Tinder - eine Sozialstudie

Ich möchte heute über etwas schreiben, das mich in den vergangenen 4 Wochen sehr beschäftigt hat - vor allem, weil ich mich damit selbstgewählt sehr stark beschäftigt habe. In diesem Eintrag wird es um das Thema "Tinder" gehen, genauer gesagt um die Erfahrungen, die ich damit gemacht habe und um das, was es mit mir gemacht hat.

Der ein oder andere wird möglicherweise jetzt schon die Augen verdrehen - entweder garniert mit „Warum bist Du denn bitte bei Tinder? Geh' doch lieber raus und lern' im echten Leben jemanden kennen“ oder resultierend aus dem Vorurteil, das man zu der App und ihrer Nutzung haben kann. Oder daraus, dass ich ja noch nicht allzu lange wieder Single bin. Oder weil es opportun erscheint, bei dem Wort "Tinder" mit den Augen zu rollen. Anyway.

Ich habe diesen Post schon einmal begonnen zu schreiben, allerdings habe ich vieles wieder weggenommen, da es keine der oben angerissenen Themen bedient oder beantwortet. Jetzt versuche ich es erneut.

 

Die Frage, was es mit mir macht, lässt sich mehrstufig beantworten. Ich war bereits 2 Male bei Tinder angemeldet und habe mein Profil jedes Mal nach einer Weile wieder gelöscht, weil es mich nur noch genervt hat. Das erste Mal ist ca. 2 Jahre her und ich, natürlich völlig unwissend, hatte innerhalb einer Woche an die 50 Matches akkumuliert (das, wenn beide sich nach rechts wischen, ergo gut finden). Ich war völlig lost und habe komplett den Überblick verloren - glücklicherweise nicht, ohne einen Menschen kennenzulernen, mit dem ich heute noch - rein platonisch - befreundet bin und der sich tatsächlich mittlerweile zu einem meiner treuesten Blog-Leser entwickelt hat: Lars.

Nach besagter Woche und einen Nervenzusammenbruch später die Erkenntnis: sofortigst abmelden! Learning I: wenn man sich auf Tinder bewegt, sollte man sehr genau wissen, wer man ist. Von der Selbstdefinition und von einer gefestigten Persönlichkeit. Es geht so schnell und ist so leicht, sich selbst zu verlieren - in dem ganzen Wust an Menschen, die man nicht kennt, denen man aber immer einen Teil von sich zeigt, wenn man mit ihnen schreibt und respektive auch den Teil eines Menschen zurück gezeigt bekommt.

Beim zweiten Mal habe ich es ganze 3 Wochen ausgehalten, vor allem aber war es wesentlich entspannter. Learning II: wisse, was Du willst und was Du nicht willst. Weiche nicht davon ab und swipe in Gottes Namen höchst selektiv. Der Männer-Überschuss spielt einem so oder so in die Karten und das vom weiblichen Swiping-Verhalten abweichende  vieler Männer (= erst so gut wie jede rechts wischen und später aus den Matches aussortieren) ebenfalls. Anyway. In dieser zweiten Runde habe ich meinen jetzigen Ex-Freund kennengelernt und ich muss auch hier sagen: wunderbarer Mensch, den ich sehr froh bin, eine schöne Zeit lang in meinem Leben gehabt zu haben - selbst wenn es letzten Endes nicht gehalten hat.

Aber here we are, Runde 3 - es wird glaube ich erst mal die letzte sein. Wie auch bei den vorangegangenen Malen beobachte ich an mir per se zwei Verhaltensweisen. Erstens hat die App und das Gewische ein enorm hohes Suchtpotenzial oder zumindest hat sie es bei mir. Ob ich in der U-Bahn sitze, auf sie warte, aus ihr aussteige, morgens vor dem Aufstehen, abends beim Schlafengehen: ich bin nur noch am swipen. Und auch sonst ständig. Als gäbe es kein Morgen. Hier mal schnell 50 Leute weggewischt/aussortiert, dort mal 100. In vielen freien Minuten mache ich es und wenn ich nur freie Sekunden habe, mache ich es auch. Es ist schlimmer als Heroin - oder zumindest stelle ich mir das vor. Unterstützt von Pop-ups wie "It's a Match!" (inklusive belohnendem "Pling") oder von Notifications, die man sich im Sperrbildschirm anzeigen lassen kann wie z.B. "xy hat Dir eine Nachricht gesendet!". Ein auditiver Reiz, das Prinzip der sogenannten instant gratification, welches laut Wirtschaftslexikon folgendermaßen erklärt wird: "die sofortige Befriedigung von Wünschen und Bedürfnissen, häufig durch den Kauf eines Produkts oder einer Dienstleistung". An dieser Stelle: herzlichen Glückwunsch an mich selbst - ich kaufe Menschen!

