Gelesen und für gut befunden

Ich bin bei Buch 48 meines Vorsatzes, in diesem Jahr 50 Bücher gelesen zu haben. Weil ich nicht glaube, dass die letzten 2 Bücher meine bisherigen Favoriten vom Thron stoßen werden, hier mein sharing is caring, meine Empfehlung an Werken, die toll zu lesen sind, zufrieden machen oder ohne die gelesen zu haben man nicht alt werden sollte. 

P.S.: Solltet Ihr über den am Ende jeden Absatzes zu Amazon führenden Link das Buch erwerben, verdiene ich daran nichts.

Vom Ende der Einsamkeit 

 

'Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.' Vor vielen Jahren sind Jules Eltern bei einem Autounfall in Frankreich ums Leben gekommen, Jules war damals zehn. Eine Familienkatastrophe, die den Erzähler und seine älteren Geschwister Marty und Liz aus der Bahn geworfen hat. Aus dem draufgängerischen Jules wird ein schüchterner, in sich gekehrter Internatsschüler und später ein mäßig erfolgreicher Mitarbeiter einer Musikfirma, der unter seiner "Talentlosigkeit" leidet und den letzten gemeinsamen Momenten mit seinem Vater nachtrauert. Marty, der ältere Bruder, gefällt sich als genialischer Einzelgänger und Nerd, wird dann relativ rasch vernünftig und bringt es mit einer Computerfirma zu Wohlstand, ohne jemals den seltsamen Tick ablegen zu können, Türklinken heimlich nach einem bizarren Zahlensystem herunterzudrücken. Liz, die attraktive ältere Schwester, balanciert mit ihrem erhöhten Männer- und Drogenkonsum immer am Abgrund: Um nicht selbst noch einmal verlassen zu werden, verlässt sie die anderen. "Sie redete, wie ein Verdurstender trinken würde: gierig nach jedem einzelnen Wort", so schildert der Erzähler seine Schwester, die Unerreichbare.

"Vom Ende der Einsamkeit" ist ein Roman über drei Geschwister, die sich immer wieder aufrappeln, einander schicksalhaft zugetan sind und dennoch ganz allein. "Vom Ende der Einsamkeit" hat mich gefesselt mit seiner reduzierten, so sehr auf den Punkt bringenden Sprache darüber, was an Schicksal und Gefühlen doch eigentlich nicht in Worte gefasst werden kann. "Vom Ende der Einsamkeit" ist ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Wells liebt die Ordnung, die Knappheit, die erzählerische Sorgfalt und genau das macht diesen Text zu einem, dessen letzte Seite man nicht erreichen möchte.

 

Vom Ende der Einsamkeit | Benedict Wells | Diogenes Verlag | 22,00 Euro

Teile dieser Buchbesprechung entstammen dieser Rezension von Christian Mayer erschienen in der Süddeutschen

 

Arbeit und Struktur

 

Bei Herrndorf wurde 2010 ein nicht heilbarer bösartiger Gehirntumor diagnostiziert, ein Glioblastom, laut Herrndorf was Status betrifft der "Rolls-Royce" unter den Krankheiten. Für seine Freunde schrieb Herrndorf von März 2011 an ein digitales Tagebuch, in dem er neben seiner eigentlichen Arbeit, dem Schreiben an seinen bislang unfertigen Romanen, seinen Kampf gegen die Krankheit dokumentierte. "Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem": Herrndorf überwand Skrupel, Hemmungen, Zweifel, die ihn jahrelang gehindert hatten, seine Romane zu vollenden. Nach wenigen Monaten erschien "Tschick", im Jahr darauf "Sand". Der Blog entstand in den Arbeitspausen und veränderte im Lauf der Monate - zwischen Operationen, Chemotherapien, zwischen der Furcht, die Kontrolle zu verlieren und Stunden mit den Freunden - seinen Charakter. Beim Lesen merkt man, wie sehr Herrndorf sich selbst nach und nach seine kognitiven Fähigkeiten verlieren erlebt. Was mich am meisten beeindruckt hat ist sein Sarkasmus, seine Besessenheit davon, die Kontrolle über alles zu behalten, während man tatsächlich gegen etwas kämpft, das man nicht besiegen kann. Er wechselte zwischen Pointen, Scherzen, Todesangst und Verzweiflung. Herrndorf nahm sich schließlich im August 2013 das Leben. Er schoss sich nachts am Ufer des Hohenzollernkanals im "korrekten" Winkel in den Kopf – exakt so wie er es sich vorgestellt hatte. Ich persönlich mochte dieses Buch sehr, aber es wird nicht für jeden etwas sein.

