"Leuchtende Tage. Nicht weinen, dass sie vorüber, sondern lächeln, dass sie gewesen." - So ein Bullshit.

Konfuzius soll das angeblich gesagt haben und falls er das tatsächlich gesagt und auch noch ernst gemeint hat, hatte der alte, bestimmt hochintelligente Knacker in seinem Leben nie Liebeskummer. 

 

Ich will nämlich weinen. Mein Herz will weinen. Es will, dass der Schmerz gefühlt wird und es will meinen Körper in Mitleid erregenden Schluchzern durchschütteln. Mir verläuft der Eyeliner, Tränen hängen in großen Tropfen in meinen Wimpern und kullern mir die Wange herab. Sie fallen auf meinen grauen Kaschmir-Mantel und versickern dort, nicht ohne einen kleinen, nassen, unförmigen Punkt zu zeichnen. Ich vergrabe mein Gesicht in diesen Tagen in so mancher Schulter derer, die mir nahe stehen und mir ist es egal, wenn meine Rotze oder mein Mascara an ihrem Hals herabläuft, während ich in Stößen vor mich hin heule. "Nicht weinen. Er ist es nicht wert. Es kommt ein anderer. Sei stark, hör' auf zu weinen!" "Ich will aber weinen, weil.. es mir danach besser geht. Und er ist es wohl wert, weil.. weil er es eben wert ist. Und ich weiß selbst, dass ein anderer kommt, aber eigentlich.. will ich keinen anderen!" Meine Wangen sind ganz rot, ich nuschele vor mich hin und ziehe geräuschvoll die Nase hoch - man versteht wahrscheinlich gar nichts. Atmen, weinen und reden ist ganz schön schwer.

Wenn ich nicht darüber nachdenke oder mich in das, was die Situation so macht wie sie ist, hinein fühle, kann ich gut so tun als sei nichts - oder zumindest nichts weniger blöd als die letzten Monate. Wenn ich die Gedanken und Gefühle aber dahin und zu Dir und dazu, dass ich Dich jetzt selbstgewählt nicht mehr sehe wandern lasse, steigt der Wasserstand in meinen Augen unaufhaltsam an, ich beginne zu zittern und der ganze Mist geht von vorne los. Ziemlich schnell verschwimmt meine Sicht, so als sei der Scheibenwischer eines Autos bei Starkregen ausgefallen und ich muss unterbrechen was ich gerade tue. Meine Nasenflügel beben, während ich vergeblich versuche mich zusammenzureißen und den Kloß und das Herzweh und die Erinnerung an Dich und mich mit Dir einfach herunterzuschlucken. 

 

Schon wieder nicht. Schon wieder hat es nicht geklappt und schon wieder muss ich mich fragen, woher ich das Talent habe, etwas mit gegengeschlechtlichen Individuen anzufangen, die nicht die richtigen sind oder unter denen nicht "der eine Richtige" für mich ist. Meine Liste an Jungs, Typen, Kerlen und in den wenigsten Fällen tatsächlich Männern liest sich wie der seit Jahren komplett minder erfolgreiche Versuch, den Deckel zum Topf zu finden - der sich bisher immer als nicht passend oder noch nicht mal als Deckel herausstellte. 

Ungebremst mein Mut und meine Hoffnung, selbst in den Momenten in denen ich mein Herz brechen oder zumindest knacksen spüre und mir die Luft aus den Lungen gequetscht wird. In denen meine Pläne, die ich mich mit dem ein oder anderen getraut habe zu machen dahin segeln. Sie landen geräuschlos auf einer dreckigen Pfütze und saufen dort ab oder lösen sich in triefende, unlesbare Klumpen auf. Das Ganze wird dann meist noch vom Karma oder wem auch sonst immer in meinem Unterbewusstsein lautmalerisch begleitet von einem gehässig herein krakeelten "Ätsch bätsch, schon wieder nicht, heheheheh!". What the fuck.

