten an potentiellen Partnern, Affären oder was auch immer man sucht. Das woran unsere Generation eh schon krängt - die nicht aufhören könnenden Optionen von Jobs, Städten, Entscheidungen, die Generationen vor uns nicht hatten - es wird unterstützt von Apps wie Tinder, wir machen fröhlich mit und rufen auch noch "Juchuu" dabei. 

 

 

Um der ganzen gesellschaftskritischen Tonalität doch noch den ein oder anderen Witz einzuhauchen und natürlich auch um die Supporter von "bei Tinder sind doch eh nur Bekloppte" zu bestätigen, möchte ich noch ein bisschen über meine Erfahrung auf der App erzählen. Bei all dem möchte ich weder jemanden beleidigen noch diskreditieren, jemand, der sich aber offenkundig derartig exponiert ist ein bisschen selbst schuld. Im Folgenden also ein Best of Tinder.

 

Die mit den abgefahrenen Namen: Süpêr, Bricedarouiche, Spasimir

Die mit den abgefahrenen Bildern: hat ein Waschbär als Stofftier auf dem Schoß und streichelt es, steht in einer Lebensmittelfabrik und trägt ein mintgrünes Haarnetz, hält eine ca. 15kg schwere Schinkenkeule in der Hand, trägt ein Horrorkostüm, das aus Texas Chainsaw Massacre sein könnte

Die, die es mit dem Alter nicht ganz so genau nehmen: Kevin (18) ist definitiv höchstens 14, Michael (32) ist gut und gerne 45 oder 50

Die mit den ganz eindeutigen Ansagen: "auf der Suche nach einem devoten Betthäschen - Du musst gehorsam und natürlich versaut sein", "lass' Dich noch heute von mir HART durchf***en", "wurdest Du schon mal von zwei Männern gleichzeitig verwöhnt?", "Sarah und Max suchen ihre #3 und Spielgefährtin - gerne auch Anfängerinnen", "auch härter, wenn Du das magst", "top bestückt" (inkl. Bild), "sexuelle Interessen primär im BDSM-Bereich"

Trends: ganz groß sind in diesem Jahr, ein Lama oder Alpaca als erstes Profilbild zu wählen (n = 5), sich Gänseblümchen in den Bart zu stecken (n = 4) oder die Haarfarben Türkis und Pink

 

Darüber hinaus en vogue sind extravagante Hobbys (Kitesurfen, Bergsteigen, Mountainbiken, Tiefseetauchen, Bouldern, Großwildjagen - Tennis, Schwimmen und Fußball sind so 2015!), Weltreisen (es gibt keinen Typen ohne Bild vor der Tempelanlage in Angkor Wat, dem Opernhaus in Sydney, vor Machu Picchu, vor karibischem Traumstrand, oder oder) und Gym-Selfies (Oberkörper frei, hart pumpen, Anabolika, trainierte Abs, das volle Programm). In der darüber hinaus einigermaßen homogenen Masse an Vornamen (sie heißen nun mal eben alle Max, Matthias, Michael, Alex, Christopher/Chris/Christoph, Tim, Tom, Flo, Niklas, Moritz oder Daniel) verschwimmt die Population meiner vermeintlichen Zielgruppe zu einem eintönigen Brei an Jungs/Männern, die alle gut bis okay aussehen, ein aufregendes, tolles Leben führen, denen ihr Instagram-Profil sehr wichtig zu sein scheint und die zur Komplettierung ihres Glücks noch die entsprechende Dame benötigen. Alles ansprechend, aber langweilig, viel versprechend, aber leider nichts haltend.

 

 

Ich schrieb oben, ich habe mich selbst gewählt sehr stark damit beschäftigt. Tatsächlich habe ich im letzten Monat etwas gemacht, was meine Mutter vor kurzem mit leicht gerunzelter Stirn als "Power Dating" bezeichnete. Zu diesem Ergebnis kam sie, nachdem ich ihr berichtet hatte, dass ich (zu diesem Zeitpunkt aktuell) drei Dating-Apps nutze, Tinder, happn und mayze, und dass ich mich in 4 Wochen mit 10-12 unterschiedlichen Männern auf ein Kennenlernen bei Kaffee oder Drinks getroffen habe. "Bist Du sicher, dass Du das nicht etwas verkrampft angehst?" der Kommentar meines besten Freundes Philip dazu. "Wieso, ich habe doch eh nach einem Gespräch festgestellt, dass es bei keinem von denen passt?", meine relativ ausweichende Antwort.

Einem Süchtigen kann in vielen Fällen der radikale cut helfen - to go cold turkey, wie die Angelsachsen sagen. Von einem auf den anderen Moment kompletter Entzug des Suchtmittels, in meinem Fall die Deinstallation von Tinder, happn und mayze. Am Mittwochabend habe ich diesen Schritt getan, bisher geht es mir gut, ich halte einen baldigen Rückfall für unwahrscheinlich. Vielleicht wollte ich mit obiger, sich natürlich ergeben habender Versuchsanordnung beweisen, dass man sich auf den Kopf stellen und das Finden der Liebe trotzdem nicht erzwingen kann.

Vielleicht müssen wir dazu doch in der U-Bahn jemanden sehen, uns umhauen und hinreißen lassen und uns dem Adrenalin-Kick des "Äh.. also.. kann ich vielleicht - ich mache so was echt nie - aber kann ich Deine Nummer haben?" aussetzen.. 

 

 

 

 

Dieser Text beruht in Teilen auf "Warum Tinder wie Shopping ist" von Michael Nast. 

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Diese Woche..

 

.. habe ich gleich mehrere famose Sprüche gelesen/gehört:

 

"Glück gleicht durch Höhe aus, was ihm an Länge fehlt"

"Wer Männer versteht, kann auch durch Null teilen"

"Ich bin kein Klugscheißer, ich weiß es wirklich besser"

 

.. war ich mit meinem besten Freund endlich in der Peter Lindbergh Ausstellung in der Kunsthalle - Infos und Bilder findet Ihr unten.

 

.. habe ich mir dieses Kleid, diese Ohrringe und ein diesem Kleid ähnliches (aber mit aufgestickten Perlen) bei Zara gegönnt - Nachshopp-Potenzial!

 

.. kann ich Euch das neue Album von Halsey "hopeless fountain kingdom" empfehlen - so cool!

 

.. habe ich Urlaub und arbeite unter Anderem an einem längeren Blogeintrag - stay tuned!

 

 

 

Peter Lindbergh - From Fashion to Reality, 13. April - 27. August 2017, geöffnet täglich 10.00-20.00 Uhr

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Met Gala 2017

Ich schreibe am Blog selten über Mode und das hat gute Gründe. Mich fasziniert Mode, ich versuche stets auf dem Laufenden zu bleiben, was aktuelle Kollektionen und Fashion Shows betrifft, aber ich spreche selten darüber.

Mir ist bewusst, dass der Großteil derer, die den Blog lesen, es wegen langen Fließtexten zu eher abstrakten Themen, wie Gefühlen, Erfahrungen und Lebenssituationen tun, mit denen sie sich entweder assoziieren können oder die sie einfach berühren. Das ist der eine Grund. Der andere ist aber, dass zu Mode bereits so viel gesagt, gemeint, geteilt, gebloggt wird, dass ich mich in dieses Haifischbecken gar nicht begeben möchte. Darin liegt schlicht und ergreifend nicht meine Kernkompetenz.

 

Da ich mich aber zur Victorias Secret Fashion Show im Dezember und zu den Golden Globes und den Oscars im Frühjahr schon bedeckt gehalten habe, habe ich nun doch ein Thema, das ich für teilenswert erachte, weil es sich viel näher an Kunst und Extravaganz bewegt, als dass es sich purer Ästhetik oder dem Wunsch nach Gefallen annähert. Ich spreche von den "Oscars der Ostküste", der Met Gala. 

 

Die Met Gala (manchmal auch "die Party des Jahres" genannt) signalisiert technisch die Eröffnung der jeweils neuen Sonderausstellung des New Yorker Metropolitan Museum of Art und repräsentiert damit so etwas wie den "alljährlichen Kostümball der Mode- und Allgemeinprominenz". Grundsätzlich am ersten Montag im Mai, stand die 69. Met Gala in diesem Jahr unter dem Motto der japanischen Designerin Rei Kawakubo und ihres Labels Comme des Garçons. Wer sich mit Mode auskennt, kriegt jetzt schon Angst. Hosts waren Anna Wintour, Tom Brady, Gisele Bündchen, Katy Perry und Pharrell Williams. 

Kawakubo, eine Mode-Visionärin, bekannt für ihre radikalen und avantgardistischen Designs, entwirft keine Kleider für schwache Nerven - etwas, das Fashion-Insider und Prominente bei der Wahl ihres Looks alle gleichermaßen widerspiegelten. Dabei traten sie nicht wie sonst üblich auf einen roten, sondern - um in der Ästhetik von Kawakubo zu bleiben - auf einen blau-beigen Teppich. Normalerweise fällt es mir schwer, zu entscheiden, wer für mich auf die Best Dressed Liste einer Veranstaltung gehört. Oft sehen sie alle wirklich schön aus, aus den Socken haut mich modisch gesehen aber nur selten einer der Anwesenden. Diesmal ist es anders. Ich würde sagen, 70% sahen wirklich zum Davonlaufen aus. Dass Anna Wintour die Frage danach, wann sie das letzte mal etwas von Comme des Garçons getragen habe, mit "in den 80ern" beantwortet, erklärt das vielleicht ein wenig und setzt es in den Kontext. Daher habe ich mich entschieden, meine kleine aber feine Best Dressed Liste hier zu posten (also die, die ich wirklich schön fand) und für alle, die sich das modische Drama wirklich zumuten wollen, entsprechende Slide Shows am Ende dieses Posts zu verlinken.

Glaubt mir, es ist zu Eurem Besten.

 

Zu Kopf gestiegen - die verrücktesten Frisuren der Stars, Süddeutsche Zeitung

See Every Single Look From the 2017 Met Gala Red Carpet, Time Magazine

The Met Gala Arrivals, New York Times

 

 

Obere Reihe von links nach rechts: Kate Bosworth in Tory Burch, Model Cara Delevingne (hat sich den rasierten Oberkopf mit silberner Farbe angepinselt und mit Strasssteinchen beklebt und) trägt Chanel, Emily Ratajkowski in Marc Jacobs

Untere Reihe von links nach rechts: Vogue Editor-in-Chief Anna Wintour in Chanel, Gisele Bündchen in (einem hautengen Glitzerfummel von) Sustainable Stella McCartney und Bella Hadid trägt (einen durchsichtigen Catsuit von) Alexander Wang

 

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"Oh Gott, ich glaube, er liebt Dich wirklich." - "Danke Mama."

Ich bekomme oft zu hören, dass einige meiner Themen, über die ich hier schreibe, mutige Themen seien. Welche, von denen sich andere nie trauen würden, sie in der Öffentlichkeit schriftlich auszubreiten. Ich fürchte, auch dieser Eintrag wird wieder so einer.

 

Seit einigen Wochen habe ich mich mit für mich bisher scheinbar unumstößlichen Maximen, Prinzipien auseinandergesetzt, sie gechallenged und mal wieder festgestellt, dass das Leben nicht schwarz oder weiß ist, sondern in der Vielzahl der Fälle grau. Konkret ging es dabei um Fragen, die ich mir zu meiner (mittlerweile beendeten) Beziehung, den Vorstellungen zu meiner Zukunft und zu den Gefühlen, die uns mit anderen Menschen verbinden gestellt habe. 

 

Die "aufregende" Liebe vs. die "stabile" Liebe

Ich bin fest davon überzeugt, dass es verschiedene Arten von Liebe gibt. Und hier meine ich nicht die auf den ersten Blick evident voneinander unterschiedlichen, elterliche, freundschaftliche und erotische Liebe. Ich meine "Typen" der erotischen Liebe, primär zwei eigentlich. Da ist zunächst die aufgeregte, dramatische, verliebte, emotionale, volatile, oft sehnsuchtsvolle Liebe - die wie in der Romantik üblich - selten gut ausgeht. Nicht immer, aber allzu oft, haben diese Beziehungen eine eher überschaubare Dauer mit absehbarem Ende. Es fühlt sich aus meiner Erfahrung an, als schwebte man monatelang wie ein Heliumballon unter der Zimmerdecke, man hat kaum noch Hunger, wenn man an den anderen denkt, möchte einem das Herz aus der Brust springen, manchmal beeft man sich auch richtig, aber zumindest ist da sehr viel Leidenschaft und Emotion im Spiel. Etwas was man gemeinhin auch als Verliebtheit bezeichnen kann. Die Zyniker nennen es Verblendung.

