Alle wollen immer wachsen - Teil II

Per se ist es so, dass wenn man einen Teil I von etwas schreibt und ihn auch so benennt, man sich sehr offensichtlich und bewusst dem Druck oder der Erwartungshaltung aussetzt, auch einen Teil II zu schreiben. Auf den muss wiederum nicht zwingendermaßen ein Teil III folgen, aber das ist ein anderes Thema. Vor ca. 7 Wochen habe ich also das erste Mal hier über Wachstum geschrieben, die Welt hat sich weitergedreht, aber ich nehme den Faden mal wieder auf.

 

 

Ich habe in der Zwischenzeit viel darüber nachgedacht, was Wachstum bedeutet, warum er gut oder vielleicht auch kritisch zu sehen ist und wie ich selbst an mir persönliches Wachstum stimulieren kann. Im Folgenden also meine paar sehr theoretischen Gedanken dazu, die zugegeben auch ein wenig durcheinander oder ungerichtet erscheinen mögen.

 

 

Veränderung ist unumgänglich, Wachstum ist optional

Ich weiß nicht, ob das pauschal so stimmt. Wachstum ist etwas Natürliches, jeder Organismus tut es, man könnte es teilweise gar nicht verhindern, wenn man wollte. Der Mensch und jedes Tier und jede Pflanze wächst, erstere hören ab einer gewissen Größe auf „automatisch“ zu wachsen, letztere wachsen manchmal ewig weiter. Leben wächst, um stärker, stabiler zu werden, um mehr Raum einzunehmen, um Kraft zu haben und anderem Leben zu trotzen. Das ist es aus meiner sehr basalen, unwissenschaftlichen Sicht, was biologischen Wuchs legitimiert.

Mit Wirtschaft, Unternehmen, Märkten ist es anders, sie wachsen nicht „automatisch“, man muss schon etwas dafür tun. Ich habe mich damit im Rahmen des kürzlich erwähnten Finanz-Forecasts sehr intensiv beschäftigt und das tatsächlich am meisten gefallene Wort in diesen Meetings war „Wachstum“ – ich hätte vielleicht mal eine Strichliste machen sollen. In diesen Fällen geht es um Umsatzwachstum, was sich bei gleichbleibenden oder geringer werdenden Kosten in einem Gewinnwachstum wiederfindet – zu dieser Logik muss man kein BWLer sein. Am Ende des Tages gibt es also vom Finanzvorstand eine Zahl, auf die man sich in Verhandlungen einigt, weil man mit seinen eigenen Berechnungen einen gewissen Zielwert mit einer gewissen Verteilung und einem spezifischen Anstieg für ambitioniert, aber realistisch erachtet. Unternehmen wollen Gewinne und davon möglichst mehr machen und das ist völlig in Ordnung, lässt sich aber halt auch nur im Kontext des Kapitalismus einigermaßen rational einordnen. Ob diese Tatsache oder der Kapitalismus an sich prinzipiell immer sinnvoll ist, wo Wachstum vielleicht schädlich ist, weil man auch einen gewissen Preis (Stichwort schwindende Produktivität der Ressource Humankapital) bezahlt, möchte ich mir nicht anmaßen zu beurteilen. Aber es ist eine valide Frage.

Gleichzeitig denke ich, dass es ein gewisses Maß an Wachstum, an Ehrgeiz, an überhobener Selbsteinschätzung (im schlimmsten Fall) gibt, an dem Schluss ist. Man kann nicht unendlich wachsen – auch nicht in persönlicher Weiterentwicklung oder Lernen von neuen Kompetenzen und uns allen sind natürliche Grenzen gesetzt. Mir kommt spontan Ikarus in den Sinn, der mit seinem übermütig hohen Flug an die Sonne mit dem Tod bestraft wird. Auch wenn diese Mythologie sicherlich einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt hat, so sagt sie uns: „Wenn Du zu viel willst, gehst Du daran zugrunde“.

 

 

Wachstumsschmerz

Es gibt ein empfehlenswertes Buch mit ebendiesem Namen, aber um das soll es jetzt nicht gehen. Es geht vielmehr darum, was sich in genau diesem Wort und so vielen Zitaten wiederfindet:

 

• Your comfort zone is a beautiful place, but nothing ever grows there

 

• Growth and comfort do not coexist

 

• Growth is often a painful process

 

• Everyone wants to live on top of the mountain, but growth comes from climbing it

 

 

Es gibt in Anamneseerhebungen in der psychologischen Diagnostik an irgendeiner Stelle die Frage, ob man grundsätzlich davon ausgeht, dass man sich Dinge im Leben erarbeiten muss oder ob man Sachen geschenkt bekommt. Ich vermute, da geht es darum zu verstehen, wie sehr Menschen mit Leistungsgedanken sozialisiert wurden, aber mit Sicherheit weiß ich es nicht. Anyway. 

