Worüber wir reden müssen

Ich möchte heute ausnahmsweise mal über etwas schreiben, was mich gar nicht direkt betrifft, weil ich mich vor Jahren dagegen entschieden habe. Was aber dennoch etwas sehr persönliches ist, für Millionen von Frauen weltweit eine Rolle spielt und was indirekt etwas darüber aussagt wie Männer und Frauen heutzutage mit Verantwortung, Selbstbestimmtheit und Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft umgehen - sofern sie Sex haben. Ich spreche von der Pille und jeder Mann, der jetzt denkt "okay, betrifft mich eh nicht, muss ich nicht weiterlesen, weil Verhütung ist Frauensache" ist Teil des Problems.

 

Ich habe vor Kurzem ein Gespräch mit meinen Eltern geführt, das mich an einer Stelle ziemlich schockiert hat. Es ging sinngemäß darum, dass ich mir schon bewusst sein müsse, dass Sex mit Kondom für Männer halt wirklich nicht so toll sei und Verhütung auch eh Frauensache. In diesem Moment muss ich abwechselnd ausgesehen haben, als fiele mir alles aus dem Gesicht oder als habe ich in etwas sehr saures gebissen. Mich hat in diesem Moment erschüttert, wie unheimlich weit entfernt meine sonst so vernünftigen, aufgeklärten Eltern von der in der Generation der Millenials stattfindenden Debatte zu sein scheinen und wie wenig sie sich mit Gleichberechtigung und Emanzipation in sehr alltäglichen Belangen - wie Sex und Verhütung es sein sollten - auseinander setzen. Ich denke, dass die Wahl der Verhütungsmethode für jeden in Absprache mit dem jeweiligen Partner eine ganz individuelle Entscheidung ist und ich finde Toleranz an wenigen Stellen wichtiger als hier. Die Haltung "Verhütung ist Frauensache" aber finde ich bizarr bis mittelalterlich.

 

Ich habe mich wie oben beschrieben bereits vor Jahren gegen die Pille entschieden, Gründe waren vor allem die negativen Nebenwirkungen - von denen oft erwartet wird, dass man sie sang- und klanglos hinnimmt, wenn man sie hat. Ich habe damals, da war ich ca. 15 Jahre alt über 1 Jahr hinweg 3 verschiedene Minipillen ausprobiert - um es kurz zu machen, ein launisches, in Phasen heulendes, depressiv-aggressives Nervenbündel mit Wassereinlagerungen, spannenden Brüsten & Co. zu sein war kein Spaß. Sicher, alle Frauen reagieren unterschiedlich und manche jubeln einfach über glänzendes Haar, tolle Haut und verschwundene Regelkrämpfe oder nehmen die Pille eh primär deswegen. Was der Rest dazwischen macht, weiß ich nicht, ist aber auch egal. Für mich persönlich war die Entscheidung dagegen in Anbetracht des dahinter liegenden Wirkprinzips - man futtert täglich Hormone und simuliert dem Körper durch Östrogen und Gestagen eine Dauerschwangerschaft - keine allzu schwere. Hormonelle Empfängnisverhütung (darunter fallen auch Spirale, Nuvaring, Pflaster, implantierte Stäbchen, etc.) kam und kommt für mich nicht in Betracht und zum Glück gibt es Alternativen. Womit ich mich langsam mal an den Gegenpart der Verantwortung wage.

 

Bis heute gab es hochgerechnet 1-2 Männer, die die Augen verdreht haben, als ich sagte, ich nähme keine Pille. Begeistert war das Gros auch nicht, aber das kann man vermutlich auch nicht erwarten. Was man aber erwarten kann und was ich auch ehrlich gesagt erwarte ist, dass man sich bewusst ist, dass einen sicheren Schutz vor Krankheiten - gerade wenn man vielleicht noch keinen HIV-Test des Anderen gesehen hat und sich noch nicht seit Jahren kennt - nur ein Kondom bieten kann.

Ich erwarte, dass man das Thema rechtzeitig anspricht und nicht stillschweigend voraussetzt, die Frau mache das schon, weil ist ja ihr Körper und sie wird ja im Zweifelsfall schwanger. 

Ich erwarte, dass sich Männer gleichermaßen für das Thema Verhütung verantwortlich fühlen und wenn sie das bisher nicht getan haben, sich jetzt mal anfangen damit auseinander zu setzen.

 

Man liest es vielleicht: ich ärgere mich ein wenig.

Ich ärgere mich über Frauen, die - nicht immer, aber oft - undifferenziert möglicherweise assoziierte Begleiterscheinungen oder Folgeerkrankungen wie Depressionen, Thrombosen und ein erhöhtes Risiko an Krebs zu erkranken ausschließlich mit der unemanzipierten Argumentation beiseite wischen, das (= die Pille zu nehmen) sei angenehmer und weniger nervig für ihren Freund, Mann, Partner.

Ich ärgere mich über forschende Pharmaunternehmen, die Studien zur Erforschung der „Pille für den Mann“ abbrechen, weil die Nebenwirkungen mit Stimmungsschwankungen, Gewichtsproblemen und sonstigen hormonellen Dysbalancen für Männer nicht zumutbar gewesen seien - hallo??! 

Ich ärgere mich über Männer, die mir weismachen wollen, es sei für sie wesentlich schlimmer für 5min. bis 2 Stunden ein Kondom zu ertragen als für mich, 24 Stunden an 7 Tagen die Woche in 12 Monaten im Jahr in einem Körper zu leben, über den ich die hormonelle Autonomie an eine kleine, kreisrunde Wirkstoffkeule verloren habe.

 

Aber ich sehe es nicht zu schwarz: wie gesagt, ich habe eine Entscheidung getroffen, mit der ich mich wohl fühle und hinter der ich so stehe, dass jeder Mann, der sie nicht akzeptiert, Pech hat. Ich bin froh, dass die Debatte an der ein oder anderen Stelle geführt wird und dass mehr und mehr Frauen heutzutage nicht einfach das machen, was ihnen ihr Gynäkologe auf ein Rezept schreibt. Ich bin froh über Männer, die begreifen, dass wenn sie zu 100% den Spaß wollen, sie auch zu 50% die Verantwortung tragen.

 

 

Auch aktuelle hormonelle Kontrazeption erhöht das Brustkrebsrisiko (Ärzteblatt, Dezember 2017)

Why Millennial Women Are Rejecting The Pill (Vogue, November 2017)

Freiheit von der Pille (Süddeutsche Zeitung, November 2017) 

Verhütung in Zeiten der Gleichberechtigung (Süddeutsche Zeitung, Juni 2017)

Die Antibabypille ist unzumutbar (Zeit, April 2017)

Warum wir heimlich die Pille absetzen (ThisIsJaneWayne, März 2015) 

 

                                                   Credit: Jody Todd

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