Nach einer Weile weicht dieses Stadium in vielen Fällen einem stabileren. Es weicht der "stabilen" Liebe. Man kennt sich besser, verlässt sich aufeinander, akzeptiert vielleicht auch Fehler oder Charakterzüge leichter, die einen in der Verliebtheit noch schwerer getroffen hätten. Die rosarote Brille verschwindet, man verbringt alltägliche Situationen und plant vielleicht die Zukunft miteinander, man verbringt weniger Zeit im Bett als vorher. Der Ofen wird "aus-er" (= Steigerung von "Der Ofen ist aus").

Dieser Ablauf ist ein natürlicher und er macht auch Sinn, denn weder das eine noch das andere Stadium können das einzig existente sein. Das erste ist nicht dauerhaft, denn wie könnten wir unser Leben lang in der Phase der Verliebtheit bleiben? Hormonell gesehen unmöglich, vor allem würden wir aber auch sonst nichts auf die Kette kriegen und unsere Ratio für sonstige Entscheidungen im Leben wäre bisweilen stark eingeschränkt. Das zweite ist bzw. sollte zwar dauerhaft sein, aber es sollte nicht das erste Stadium ersetzen. Denn wenn man das Gefühl hat mit der stabilen Liebe zu beginnen, ist es dann nicht vielleicht eher Freundschaft?

Ich habe mich in den letzten Wochen mit folgendem Dilemma auseinandergesetzt: die stabile Liebe ist eine, die mir nicht wehtun wird, ich kann mich auf sie verlassen, sie heilt meine Verlustängste, man kommuniziert stets auf Augenhöhe und auf eine (wie ich sie nennen würde) "erwachsene" Weise miteinander. Im Umkehrschluss ist sie nicht besonders aufregend, sie haut Dich nicht jeden Tag um. Es dominiert der Kopf, der sagt: "Hey, das Ganze macht Sinn, es passt doch alles (oder das meiste), sei doch einfach mal dankbar mit dem was Du hast." Überschattet oder unterminiert wird dieser Gedanke aber von meinem Herz, diesem kleinen sturen, ignoranten, unbelehrbaren Klugscheißer - ohne dessen überschäumende Zustimmung leider alles nichts ist. Mein Herz nörgelt also, ob die Aufregung, der "sparkle" nicht unabdingbar sei, vielleicht wichtiger als manche objektive Kriterien. Vor allem aber fragt mein Herz mich immer wieder, ob ich glücklich bin, ob ich so den Rest meines Lebens verbringen möchte. Mein Herz hat recht, denn ich beantworte dies mit "Nein". Ich sage also regelmäßig zu meiner besten Freundin und zu meinen Eltern: "Er tickt objektiv gesehen alle Boxen: ist intelligent, witzig, sieht gut aus, ist treu, ich mag seine Eltern und er meine, wir verstehen uns, er liebt mich, er würde mir nicht weh tun. Und mein Gefühl sagt mir trotzdem, dass er es nicht ist. Was ist das bitte für eine Scheiße?"

Womit ich gleich zu meinen nächsten beiden Dilemmata komme.

 

Verbringe ich Zeit mit jemandem, bleibe ich mit jemandem zusammen, obwohl ich weiß, dass er nicht "der Eine" für mich ist?

Ich komme langsam in ein Alter, da möchte man doch irgendwann auch mal konkreter sich mit Dingen wie zusammenziehen, verloben, .. auseinandersetzen. Nicht in den ersten ein, zwei Jahren einer Beziehung, aber halt schon irgendwann. Und hier höre ich Zayn in meinem Ohr: 

 

 Just stop lookin' for love

Girl, you know you still got time

 

Ich fühle mich nicht unter Druck gesetzt, aber ich frage mich ernstlich wie lange man mit jemandem zusammen bleiben sollte, wenn man weiß, dass es nicht der/die "Eine" ist. Sofort Schluss machen ist ein Schmarrn, denn "enjoy it while it lasts". Wie viel lebe ich im Jetzt, selbst wenn ich weiß, dass das Morgen sehr wahrscheinlich nicht so wird, wie ich mir es wünsche? “Worrying won’t stop the bad stuff from happening. It just stops you from enjoying the good.”

Ewig zusammenbleiben ist aber auch idiotisch, wenn man bedenkt, dass man sich und den anderen wertvoller Lebenszeit beraubt, in der vielleicht jemand auf der Matte steht, mit dem es wirklich was werden könnte. Die Lösung liegt also wie immer in der Mitte.

 

Erwachsenheit von Trennungen

Eine Erfahrung, die ich selten machen durfte (weder meinerseits noch seitens meines dann-Ex). Ich hoffe, diesmal wird es etwas, die Chancen stehen tatsächlich gut. Normalerweise ist jede Trennung meistens eine Art Tatort. Hier werden Menschen in Verzweiflung gestürzt, in Verbitterung getrieben und in ihrer Selbstdefinition erschüttert. Zu sagen, ich hätte mich noch nicht an jedem dieser drei Punkte gesehen, wäre schlicht und ergreifend gelogen. Doch diesmal ist es anders.

Es ist Freitagabend und wir telefonieren. Ich sage, dass wir reden müssen, dass ich ihm etwas sagen muss. Ich höre ihn nicken, es ist so weit. Die immer wiederkehrenden Diskussionen und Gespräche der letzten Wochen, in denen es um die immer gleichen Themen ging (mir fehlt die Emotionalität, ihm die gemeinsamen Interessen, für jeden von uns ist der Wohnort so sehr zuhause, dass wir ihn nicht für den anderen verlassen werden), sind am äußeren Ende der Spirale angekommen. Es gibt keine Lösung und es geht auch nicht weiter. Ich sage, dass ich normalerweise nicht am Telefon Schluss mache, aber dass ich im Moment nicht die Kraft habe, es persönlich zu tun. Ich könne so nicht mehr weiter machen und es komme für uns beide ja nicht überraschend. Nach einem kurzen Moment sagt er, dass er meine Entscheidung akzeptiere und respektiere und nicht versuche, etwas daran zu ändern.

Wir besprechen noch ein paar weitere Minuten, wer wem was zurückschickt, wir sind gemeinsam in dieser Situation, von der ich vorher befürchtet hatte, sie würde wesentlich schlimmer für uns beide werden. Zum Ende mache ich etwas sehr egoistisches, weiß ich doch, dass es mir helfen wird. Ich frage ihn, ob er klarkommt, ob er zusammenbrechen wird, in ein schwarzes Loch fällt. "Nein, das werde ich nicht, wir haben es ja kommen sehen." Ich atme nicht hörbar auf. Es wird mir weniger schlecht gehen, ich werde mich weniger schuldig fühlen, wenn ich weiß, dass er nicht leidet. Ich hasse es anderen Menschen wehzutun, auch wenn es manchmal nicht anders geht. Aber mit dieser Aussage fühlt es sich nicht ganz so beschissen an.

Er legt schließlich auf, nicht ohne vorher leise zu sagen "Du bist eine tolle Frau". 

 

Das erste Mal seit Monaten muss ich weinen.

Das Gegenteil von glücklich sein ist nicht - wie viele denken - unglücklich zu sein. Es ist: nicht glücklich zu sein. Und das ist ein himmelweiter Unterschied.

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Worüber man nicht spricht

Manchmal lese ich einen Artikel und der löst in mir das Bedürfnis aus, zu eben jenem Thema einen Blogbeitrag zu schreiben. Meistens geht es in solchen Artikeln um Erlebnisse, Gedanken oder Gefühle, mit denen ich mich assoziieren kann, bei denen ich aus meiner persönlich erfahrenen Perspektive berichten werde können. In diesem Artikel, den ich vor kurzem gelesen habe, ging es um Angst.

 

Angst ist unberechenbar, sie taucht meistens da auf, wo man nicht mit ihr rechnet. Eigentlich rechnet man nicht mal damit, dass man überhaupt plötzlich Angst haben kann. Das klingt im ersten Moment seltsam, meinen wir doch alle zu wissen, dass wir vor irgendwas Angst haben. Aber das ist das perfide und das gemeine und das was die Angst auch so unkontrollierbar macht. Sie ist nicht das gleiche wie Furcht oder wie Sorge. Furcht ist spezifisch, sie ist konkret. Man fürchtet sich vor wilden Tieren, vor dem Scheitern einer Prüfung, vor einer Operation. Ich beispielsweise fürchte mich vor Spinnen, Schlangen und Haien. Und vor meiner Weisheitszahn-OP habe ich mich damals auch immens gefürchtet. Sorge ist zwar nicht besonders konkret, sondern eher relativ abstrakt, doch meist bezieht sie sich auf Dinge oder Entwicklungen, die in der Zukunft liegen könnten. Was sie von der Angst unterscheidet, ist dass sie meist nicht bedrohlich und akut vor uns herauf ragt, sie ist glaube ich noch mehr im Unbewussten angesiedelt und scheint im Vergleich mit anderem nicht besonders "schlimm".

Angst dagegen ist allgemein. Sie ist schwer vorauszusagen und wirkt oft irrational. Eine Einteilung in große und kleine Ängste bringt nichts, auch nicht in sinnlose Ängste und sinnvolle. Es macht keinen Unterschied, jemandem zu sagen, er könne nicht fallen, wenn er Höhenangst hat. Es macht keinen Unterschied, zu sagen, dass sich die Aufzugtür doch in einigen Sekunden wieder öffnen wird, wenn jemand Platzangst hat. Was soll es schon für einen Sinn machen, wenn jemand beispielsweise nicht in der Lage ist, über eine Brücke zu gehen, weil er wahnsinnig Angst davor hat, obwohl es eine ganz normale, sichere Brücke ist? Ich habe glücklicherweise keine dieser Ängste. Aber ich hatte andere. Und manche habe ich immer noch. Ich habe beispielsweise große Angst, davor Treppen herunter zufallen. Bei fast jeder Treppe, die ich hinabsteige sehe ich vor meinem inneren Auge wie ich stolpere, ins Leere trete, an den Stufen abrutsche und sie hinunter schlage bis ich unten aufpralle. Meistens schlage ich mir in diesem Szenario auch einige Zähne aus oder habe eine Platzwunde. Immer passiert - in der Realität - nichts, ich falle nicht. Ich habe Angst vor lauten plötzlichen Geräuschen, beispielsweise Töpfe, die in der Küche auf den Boden scheppern, Türen, die ins Schloss geknallt werden. Und eine Sorge habe ich. Die Sorge niemals richtig glücklich zu werden - oder präziser ausgedrückt: niemals einen Zustand der langfristigen, ruhenden Zufriedenheit zu erreichen. 

Nachdem wir uns nun aber über die Differenzierung von Angst und Furcht (und Sorge) im Klaren sind, kommen wir doch zu ihrer aller 4. hässlichen Schwester. Eigentlich ist es vor allem der schlimme Zwilling der Angst. Es ist die Angststörung, eine chronifizierte, pathologische Form der Angst, am bekanntesten die Panikattacke. Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Angststörungen; Experten sind sich einig, dass es jeden treffen kann, jeder vierte Deutsche muss in seinem Leben damit rechnen. Bei dem einen kommt die Angst früher, bei dem anderen später. Bei mir kam sie Ende 2015.

 

Bei vielen Leuten kommen irgendwann Dinge hoch, die lange geschlummert haben. Richtige Traumata, die plötzlich ausbrechen. Manche fragen sich: "Warum geht das denn jetzt los?" Und auch ich habe mich das Ende 2015 gefragt. Es scheint so zu sein, dass ein allgemeines Klima der Unsicherheit, das unsere Gesellschaft grundsätzlich und in manchen Zeiten besonders beschäftigt, bei Menschen sehr persönliche, eigene Ängste hervorholen kann. Ich vermute, dass es bei mir die Anschläge im November 2015 in Paris waren, zu der Zeit eben als ich dort gelebt habe und keinen Kilometer vom Bataclan zur Uni gegangen bin. In den Wochen danach war ich zunächst "nur" traurig, ich habe mich vor Polizeisirenen und lauten Geräuschen erschreckt, ich habe oft - scheinbar grundlos - angefangen zu weinen. All das habe ich bewusst mit den gerade geschehenen Ereignissen und meinem Leben in dieser zu der Zeit heftig schwankenden Stadt begründet. Es hat mich nicht beunruhigt. Was mich beunruhigt hat war ein Freitagabend im Januar des vergangenen Jahres, an dem ich zu Besuch in München war. Ich war gerade im H&M, als ich dachte, ich kippe um. Ich wusste nicht, was los war. Ich spürte einen Druck in der Brust, Herzrasen, hatte Schwindelgefühle und zitterte. Ich dachte mir: ein Herzinfarkt? In meinem Alter? Never. Vielleicht hast Du zu wenig gegessen und bist unterzuckert. Aber das war ein Bruchteil meines Gehirns, der das dachte. Der Großteil von mir hatte einfach Angst. Riesige, panische, nackte, rohe und irrationale Angst, ich müsse jetzt sofort auf der Stelle sterben. Ich verließ das Geschäft und lief einige Minuten durch die kalte Luft. Es ging wieder. Dachte ich. Ich beschloss, den Vorfall zu ignorieren. 