 

Arbeit und Struktur | Wolfgang Herrndorf | Rowohlt | 12,00 Euro

Teile dieser Buchbesprechung entstammen dieser Rezension von Jens Bisky erschienen in der Süddeutschen

 

Untenrum frei

 

In "Untenrum frei" diskutiert Margarete Stokowski sowohl Mechanismen als auch Ausprägungen heutiger sexueller Unterdrückung. Sie beschreibt, wie es ist, als Mädchen in Deutschland aufzuwachsen. Sie schreibt von unzulänglichem Aufklärungsunterricht, von Gewalterlebnissen, von Sex und von Liebe und zeigt: Noch immer besteht mit Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit eine kollektive Schieflage. Für Veränderung im Großen, so Stokowskis These, bedarf es den Blick auf die Details. Nackte Frauenkörper als Werbung im öffentlichen Raum sind inzwischen so normal geworden, dass wir sie nicht mal mehr wahrnehmen – geschweige denn als sexualisierte Körper. Dass niemand auf die Idee käme, einen erfolgreichen Mann als "Karrieremann" oder "Powermann" zu bezeichnen, dass so viele Männer versuchen mit "Dickpics" eine Chat-Konversation zu beginnen, aber nur extrem wenige Frauen mit einem Bild ihrer Vulva - dass all das weder toll noch Ausdruck sexueller Befreiung ist, greift die Autorin schon in ihrer zentralen These auf, die da lautet: "Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind." Sprich: Es geht sowohl um die "kleinen, schmutzigen Dinge", über die man nicht spricht, als auch um die großen Machtfragen, über die man auch nicht spricht – und darum, wie Untenrum und Überbau zusammenhängen. Was im ersten Moment nach willkürlich zusammengewürfelten Anekdoten klingt, fügt Stokowski so klug wie nachvollziehbar ins Gesamtbild eines Herrschaftszusammenhangs, der nicht nur Frauen unterdrückt, sondern sämtliche Geschlechter. Was im ersten Moment als angenehm zugänglicher Tonfall daherkommt, stellt sich als etwas heraus, hinter dem ein enormes Wissen steht. Mal locker-flapsig, mal kühl-analytisch, fundiert sowohl mit feministischer Literatur von Simone de Beauvoir bis Naomi Wolf als auch mit eigenen Erfahrungswerten, die nicht immer leicht zu verdauen sind. "Untenrum frei" ist eine krasse, bisweilen verstörende Lektüre einer Autorin, die nicht als erste ihres Genres von Essstörungen, sexualisierter Gewalt und selbstverletzendem Verhalten berichtet. Es drängt sich die Frage auf, wie viel Anteil dies auch an den Normalbiografien junger Frauen heute hat.

Ich habe mich in in diesem Jahr intensiv mit dem Thema "Feminismus" beschäftigt, ich habe enorm viele Bücher dazu gelesen und ich halte dieses für ein unendlich wichtiges. Für Männer, für Frauen, für jeden. "Untenrum frei" gilt darüber hinaus als Standardwerk des modernen Feminismus. 

 

Untenrum frei | Margarete Stokowski | Rowohlt | 19,95 Euro

Teile dieser Buchbesprechung entstammen dieser Rezension von Anja Kümmel erschienen in der Zeit

Die Liebe im Ernstfall

 

Sie heißen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Sie kennen sich, weil das Schicksal ihre Lebenslinien überkreuzte. Als Kinder und Jugendliche erlebten sie den Fall der Mauer, und wo vorher Grenzen und Beschränkungen waren, ist nun Freiheit. Doch Freiheit, müssen sie erkennen, ist nur eine andere Form von Zwang: der Zwang zu wählen. Fünf Frauen, die das Leben aus dem Vollen schöpfen. Fünf Frauen, die das Leben beugt, aber nicht bricht. 

Fünf Frauen Mitte 40 und so unterschiedlich ihre Leben auch sind, so sehr eint sie die Erfahrung, dass jede Lebensentscheidung ihren Preis hat.