Zweitens bin ich (fast unisono damit) ziemlich angewidert von meinem eigenen Verhalten. Ich bewege mich auf Tinder wie ich mich in den Online-Shops von H&M und Zara bewege, wähle aus, was mir stehen könnte, lege ein Teil nach dem nächsten in den Warenkorb. Den Warenkorb sortiere ich dann manchmal noch aus, trage ihn zur Kasse und lasse mir die Artikel zuschicken. Ich probiere sie einmal an, wenn sie nicht passen oder mir Qualität oder Schnitt nicht gefallen, sende ich sie zurück und bekomme mein Geld wieder. Das ekelhafte, wie ich es sehr selbstkritisch an mir feststellen muss, ist, dass ich mit diesen Menschen ähnlich verfahre. Swipen, schreiben, treffen und zurückschicken. Geld gibt es allerdings keins zurück. Ich begreife durchaus, dass die Funktionsweise der App auf optischen Reizen basiert. Sie macht es einfacher als einfach, Menschen "auszusortieren" aus der Alterskohorte, die man haben möchte. Sie gibt Dir die Chance, andere Menschen ganz leicht und konsequenzlos "zurückzugeben", dies funktioniert über "Match auflösen". Mir ist klar: Tinder ist ein Affenzirkus, in dem man künstlich Treffen arrangiert basierend darauf, ob man bearbeitete Fotos von anderen Menschen hot or not findet. Es ist völlig absurd.

 

Ein Grund, weswegen Tinder trotz besagter Absurdität doch in signifikanter Häufigkeit von Menschen zwischen sagen wir mal 18 und 38 genutzt wird, liegt darin, dass diese App einiges in uns bedient, was in Generationen vor uns nicht allzu prävalent gewesen zu sein scheint. Zunächst vernetzt sie enorm. Sie ermöglicht uns die Kontaktaufnahme mit Menschen (erst wollte ich "Verbindung" schreiben, aber diese Bezeichnung ist zu schade für das was auf Tinder passiert), von deren Existenz wir nichts wissen, die sich gerade in diesem Moment vielleicht mehrere hundert oder tausend Kilometer entfernt von uns befinden. Sie zeigt uns, welche gemeinsamen Facebook-Freunde wir haben - wie "klein" also augenscheinlich die Welt ist. Darüber hinaus erleichtert sie uns den Konsum - siehe oben der Abschnitt über Online-Shopping (auch auf mobilen digitalen Devices). Wir müssen uns nicht mehr samstags in eine Bar oder einen Club stellen, Drinks bezahlen, uns vielleicht vorher noch gescheit zurecht machen. Wir können stattdessen kostenlos, bequem, in Jogginghose (auch wenn ich persönlich dieses Kleidungsstück ablehne) vom Sofa aus mit einem Glas Rotwein in der einen Hand und iPad in der anderen Menschen abchecken, auf uns aufmerksam machen und unverbindliche Konversationen anfangen. Dieser weitestgehend anonyme Ablauf erspart uns die harte Schule des Erlernens bestimmter Kompetenzen im realen Leben. Wir müssen nicht mehr mit jemandem flirten (Augenkontakt, lächeln, verschüchtert wegsehen, hingehen, ansprechen), uns keine kreativen Anmachsprüche mehr überlegen (Resultat ist, dass auch auf Tinder die Eloquenz der meisten Männer bei Heyyy!" oder "Wie geht's?" endet oder bei einem mäßig kreativen Satz, in dem klar wird, dass "dass" und "das" nicht dasselbe sind), schon gar nicht müssen wir uns damit abfinden, wenn uns jemand einen Korb gibt. Tinder ersetzt uns das durch Proxys, es nimmt uns jegliche Möglichkeit der Blamage - und es macht uns immer dümmer, bequemer, emotional unintelligenter und oberflächlicher.

Vor allem aber suggerieren Apps wie Tinder Dir, Du könnest immer noch mehr, besseres, besser aussehendes, grüneres Gras bekommen - im Universum unendlicher Möglichkeiten an potentiellen Partnern, Affären oder was auch immer man sucht. Das woran unsere Generation eh schon krängt - die nicht aufhören könnenden Optionen von Jobs, Städten, Entscheidungen, die Generationen vor uns nicht hatten - es wird unterstützt von Apps wie Tinder, wir machen fröhlich mit und rufen auch noch "Juchuu" dabei. 

 

 

Um der ganzen gesellschaftskritischen Tonalität doch noch den ein oder anderen Witz einzuhauchen und natürlich auch um die Supporter von "bei Tinder sind doch eh nur Bekloppte" zu bestätigen, möchte ich noch ein bisschen über meine Erfahrung auf der App erzählen. Bei all dem möchte ich weder jemanden beleidigen noch diskreditieren, jemand, der sich aber offenkundig derartig exponiert ist ein bisschen selbst schuld. Im Folgenden also ein Best of Tinder.