Aber diese Situationen kamen wieder. Abends im Kino, morgens beim Haareföhnen in Paris, mittags beim Einkaufen, vormittags an der Uni, abends am Nachhauseweg, abends zuhause angekommen, nachmittags in der Métro. Vor allem in Paris. Ich weinte, schrie, wollte mich auf den Boden legen, mitten auf der Straße oder mich in der Métro zusammenkauern. Ich heulte eigentlich ständig, meistens in mindestens halbstündigen Sturzbächen, immer ohne konkreten Anlass. Wenn ich gerade keine Panikattacke hatte, dachte ich, ich würde verrückt, ich verlöre den Verstand. Vor allem begann ich, Angst vor der nächsten Panikattacke, vor der Angst selbst zu bekommen. Angst lähmt, sie bringt das Leben zum Stillstand. Wenn sie regiert, ist nichts mehr von Freiheit und Weite da.

 

Man kann Ängste weniger bedrohlich machen, in dem man so viel Informationen über sie sammelt wie möglich. Was wir kennen macht uns weniger bange. Also begann ich mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Im Zuge dessen stellte ich fest, dass es a) etwas ist, über das nicht viel gesprochen wird, das "man halt einfach als normaler Mensch nicht hat" und dass es b) umso mehr Menschen betrifft, je mehr man fragt. Ich interessierte mich dafür, wie es anderen Menschen in solchen Momenten ging und las einen bemerkenswerten Satz: "es fühlt sich an, als attackiere Dein Gehirn Dich selbst." Wenn der Kopf macht, was er will, verliert man jegliche Kontrolle über sich und das eigene Leben. Man steht neben sich und beobachtet wie man sich selbst zu Grunde richtet. Wie man Stück für Stück an den eigenen Gedanken zerbricht. Eine junge Frau aus Nashville, 23 (ungefähr dem Alter, in dem es auch bei mir losging mit der Angst), beschrieb das Gefühl so und das trifft es relativ umfassend:

 

Anxiety isn't just having a hard time catching your breath.

Anxiety is waking up at 3 am from a dead sleep because your heart is racing.

Anxiety is breaking out in a rash for no reason.

Anxiety is stressing over things that may or my not be real.

Anxiety is questioning your faith, how could my creator allow me to feel this way!?

Anxiety is calling your sister 3 hours before she gets up for work, in hopes she'll answer so you can get your mind off the attack. Anxiety is a 2 am shower.

Anxiety is your mood changing in a matter of minutes.

Anxiety is uncontrollable shaking and twitching.

Anxiety is crying, real and painful tears.

Anxiety is nausea. Anxiety is crippling. Anxiety is dark.

Anxiety is having to make up excuse after excuse for your behaviour.

Anxiety is fear. Anxiety is worry. Anxiety is physically and emotionally draining.

Anxiety is raw. Anxiety is real.

Anxiety is a fight with your spouse, even though you're not mad.

Anxiety is snapping at the smallest annoyance. Anxiety is flashbacks.

Anxiety is "what if." Anxiety is a lot of "what's wrong" and "I don't know."

 

 

Wenn die Zentrale Deines Denkens, Handelns und Fühlens gegen Dich den Krieg losbricht, kannst Du in diesem nur unterliegen. Du kannst nur unterliegen, aber Du kannst die Niederlage trainieren und sie weniger schmerzhaft machen. Ich zumindest hatte das Glück es zu können. Es gibt Atemübungen, es gibt Tricks, es gibt Dinge, die man sich angewöhnen kann. Die sind alle meist recht simpel und grob, aber sie können funktionieren. Sich Mund und Nase zuhalten bis man das Gefühl hat, man ersticke tatsächlich, während man sich im Kreis dreht. Man simuliert dem Körper die Symptome, bei denen das Gehirn mit Angst konditioniert ist. Man läuft einfach los, ohne Jacke (im Winter), ohne Portemonnaie oder Handy stundenlang durch die Gegend, man versetzt sich in einen verletzlichen, unsicheren Zustand und provoziert die Angst. Und dann muss man lernen, die Angst auszuhalten. Mit ihr zu leben, sie als einen Teil zu akzeptieren und zu versuchen zu verstehen, ob sie einem nicht vielleicht etwas sagen will.

Nun ist es nicht leicht, über Ängste in einem öffentlich zugänglichen Raum, wie es der Blog nun mal ist, zu sprechen. Wer wirklich über Ängste spricht, verrät eine Menge von sich. Vielleicht verrate ich eine Menge über mich. Aber es ist ja auch mein Blog.

Viele Menschen, die wesentlich klüger und wortgewandter sind oder waren, als ich es je sein werde, haben ihre Gedanken zur Angst zu Papier gebracht. Der Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, nannte die Angst den "Knotenpunkt der Seele". Wer sie zu lesen verstehe, schrieb er einmal, könne alles begreifen, was das Seelenleben eines Menschen ausmache. In einer Vorlesung vor Studenten soll Freud eine Art Formel aufgestellt haben: es gäbe etwas, was mehr als alles andere Angst auslöse und das sei die Vermeidung. Wer in seinem Leben zentrale, wichtige Dinge vermeide, wichtigen Erfahrungen, wichtigen Entscheidungen aus dem Weg gehe, zahle dafür einen Preis. Und dieser Preis heiße Angst. Dem kann ich in Teilen zustimmen, denke ich.

Kritischer stehe ich Philosophen wie Søren Kierkegaard und Martin Heidegger gegenüber. Sie stellten Angst ins Zentrum ihrer Denksysteme und nahmen an, niemand könne sich von der Erkenntnis befreien, dass das eigene Leben endlich sei, dass jeder sterben müsse. Kierkegaard war es auch, der die These aufstellte, dass die Selbstbestimmung des Menschen eine weitere Angstquelle ist, dass die Möglichkeit der freien Entscheidung oft Unsicherheit produziere. Der französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre sah nur eine Chance, aus dem Angstkosmos des Lebens auszubrechen: Der Mensch müsse sich dem anderen zuwenden, nur der andere Mensch, das Gegenüber, könne Halt versprechen. Das dagegen halte ich, mit Verlaub Sartre, für ausgemachten Blödsinn. Im Moment der Angst ist man allein und keiner kann einem die Angst nehmen. Und der Halt, den der andere, vermeintlich unängstlichere versprechen kann, wird in den unwenigsten Fällen zu einem jämmerlichen Haufen Abhängigkeit.

 

Ich habe weniger häufig schlimme Angst, vor allem aber habe ich gelernt, mit ihr zu leben und sie als das zu nehmen, was sie ist: eine Emotion, die kommt wie eine Welle, aber auch wieder geht und derer man sich nicht schämen muss, wenn sie einen mal umwirft.

 

Dieser Text entstammt in Teilen dem Artikel "Angst - Mitteilungen einer unheimlichen Gefährtin" von Stephan Lebert (2017).

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Kunst in meiner Wohnung

Heute möchte ich über etwas schreiben, das ich jeden Tag sehe. Wenn ich aufstehe, wenn ich schlafen gehe, wenn ich heimkomme, wenn ich aus der Dusche stolpere und meine Haare trocken rubbele. Es handelt sich dabei um ein Bild, ein Gemälde oder ein Kunstwerk in einem dunklen Holzrahmen, geschätzt 120x150cm. Ganz lange hat es an der Wand über meinem Bett gelehnt, aufhängen kam irgendwie nicht so cool. Mittlerweile habe ich es aber tatsächlich mal aufgehängt - man entwickelt sich ja auch weiter.

Ich habe es zu meinem 25. Geburtstag von jemandem geschenkt bekommen, den ich letztes Jahr im Herbst kennen gelernt habe. Und von dem ich sehr lange nicht wusste, was er für mich bedeutet (und ich glaube, das Gefühl beruhte und beruht auf Gegenseitigkeit). Alle Menschen, die in unser Leben treten, haben eine Aufgabe, sie sollen uns etwas zeigen, lehren, empfinden lassen. Manchmal begleiten uns diese Menschen nur in bestimmten Phasen und danach verschwinden sie wieder, manch andere bleiben für immer. Nun ja. Wie bin ich darauf gekommen? Achso. Ich habe dieses Kunstwerk also von einem dieser Menschen bekommen, die plötzlich da sind und von denen man noch nicht genau weiß, warum und wie lange sie welche Rolle für uns spielen. Manchmal hat man ja Intuitionen, manchmal hat man auch Hoffnungen oder Vorstellungen von Länge der Anwesenheit und mit ihnen verbundenen Gefühlen, manchmal macht einem aber auch das Leben einen Strich durch die Rechnung und alles kommt anders. Besser, schlechter oder einfach anders. Anyway. Zurück also zu dem Bild. Vielleicht beschreibe ich es erst einmal, denn das habe ich im von mir sehr geschätzten Kunstunterricht in der Oberstufe gelernt: zuerst beschreiben, was man sieht, dann erst, was man daraus interpretiert. Es hat die Farbe einer Kreidetafel in der Schule, dieses leicht verschmierte tafelgrün, in etwa so als sei jemand beim Tafelwischen ein wenig nachlässig gewesen. Es hat einen schwarzen, schmalen Rahmen und zeigt von links unten nach rechts oben angeordnet und mit Kreide geschrieben drei Formeln: eine mathematische, eine chemische, eine physikalische. Einen Bruch, eine Strukturformel, eine Ableitung. In den ersten Wochen hatte ich keine Ahnung, was ich mit diesem augenscheinlich primär intellektuellem Gekrakel sollte, dennoch fand ich die Geste gewissermaßen berührend. Wir hatten uns kurz nach unserem Kennenlernen in einem meiner liebsten Museen in München, dem Museum Brandhorst, getroffen, um dort die damals aktuelle Cy Twombly Ausstellung "In the Studio" anzusehen. Auf der Eingangsebene hängt ein imposantes Gemälde - in eben jener Kreideanmutung, allerdings ohne erkennbare Buchstaben oder Zeichen. Im Nachhinein kann ich mich nicht mehr an den Namen entsinnen, aber es war gewaltig und wir waren beide beeindruckt. Es entspann sich also ein Gespräch darüber, wie groß ein Haus sein müsse, damit man das unauffällig im Flur platzieren könne und die ca. 6x8m nicht protzig wirkten. Ob man darauf vermerkte "Schatz, bitte Milch einkaufen" und ob der Sinn darin zweckmäßiger oder ästhetischer Natur sei. Wir taten also das, was Kunst mit einem tun soll: wir sponnen unsere eigenen Gedanken und ließen uns von dem Bild zu etwas bewegen. Zumindest ist das meine Auffassung von dem, was Kunst mit einem tun soll. Und bitte niemals fragen "Was will der Künstler damit sagen?". Bitte nicht bei Kunst und auch nicht bei Gedichten oder Musik. Der Künstler will im Zweifel gar nichts sagen, sondern vor allem Geld verdienen, und es ist auch unerheblich was er damit sagen wollen könnte, weil es alleine darauf ankommt, was wir daraus mitnehmen. Das war jedenfalls der Hintergrund dazu, bevor ich mir einige Wochen später erklären ließ, was es nun mit diesen kryptischen Berechnungen auf sich hat. Es hat mir bald die Schuhe ausgezogen, weil ich so viel Tiefgründigkeit an dieser Stelle nicht erwartet habe.

 

1/285 T

Glaubt man der Untersuchung des britischen Mathematik-Dozenten Peter Backus von der Warwick University in England, ist es ziemlich unwahrscheinlich bis nahezu unmöglich, jemals im Leben den oder die "Eine/n" zu finden. Auf Basis der sogenannten "Drake-Formel", mit der der Astrophysiker Frank Drake in den 60er Jahren die Anzahl möglicher Außerirdischer im Universum bezifferte, errechnete Backus die Wahrscheinlichkeit, seiner perfekten Partnerin zu begegnen. Das ernüchternde Ergebnis: Unter den 30 Millionen in England lebenden Frauen sollen nur 26 potenzielle Kandidatinnen sein, die (so Backus' Must-haves) zwischen 24 und 34 Jahre alt sein und in London leben sollten. Umgerechnet (und ich glaube, nach noch ein paar weiteren Rechenoperationen) entspricht das wohl einer Wahrscheinlichkeit von etwa einer pro 285.000. Womit wir bei oben stehender Formel wären. 

Daraus könnte man nun folgendes machen: man könnte sich darauf stützen, dass man zwingendermaßen nach 285.000 Bekanntwerdungen und/oder Dates sowie einer verdammt guten Intuition zwangsläufig den oder die "Eine/n" gefunden haben MUSS. Man kann sich davon deprimieren lassen, denn es sagt aus, dass derjenige, der abends neben einem auf dem Sofa sitzt, mit nur 0,00000004%iger Wahrscheinlichkeit derjenige ist, der unübertreffbar gut zu uns passt. Man kann sich davon auch beflügeln lassen und fest daran glauben, man habe die Statistik besiegt. Ich.. werde nichts dergleichen tun. Ich nehme die Existenz dieser Formel hin, ich akzeptiere sie. Aber ich glaube nicht an sie, weil ich nicht daran glaube, dass sich das Leben in Berechnungen zähmen lässt. 

