Die wahren Tragödien unserer Zeit

Ich würde gerne sagen, dass alles gut ist. Aber das ist es nicht. Und ich würde gerne einfach da weiterschreiben, wo ich zuletzt geendet habe, aber gerade gibt es unendlich viele Worte in meinem Kopf, die vorher, jetzt, auf Papier geboren werden wollen.

 

Wer meinen Blog schon seit längerem liest, wird mitbekommen haben, dass ich von Oktober letzten bis Anfang diesen Jahres keine ganz so leichte Zeit hatte. Emotional betrachtet.

Wo der allgemeine Sprachgebrauch den so banal klingenden „Liebeskummer“ bemühen würde, fällt meine Wahl zur Umschreibung dieser Phase eher auf die Analogie einer Entziehungskur - Entzugserscheinungen allererster Güte inklusive. 

Ein Mensch kann wie eine Droge sein. Er kann uns betäuben vor Glück und uns gleichzeitig zu einem Wrack machen – je nachdem, in welcher Dosis wir ihn wie lange an uns lassen und welcher Art er selbst ist. Und wie bei Drogen oder Medikamenten sind Wirkung und mögliche Nebenwirkung ungefähr absehbar, aber zeigen sich eben doch bei jeder Person individuell.

Als ich mich also im Oktober für den kalten Entzug entschied, äußerten sich meine Symptome der Suchtentwöhnung in den ersten 2 Wochen in täglichen Heulkrämpfen und einem Brustkorb, der so schmerzte, dass ich dachte, mein Herz breche – etwas, das auch als Broken Heart Syndrome bekannt ist. Nach 2-4 Wochen wich das langsam einem Zustand sich permanent wiederholender, tagelang andauernder Gedanken- und Frageketten (ohne Antwort natürlich), während sich Monat 3 und 4 zuerst durch Vermissen und schließlich durch Wut auszeichneten. Überbrücken ließ sich das halbwegs gut durch Methadon in Form von Dating-Apps, ein lächerliches Substitut, das einen aber zumindest nicht jeden Morgen beim Aufstehen schon zittern lässt. Und was hier alles so übertrieben theatralisch klingt, fühlt sich ja in Realität an, als käme man an die Grenzen der eigenen Leidensfähigkeit. Man flüstert sich zu this too shall pass (übrigens eine der wenigen Zeilen, die ich mir vorstellen könnte, mir tätowieren zu lassen) und gleichzeitig weiß man, dass das Quatsch ist: es gibt keine vorher festgelegten Grenzen dessen, was man ertragen kann. Man hält durch, was man muss, jedes Mal von Neuem - eine andere Wahl bleibt einem ja gar nicht.

Und als ich mich also schließlich nach guten 5-6 Monaten, ungefähr Mitte März, selbst aus einer Klinik als clean entlassen hätte, habe ich etwas gemacht, von dem mir in meiner Sucht-Analogie zu diesem Zeitpunkt nicht klar war, dass ich mir hier gerade wieder einen Schuss setzen würde. 

Mir fiel die Spritze in die Hände, als eben genau dieser Mann plötzlich wieder in der U-Bahn saß. Samstag nachts, wir beide nicht nüchtern, der Zufall ist halt ein perfides Arschloch. Und irgendwas in mir (die Vernunft war es nicht) entschied sich bewusst dagegen, ihn zu ignorieren, ihn nicht zu grüßen, einfach nach Hause zu gehen. Was man lange entbehrt, wird einem entweder gleichgültig oder man giert so abartig danach, dass die Ratio nur noch unvorhandenen Einfluss nimmt. Natürlich vergönnt mir das Leben zweiteres. Und so begann ich von vorne, von was ich dachte, es könne heilen. Uns, ihn, mich. 

Ich halte nichts von der pauschalen Einstellung, man dürfe vergangenem nie eine zweite Chance geben, da ich glaube, dass das zu wenig differenziert. Aber ich bin halt auch stur und manchmal dumm und mache manche Fehler lieber so 7-8 Mal – nur um sicher zu gehen, dass es wirklich falsch ist. Und die Frage, wie sehr man Dinge dann danach bereut ist berechtigt, aber aus meiner Sicht keine zielführende. Ich bereue im Übrigen per se selten. 

 

Heute sitze ich also hier, 3 Monate später und wir beide, der Mann und ich, haben auf ganzer Linie, in ganz großem Stil, nach insgesamt fast einem Jahr noch mal alles von Neuem versaut, was man hätte versauen können. Und nein, leider wird es einen dritten Anlauf nicht geben. 

Ich glaube, man lernt sehr viel, wenn man mit jemandem zusammen ist oder auch, wenn man es nicht offiziell ist, aber so ähnlich eben. Ich zumindest habe viel gelernt, manches wurde mir auch nur noch mal schmerzlich bewusst.

