#MeToo: Ich auch - Teil II

Ich habe schon oft über Dinge geschrieben, die sehr persönlich von mir berichten. Ich habe über Panikattacken und Trauer nach Terroranschlägen geschrieben, davon wirklich geliebt worden zu sein oder darüber, was mein Leben reicher macht. Ich gebe sehr viel preis - weil ich mich damit wohl fühle, dass sich Menschen von der Sprache meines neumodischen Tagebuchs hier angesprochen fühlen und weil es an sie rührt, wenn es ihnen ähnlich geht. Der jetzt folgende Text wird der bis dato vielleicht persönlichste.

 

 

Es gibt Momente im Leben eines Menschen, in denen einem etwas fundamental klar wird. Man könnte sie "Wasserglas-Momente" nennen, weil einem jemand ein Glas Wasser ins Gesicht schüttet und man mal aufwacht und merkt, dass hier grade was falsch läuft. Oder man nennt sie "Weihnachtsmann-Momente", denn einem wird gnadenlos klar, dass es den Weihnachtsmann offenbar überhaupt gar nicht gibt, sondern nur Eltern, die den Wunschzettel lesen und die Geschenke bringen. Von diesen Momenten hat man auf wirklich existenzieller Ebene im ganzen Leben nur wenige. Ich hatte in diesen Tagen einen. Mir wurde klar: #MeToo.

Seit nunmehr ungefähr 8 Jahren, die ich auf dieser Erde verbringe, beschäftige ich mich aktiv mit Männern. Oder weniger gestochen ausgedrückt: ich date, habe Beziehungen, habe undefinierbare Dinge, die keine Beziehungen sind, habe Sex, wundere mich, ärgere mich, bin verletzt oder freue mich - alles in Bezug auf und in direkter Verbindung zu Männern. Ich mag Männer, ungefähr die Hälfte meines engen platonischen Freundeskreises besteht aus ihnen. Ich denke nicht, dass Männer Arschlöcher sind.

 

Die gerade stattfindende Diskussion und Bewegung zum Thema Sexismus und sexueller Übergriffe hat mich durch mehrere Phasen des anfänglich wenigen Interesses, dann des Ärgers über meine eigene Ignoranz, der differenzierten Auseinandersetzung und schließlich des Jetzt, der Identifikation mit einigen dieser Frauen geführt. Mir ist das nämlich auch passiert.

Konkret geht es um Situationen, in denen ich Sex mit Männern hatte, mit denen ich eigentlich keinen Sex haben wollte. Situationen, in denen ich "Nein" gesagt habe, aber vielleicht nicht laut genug oder nicht oft genug oder nicht körperlich wehrhaft genug. Situationen, in denen ich dachte "lass' es halt über Dich ergehen" oder "er wird dich schon nicht umbringen" oder "Du willst jetzt nicht die Spielverderberin sein, die Ärger macht, also lass' ihn halt". Oder einfach "ich will das gerade nicht und Du tust mir weh". 

Man verstehe mich nicht falsch: ich glaube nicht, dass das unter Vergewaltigung fällt. Aber bisher dachte ich, das sei halt manchmal so, dass Männer mehr wollen als Frauen, dass man sich eben als Frau manchmal fügen muss, dass das "normal" sei. Wenn ich mir jetzt gerade beim Tippen zusehe und die Worte in meinem Kopf mitdenke, wird mir schlecht. Mir wird schlecht vor mir selbst, wie ich die letzten Jahre nicht begreifen habe können, dass das alles aber nicht "normal" und nicht "okay" war.