Gerüstformel Endorphin [sic!]

"Die ist mir aber ein bisschen missraten, kann sein, dass es auch was anderes ist. Aber Endorphin war jedenfalls gemeint." Hier abgebildet seht Ihr Adrenalin, ein Stress- oder Angsthormon, manchmal auch "Benzin der Angst" genannt. Einmal ins Blut ausgeschüttet, bewirkt es eine kurzzeitige Herzfrequenzsteigerung und raschen Blutdruckanstieg, unser Körper mobilisiert Energiereserven - wir können (beispielsweise) fliehen. Eine meinem Gemälde auf den ersten Blick ebenfalls nicht ganz unähnliche Gerüstformel (Chemiker würden mich spontan lynchen wollen) scheint Melatonin zu haben. Es steuert den Tag-Nacht-Rhythmus des menschlichen Körpers und kann bei tagsüber zu hohen bzw. nachts zu niedrigen Spiegeln zu sogenannten Winterdepressionen beziehungsweise Schlaf- und Gedächtnisproblemen führen. Damit kämen wir der Sache schon näher, denn ich komme mittlerweile wieder in ein Alter, in dem man schon mal abends quengelig wird, wenn tagsüber der Mittagsschlaf ausgefallen ist. Womit ich das Ganze aber tatsächlich verknüpfen würde (und zwar nicht wegen dem Erschaffer meines Bildes, sondern weil ich grundsätzlich sehr viel von Liebe im allgemeinen halte) und was außerdem auch ein bisschen in Richtung Endorphin geht, wären die "Verliebtheitshormone", vorrangig bekannt unter ihnen Dopamin ("Belohnungs-Neurotransmitter"), Serotonin ("Glücks-Botenstoff") und Oxytocin ("Schmusehormon"). Zurück aber zu unserem ursprünglich intendierten Endorphin, Kurzform von "Endogenes Morphin". Es handelt sich also um vom Körper selbst produzierte Morphine, die schmerzlindernd bzw. schmerzunterdrückend wirken, beispielsweise der Grund, aus dem manche schwer verletzten Menschen zunächst keine Schmerzen verspüren. Andererseits werden Endorphine auch bei positiven Erlebnissen ausgeschüttet, was ihnen den leicht irreführenden Namen "Glückshormone" eingebracht hat. 

 

Gravitationswellen - oder etwas, dessen Existenz lange für unmöglich gehalten wurde

Die rechte obere Ecke der Tafel bildet einen Teil des mathematischen Nachweises zum Vorhandensein von Gravitationswellen ab. Analog zu Lichtwellen, so erkannte Einstein 1916, muss es auch Gravitationswellen geben. Die entscheidende Beschreibung – die Quadrupol-Formel – fand er 1918. Gravitationswellen bestehen nicht aus elektromagnetischer Strahlung, sondern aus Schwingungen der Raumzeit. Und nein, das weiß ich nicht einfach so, das habe ich gegooglet. Physik ist nämlich vor der Oberstufe aus Überlebenswillen bei mir aussortiert worden. Gravitationswellen entstehen also, wenn Massen umeinander kreisen, miteinander kollidieren oder in sich zusammenstürzen. 

Fast so wie Menschen, wenn sie sich verlieben, sich streiten oder ihnen etwas wirklich schlimmes widerfährt. Der Punkt ist aber ein anderer: Einstein hatte besagte Krümmungen in der Raumzeit stets vorhergesagt, nachgewiesen wurden sie aber bis 2016 nie - nie zuvor hatte jemand sie messen können. "Es geht darum, dass alle immer gedacht haben, die gäbe es nicht." Spontan regt sich in mir der Impuls, das mit anderen Dingen zu vergleichen, von denen (mittlerweile) viele sagen, es gäbe sie nicht (mehr). Liebe auf den ersten Blick. Lebenslange Partnerschaft. Den Zufall, durch den Menschen plötzlich in unser Leben fallen und man sich nie hätte vorstellen können, was sie für uns werden..

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Diese Woche vom Leben gelernt

Traue niemandem, der rumbrüllt und eine Fahne schwenkt!

 

Ich regel' meinen Wasserhaushalt über die Eiswürfel im Gin Tonic

 

Wenn Du etwas 10Sek. aushalten kannst, ist es kleiner als Dein Kopf es macht

 

Viele glauben nichts, aber fürchten alles. (Friedrich Hebbel)

 

Liebe wird aus Mut gemacht.

 

your future self is watching you right now through memories

 

Unsicher, in welche Richtung man gehen sollte? Ich empfehle einen großen Schritt aus der Komfortzone.

 

Ich bin wie Peter Pan. Kein Stück erwachsen, aber derbe cool.

 

Die Realität haut der Hoffnung beizeiten auf die Fresse.

 

Der Sinn des Lebens ist leben.

 

The horrifying moment when you're looking for an adult, but then you realize that you are an adult.

So you look for an older adult, someone successfully adulting. An adultier adult.

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Byebye, 2016!

Wenn ich heute, am letzten Tag des Jahres 2016, durch meinen Facebook-Feed scrolle, sehe ich eigentlich vor allem Posts und Artikel zu Neujahrsvorsätzen oder dazu wie, Verzeihung, scheiße 2016 war. Der Impuls, der mich packt, wenn ich das lese ist der, meine eigenen Vorsätze kundzutun und mein persönliches Resümee zu diesem, ja doch auch aus meiner Perspektive, eher bescheidenem Jahr zu ziehen. Und wo könnte ich das besser tun, als hier. Ich sitze nun, am Mittag des 31. Dezember 2016 in meinem dunkelgrauen Bademantel in meinem überdimensional großen Bett in meiner Wohnung in München, bevor ich am frühen Abend zu einer Silvesterparty nach Landshut aufbreche, zu der ich eingeladen bin.

Mal wieder, und so ist es ganz häufig, wenn ich eine Weile nichts geschrieben habe, möchte ich ganz viel Verschiedenes erzählen oder berichten, da ich aber oben zumindest schon mal zwei Hauptthemen genannt habe, beginne ich mal mit diesen beiden.

 

Gute Vorsätze für 2017

Hier sind ein paar von meinen - allerdings nicht alle:

- min. einen grünen Smoothie pro Woche trinken (ich habe z.B. diesen tollen von innocent gefunden, der mir tatsächlich schmeckt!)

- jeden Morgen die Titelseite einer Tageszeitung lesen

- weniger lästern, tratschen, gossipen - ist gut für's Karma ;)

- mindestens 3x pro Woche Sport machen 

- jeden Tag 10 Minuten meditieren

- an einen Ort verreisen, an dem ich noch nie war (einige dieser hier sehen toll aus, Sri Lanka, Jordanien, Aarhus in Dänemark oder Kolumbien.. was mich auch ewig schon reizt, wäre Island)

- mich wieder mehr mit meinen Hobbys beschäftigen - Warum haben wir eigentlich alle keine richtigen Hobbys mehr?

- weniger auf der Deutschen Bahn rumhacken - hier lest Ihr, warum das oft sehr unfair ist

- 5 richtige Bücher lesen (klingt lächerlich, weil wenig, ist aber so)

 

 

Rückschau 2016

Wenige Jahre haben so viel Bashing hinnehmen müssen wie 2016. 1945 vielleicht oder 2001. Am gelungensten, muss ich sagen,  fand ich allerdings diese Version, 2016 als Horror-Film

Dieses vergangene Jahr blickt also zurück auf das Ableben besonders vieler Prominenter, Celebrities, Legenden - vor allem solche, mit denen einige von uns aufgewachsen sind, die für sie die Popkultur mit definiert haben. Mich haben bei dem ganzen besonders der Tod von Roger Willemsen, Guido Westerwelle, Miriam Pielhau und Alan Rickman getroffen, da ich mit ihnen eben etwas Besonderes verbinde oder mich das viel zu frühe, grausame Sterben nach schwerer Krankheit schockiert hat und es bis heute tut.

Sicherlich gibt es noch viele weitere Entwicklungen und Ereignisse politischer Art, Anschläge, Naturkatastrophen, Kriege, und und und. Es gibt aber mit Sicherheit auch viel Schönes, was in diesem Jahr passiert ist und so möchte ich einerseits daran erinnern, wie wichtig es ist, das positive nicht aus den Augen zu verlieren, vor allem möchte ich aber ein bisschen auf das zu sprechen kommen, was an meinem Jahr besonders, schlimm, schön, zutreffend oder bemerkenswert war und ist.

 

Ganz oft frage ich mich, warum ich Dinge neu und anders sagen oder schreiben soll, wenn sie Menschen vor mir viel schlauer und schöner gesagt haben - wenngleich Urheberschaft oder eben die Zusammengehörigkeit des Gesagten mit dem Sagenden bisweilen mehr Spekulation als sonst was sein mag. Wer mich kennt, weiß wie sehr ich intelligente oder einfach sprachlich ästhetische Sprüche, Zitate und Lebensweisheiten - Aphorismen - schätze. Wer mich kennt, weiß auch, dass ich sie im Englischen ganz oft noch viel schöner finde. Hier sind also ein paar meiner sprüchlichen Highlights dieses Jahr.

 

 

This year  has been a massive split between worst year of my life and best year of my life.

[Januar - Anfang April: scheiße - Mitte April: super - Ende April bis Ende Mai: okay, besser werdend - Juni - August: richtig gut - September: scheiße - Oktober - Dezember: mittel, mit Tendenz nach oben]

 

“It has been one of the greatest and most difficult years of my life. I learned everything is temporary. Moments. Feelings. People. Flowers. I learned love is about giving - everything - and letting it hurt. I learned vulnerability is always the right choice because it is easy to be cold in a world that makes it so very difficult to remain soft. I learned all things come in twos: life and death, pain and joy, sugar and salt, me and you. It is the balance of the universe. It has been the year of hurting so bad but living so good, making friends out of strangers, making strangers out of friends (..) We must learn to focus on warm energy, always. Soak our limbs in it and become better lovers to the world, for if we can’t learn to be kinder to each other how will we ever learn to be kinder to the most desperate parts of ourselves.” Rupi Kaur

 

"I've learned a lot this year. I learned that things don't always turn out the way you planned, or the way you think they should. And I've learned that there are things that go wrong that don't always get fixed or get put back together the way they were before. I've learned that some broken things stay broken, and I've learned that you can get through bad times and keep looking for better ones, as long as you have people who love you.” Jennifer Weiner

 

"And not everything is meant to stay in your life, some things only come as a lesson."

"Sometimes you are all you have - and sometimes that's all you need."

" You were a beautiful time in my life, and if that's all you'll ever be, then that's okay. Not all art is destined to hang on the same walls forever."

 

"Stay afraid, but do it anyway. What’s important is the action. You don’t have to wait to be confident. Just do it and eventually the confidence will follow." Carrie Fisher

 

“People are like stained-glass windows. They sparkle and shine when the sun is out, but when the darkness sets in, their true beauty is revealed only if there is a light from within.” Elisabeth Kübler-Ross

 

"Something I just recently learned was that "chased love" is not love. If you have to run after it, talk it into staying, remind it of your value, fight alone for the both of you, issue ultimatums, or test it - it is not love! It's not love, it's not happiness, it's not fair, it's not healthy; the only thing it is...is a waste of your time." Unknown

 

"Love is the same thing as being lost. Except you don't care that you're lost." Jedediah Berry

 

“I am coming to terms with the fact that loving someone requires a leap of faith, and that a soft landing is never guaranteed.” Sarah Dessen

 

 

Nachdem ich also nun zum Jahresende meine Lieblings-Perlen der Weisheit geteilt habe, vielleicht noch ein bisschen was von Filmen, Clips, Kampagnen dieses Jahr, die ich richtig toll fand - und was meine Leser recht simpel nachvollziehen (weil anschauen) können.

 

Der beste Film, den ich dieses Jahr im Kino gesehen habe

Nocturnal Animals. Seelisch und körperlich brutal, reicht an Bildsprache, Analogien und Metaphern. Toll gespielt von Amy Adams und Jake Gyllenhaal. Für Fans von Gone Girl, Side Effects, Savages oder Ein perfektes Verbrechen.

 

Die drei coolsten Werbespots / Kampagnenfilme

1. The Tale of Thomas Burberry - Burberry Festive Film 2016

2. SWAROVSKI - Ready for the Holiday Party with Karlie Kloss

3. Some call it work. A normal day at Audi (auch wenn ich nicht grundsätzlich Fan von Audi bin)

 

Vor kurzem entdeckt, die Antwort auf die Frage, was eigentlich schief läuft mit unserer Generation.