Alleinerziehung, Depression, plötzlicher Kindstod, Affäre, Betrug und Scheidung, den eigenen Lebenstraum aufzugeben - doch was die Leben dieser fünf Frauen beschädigt oder bricht, sind nicht immer die großen Katastrophen, nicht einfach überforderte oder selbstgerechte Männer oder Hypotheken der Kindheit. Es sind, müssen sie feststellen, die eigenen Entscheidungen, aus denen sich das Schicksal formt. Sie alle erleben Augenblicke, in denen sie sich zu erinnern versuchen, wann „die Dinge außer Kontrolle geraten“ oder dem Glück am ähnlichsten waren. Und die Liebe, so geht der weiterhin an ihren geschiedenen Mann gefesselten Schriftstellerin Brida irgendwann auf, die Liebe ist vom titelgebenden Ernstfall aus zu betrachten, denn "Liebe ist eine Tat". Doch wie lebt es sich nach dem Ende der Liebe? Oder noch schlimmer: Wie lebt es sich, wenn die Liebe zwar andauert, aber beim anderen kein Echo mehr findet? "Die Liebe ist nicht das Miteinander zweier unabhängiger Individuen, die sich jederzeit wieder auf die eigene Selbstständigkeit zurückziehen können." Daniela Krien beherrscht, ja orchestriert die Form ihrer Versuchsanordnung. Die wechselnden Perspektiven setzen sich immer neu zusammen und fügen sich am Ende zu einem Bild von der Mitte des Lebens, nach der es mit so massiven Beschädigungen genug Anlass gäbe, zu verzweifeln - was aber keine der Protagonistinnen tut.

 

Die Liebe im Ernstfall | Daniela Krien | Diogenes | 22,00 Euro

Teile dieser Buchbesprechung entstammen dieser Rezension von Julia Schröder

 

Wir von der anderen Seite

 

"Zum ersten Mal sehe ich mich im komplett im Spiegel. Ich bin dünn und bucklig, meine Muskeln sind verschwunden, meine Haut ist gelb von der angeschlagenen Leber. Irgendjemandem sehe ich ähnlich. Wem denn nur? Dann fällt es mir ein: Ich sehe aus wie Mr. Burns von den Simpsons! Immerhin noch Körbchengröße C. Ihr seid die echten Survivor!" Als Rahel aus einem heftigen Fiebertraum erwacht, versteht sie erst mal gar nichts. Wo ist sie, warum ist es so laut hier, was sind das für Schläuche überall. Nach und nach begreift sie: Sie ist im Krankenhaus, sie lag im Koma. Doch richtig krank sein hatte sie sich irgendwie anders vorgestellt: irgendwie feierlicher. Als Komödienautorin kennt sich Rahel durchaus mit absurden Situationen aus, aber quasi vom Tod zurückzukehren ist doch noch mal eine eigene Nummer. Vor allem, wenn der Medikamentenentzug Albträume und Halluzinationen hervorruft. 

Ein unglaublich tolles Buch! Ich habe die 400 Seiten in gerade mal 1 ½ Tagen verschlungen, weil ich einfach nicht aufhören konnte, zu lesen. Ja, es wird gerade gehypt und das zu Recht. Wenn man dieses Jahr nur ein einziges Buch gelesen haben sollte, so ist es dieses hier. Ich habe so sehr geweint und so sehr gelacht wie bei kaum einem Buch. Es erzählt vom Chaos, wenn man Menschen, die einen lieben große Sorgen bereitet, wenn man unfreiwillig herausfinden muss wie gut die eigene Beziehung in schlechten Zeiten wirklich ist und wie es sich anfühlt, wenn der Körper, in dem man lebt, nur knapp nicht stirbt. Ich war an genau dieser Kombination von Punkten schon mal - vielleicht hat es mich deshalb so angesprochen.

 

Wir von der anderen Seite | Anika Decker | Ullstein | 20,00 Euro

Gut gegen Nordwind

 

Gibt es in einer vom Alltag besetzten Wirklichkeit einen besseren Raum für gelebte Sehnsüchte als den virtuellen? Gibt es in einer von Plänen und Strategien durchzogenen Welt ein schicksalhafteres Aufeinandertreffen als das zufällige? Bei Leo Leike landen irrtümlich E-Mails einer ihm unbekannten Emmi Rothner. Aus Höflichkeit antwortet er ihr. Und weil sich Emmi angezogen fühlt, schreibt sie zurück. Ein reger Austausch entsteht, schnell spielen Gefühle mit. Vor einem Treffen aber schrecken beide zurück. Denn Emmi ist verheiratet und Leo laboriert noch an einer gescheiterten Beziehung. Und überhaupt: Würden auf diese Weise entwickelte Liebesgefühle einer Begegnung standhalten? Und wenn ja: Lohnt es sich, alles auf eine Karte zu setzen - für eine Liebe, die aus nichts als einem Zufall entstanden ist?