 

Auch jetzt wieder. Ich sehe mich ein bisschen selbst wie ein Kind, dass immer wieder mutig seine Hand auf die Herdplatte legt, in der Hoffnung, sie möge a) nicht heiß sein oder b) bei angenehm warm aufhören und sich nicht weiter erhitzen oder c) dass dem Kind selbst nach all den Brandblasen eine derartige Hornhaut wachse, dass der Grad der Verbrennung bei jedem Mal mehr, verschwindender relevant wird. Ich will nicht lernen, ich will aus augenscheinlichen "Fehlern" nicht die Erkenntnis ableiten, ich hätte etwas falsch gemacht. Und schon gar nicht will ich etwas anders machen. Ich weiß, dass ich damit verliere - meistens. Der, der mehr fühlt, der mehr liebt, verliert eigentlich immer. Aber eines Tages, eines Tages werde ich mit dieser meiner Haltung, mit meinem großen, naiven Wollen, mit meinem unvernünftigen Herzen vielleicht gewinnen - nicht gegen einen anderen, aber mit diesem anderen ein tolles großes Gefühl, ein gemeinsames Leben und eine Liebe, die ich so sehr zurückbekomme, wie ich sie gebe.

 

Mir fällt der Text "Du kannst feige sein oder Du kannst lieben" ein, den ich schon immer sehr mochte, den ich immer für uneingeschränkt zutreffend gehalten habe. Heute lese ich ihn das erste Mal differenzierter. 

So lange ich mich an die letzten Jahre erinnere, wollte ich, wenn es gerade nicht der Fall war, verliebt sein. Ich wollte mich wieder verlieben und neu und in jemand interessanten mit allem, was dazu gehört. Verliebtheitswütig. Nicht um des Gefühls selbst willen, weil es sich anfühlte wie ein Drogenrausch ohne Drogen und in bio und vegan, aber natürlich immer mit der Hoffnung verbunden, es sei das letzte Mal, dass ich mich verliebe.

Manchmal frage ich mich, ob es anderen Menschen auch so geht oder ob die meisten der Menschen, die nicht verliebt sind, dieses große Gefühl vergessen zu haben scheinen. Ob es für sie vielleicht wirklich nicht wichtig oder erstrebenswert ist oder ob sie sich stattdessen im Bedürfnis danach, es zu erleben, beschneiden. Warum jeder sich gerade nicht festlegen kann oder möchte oder momentan zu viel um die Ohren hat. Warum viele in einer Bindung eher eine Verpflichtung als eine Bereicherung sehen. Wann man im Leben endlich mal Zeit mit sich selbst verbringen sollte und muss und wo die haarfeine Grenze dazu verläuft, dass man sich mit sich selbst alleine eigentlich am wohlsten fühlt. Und ja, aus gemachter Erfahrung, warum alle immer und immer wieder nur weglaufen.

Ich höre mich an, als wüsste ich es wirklich besser. Aber das tue ich nicht. Leider wusste auch ich es schon so oft selbst nicht besser. Leider bin auch ich schon ein Feigling gewesen. Auch ich bin schon weggelaufen – meistens, indem ich stur in irgendwas hineingelaufen bin. Immer mit der Rechtfertigung, das sei meine mutige Art zu fühlen. Vielleicht ist es leichter, sich immer wieder in etwas neues hinein zu fühlen, zu wollen, zu retten, als sich endlich mal mit sich selbst zu beschäftigen. Auch ich fühle mich im Nachhinein beim Lesen dieser Zeilen also ertappt. 

 

„Die Menschen reden immer von ihrer Freiheit und meinen dabei nur ihre Angst vor einer Liebe,

 

die größer werden könnte als ihr eigener Egoismus."

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Susanne (Sonntag, 08 Oktober 2017 23:03)

    Liebe Nina,

    du sprichst mir so aus der Seele - als hätte ich diese Texte selbst verfasst. Ich bin mittlerweile 28 und mache leider dieselben Erfahrungen wie du. Im Juli lernte ich Chris über ein Dating-Portal kennen. Wir telefonierten eine Woche lang, bevor wir uns trafen und es war für mich so als ob die Zeit stehen bliebe als wir uns das erste Mal ansahen. Wir waren vom ersten Moment an hin und weg voneinander und verbrachten einen wunderschönen Monat, in dem er mir schon seinen besten Freund und seinen Vater und ich ihm auch Freunde von mir vorstellte. Auf Wolke 7 war ich mir sicher, dass ich all die Jahre auf ihn gewartet hatte...
    Im September stand mein Examen bevor und wir sahen uns wochenlang nicht...eine frühe Probe für uns..abgesehen von zwei kleineren Streits beobachtete ich, dass er sich immer mehr in seinen Job und seinen Problemen mit seiner Tochter vergrub. Kleine Gesten wie ein „Ich vermisse dich“ oder ein Anruf blieben irgendwann aus. Als ich ihn drauf ansprach, platzte es plötzlich aus ihm heraus „Es tut mir leid. Ich kann keine Gefühle aufbauen, ich kann sie nicht steuern, auch wenn ich es gerne wollte. Ich kann im Moment keine Beziehung führen. Es liegt an mir, ich habe da ein Problem und werde mir Rat holen, aber ich kann und will gerade nicht.“
    Alles über WhatsApp...seitdem kein Kontakt mehr.
    Immer und immer wieder treffe ich auf Beziehungsphobiker, während viele meiner Freundinnen in glücklichen Beziehungen leben. Ich frage mich, wieso.