 

Ich wünsche Euch in diesem Sinne (mit vielen Links, Artikeln, Zitaten und Fotos - siehe unten) ein glückliches neues Jahr und keinen derartigen Kater morgen ;)

 

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Was mein Leben reicher macht

Es gab mal eine Rubrik in der ZEIT, ich bin mir gar nicht sicher, ob es die noch gibt, da ich sie einige Male schmerzlich vermisst habe. Jedenfalls ging es darum, dass Leser Beiträge einsenden können, variabler Länge - von einem Wort bis einige Zeilen war oft alles dabei - mit Dingen, Menschen oder Momenten, die ihr Leben gefühlt reicher machen. Bereichern. Nun hat bestimmt jeder solche Dinge, Menschen oder Momente, nicht jeder nimmt sie aber immer als solche wahr, noch weniger wertschätzen sie vermutlich und die allerwenigsten werden sie an die ZEIT schicken. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob die Beiträge in der ZEIT ausschließlich von Menschen kamen oder kommen, die eben dies alles wahrnehmen und/oder wertschätzen oder ob sie einfach als besonders achtsam und dankbar erscheinen wollen. Anyway.

Wahrscheinlich denke ich mal wieder viel zu schwarz über die Menschen. Gerade in dieser Woche muss ich gestehen, denke ich sehr schwarz über die Menschen. In einer Woche, in der die Nachrichten im Vergleich zu denen der letzten Wochen aus einem mir nicht erklärlichen Grund irgendwie enger, irgendwie bedrückender, vor allem aber immer unmenschlicher geworden sind. Vielleicht ist es auch nur mein Empfinden, ich, die um die Weihnachtszeit mehr als zu anderen Zeiten im Jahr der Meinung ist, dass Liebe, Zwischenmenschlichkeit und Wärme ihren Platz unter uns und ihre Bedeutung für uns so sehr nicht verlieren dürfen. Ich, die nicht verstehen kann, welche Menschen andere Menschen grundlos hinterrücks Treppen runtertreten. Welche Menschen andere Menschen in einem seit Jahren von Bürgerkrieg heimgesuchten Land in erbärmlichen Zuständen einkesseln und die eh schon in Schutt liegenden Ruinen auch noch zerbomben. Welche Menschen andere Menschen beim Joggen oder woanders vergewaltigen und ermorden, völlig unabhängig davon, ob diese Täter in unserem Land geboren sind oder nicht. Welche Menschen immer die einfachsten, kürzesten und meist eindeutig in eine bestimmte politische Richtung gehenden Antworten auf die drängendsten Probleme, die vor uns liegen, zu haben scheinen - die in Wirklichkeit aber keine Antworten sind. Ich könnte weitermachen mit zwei Szenarien, mit denen keiner von uns gerechnet hat und bei denen wir alle Köpfe schüttelnd davor stehen, beide überraschenderweise in der angelsächsischen politischen  Landschaft angesiedelt. Ich kann es aber auch lassen. Das ist hier weder ein Politik-Blog noch eine Martenstein'sche Gesellschaftskritik und außerdem arbeiten sich genug andere daran ab, dass das vermutlich historisch haltbarste Zitat des 45. US-amerikanischen Präsidenten "Grab 'em by the pussy" sein wird. Es bedarf also nicht noch meines Senfes zu diesem Thema, mal abgesehen davon, dass ich mal wieder abgeschwiffen oder "ausgestriffen" (habe ich gerade aus aus-reiten und herum-streifen = aus-streifen = ausgestriffen gemacht) bin. Bevor ich da also thematisch einmal den Kreisel genommen habe, war ich an der Ausfahrt "Was mein Leben reicher macht" und das ist wie man es erwarten wird - im Gegensatz zu meinem gesamten Prolog hier - ausschließlich schönes. Also. Was macht mein Leben reicher?

- In der U-Bahn neben mir lernt ein Junge, vielleicht 6. Klasse, Latein-Vokabeln. Ich lunse in sein Buch und überprüfe mich selbst: ich kann noch fast alle.

- Ich sitzend mit blanken Beinen auf den Fliesen in meinem Bad. Mit angeschalteter Fußbodenheizung auf 35°C. Mhhhh.

- Lieder, die ich so schön finde, dass ich sie tot nudele. Das hier z.B., allerdings nur wegen der Musik und des Covers, nicht wegen des Textes.

- Schneeweiße Amaryllis. Vor kurzem für mich entdeckt und wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich einen sehr picky und eingegrenzten Blumengeschmack habe.

- Christmas Blend Espresso. Endlich mal wieder ein Shot für meinen sonst Standard-igen Venti Cappuccino, der die €0,20.- Aufpreis bei Starbucks wert ist. 

- Letzen Samstagabend bei der Lesung von Michael Nast aus vollem Herzen lachen. Im ersten Drittel meines Jahres habe ich mir exakt dieses Lachen wieder sehnlichst gewünscht.

- Du. Im Moment sehr. Wie Du mich anziehst, wenn Du mich ansiehst.

- Das Gefühl ein Weihnachtsgeschenk besorgt zu haben, das unverbesserbar zu dem/der beabsichtigt zu beschenkenden passt und vor allem, das Freude machen wird.

- Der Gedanke, dieses Jahr ausgewählte Weihnachtskarten wieder handschriftlich zu verfassen und zu versenden.

- Das Bild vor meinem geistigen Auge, wie wir Audrey (dem Familienhund) zu Weihnachten wieder irgendein eigentlich schundhaftes, aber soooo goldiges Kostüm zumuten. Engelsflügel, roter Norweger-Pulli, Elchgeweih. Alles schon gehabt.

- Mein neuer Lippenstift von Bobbi Brown, danke Fabruculus. Hätte ich mir nie selbst gekauft, kann aber was!

- Das übrig gebliebene und erkannte Wissen, dass ich seit Sommer ein sehr geiles Produkt in einer sehr coolen Firma manage..

 

Achso. Und dass ich ab morgen (Freitag) 2 Wochen Urlaub habe. Und hoffentlich ganz viel Zeit für mich und zum Schreiben und zum Sport machen und zum Entspannen. Und natürlich dafür, einen ähnlich inspirativen Neujahrs-Post vorzubereiten wie letztes Jahr ;)

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Ist das Liebe oder kann das weg?

"Wann schreibst Du mal wieder was?"

"Ich weiß nicht. Ich dachte, Du wollest mich kennenlernen, ohne meine Texte zu lesen?"

"Ja schon. Aber jetzt kenne ich Dich ja ein bisschen und weiß wie Du bist. Und da würde ich das jetzt schon lesen."

"Achso. Hm. Also ich schreibe nur, wenn es mir in den Fingern juckt und die Worte quasi raus müssen. Ich habe aber auch noch so eine Liste mit Themen, die ich mal am Blog besprechen wollte. Dieses eine Buch z.B. von dessen Nachfolger meine Rezension ganz gut angekommen ist."

 

"Ist das Liebe oder kann das weg?"

Diese Frage stellt Michael Nast im Vorgänger von "Generation Beziehungsunfähig", einem von mir sehr geschätzten Buch, das ich hier besprochen habe. Wie es normalerweise das Schicksal der Fortsetzungen ist: sie sind meist nicht so gut wie die ersten Teile, aber das ist in diesem Fall umgekehrt. Aber sei's drum. Wenn man ehrlich ist wird die Frage auch nicht beantwortet, ist sie doch per se eher rhetorischer Natur, vor allem aber ist sie ein zynischer Finger in der Wunde der Generation derer, die sich mit dem Attribut "beziehungsunfähig" entweder aus der Verantwortung stehlen oder derer, die sich tatsächlich so schwachmatisch anstellen, dass sie diese Charakterisierung verdienen. Da es sich bei letzteren aber eher um die Minorität handelt (wir erinnern uns: für jeden Topf gibt es irgendwo ein Deckelchen), kann man streng genommen nicht von einer ganzen Generation sprechen. Anyway. Da spielen sowieso sehr viele Punkte rein:

 

1. Generation Beziehungsunfähig. Warum Generation?

Weil wir die vielbesungene "Generation Y" (oder auch "Generation Why?"), die sog. "Millenials" nicht mehr hören können und was neues brauchten.

Weil wir tatsächlich als die ersten Jahrgänge nach unseren Eltern uns ziemlich dämlich in eigentlich sehr einfachen Dingen anstellen, vielleicht sie sogar unnötig verkomplizieren. Ich sehe gerade meine Mutter vor mir, die sich an den Kopf fasst, irgendwo zwischen verzweifelt und verständnislos schaut und mich fragt, warum ich es so kompliziert mache. Wäre sie in meinem Alter, würde sie vermutlich sagen: "Chill' doch einfach mal!"

Weil gerade unsere Generation mit Tinder (Ausnahmen bestätigen die Regel), Once, Lovoo und moralisch fragwürdigen sowie nicht besonders haltbaren Beziehungskonzepten wie Fuck buddy, Mingle, friends with benefits oder "es ist kompliziert" sich ihr eigenes Grab zu schaufeln scheint.

 

2. "Ist das Liebe oder kann das weg?"

Aufgegriffen wird hier natürlich zunächst "Ist das Kunst oder kann das weg?". Ist das etwas wertvolles, auch wenn ich es nicht als solches zu erkennen oder wertzuschätzen vermag, sondern es genauso gut mit Müll, mit etwas, was weg kann, verwechseln könnte. Es kratzt an unserem Optimierungswahn, an unserem Begehr, Dinge clean zu halten, zu streamlinen, alles was nicht 100% wertig oder 100% schön ist, muss raus. Der Ansatz, an etwas zu arbeiten und es entweder wieder schöner zu machen oder zu reparieren oder sich zu fragen, warum es trotzdem behalten werden sollte, scheint fast lächerlich irrelevant. Vor allem aber ist es wie meistens der schwierigere Weg. Etwas heilen, in etwas investieren, ist uns oft zu anstrengend. "Das bringt doch nichts", "Er/sie ändert sich eh nicht", "wir passen halt nicht zusammen", und mein favorite "es ist so schwiiiiiiierig". Ja Mann, manchmal ist es halt schwierig!

Ein zweiter Aspekt spielt mit rein und hier bin ich möglicherweise nicht mit Herrn Nast d'accord: Manchmal ist es Liebe und es muss trotzdem weg. Und genau hier wird es ja spannend: Liebe ist doch das stärkste was es gibt, oder? Wie kann Liebe nicht genug sein? Wo schaden wir uns in der Liebe zu unserem Partner so sehr, dass wir den Selbstschutz über die Liebe stellen müssen? Sind wir mutig genug darauf zu vertrauen, dass wir wieder jemanden finden, der uns genauso sehr (oder vielleicht noch mehr), hauptsächlich aber um oder trotz unserer selbst willen lieben wird? Werden wir uns wieder verlieben können? Werden wir wieder lieben? Wie oben geschrieben: die Frage ist Zynismus. Aber eigentlich versteckt sich dahinter sehr viel Angst und vor allem verrät sie nur die Hälfte des Problems, was wir nicht hätten, wenn Liebe, wenn sie wahr ist immer bleiben würde und müsste.

 

[Kleiner Einschub: das Buch hat 272 Seiten. Wenn ich jetzt proportional so viel schreiben würde, wie es sich aus der Analyse der beiden Titel ergeben hat, dann gute Nacht. Daher straffe ich das jetzt mal ein wenig. Ich habe mir einige Zitate rausnotiert, die etwas in mir ausgelöst haben, die ich für ganz gute Aufhänger hielt, als ich sie zum ersten Mal las. Sie haben auch gar nicht alle etwas mit Beziehungsthemen zu tun, aber das ist eben das schöne an seinen Büchern: sie sind nicht Beziehungsratgeber, Gesellschaftskritik, Selbsthilfebuch, Komödie, Stimme einer Generation, Konsumanalyse, Verhaltensforschung. Sie sind all das in ausgeglichener, wohltuender Balance - garniert mit einem verblüffend häufig gefühlten "Oh mein Gott, er hat so recht!"]

 

Womit ich mich also assoziieren kann, sind beispielsweise folgende Passagen:

 

„Ich gehe inzwischen nur noch selten in Clubs, vielleicht, weil mir vor einigen Jahren aufgefallen ist, dass ich nicht mehr tanze. Ich unterhalte mich lieber, wenn ich ausgehe. Vielleicht bin ich ja inzwischen in der Barphase angekommen.“

Sehr wahr. Ich war in diesem Jahr vielleicht 2-3x feiern. Tatsächlich schätze ich mittlerweile anregende Gespräche mit besonderen Menschen und gute Getränke in noblen/interessanten/komfortablen Läden/Bars/Lounges wesentlich mehr als zwingendermaßen Sonntagmorgens um 4 mit dem soundsovielten Wodka-Cranberry in irgendwelchen dusteren Clubs rumzuhopsen und dabei im schlimmsten Fall von fast komatös betrunkenen Bubis (zwischen 14 und 18) oder jenseits der gesellschaftlich vertretbaren Altersdifferenz befindlichen Säcken angegafft, angegrapscht oder womöglich angesprochen zu werden. Auch dafür hat Michael Nast eine beeindruckend treffende Formulierung: „Gegen vier Uhr morgens können Strategien, einvernehmlichen Geschlechtsverkehr herbeizuführen, schon ein wenig plakativer sein.“ Womit er leider sehr recht hat, die bei mir aber allesamt glücklicherweise gänzlich unwirksam sind.