 

Die mit den abgefahrenen Namen: Süpêr, Bricedarouiche, Spasimir

Die mit den abgefahrenen Bildern: hat ein Waschbär als Stofftier auf dem Schoß und streichelt es, steht in einer Lebensmittelfabrik und trägt ein mintgrünes Haarnetz, hält eine ca. 15kg schwere Schinkenkeule in der Hand, trägt ein Horrorkostüm, das aus Texas Chainsaw Massacre sein könnte

Die, die es mit dem Alter nicht ganz so genau nehmen: Kevin (18) ist definitiv höchstens 14, Michael (32) ist gut und gerne 45 oder 50

Die mit den ganz eindeutigen Ansagen: "auf der Suche nach einem devoten Betthäschen - Du musst gehorsam und natürlich versaut sein", "lass' Dich noch heute von mir HART durchf***en", "wurdest Du schon mal von zwei Männern gleichzeitig verwöhnt?", "Sarah und Max suchen ihre #3 und Spielgefährtin - gerne auch Anfängerinnen", "auch härter, wenn Du das magst", "top bestückt" (inkl. Bild), "sexuelle Interessen primär im BDSM-Bereich"

Trends: ganz groß sind in diesem Jahr, ein Lama oder Alpaca als erstes Profilbild zu wählen (n = 5), sich Gänseblümchen in den Bart zu stecken (n = 4) oder die Haarfarben Türkis und Pink

 

Darüber hinaus en vogue sind extravagante Hobbys (Kitesurfen, Bergsteigen, Mountainbiken, Tiefseetauchen, Bouldern, Großwildjagen - Tennis, Schwimmen und Fußball sind so 2015!), Weltreisen (es gibt keinen Typen ohne Bild vor der Tempelanlage in Angkor Wat, dem Opernhaus in Sydney, vor Machu Picchu, vor karibischem Traumstrand, oder oder) und Gym-Selfies (Oberkörper frei, hart pumpen, Anabolika, trainierte Abs, das volle Programm). In der darüber hinaus einigermaßen homogenen Masse an Vornamen (sie heißen nun mal eben alle Max, Matthias, Michael, Alex, Christopher/Chris/Christoph, Tim, Tom, Flo, Niklas, Moritz oder Daniel) verschwimmt die Population meiner vermeintlichen Zielgruppe zu einem eintönigen Brei an Jungs/Männern, die alle gut bis okay aussehen, ein aufregendes, tolles Leben führen, denen ihr Instagram-Profil sehr wichtig zu sein scheint und die zur Komplettierung ihres Glücks noch die entsprechende Dame benötigen. Alles ansprechend, aber langweilig, viel versprechend, aber leider nichts haltend.

 

 

Ich schrieb oben, ich habe mich selbst gewählt sehr stark damit beschäftigt. Tatsächlich habe ich im letzten Monat etwas gemacht, was meine Mutter vor kurzem mit leicht gerunzelter Stirn als "Power Dating" bezeichnete. Zu diesem Ergebnis kam sie, nachdem ich ihr berichtet hatte, dass ich (zu diesem Zeitpunkt aktuell) drei Dating-Apps nutze, Tinder, happn und mayze, und dass ich mich in 4 Wochen mit 10-12 unterschiedlichen Männern auf ein Kennenlernen bei Kaffee oder Drinks getroffen habe. "Bist Du sicher, dass Du das nicht etwas verkrampft angehst?" der Kommentar meines besten Freundes Philip dazu. "Wieso, ich habe doch eh nach einem Gespräch festgestellt, dass es bei keinem von denen passt?", meine relativ ausweichende Antwort.

Einem Süchtigen kann in vielen Fällen der radikale cut helfen - to go cold turkey, wie die Angelsachsen sagen. Von einem auf den anderen Moment kompletter Entzug des Suchtmittels, in meinem Fall die Deinstallation von Tinder, happn und mayze. Am Mittwochabend habe ich diesen Schritt getan, bisher geht es mir gut, ich halte einen baldigen Rückfall für unwahrscheinlich. Vielleicht wollte ich mit obiger, sich natürlich ergeben habender Versuchsanordnung beweisen, dass man sich auf den Kopf stellen und das Finden der Liebe trotzdem nicht erzwingen kann.

Vielleicht müssen wir dazu doch in der U-Bahn jemanden sehen, uns umhauen und hinreißen lassen und uns dem Adrenalin-Kick des "Äh.. also.. kann ich vielleicht - ich mache so was echt nie - aber kann ich Deine Nummer haben?" aussetzen.. 

 

 

 

 

Dieser Text beruht in Teilen auf "Warum Tinder wie Shopping ist" von Michael Nast. 

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