Ich persönlich glaube und so habe ich diese Frage immer beantwortet, dass man nichts im Leben geschenkt bekommt – was sehr viel über meine Prägung in Bezug auf Leistung aussagt. Ich glaube, dass man eigentlich für alles arbeiten muss und für die besonderen, schönen, erstrebenswerten Dinge härter als für die anderen, sonst würde die ganze Logik ja keinen Sinn ergeben. Ich weiß, dass man auch Glück im Leben haben oder mit Eigenschaften gesegnet sein kann, die anderen fehlen und für die man nie arbeiten musste, aber wenn es darum geht, sich von seinem Status Quo wegzubewegen, geht das nur mit Aufwand von Kraft. Und damit wären wir beim Wachsen – was nur geht, wenn es unangenehm ist. Wenn ich mich immer da aufhalte, wo ich mich wohl fühle, mich keinen neuen Herausforderungen stelle, werde ich mich sehr wahrscheinlich nicht da weiterentwickeln, wo mir noch Kompetenzen fehlen. Mein Chef hat vor Kurzem etwas sehr Wahres gesagt: „Wenn Du Dich an zu vielen aufeinander folgenden Tagen zu wohl fühlst, in dem was Du tust, solltest Du misstrauisch werden. Wenn es zu gemütlich wird, solltest Du was ändern“.

 

 

Möglichkeiten, zu wachsen kommen nicht auf einem Silbertablett vorbeigefahren

Nach zwei Jahren, die ich mir als Orientierungsphase und Berufsanfänger gut zugestehen konnte und zugestanden habe, fange ich jetzt aktiv an, nach Gelegenheiten, Optionen, Themen zu suchen, an denen ich wachsen kann. Mir ist bewusst geworden, dass niemand bei mir vorbeikommt, der mich fragt, ob ich wachsen will oder der mir sagt, dass ich diese Herausforderung annehmen muss. So sehr ich jeden Tag einfach so weitermachen könnte wie am Tag zuvor, so sehr muss ich mich jeden Tag oder zumindest regelmäßig in den Hintern treten und nach den Opportunitäten suchen. Sie kommen nicht auf einem Silbertablett vorbeigefahren, von dem man nur noch zugreifen muss. Ich muss danach suchen, darum bitten, mich damit beschäftigen, was meine blind spots sind, mein Schwächen, mein fehlendes oder unzureichendes Können und dann muss ich genau da dran. Und ich schreibe hier die ganze Zeit "müssen", dabei muss ich gar nichts, sondern will es.

 

 

Wachstum ist, sein Leben zu schütteln 

Ich hatte vor ungefähr 4-5 Wochen eine Phase, in der ich unheimlich unzufrieden war. Ich saß mit Philip und Lisa sonntags in einem Café bei uns in der Au und was ich nicht einmal sagen musste, drückte alles an meiner Körpersprache aus: ich war unfassbar unzufrieden. Mit unterschiedlichen Aspekten der Gegebenheiten. Vor meinem inneren Ich hatte ich drei Dinge ganz klar identifiziert, die mich nervten, ärgerten, an mir zerrten, mir fehlten und mich jeden Tag unleidlicher machten. Und dann muss man den Mut haben, an diesen Schrauben zu drehen, wenn man für sich klargezogen hat, dass es die ausschlaggebenden sind.

Man muss sich Herausforderung suchen, wenn man sich im Job langweilt und zunehmend zu der Überzeugung gelangt, die eigenen Tasks könne auch ein  dressierter Affe übernehmen.

Man muss sich nicht damit abfinden, unglücklich oder ängstlich zu sein, wenn man dagegen etwas einnehmen kann, was einem aus dem Gleichgewicht geratenen Gehirn hilft.

Man darf nicht erwarten, dass einen ein Partner glücklich macht - das muss man schon alleine schaffen, so viel habe ich verstanden - aber wenn der andere es halt nicht besser, sondern schlechter macht, kann man das auf Dauer nicht aufrecht erhalten.

Und wenn man die Stellschrauben so klar vor sich liegen sieht, muss  man die Konsequenz haben, an ihnen zu drehen, Dinge in sein Leben zu holen, Menschen aus seinem Leben zu lassen - auch wenn eine Linderung weder kurz- noch mittelfristig absehbar, aber das ganze Ding das Richtige ist. Dieser Mut zu elementaren Veränderungen bedeutet wachsen. Zumindest für mich. Und er wird belohnt.

 

 

 

Heute ist es 5 Wochen später.

Ich arbeite nicht stundenmäßig mehr, aber ich arbeite an strategischeren Projekten, versuche fokussierter und effizienter zu sein und strenger zu priorisieren. Der Affe könnte seltener für mich übernehmen und das tut mir gut.

Mein Gehirn beruhigt sich, die Konzentration an Serotonin im synaptischen Spalt erhöht sich langsam, aber stetig und die Unzufriedenheit vergeht. 

Den Mann und mich gibt es so nicht mehr  (ausführliche Erklärung hier) und ich bin jetzt quasi „Single af“. Nachdem ich nun 1 Jahr lang einer Beziehung hinterhergelaufen bin, die ich nicht bekommen habe, brauche ich eine andere jetzt auch nicht mehr. Ich laufe gerade halbwegs stabil oder ganz gut alleine - nicht ohne offene Augen jedoch oder Sensibilität für meine Bedürfnisse und das ist ein schönes Gefühl.

 

 

 

 

 

 

 “Ich habe schon

wieder kein Ziel,

aber ein bisschen Bock

auf einen Weg.”

Sarah Kuttner, 180 Grad Meer

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Kommentare: 1
  • #1

    Anonym (Dienstag, 17 Juli 2018 20:00)

    Danke für deine Beiträge. Ich lese immer sehr gerne mit, freue mich wenn es was neues gibt und finde deine Erzählungen und ehrlichen und offenen Gedanken sehr bereichernd.