 

Über Singles sagt er (und hier tue ich mich gerade ein wenig schwerer, denn als ich das Buch las, war ich definitiv Single, jetzt, wo ich diesen Eintrag schreibe, bin ich in einer Übergangsphase/gerade noch so oder schon nicht mehr Single/verwirrt/mir nicht ganz so sicher mit mir und ihm einig, was wir schon oder noch sind/es mal wieder am verkomplizieren?):

„Das Single-Leben, von dem ich spreche, ist ja ein komfortables Leben. Es ist ein einfaches und sehr freies Leben, in dem man auf niemanden Rücksicht nehmen muss. Keine Kompromisse machen.“

Aber er sagt auch: „Es gibt Momente, in denen ich begreife, dass Singles die wahren Romantiker sind. Einige haben bei diesem Satz sicherlich in sich hineingelächelt. Singles sind die wahren Romantiker?, denken Sie vielleicht skeptisch. Was für ein Satz. (..) Ich spreche natürlich nicht von verzweifelten Singles, die sich für eine Partnerschaft entscheiden, weil sie einsam sind, oder von den überzeugten Singles, die sich generell gegen eine Beziehung entscheiden. Ich meine Singles, die – wie es die ZEIT einmal so schön geschrieben hat – eben lieber auf ihren Traumpartner warten, als sich in freudlosen Kompromissbeziehungen die Hoffnung auf Besseres zu rauben.“ Dem ist nichts hinzuzufügen, Zeit meines Single-Daseins gehör(t)e ich unzweifellos zu Typ 3.

 

„Man sagt ja, dass man eine verlorene Liebe erst dann überwindet, wenn man sich wieder verliebt.“

Ich glaube, da ist etwas dran. Ich glaube, man kann und sollte vermutlich eine gescheiterte Beziehung schon verarbeiten, so lange man noch mit sich selbst allein ist, so lange man sich ungestört in dem ganzen Liebeskummer, dem Herzschmerz, meine beste Freundin nennt es immer "die kalte Hand", suhlen kann, wo einem niemand vorschreibt, wie lange und in welcher Reihenfolge man welche Phase der Trauer durchschreitet. Ich glaube aber auch, dass man sich irgendwann wieder unter Menschen, konkreter unter gegengeschlechtliche Menschen (wenn man hetero ist), wagen sollte. Ich glaube, diese eine, einzigartige Position, diese Rolle, die jemand für einen einnimmt, verliert erst dann die letzten Spuren, Überbleibsel, Anhaftungen der letzten Person, die sie für uns besetzt hat, wenn auf dieser Position jemand neues ist.

 

Abschließend möchte ich noch auf eine Passage eingehen. Sie zeichnet vielleicht ein überspitztes Bild, wenn man aber an manchen Punkten ein bisschen was abzieht und es auf beide Geschlechter (und minus das Alter etwas nach unten) überträgt schon ein realitätsnäheres: 

„Es war alles so banal. Sie hatten studiert, sie waren Akademiker, sie waren Ende dreißig, und in ihren Gesprächen bedienten sie ausschließlich primitivste Sprachklischees. Sie führten das Leben von Zwanzigjährigen. Immer noch. Und so wie es aussah, war nicht zu erwarten, dass sich das mittelfristig änderte. (..) Sie führten ein Leben im Unverbindlichen. Sie redeten sich ein, auf der Suche nach der perfekten Frau zu sein, aber sie fühlten sich auf dem Weg dahin einfach zu wohl. Sie hatten sich eingerichtet. Ihre sozialen Kontakte beschränkten sich darauf, hin und wieder mit Kollegen einen saufen zu gehen, auf Dates, One-Night-Stands und auf Leute, die sie auf Partys kennenlernten, mit denen ich nüchtern kein Wort gewechselt hätte. Ein Leben, das aus Arbeit, exzessivem Ausgehen und unverbindlichem Sex besteht. Sie besaßen teure Möbel und lebten in Wohnungen, die ihre gelegentlichen Gäste beeindruckte. Die Kulisse stimmte. Da übersah man schnell, dass sie eigentlich ein asoziales Leben führten, dass ihr Kühlschrank immer leer war. Aber teure Möbel und schöne Wohnungen sind eine gute Hilfe, einem Single-Mann, der zu viel arbeitet, die Illusion zu vermitteln, dass mit seinem Privatleben alles in Ordnung wäre. Und damit passen sie – so traurig das auch klingt – ideal in unsere Gesellschaft. Sie sind die perfekten Konsumenten und die perfekten Arbeitnehmer.“

Ich glaube, die meisten der Menschen, von denen ich weiß, dass sie meinem Blog folgen, wird das nicht betreffen. Einfach weil ich die hier skizzierten, wenig sympathisch dafür sehr oberflächlich wirkenden Individuen nicht in meinem näheren Freundeskreis finde. Zum Glück. Aber ich glaube, an der ein oder anderen Stelle, kann sich sicherlich jeder fragen, ob da grad alles rundläuft oder ob man sich vorstellen möchte, so den Rest seines Lebens zu verbringen.

 

 

Fazit: Storyline? Es gibt eigentlich keine. Das macht aber auch gar nichts. Vielmehr werden Situationen aus dem Leben des Autors mit ziemlich viel Komik beschrieben, genug um herzlich zu lachen, aber auch nur gerade so viel, dass wir sie uns noch bildhaft vorstellen können, ohne sie für völlig absurd zu halten. Wir müssen vielleicht schmunzeln, weil wir sie selbst oder in unserem Bekanntenkreis schon einmal so erlebt haben oder sie ohne die gemachte Erfahrung dennoch als Ansicht bestätigen könnten. Vielleicht müssen wir auch schlucken, weil es sich um eine der tatsächlichen Tragiken unserer Zeit handelt oder weil wir exakt in so einer Situation auch schon waren oder sind und wir an unserer Empathie erwischt werden. Selbst wenn wir nichts von alledem wahrnehmen, verstehen wir vielleicht, warum manche Konstellationen und Beziehungen zwischen Menschen und gesellschaftliche Entwicklungen so sind wie sie sind, warum uns zunehmend mit "altmodisch" konnotierte Werte wie Ehrlichkeit und Toleranz oder Gaben wie Kommunikation und emotionale Intelligenz beizeiten echt den Arsch retten hätten können oder in Zukunft können.

 

Übrigens: Michael Nast liest aus "Generation Beziehungsunfähig" am kommenden Samstag, 10. Dezember 2016, um 20.00 Uhr in München. Hier gibt es noch Karten. Ich werde jedenfalls dort sein ;)

 

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Und die Schneeflocken fallen..

 

Es ist Sonntag, 6. November. Es schnegnet, das ist das, wenn man nicht weiß, ob es schneit oder regnet oder beides, aber sicher weiß, dass es nicht hagelt. Es ist eigentlich ein typisches im-Bett-bleibe-Wetter. Oder in diesem Fall ein Blog-schreibe-Wetter.

Um besagten incident von neulich zu vermeiden - man verfasst wieder Ewigkeiten keinen Post, weil man nicht weiß, wie man alle umzusammenhängenden Themen trotzdem in einen Eintrag quetschen soll und 15 Mikro-Artikel idiotisch wären - habe ich mir etwas überlegt. Ja, guuuuuuth. Nicht ich habe mir das überlegt, wenn man ehrlich ist, habe ich es mir von der ein oder anderen Bloggerin abgeschaut. How about: ich nehme mir vor, ein regelmäßiges Update zu schreiben, was gerade ansteht, abgeht, gekauft wurde, besucht wurde, gefühlt wird, gedacht wird, gehört wird, an der Arbeit / im Sport / in der Liebe / [insert weiteren relevanten Lebensbereich here] passiert. Also im Grunde das was ich bisher eigentlich auch schon gemacht habe, nur vielleicht in manchem mit mehr Punkten in einem und die dafür kürzer. Nachdem es sich ja bisher mit Feedback zu meinem Blog oder zu speziellen Änderungen auch in Grenzen gehalten hat, werde ich das jetzt einfach mal eigenverantwortlich introducen und mir dann anschauen, ob die Beiträge weniger häufig geklickt werden. Das kann ich nämlich mittlerweile, da ich in Jimdo Pro investiert habe und so zumindest rudimentäres Performance Monitoring und Tracking vornehmen kann. Anyway. Angedacht ist also, dieses Update an Sonntagen zu verfassen, da ich da aus meiner aktuellen Perspektive am ehesten die Chance sehe, dass ich mir auch die Zeit dafür nehme.

 

Neues von der Master-Front. Mittlerweile bin ich offiziell keine Studentin mehr, seit dem 2. Oktober bin ich nicht mehr immatrikuliert. Ich habe meine Abschlussnote erfahren - 16.6/20 / Sehr gut mit Auszeichnung - und freue mich wie ein Schnitzel darüber. Am 2. Dezember werden Muddi und ich nach Paris fliegen zur Graduation Ceremony, wo meine ca. 900 Kommilitonen des Jahrgangs ihr akademisches Zeugnis überreicht bekommen und anschließend wie man es kennt die Hüte in die Luft werfen. Einen Ball wird es nicht geben, daher fliegen wir beide Freitag am späten Abend auch wieder zurück nach München.

 

Neues an der Arbeitsfront. Ich habe in der nächsten Zeit einige wirklich wichtige Projekte vor mir und offen gestanden ziemlich Respekt davor. In der kommenden Woche werde ich zwei von ihnen anstoßen und ich befürchte, dass diese Tage zusammen mit allen anderen To Do's und Meetings (die sich ja nicht auf magische Weise wegrationalisieren oder für eine Weile die Augen zuhalten) recht knackig werden. Aber sei's drum. Wir sind hier bekanntermaßen nicht bei "Wünsch' Dir was", sondern bei "So isses".

 

"Je größer der Dachschaden, desto schöner der Blick auf die Sterne."

Neulich gelesen und für absolut famos befunden, den Spruch.

 

Neues auch an der Kunst-Front. Gestern zwei Ausstellungen besucht, in einem Museum und einem Kunstraum, die ich persönlich wirklich beide sehr gerne mag. Im Museum Brandhorst die Ausstellung "Cy Twombly: In the Studio" angesehen: 

 

"Twombly hat dem jeweiligen Ort, an dem seine Werke entstanden sind, Zeit seines Lebens eine zentrale Bedeutung beigemessen. Insbesondere in seinen Fotografien spielt Twombly vielfach auf den Arbeitsprozess und die besondere Atmosphäre bei der Entstehung seiner Bilder und Skulpturen an. In seinen Interieurs gelingt es Twombly, seine Wohnräume zu poetischen Orten der Imagination zu steigern, in denen sich Natur und Kultur, Banalität und verfeinerter Geschmack begegnen. Paradigmatisch wurden deshalb die Fotografien den monumentalen Rosen gegenübergestellt, die Cy Twombly eigens für den zentralen Saal im Obergeschoß des Museums gestaltet hat. Sie reflektieren den Kontext seiner Entstehung: intime Szenen aus Twomblys Atelier, Zitronen aus seinem Garten, (..) und  poetischen Blumenarrangements. (..)

Bei der Gestaltung seiner späten „Rosen“-Bilder hat Cy Twombly Verse bekannter Lyriker einfließen lassen."

 

Die zweite war "Tacita Dean" im Espace Louis Vuitton, bei der ich gestehen muss, dass ich sie eigentlich nur für eine einzige Fotographie habe besuchen wollen: "The Book End of Time", 2013, siehe Bild unten.

 

Darüber hinaus war ich gestern Abend das erste Mal im "Koi" am Wittelsbacherplatz und, oh mein Gott, ich habe mich glaube ich verliebt. In das Interieur und in die Edamame mit Trüffelbutter.. stay tuned ;)

 

 

 

[Mein Track nach dem Text: Philipp Poisel - "Seerosenteich"]

 

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"immer mal was neues und ein bisschen was von allem"

I know. It's been ages. Ich habe auf den Tag gewartet, an dem ich das Gefühl habe, ich muss jetzt heute ein Update schreiben. Ein "Hallo" an Euch (die ich kenne) und an die Leute, die meinen Blog vielleicht lesen und die ich aber nicht kenne und eh in die Welt des Internets schicken, die sich dankbar schätzt, dass ich meinen Senf nicht auch noch auf anderen Plattformen der Mitteilung dazugebe. Twitter, Tumblr, Snapchat, Instagram, Flickr und wie sie alle heißen habe ich nicht oder nicht mehr. Anyway.