 

  1. Wie viel einem jemand bedeutet, wie sehr man ihn in sein Leben lässt und wie stark man emotional involviert ist, sind nicht zwingend miteinander verbundene Systeme. Sie bedingen einander nicht und sie speisen sich nicht gegenseitig - zumindest nicht bei jedem.
  2. Zwei junge Menschen, die gutaussehend, intelligent, sympathisch sind, einen Job und eine Wohnung haben, die mitten im Leben stehen, bei denen alles passen würde und die - am wichtigsten - in vielen, in ehrlicherweise absolut genug Bereichen ein gutes Team sind - und es trotzdem nicht auf die Reihe kriegen miteinander: das sind die wahren Tragödien unserer Zeit.
  3. Der Mensch handelt sich seine Probleme ein, weil es oft genug eine Diskrepanz gibt zwischen dem, was wir wissen, was richtig oder vernünftig ist und dem, was wir aus dem Bauch oder Herz heraus wollen - und weil wir dann viel zu oft Letzteres tun. Würden wir immer nach unserer Ratio handeln, wir hätten keine Probleme. Aber wir würden eben auch nicht leben und genau das ist ja der springende Punkt.
  4. Mir gefallen Metaphern des Lebens als Baum. Man sollte sein Leben bisweilen schütteln um zu sehen, was rausfällt, Reifes oder Verfaultes. Aber ich glaube nicht, dass man selbst einer ist. If you don’t like where you are move, you are not a tree.

 

 

Es liegt nicht an Dir. Was für eine beschissene Floskel, ich weiß. Aber Du hast objektiv nichts falsch gemacht. Ich weiß. Aber ich weiß auch, dass es nie nur an einem liegt, es sind immer zwei Menschen beteiligt und der, dessen Probleme den größeren Anteil am Ergebnis ausmachen, wird trotzdem nicht gesamtschuldnerisch haftbar.

 

 

Ich gebe Dir noch einen Rat und den willst Du jetzt am wenigsten hören: lass‘ Dir nicht von jemandem einreden, Du müsstest anders sein. Du müsstest Dich verbiegen, ändern. Und vor allem, versprich‘ mir, dass Du auf Dich aufpasst.

Erst will ich schmunzeln. Gerade ich. Ich, die sich regelmäßig irgendwo stößt, sodass sie ständig blaue Flecken an den Armen trägt, die sich halbjährlich so betrinkt, dass sie in Fötalstellung über irgendwelchen Bürgersteigen hängt, die sich trotzig wie ein kleines Kind weigert, sich in der Sonne einzucremen, weil sie sich eh nicht verbrennt oder weil es ihr komplett egal wäre, falls doch. Dann muss ich schlucken. Ich, die über lange Zeiträume in der Lage ist, ihre Bedürfnisse zu leugnen, zurückzustellen, die aufhört zu spüren, was sie sich wünscht, die inkonsequent und nicht fürsorglich sich selbst gegenüber ist.

Doch schließlich steigen mir die Tränen in die Augen. Weil ich noch so viel mehr mache, mit dem ich mir mutwillig schade. Und weil mir bewusst wird, dass Dir mein Wohl wirklich wichtig ist und dass Du wahrscheinlich weinen würdest, wenn Du von all dem wüsstest.

 

Und jetzt ist es an mir, jeden Morgen aufzustehen und zu akzeptieren, dass ich für 1-2 Monate schönes Gefühl, abgeschwächten Rausch, den Preis zahle, eben erneut clean werden zu müssen. Es wird nicht so hart wie beim letzten Mal und es wird nicht so lange dauern, aber Nina, dass Du vielleicht im August erst wieder da bist, wo Du im Februar schon mal warst, hast Du Dir teuer eingekauft.

Der Schmerz, die Traurigkeit ist ein mehrschichtiges, komplexes Gebilde, dessen Fäden man hoffen kann, mögen sich von alleine irgendwann auflösen oder die man sorgfältig beginnt, zu entwirren. Ich, die Gefühle immer so gut es geht mit dem Verstand analysieren will, setze mich gedanklich hin to disentangle those strings.

Da sind die täglichen Routinen, das Schreiben, telefonieren, aneinander denken, sich sehen, körperliche Nähe erleben – die brachial einfach weg sind und durch nichts ersetzt werden. Das ist das spürbarste. Dann kommt die Trauer über einander als gescheitertes Paar oder das, was es hätte werden können – bei all dem tut es mir einfach unendlich leid um uns. Und dann ist da Vermissung eines Menschen, den man sehr mag, mit dem man lacht, den man gerne um sich hat. Und natürlich sehnt man sich auch nach dem Mann, mit dem man eben durch Eros, nicht durch Philia verbunden war und der als Liebhaber für immer unerreichbar sein oder bleiben wird. Daraus also besteht Schmerz und vielleicht macht das Wissen um seine Anteile das Ertragen schaffbarer. Vielleicht..

 

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Kommentare: 1
  • #1

    S. (Dienstag, 26 Juni 2018 23:22)

    Danke! Danke fürs Teilen!