Worüber man nicht spricht

Manchmal lese ich einen Artikel und der löst in mir das Bedürfnis aus, zu eben jenem Thema einen Blogbeitrag zu schreiben. Meistens geht es in solchen Artikeln um Erlebnisse, Gedanken oder Gefühle, mit denen ich mich assoziieren kann, bei denen ich aus meiner persönlich erfahrenen Perspektive berichten werde können. In diesem Artikel, den ich vor kurzem gelesen habe, ging es um Angst.

 

Angst ist unberechenbar, sie taucht meistens da auf, wo man nicht mit ihr rechnet. Eigentlich rechnet man nicht mal damit, dass man überhaupt plötzlich Angst haben kann. Das klingt im ersten Moment seltsam, meinen wir doch alle zu wissen, dass wir vor irgendwas Angst haben. Aber das ist das perfide und das gemeine und das was die Angst auch so unkontrollierbar macht. Sie ist nicht das gleiche wie Furcht oder wie Sorge. Furcht ist spezifisch, sie ist konkret. Man fürchtet sich vor wilden Tieren, vor dem Scheitern einer Prüfung, vor einer Operation. Ich beispielsweise fürchte mich vor Spinnen, Schlangen und Haien. Und vor meiner Weisheitszahn-OP habe ich mich damals auch immens gefürchtet. Sorge ist zwar nicht besonders konkret, sondern eher relativ abstrakt, doch meist bezieht sie sich auf Dinge oder Entwicklungen, die in der Zukunft liegen könnten. Was sie von der Angst unterscheidet, ist dass sie meist nicht bedrohlich und akut vor uns herauf ragt, sie ist glaube ich noch mehr im Unbewussten angesiedelt und scheint im Vergleich mit anderem nicht besonders "schlimm".

Angst dagegen ist allgemein. Sie ist schwer vorauszusagen und wirkt oft irrational. Eine Einteilung in große und kleine Ängste bringt nichts, auch nicht in sinnlose Ängste und sinnvolle. Es macht keinen Unterschied, jemandem zu sagen, er könne nicht fallen, wenn er Höhenangst hat. Es macht keinen Unterschied, zu sagen, dass sich die Aufzugtür doch in einigen Sekunden wieder öffnen wird, wenn jemand Platzangst hat. Was soll es schon für einen Sinn machen, wenn jemand beispielsweise nicht in der Lage ist, über eine Brücke zu gehen, weil er wahnsinnig Angst davor hat, obwohl es eine ganz normale, sichere Brücke ist? Ich habe glücklicherweise keine dieser Ängste. Aber ich hatte andere. Und manche habe ich immer noch. Ich habe beispielsweise große Angst, davor Treppen herunter zufallen. Bei fast jeder Treppe, die ich hinabsteige sehe ich vor meinem inneren Auge wie ich stolpere, ins Leere trete, an den Stufen abrutsche und sie hinunter schlage bis ich unten aufpralle. Meistens schlage ich mir in diesem Szenario auch einige Zähne aus oder habe eine Platzwunde. Immer passiert - in der Realität - nichts, ich falle nicht. Ich habe Angst vor lauten plötzlichen Geräuschen, beispielsweise Töpfe, die in der Küche auf den Boden scheppern, Türen, die ins Schloss geknallt werden. Und eine Sorge habe ich. Die Sorge niemals richtig glücklich zu werden - oder präziser ausgedrückt: niemals einen Zustand der langfristigen, ruhenden Zufriedenheit zu erreichen. 

Nachdem wir uns nun aber über die Differenzierung von Angst und Furcht (und Sorge) im Klaren sind, kommen wir doch zu ihrer aller 4. hässlichen Schwester. Eigentlich ist es vor allem der schlimme Zwilling der Angst. Es ist die Angststörung, eine chronifizierte, pathologische Form der Angst, am bekanntesten die Panikattacke. Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Angststörungen; Experten sind sich einig, dass es jeden treffen kann, jeder vierte Deutsche muss in seinem Leben damit rechnen. Bei dem einen kommt die Angst früher, bei dem anderen später. Bei mir kam sie Ende 2015.