Glattauer hat sein ganzes Werk nur aus E-Mail-Nachrichten geschaffen; nie gibt es ein Gespräch, nie eine Beschreibung oder gar ein Treffen der Protagonisten. Doch genau das macht die Lektüre für den Leser so interessant, weiß er doch über das Gefühlsleben von Emmi und Leo nur genau so viel wie die beiden vom anderen. Ohne sich jemals gesehen zu haben kommen sie nicht mehr voneinander los und je länger das Ganze dauert, umso intensiver wird es. In den anderen verliebt, schaffen sie es trotzdem nicht, ihr gegenwärtiges Leben aufzugeben, um ein gemeinsames Neues zu riskieren. Das Ende des Buches ist unerwartet, unerfüllt, traurig - exakt so speziell, wie es das Buch verdient und ohne welches es gefährlich nah am Rande des Kitsch stünde. Das Buch ist eines meiner liebsten dieses Jahr, denn es geht um die Magie von Sprache, den Einfluss von Zufall und die Schnelligkeit, mit der man sich in jemand bislang fremden verlieben kann. Es ist traurig und wunderbar, es endet nicht gut und trotzdem macht es zufrieden. Die Verfilmung mit Nora Tschirner ist zu empfehlen, ich habe jede Sekunde genossen.

 

Gut gegen Nordwind | Daniel Glattauer | Goldmann | 10,00 Euro

Teile dieser Buchbesprechung entstammen dieser Rezension 

 

 

 

Mir kam schlussendlich noch der Gedanke, auch alle anderen Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe, hier aufzuführen. Wenigstens namentlich. Falls sich mal jemand mit dem Gedanken trägt, eins dieser zu lesen, feel free to reach out - ich könnte zumindest sagen, ob es sich lohnt ;)

 

Belletristik

  • Radikal digital | Reinhard Sprenger 
  • Heart Talk | Cleo Wade 
  • Nüchtern betrachtet war's betrunken nicht so berauschend | Susanne Kaloff 
  • Bloom for Yourself | April Green 
  • Der bessere Berliner | Michael Nast 
  • Lob der Liebe | Peter Engelmann (Hrsg.), Alain Badiou 
  • It's a match | Julia Heyne 
  • Kaffee und Zigaretten | Ferdinand von Schirach 
  • Wo warst Du? | Anja Reich, Alexander Osang 
  • Die Schachnovelle | Stefan Zweig 
  • Wie halte ich das alles nur aus? | Sybille Berg
  • Alle sieben Wellen | Daniel Glattauer
  • Das Millenial Manifest | Bianca Jankovska
  • All das zu verlieren | Leïla Slimani
  • Der Alchemist | Paulo Coelho
  • Die schönen Dinge siehst Du nur, wenn Du langsam gehst | Haemin Sunim
  • Vom Sinn unseres Lebens | Michael Nast
  • Tinder Stories | Luise Ritter

 

Politik/Gesellschaft

  • Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen | Axel Hacke 
  • Die Herzlichkeit der Vernunft | Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge
  • Am Beispiel des Hummers | David Foster Wallace 
  • Wer wir sein könnten | Robert Habeck

 

Satire/Komödie

  • 100 Tricks to appear smart in Meetings | Sarah Cooper
  • Treffen sich zwei Träume, beide platzen | Patrick Salmen
  • Heute ist leider schlecht | Ronja von Rönne
  • How to swear | Stephen Wildish
  • How to adult | Stephen Wildish 

 

Sachbuch/Ratgeber

  • Der Ernährungskompass | Bas Kast
  • In der Regel bin ich stark | Anna Wilken
  • Premium Ratgeber Mops | Helga Schukat 
  • BusyBusy | Tony Crabbe
  • In die Tiefe | Anna von Bötticher

 

Feminismus

  • Alte weiße Männer | Sophie Passmann 
  • We should all be feminists | Chimamanda Ngozi Adichie 
  • Ja heißt ja und... | Carolin Emcke
  • Nichts, was uns passiert | Bettina Wilpert
  • Die potente Frau | Svenja Flaßpöhler
  • Die letzten Tage des Patriarchats | Margarete Stokowski
  • Wie es ist eine Fledermaus zu sein | Thomas Nagel
  • Wenn Männer mir die Welt erklären | Rebecca Solnit
  • On Abortion | Ramon Pez

 

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