Und auf jeden Fall habe ich mich dann eben im Bad gefragt, warum es mal wieder so lange gedauert hat. Mit dem Blogpost. Und mir war die "ich habe andere Prioritäten gesetzt und mir die Zeit nicht genommen"-Erklärung zu monokausal. Es gibt noch einen weiteren Grund: ich habe sooo viel, was ich Euch erzählen wollte, was sich inhaltlich nicht unter einem Blog-Titel-Dach sammeln ließe, weil es so verschiedenes ist, dass ich dachte "fang' ich gar nicht erst an". Was bekanntermaßen die idiotischste aller Entscheidungen ist. Aber mei.

Nun. Eben also (in einem meiner seltenen Momente des Lichts in letzter Zeit) im Bad war mir schlagartig klar, wie ich dieses Problem löse. Ich schreibe einfach trotzdem alles, was nichts miteinander zutun hat in einen Blog nach dem Motto "immer mal was neues und ein bisschen was von allem" und lasse Euch, Sie, den lieben Leser eben damit klarkommen. Erklärt a) warum grad so viel in der Rübe abgeht, dass ich nicht die Muße oder Muse oder beides hatte, am Blog zu schreiben und b) seid Ihr, sind Sie schon mal mit so was klargekommen. Hier nämlich.

Es begibt sich also zu der Zeit.. nein Spaß. Heute, am 1.November liste ich mal auf, worüber ich gerade nachdenke und -fühle. Welche Dinge ich in nächster Zeit am Blog besprechen möchte. Und die Tatsache, dass es sich im Folgenden teilweise um eher wenig graziöse Hauptsatzkonstruktionen handelt, bitte ich milde zu bewerten, das ist jetzt halt so.

 

Mein Job und ich

Ich habe in den letzten 2-3 Monaten eine eindeutige Priorität gesetzt. Es war weder Sport noch Schlaf noch Freunde treffen oder Freizeit haben. Es war mein Job und das war gut so. Ich habe wirklich viel auch am Wochenende gearbeitet, war viel unterwegs, unter anderem in Frankfurt, Berlin und Hamburg und habe in letzter Zeit nicht wirklich unterschieden zwischen erreichbar sein und es nicht sein. Das End vom Lied ist, dass ich feststelle, dass ich meinen Job liebe und sehr gerne mache und jeden (naja fast jeden) Tag sehr gerne hingehe. Dass ich gerne so viel zu arbeiten bereit bin, wenn es notwendig ist. Dass ich besser werden muss in verschiedenen Bereichen: besser erkennen, wann es notwendig ist und wann nicht, viel zu arbeiten. Noch brutaler nach Dringlichkeit und Wichtigkeit die Priorität einschätzen, auch wenn ich das schon ziemlich gut kann. Dinge delegieren, die nicht so wichtig sind, dass ich sie selbst machen muss, anstelle derer ich mich mit strategisch vorrangigerem auseinander setze und bei denen es mir nicht allzu schwer fällt, hinzunehmen, wenn das Resultat meinen möglicherweise übertrieben hohen Perfektionsansprüchen nicht ganz gerecht wird. Manchmal ist "gemacht" besser als "perfekt". Dass ich mich auf alles freue, was ich neu lerne, weil es mir unheimlichen Spaß macht, Neues zu lernen. Mitte November bin ich bei einem Marketing-Training in Madrid.. Vorfreude =)

Achso. Und das End vom Lied ist übrigens auch noch, dass ich mir wieder mehr Zeit nehmen möchte, für Dinge, aus denen das Leben eben zum Glück auch noch besteht. Ich möchte nicht mehr unter der Woche abends nichts unternehmen können, weil ich entweder erst um acht heimgehe und dann dort weiterarbeite oder weil ich zu erschöpft bin und einfach keine Ansprache mehr verkrafte. Ich möchte nicht mehr am Wochenende (wo ich dann mal Zeit für alles mögliche hätte) von Freitag Abend bis Sonntag früher Abend Schlaf nachholen - durchzogen von nur gelegentlichen Wachphasen, in denen ich ein heißes Date mit der Waschmaschine habe, meine Wohnung putze oder in denen ich.. meine Emails checke. Ja, im Moment ist viel los, aber es ist eine Entscheidung, die man bewusst treffen kann - so man es möchte. Und ich möchte. Ja, im Moment drehen sich die Hamsterräder immer schneller, je schneller meine Kolleginnen und ich in ihnen rennen. Aber wenn wir in dem Tempo weitermachen, gibt es bald einen Überschlag - und zumindest für diesen Hamster (ich) weiß ich nicht, ob ich auf besagten Überschlag warten will.

 

Alles andere

 

Ist das Liebe oder kann das weg? Ich habe das Nachfolgebuch von Michael Nast zu "Generation Beziehungsunfähig" gelesen und werde wohl demnächst dazu mal eine Rezension schreiben.

 

Ich gönne mir in letzter Zeit mal öfter Blumen vom Viktualienmarkt. Das wird dann zwar meist schweineteuer, aber an so was erfreue ich mich einfach. Und gerade jetzt kann man mit den herbstlichen Farben so schöne Arrangements gestalten. Orange, butterblumengelb, Apricot, Korallenrot, Karmesin - herrrrlisch! Und ich habe neulich am Lodenfrey auch den 'The Flower Company' entdeckt - so cool!

 

Zwei Ausstellungen habe ich mir am Samstag angesehen, in die ich schon lange hatte gehen wollen. Fazit: waren auch beide ganz gut, ist aber kein Drama, wenn man sie verpasst. Also das ist es ja grundsätzlich bei keiner Ausstellung, aber ja, sagt man ja so..

"Inszeniert! Spektakel und Rollenspiel in der Gegenwartskunst", noch bis 6. November, Kunsthalle München

"Shoot!Shoot!Shoot!", bis 15. Januar 2017, Münchner Stadtmuseum

 

Auf DER Dating-App meiner Generation, Tinder, sein. Ich habe es genau 3 Wochen ausgehalten, bevor ich reizüberflutet, belustigt und verstört das Handtuch geworfen habe. Ich (und das hat neulich jemand zu mir gesagt) finde es idiotisch, von vorne rein abzulehnen, dass wir im 21. Jahrhundert auch über eine App auf faszinierende Menschen aufmerksam werden könnten. Kennenlernen würde und wird man sich ja dennoch in der Wirklichkeit, denn das wird die Virtualität bis am Ende aller Tage und so lange wir Menschen sind nicht zu leisten vermögen. 

So eine Haltung ist (unabhängig davon, wie die App heißt, es muss nicht Tinder sein) meines Erachtens anachronistisch. Momentan bin ich jedenfalls ganz im Hier und Jetzt und genieße, was ich in Realität erlebe.

  

Spider-App auf privatem iPhone installiert. Habe ich. Für alle, die auch gerne, die Spider-App auf ihrem iPhone haben möchten, hier ist das 'how to': iPhone (möglichst ohne Case) auf die Straße werfen oder fallen lassen, wenn es geht mit dem Display nach unten. Fertig.

 

Eins meiner Lieblingslieder im Moment: Disclosure - You & Me feat. Eliza Doolittle (Flume Remix)

  

Ich habe wieder Eltern. Klingt komisch ist aber so. Also eine Mutter hatte ich zum Glück die ganze Zeit, aber jetzt habe ich auch wieder einen Vater. Einen richtigen. Vom Gefühl her und vor dem Gesetz auch: ich wurde adoptiert und die beiden, Muddi und Alfons kennen es, glaube ich schon: das ist "Für meine Eltern"

  

Und was mir noch am Herzen liegt, weil es auf anderen Kanälen schon ausgelaugt oder noch gar nie gesagt wurde.

Lisel, Du fehlst. Just sayin'.

Philip, ich bin stolz auf Dich. Masterarbeit gerockt. Und das mit dem Job kriegen wir auch hin.

Anna, zweiwöchentliche upcatch-Telefonate à la "Mein Leben ist ein fail: ich sitze Freitagabends in Hamburg am Flughafen und mein Flieger hat zwei Stunden Verspätung - waruuuuum?". Ausheulen, Rat zur omnipräsenten Thematik der sogenannten Männer (bei uns beiden) / Doktorarbeit (bei Dir) einholen, Funklöcher gemeinsam bekämpfen. Ich bin dankbar, dass es sich immer so anfühlt als seist Du da. Right here. Next to me.

Anja, Wiesn-Übernachtungsmöglichkeit 2017 ist für Dich/Euch schon geblockt.

Ändyyy - zwei tolle Erlebnisse an einem Tag (Master Thesis abgegeben und 25. Geburtstag) und jetzt Asien. Du hast es verdient!

Eva, wir versuchen erst seit ca. 4 Monaten uns an die Strippe zu kriegen - wird schon irgendwann :D

 

 

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Gestern 1 Jahr.

So meine Lieben. Nun kommt sie endlich: die Paris-Review. Oder weniger gestochen ausgedrückt: einfach ein Rückblick. Es wird auch keine Gesamtwürdigung oder - wertung geben, vielmehr eine Aufzählung von Gefühlen und Gedanken, die ich dazu habe und hatte. Heute vor 1 Jahr und 18 Tagen. 30. August 2015. Ich weiß noch genau wie ich an einem Sonntag Nachmittag in meiner Wohnung mit meiner Mutter angekommen bin, nicht ahnend wie intensiv das vor mir liegende knapp Dreiviertel Jahr werden würde. Was alles passieren würde, welche Menschen in mein Leben treten und es wieder verlassen würden, wie ich mich selbst verändern kann und habe. Mit Fug und Recht kann ich sagen: es war die intensivste Zeit meines Lebens. Und es war auch die härteste, ehrlich gesagt. Und das von jemandem, der schon mal in Indien gelebt hat und der von sich selbst gerne als "zäh" spricht.

 

Noch nie habe ich mir so viel gleichzeitig zugemutet, noch nie bin ich so sehr an meine körperlichen und seelischen Grenzen gegangen. Noch nie war ich im Nachhinein so stolz, das geschafft und überstanden und auch noch erfolgreich beendet zu haben.

Ich habe noch nie so sehr einen Ort in kollektiver Trauer gespürt, noch nie habe ich erlebt wie sich eine Stadt über Wochen und Monate hinweg wieder aufrappelt. Wie sich Menschen nicht brechen lassen, obwohl schreckliche Dinge nicht aufhören zu geschehen.

Noch nie habe ich so viel Kunst und Museen an einem Platz geboten bekommen, noch nie eine so wunderschöne Stadt gesehen - die einen sich am Ende des Tages doch ziemlich allein fühlen lässt. In der Tat habe ich noch nie in meinem Leben in 8 Monaten in so vielen verschiedenen Bereichen Dinge erlebt und erfahren und daraus gelernt wie in dieser Zeit. Besagte Learnings sind wahrlich mannigfaltig und verschiedenartig und sehr persönlich - aber ich wollte sie nicht missen und ich wollte sie nicht anders erlangt haben. Alles was passiert, ist bekanntermaßen für etwas gut. Und sei es nur dafür zu erkennen, dass wir tatsächlich alles haben und erreichen können, was wir wollen und dabei am Ende dennoch so unglücklich sein könnten wie nie zuvor. Weil unsere Intuition scheinbar nicht so schlau ist, zu erkennen, dass das, was wir denken und fühlen zu wollen einfach ganz oft nicht das ist, was uns die ersehnte Zufriedenheit oder Befreiung bescheren würde. Und das ist ein sehr erdender Gedanke, weil er uns auch mal bremst und reflektieren lässt, ob nicht nur grad alles läuft, sondern auch ob die Richtung nicht rückwärts und bergab ist. 