 

Bei vielen Leuten kommen irgendwann Dinge hoch, die lange geschlummert haben. Richtige Traumata, die plötzlich ausbrechen. Manche fragen sich: "Warum geht das denn jetzt los?" Und auch ich habe mich das Ende 2015 gefragt. Es scheint so zu sein, dass ein allgemeines Klima der Unsicherheit, das unsere Gesellschaft grundsätzlich und in manchen Zeiten besonders beschäftigt, bei Menschen sehr persönliche, eigene Ängste hervorholen kann. Ich vermute, dass es bei mir die Anschläge im November 2015 in Paris waren, zu der Zeit eben als ich dort gelebt habe und keinen Kilometer vom Bataclan zur Uni gegangen bin. In den Wochen danach war ich zunächst "nur" traurig, ich habe mich vor Polizeisirenen und lauten Geräuschen erschreckt, ich habe oft - scheinbar grundlos - angefangen zu weinen. All das habe ich bewusst mit den gerade geschehenen Ereignissen und meinem Leben in dieser zu der Zeit heftig schwankenden Stadt begründet. Es hat mich nicht beunruhigt. Was mich beunruhigt hat war ein Freitagabend im Januar des vergangenen Jahres, an dem ich zu Besuch in München war. Ich war gerade im H&M, als ich dachte, ich kippe um. Ich wusste nicht, was los war. Ich spürte einen Druck in der Brust, Herzrasen, hatte Schwindelgefühle und zitterte. Ich dachte mir: ein Herzinfarkt? In meinem Alter? Never. Vielleicht hast Du zu wenig gegessen und bist unterzuckert. Aber das war ein Bruchteil meines Gehirns, der das dachte. Der Großteil von mir hatte einfach Angst. Riesige, panische, nackte, rohe und irrationale Angst, ich müsse jetzt sofort auf der Stelle sterben. Ich verließ das Geschäft und lief einige Minuten durch die kalte Luft. Es ging wieder. Dachte ich. Ich beschloss, den Vorfall zu ignorieren. 

Aber diese Situationen kamen wieder. Abends im Kino, morgens beim Haareföhnen in Paris, mittags beim Einkaufen, vormittags an der Uni, abends am Nachhauseweg, abends zuhause angekommen, nachmittags in der Métro. Vor allem in Paris. Ich weinte, schrie, wollte mich auf den Boden legen, mitten auf der Straße oder mich in der Métro zusammenkauern. Ich heulte eigentlich ständig, meistens in mindestens halbstündigen Sturzbächen, immer ohne konkreten Anlass. Wenn ich gerade keine Panikattacke hatte, dachte ich, ich würde verrückt, ich verlöre den Verstand. Vor allem begann ich, Angst vor der nächsten Panikattacke, vor der Angst selbst zu bekommen. Angst lähmt, sie bringt das Leben zum Stillstand. Wenn sie regiert, ist nichts mehr von Freiheit und Weite da.

 