 

Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, dem Mann etwas schuldig zu sein, beispielsweise, wenn er Drinks und Taxi bezahlt hat. Oder wenn man sich schon zum dritten Mal trifft. Oder wenn ich mit ihm geflirtet und getanzt habe. Ich hatte das Gefühl "bis zum Schluss" gehen zu müssen - auch wenn in mir drin alles geschrien hat, dass ich das nicht will.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich klar gesagt habe: "Ich will nicht mit Dir schlafen, ich will jetzt lieber alleine nach Hause." In der ich zur Antwort bekam, ich solle mich mal nicht so anstellen - und es dann über mich ergehen ließ.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mich zu einem Wochenend-Trip mit einem Bekannten in einer Stadt verabredet hatte. Für ihn war die Stadt völlig nebensächlich, ich kam an und es gab entgegen der Vereinbarung nur ein Hotelzimmer mit nur einem Bett. Das Ende der Geschichte: ich hatte Sex hatte mit einem doch deutlich älteren, körperlich viel stärkeren Mann, der mich dazu gedrängt hat, obwohl ich es nicht wollte. Er hat mich nicht angesehen, ich habe geweint, das hat er nicht mal gemerkt. Ich habe mich ekelhaft und benutzt gefühlt.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich bei Freunden auf einer Party war und viele der Gäste zusammen in einem Raum auf Matratzen und Betten übernachteten. In der mich einer der anwesenden Jungs so lang begrapschte und versuchte, einfach auf mich drauf zu klettern, dass ich um halb fünf morgens meine Sachen zusammenraffte und panikartig die Wohnung verließ. Ich saß 3 Stunden im Winter in Heidelberg am Bahnhof und habe geheult und mich geschämt. An diesem Tag habe ich mir geschworen, dass ich beim nächsten Mal die Polizei hole und denjenigen anzeige.

Man achtet beim Sex immer wahnsinnig auf die körperliche Gesundheit, aber die psychische wird oft vernachlässigt. Man mutet sich Dinge zu, ich habe mir Dinge zugemutet, die man nicht mehr vergisst, die der Körper nicht mehr vergisst und einem auch nicht verzeiht. Mich haben diese Erlebnisse sehr verunsichert und ich habe viel Respekt mir gegenüber verloren.

 

 

So sehr mir erst jetzt, in diesen Tagen, in denen andere Frauen ihre Erlebnisse teilen, klar wird, dass einige dieser meist Jahre zurückliegenden Erlebnisse wirklich schlimm waren und vor allem nicht "okay" oder "normal", versuche ich mich daran zu stärken, dass sie nicht in einem Vakuum meiner Lebenserfahrungen schweben. Uns macht nicht nur das aus, was scheiße gelaufen ist, sondern alles, was uns widerfährt, mit dem wir umgehen. 

Heute ärgere ich mich nicht über mich selbst. Ich dachte, ich war zu den Zeitpunkten alt genug, meinen Standpunkt zu vertreten, war ich aber nicht. Ich dachte, ich hätte mich durchsetzen können, konnte ich aber nicht. Das habe ich mir selbst oft vorgeworfen, manchmal habe ich gesagt, ich hätte mir den Sex in seiner Gesamtheit selbst "kaputt gemacht". Das habe ich aber nicht.

Sex ist keine Verhandlungssache, darüber sollte man nicht diskutieren müssen. Entweder man will oder man will nicht. Ich habe das Gefühl, Männer denken, sie müssten uns Frauen verführen. Und dass Frauen ein bisschen kokettieren, aber insgeheim mehr wollen. Dass sie wenn sie "Nein" sagen, eigentlich "Ja" meinen. Aber wir meinen nicht "Ja" und auch nicht "Ja, aber nur, wenn Du mich noch länger bequatschst" oder "Ja, aber ich sage nur Nein, weil ich denke, Du hältst mich sonst für eine Schlampe". Wenn ich "Nein" sage, meine ich "Nein" und ich hoffe, ich bin in einem Alter, in dem ich mich zukünftig immer dagegen wehre, wenn ich etwas nicht möchte, gestärkt in der Erkenntnis, dass ich die absolut Einzige bin, die entscheiden darf, ob sie mit einem Mann schlafen will oder nicht.

 

 

 

Teile dieses Textes entstammen dem Artikel "Er hörte einfach nicht auf", erschienen am 30. Oktober 2017.

 

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