  • #2

    Sarah (Montag, 09 Oktober 2017 13:03)

    Liebe Nina, liebe Susanne,
    auch ich kenne das sehr gut. Immer in etwas reingestürzt mit allem was ich hatte, gehofft, dass die Gegenseite genauso fühlt und am Ende enttäuscht in mein Kissen geweint.
    Denn während ich von Heirat und Kindern träumte und mir überlegte wie unsere unverwechselbare Mischung wohl aussehen mag, dachte er an: Spaß.
    Es hat lang gedauert bis ich erkannt habe, dass ich die falschen Signale sende. Dass ich nicht das tue was ich fühle und mir wünsche.
    Ich träumte Liebe, und zeigte Verwegenheit, Witz und Selbstbewusstsein. Meine Zeichen waren völlig durcheinander und mit meiner Art und meinem immer verbissener werdenden Drang nach Liebe und Zuneigung erreichte ich die Männer, die nur (körperliche) Zuneigung im Gepäck hatten - statt Gefühl.
    Was folgte war eine lange Phase des "mit sich selbst beschäftigens". Die eigenen Fehler erkennen, die eigenen Wunden lecken und irgendwann merken, dass man allein auch ziemlich komplett ist und niemanden braucht, der der passende Deckel ist, da es keine Töpfe und Deckel gibt.
    Und als ich das alles erkannte, sendete ich plötzlich auch andere Signale. Ich erreichte andere Männer und ich erkannte was ich brauche und was ich mir wünsche. Und ich wurde belohnt: und so sitze ich gerade auf dem Bett, den PC auf den Knien und mein selig schlummerndes Baby neben mir, das ich bekommen habe als ich endlich wusste wer ich bin und damit auch den Mann meines Lebens gefunden habe :)

  • #3

    Nina (Freitag, 13 Oktober 2017 13:42)

    Liebe Susanne, liebe Sarah,

    vielen Dank für Eure beiden Kommentare.
    Ich glaube, Ihr habt beide Recht mit dem, was Ihr schreibt. Einerseits Du, Susanne, die wie ich (und viele meiner Freundinnen übrigens auch) auf eine Knalltüte nach der nächsten treffen - die gar nicht zwingendermaßen nur "auf Spaß aus" sind, aber aus welchen Gründen auch immer keine Beziehung zulassen können oder wollen. Andererseits Du, Sarah, da es durchaus auf einen selbst ankommt, welche Signale man sendet.
    Gleichzeitig finde ich - und da bestätigen mich sehr viele der vielbesprochenen Generation Y-ler - es einen besorgniserregenden Trend, dass alle immer unverbindlicher, immer abgestumpfter und immer feiger werden, sich auf etwas einzulassen. Das war in früheren Generationen nicht so. Und auch die Ehen, die jetzt geschlossen werden halten ja leider nicht mehr alle für immer..

    Anyway, ohne großes Gejammere: ich wünsche Euch beiden (und mir ;) von Herzen alles Gute!

  • #4

    Mathilde (Montag, 25 Dezember 2017 22:25)

    Liebe Nina,

    auch wenn ich Deinen Schmerz sehr wohl nachvollziehen kann, möchte ich anmerken, dass mir dieser Spruch nach dem Tode meiner Mutter - Worte die diese für uns aufgeschrieben hat - ein großer Trost waren. Und ich denke nicht, dass sich der Autor auf Liebeskummer bezogen hat.

    Viele Grüße
    Mathilde

  • #5

    Dr. Jürgen Puls (Montag, 29 Oktober 2018 10:40)

    Liebe Nina !
    Dass Dir das Weinen gut tut, wusste Konfuzius sehr wohl ; ganz sicher hätte er Dir nicht empfohlen, es zu unterdrücken. "What the fuck" paßt hingegen viel weniger zu ihm.