 

Ich habe so ein Word-Dokument bei mir auf dem Desktop liegen, das da ganz unprätentiös heißt: "Blog Themen". Hier notiere ich mir Gedanken, Stichworte, Links, die ich im Blog erwähnen oder aufbereiten möchte und die ich andernfalls zu vergessen befürchte, würde ich sie nicht festhalten. Für Paris stehen da folgende Punkte und sie erheben weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch sind sie besonders Paris-aussagekräftig. Aber sie betreffen mich und darum geht es hier schließlich unter anderem, um meine Sicht auf Erlebtes. Als erstes steht da also:

 

Hingefallen 2x

Tatsächlich habe ich meine panische Angst vor einem Treppensturz in meiner Wohnung bis zum Schluss nicht verloren. Tatsächlich ist es mir auch gelungen, sie nicht Wahrheit werden zu lassen. Ich bin original in 8 Monaten nicht ein einziges Mal die Treppe rauf- oder runtergefallen. Rischdisch. Der intelligente Leser fragt sich nun zu Recht, warum dann der Absatz so heißt. Ich bin in meinen letzten Wochen gleich 2x richtig fett hingefallen, nur 1x war allerdings eine Treppe involviert. Es begab sich also zu der Zeit eines Samstag Nachmittags, ich in mittleren Zügen der Masterarbeit, im Starbucks in der Nähe von Hôtel de Ville. Mir oben schon ein Plätzchen gesichert (was dem Deutschen auf Mallotze sein Handtuch auf der Liege ist, ist meine Tasche, meine Jacke und mein Mac auf mindestens 2 Stühlen an der Fensterfront im Starbucks), bestellte ich mir einigermaßen mutig zu meiner Standard-Bestellung (Venti Cappuccino mit Magermilch, normaler Espresso, bitte keine Kenya-Bohne-Faxen und auch nur 1 Shot) noch einen Tall Refresha Very Berry Hibiscus (einfach um es mal ausprobiert zu haben und weil mir noch nach was kaltem, fruchtigen war). So. Insgesamt kann man das Teil übrigens sogar noch empfehlen, wenngleich ich nicht sicher weiß, ob es in den Wintermonaten dem Starbucks-Sortiment erhalten bleibt. Anyway. Ich mit meinen 2 Bechern und einem Portemonnaie unterm Arm straight Richtung Treppe, was einem natürlich kein Schwein sagt, ist dass die Stufen unterschiedlich hoch sind. So was passiert einem auch in Deutschland nicht, da werden bei Bauvorhaben noch rechte Winkel und DIN beachtet. Nicht so in Frankreich. Die eine Stufe war also 1.5x so hoch wie die letzte, eine Tatsache, die ich auf das Balancieren meines Gesöffs konzentriert nicht zu würdigen in der Lage war. Es schlägt mich also der Länge nach hin, in diesem Fall das klassische "Treppe rauffallen", ich liege in einem See aus Cappuccino, Refresha, Eiswürfeln und ganzen Brombeeren. In solchen Momenten denkst Du Dir: mein Leben läuft. Dein Leben läuft übrigens noch umso mehr, wenn anwesende zumeist französische Gäste Dich kurz eines mitleidig-abschätzigen Blickes bedenken, sich direkt wieder ihrem Gesprächspartner oder ihrem - welch' Glück - nicht vergossenen Getränk zuwenden und Dich nicht fragen, ob Du verletzt seist, ob man Dir helfen könne. Okay, gebe ich zu, wäre auch zu viel verlangt. Stattdessen steigt man ohne mit der Wimper zu zucken über Dich drüber, bedacht, nicht mit den Füßlein den Getränkesee zu berühren oder auf den Eiswürfeln auszurutschen. Ich, zu dieser Phase nervlich gespannt wie noch was, fange erst mal theatralisch das Schluchzen an - nicht weil mir meine Verletzungen so weh täten, sondern einfach weil es so eine Scheiß-Kombination aus allem möglichen ist. Ich warte noch so 10-15 Sekunden auf der Treppe kauernd, aber nee, es hilft keiner. Gut. Ich schmeiße die Überbleibsel meiner zermatschten Becher in den Mülleimer, nehme mir kurzerhand alle Servietten aus dem Spender und wische die Treppe, zumindest mal notdürftig. Ich opfere auch noch alle meiner Tempos, die Stufen sind trotzdem immer noch weit entfernt von trocken oder sauber. In diesem Zustand (aufgewühlt und mit Cappuccino-Laufleggins) ist an Arbeiten nicht zu denken, ich streiche für heute die Segel und packe mein Zeug. Im Hinausgehen rege ich einen der Barista an, den Aufgang zu säubern, ich habe dort versehentlich etwas verschüttet, nicht dass noch jemand stürze. Kommentar: ja, habe er schon gesehen, wegen mir könne er jetzt den Wischmopp schwingen, toll gemacht. Meine von Tränen zerlaufene Wimperntusche, meine blutenden Handgelenke und mein tropfendes Outfit könnten ihm egaler nicht sein. Ja. Toll gemacht, Nina. Ich denke mir: f*** you.

 

 

So. Mittlerweile habe ich da nur noch 2-3 ansehnliche Narben, aber gut, bisschen Schwund ist ja immer. Ein paar Wochen vorher, mein zweiter glorioser Hinfaller, bin ich übrigens an Ostern im Vier Jahreszeiten in München beim aus-der-Dusche-Steigen ausgerutscht. Schön, wie man es kennt, nasse Füße, Marmorboden, Steißbein auf die Duschschwellenkante. Läuft. Dieser Moment, wenn du denkst, Du kannst nicht atmen. Unbezahlbar. Die blauen Flecken an Hüfte und Oberschenkeln, als habe man Dich mal ordentlich vertrimmt übrigens auch. Aber so viel zu meiner Fall-Karriere 2016.

 

Master Thesis

Wie auch bei meiner Bachelor Thesis habe ich zwischenzeitlich gedacht, ich drehe durch. Nun bin ich bekanntermaßen von der Sorte, die sich gerne mal unter immensen Druck setzt, die alles am perfektesten haben möchte und die im Tunnelblick völlig die Dimensionen vercheckt. Ich habe kaum noch geschlafen, nicht weil mir die Zeit gefehlt hätte, sondern weil ich so unruhig war, dass ich es nicht konnte. Ich habe auf dem Boden auf einem Kissen mit dem Mac gesessen und getippt, weil mir in jeder anderen Position der Hintern vom langen Sitzen zu weh tat. Ich habe mitten in der Nacht literweise Filterkaffee in mich reingegossen, weil ich dachte, biste quasi eh schon wach, dann Vollgas. Kurz um: ich habe mich völlig verrückt gemacht. Im permanenten Glauben, meine Arbeit sei schlecht - schlecht konzipiert, schlecht geresearched, schlecht geschrieben, schlecht halt. Ich habe irgendwann begonnen mein Thema zu hassen, ein natürlicherweise sich einstellender Zustand nach Wochen intensiver Beschäftigung damit. Weswegen ich nur jedem, der eine mehr als ein Literature Review oder Seminar Paper von 10 Seiten umfassende Arbeit zu schreiben gedenkt, egal ob Bachelor oder Master Thesis oder Promotion, raten kann: nimm' ein Thema, was Dich persönlich interessiert, was Dir am Herzen liegt, was Du wirklich liebst. Denn - und das ist leider der Sinn und Zweck von wissenschaftlichem Arbeiten - am Ende der Zeit wirst Du es hassen, Du wirst es zerpflückt haben, bis es thematisch völlig zerfleddert den Charme seines Ganzen verloren hat, Du wirst es einfach nicht mehr sehen können. Und diesen Punkt erreichte ich an einem Freitag Abend, dicke 6 Tage vor Abgabefrist, an dem ich nicht mehr die Kraft hatte, meine eigenen letzten 4 Seiten Conclusion Korrektur zu lesen. Ich hatte den Input zweier meiner liebsten Korrekturlese-Freundinnen eingearbeitet, die beide jeweils im Hinblick auf völlig unterschiedliche Dinge Korrektur lesen: die eine dank ihrer, meiner sehr ähnlichen Fast-Muttersprachlichkeit auf Nuancen in Grammatik hinweisend, die andere dank ihrer brillanten Kenntnis der Guidelines für Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten mich auf jede halbwegs schlampig referenzierte Quelle, falsch formatierte  irgendwas oder fehlende Seitenzahl stößt und mich mit liebenswerter Brutalität dazu zwingt, den ganzen Rotz zu bereinigen. Danke Euch beiden, Ihr seid Gold. Aber das wisst Ihr eh. Nachdem von den beiden also neben sämtlicher korrigierenden Anmerkung die Gesamteinschätzung gekommen war, der rote Faden sei durchaus erkennbar und die Arbeit insgesamt doch super, ich mit meinem USB-Stick straight zum Copy Shop. Völlig perplex ob der geringen Druck- und Bindekosten mit meinen drei Exemplaren direkt auch noch zur Post marschiert und eine Hard copy davon per Express nach London geschickt. Danach noch die Soft copy ans Prüfungsamt nach Berlin gemailt und feddisch. 

Im Juni habe ich das Ding in einer selbst für mein Dafürhalten recht guten Präsi verteidigt und seitdem das ganze mental abgeschlossen. Ein literarisches oder forschungsrelevantes Meisterstück ist es meiner Ansicht auch nicht geworden, aber glücklicherweise war meine Ansicht hier weder ausschlaggebend noch notenentscheidend.

Mein gefühltes "schlecht halt" wurden übrigens letzten Endes im französischen Notensystem eine 18/20, was im Deutschen einer 1,2 entspricht etwa. Eine begeisterte Professorin inklusive. Klarer Fall von "nur knapp nicht durchgefallen" oder vielmehr "beschissene Selbsteinschätzung".

 

 

Patrizia wohnen

In den letzten Wochen hat eine Freundin, Patrizia (die mich auch zu dieser Veranstaltung in die Fondation Louis Vuitton begleitet hatte), bei mir gewohnt. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine eigene Wohnung wieder und ich darf sagen: in drei Wochen, die man gemeinsam auf 45qm verbringt, lernt man sich verdammt gut kennen und mögen. Danke Patrizia, für geistiges in den Arsch treten, für Aufbauen, für verständnisvolle Gespräche und dafür, dass Du so bist wie Du bist und mich so ertragen hast wie ich bin - nicht immer ganz easy to be with. Und danke (unter anderem) für den wunderbaren Nagellack, Chérie von Kure Bazaar! Mädels, aufgepasst: kaufen, die Harpers empfiehlt die Lacke übrigens hier auch..

 

Verrückte

Ich lasse mich zu der These hinreißen, dass es in Großstädten mehr Gestörte gibt. Einfach weil es mehr Menschen gibt und die Statistik hier hilft, aber auch weil die Menschen a) sich "mehr" einfallen lassen müssen, um sich von der Masse abzuheben und aufzufallen, weil b) eh keiner etwas dazu sagt, wenn Du modisch fragwürdige Looks als "Street Style" an den Start bringst oder Dich c) durch Verhaltensauffälligkeit zu center of attention machen musst. Zugegeben, ich war in London auch schon mal mit einer orangefarbenen Wollmütze im Club feiern, einfach weil ich's geil fand. Das ganze färbt also ab. Tatsächlich ist der spill-over Effekt aber derartig mächtig, dass auch Du als bisher halbwegs normal gepoltes Individuum beginnst, Deine geistige Verfassung anzuzweifeln oder Dir Sorgen um die eigene Psyche zu machen. Einfach ob der ganzen "inspirierenden Stimuli" quasi. Ein paar Beispiele: im Starbucks Nähe Louvre legt sich vor mir eine ältere Frau mit einer weißen gefalteten Papierblume in der Hand und einem grellpinken Turban auf dem Kopf auf den Boden und dreht sich im Kreis, singend. In einem anderen Café sitzt jemand, der scheinbar im Flow (oder im Delirium) mit 6 Stiften gleichzeitig manisch kritzelnd und gefühlt künstlerisch begabt an einem, Bild kann man es eigentlich nicht nennen, "Werk" malt. Im Jardin du Luxembourg gibt es einen Geher, der komplett in Kanariengelb - kanariengelbes Sonnenkäppi, kanariengelber kurzärmliger- und kurzbeiniger Ganzkörperanzug, kanariengelbe Schweißbänder, kanariengelbe Stulpen, kanariengelbe Turnschuhe und kanariengelben iPod mit dazu passenden kanariengelben Ohrstöpseln - unbeirrlich seine Runden zieht. Oder geht. Beim 20. Mal, das er an mir vorbeiwackelte habe ich aufgehört zu zählen. Und mich stattdessen dem Hamster oder der Hausratte an der Leine zugewendet, den zwei italienische sprechende Typen vor mir Gassi führten. "Sduarrde Littell" nennen sie ihn, ich habe das mit einem Video auf dem iPhone festgehalten (welch Jammer, dass ich immer noch nicht weiß, ob und wie man hier Videos hochlädt). Eine Woche später telefoniere ich mit meinem sehr guten Freund Philip in London, er meint das sei gar nichts: bei ihm würden sich die Leute Apfelsinenschalen hinter die Ohren klemmen in der Hoffung, dadurch kreativer zu werden. Ich bin beruhigt, es muss ein Großstadt-Phänomen sein.

 

3 Mots Pour Paris / 3 Words for Paris

Bitte einfach dieses amazing Video ansehen. Denn das ist Paris.

 

Come&Stay in Paris

Dieses auch. Denn auch das ist Paris.

 

 

Paris Guide

Zugegeben nicht von mir, aber von einer norwegischen Kommilitonin, Anniken, die auch zur gleichen Zeit dort war und die ebenfalls bloggt. Sie hat einen recht anderen Schwerpunkt beim Bloggen, aber in diesem Fall hat sie einfach ein paar Tipps - denen ich 100% zustimme.

 

WALK

ART

VIEW

FOOD

 

 

Noch einmal werde ich nach Paris zurückkehren, am 2. Dezember diesen Jahres zur Verleihung meines Zeugnisses und zur Feier abends. Ich nehme mit: Mama und Alfons und ein tolles Master-Ballkleid, das ich aber noch nicht habe.. stay tuned ;) 

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Good Grief. Nur Bilder.

Wie versprochen: nur Bilder von München der letzten Wochen. Okay. Und Musik - einmal cool und einmal nachdenklich. Viel Spaß.