Man kann Ängste weniger bedrohlich machen, in dem man so viel Informationen über sie sammelt wie möglich. Was wir kennen macht uns weniger bange. Also begann ich mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Im Zuge dessen stellte ich fest, dass es a) etwas ist, über das nicht viel gesprochen wird, das "man halt einfach als normaler Mensch nicht hat" und dass es b) umso mehr Menschen betrifft, je mehr man fragt. Ich interessierte mich dafür, wie es anderen Menschen in solchen Momenten ging und las einen bemerkenswerten Satz: "es fühlt sich an, als attackiere Dein Gehirn Dich selbst." Wenn der Kopf macht, was er will, verliert man jegliche Kontrolle über sich und das eigene Leben. Man steht neben sich und beobachtet wie man sich selbst zu Grunde richtet. Wie man Stück für Stück an den eigenen Gedanken zerbricht. Wenn die Zentrale Deines Denkens, Handelns und Fühlens gegen Dich den Krieg losbricht, kannst Du in diesem nur unterliegen. Du kannst nur unterliegen, aber Du kannst die Niederlage trainieren und sie weniger schmerzhaft machen. Ich zumindest hatte das Glück es zu können. Es gibt Atemübungen, es gibt Tricks, es gibt Dinge, die man sich angewöhnen kann. Die sind alle meist recht simpel und grob, aber sie können funktionieren. Sich Mund und Nase zuhalten bis man das Gefühl hat, man ersticke tatsächlich, während man sich im Kreis dreht. Man simuliert dem Körper die Symptome, bei denen das Gehirn mit Angst konditioniert ist. Man läuft einfach los, ohne Jacke (im Winter), ohne Portemonnaie oder Handy stundenlang durch die Gegend, man versetzt sich in einen verletzlichen, unsicheren Zustand und provoziert die Angst. Und dann muss man lernen, die Angst auszuhalten. Mit ihr zu leben, sie als einen Teil zu akzeptieren und zu versuchen zu verstehen, ob sie einem nicht vielleicht etwas sagen will.

Nun ist es nicht leicht, über Ängste in einem öffentlich zugänglichen Raum, wie es der Blog nun mal ist, zu sprechen. Wer wirklich über Ängste spricht, verrät eine Menge von sich. Vielleicht verrate ich eine Menge über mich. Aber es ist ja auch mein Blog.

Viele Menschen, die wesentlich klüger und wortgewandter sind oder waren, als ich es je sein werde, haben ihre Gedanken zur Angst zu Papier gebracht. Der Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, nannte die Angst den "Knotenpunkt der Seele". Wer sie zu lesen verstehe, schrieb er einmal, könne alles begreifen, was das Seelenleben eines Menschen ausmache. In einer Vorlesung vor Studenten soll Freud eine Art Formel aufgestellt haben: es gäbe etwas, was mehr als alles andere Angst auslöse und das sei die Vermeidung. Wer in seinem Leben zentrale, wichtige Dinge vermeide, wichtigen Erfahrungen, wichtigen Entscheidungen aus dem Weg gehe, zahle dafür einen Preis. Und dieser Preis heiße Angst. Dem kann ich in Teilen zustimmen, denke ich.

Kritischer stehe ich Philosophen wie Søren Kierkegaard und Martin Heidegger gegenüber. Sie stellten Angst ins Zentrum ihrer Denksysteme und nahmen an, niemand könne sich von der Erkenntnis befreien, dass das eigene Leben endlich sei, dass jeder sterben müsse. Kierkegaard war es auch, der die These aufstellte, dass die Selbstbestimmung des Menschen eine weitere Angstquelle ist, dass die Möglichkeit der freien Entscheidung oft Unsicherheit produziere. Der französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre sah nur eine Chance, aus dem Angstkosmos des Lebens auszubrechen: Der Mensch müsse sich dem anderen zuwenden, nur der andere Mensch, das Gegenüber, könne Halt versprechen. Das dagegen halte ich, mit Verlaub Sartre, für ausgemachten Blödsinn. Im Moment der Angst ist man allein und keiner kann einem die Angst nehmen. Und der Halt, den der andere, vermeintlich unängstlichere versprechen kann, wird in den unwenigsten Fällen zu einem jämmerlichen Haufen Abhängigkeit.

 

Ich habe weniger häufig schlimme Angst, vor allem aber habe ich gelernt, mit ihr zu leben und sie als das zu nehmen, was sie ist: eine Emotion, die kommt wie eine Welle, aber auch wieder geht und derer man sich nicht schämen muss, wenn sie einen mal umwirft.

 

Dieser Text entstammt in Teilen dem Artikel "Angst - Mitteilungen einer unheimlichen Gefährtin" von Stephan Lebert (2017).

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