Fragen mit und ohne Antwort

In der deutschen VOGUE, die ich seit einigen Jahren abonniert habe und aus grundsätzlichem Interesse an Mode lese, gibt es seit gefühlt schon immer eine Rubrik, die sich "Fragen ohne Antwort" nennt. Darin stellt eine mehr oder weniger bekannte Persönlichkeit aus Kultur, Mode, Politik, ... eine Reihe an meist philosophischen oder zumindest abstrakten Fragen, die man alleine oder in Gesellschaft beantworten kann - vor allem aber ehrlich beantworten sollte, sonst macht das Ganze weniger Sinn. Leider finde ich selten Menschen, die dieses aus meiner Sicht unterhaltsame Spiel mitspielen möchten, weil die meisten Menschen, die ich kenne Fragespiele eher schrecklich finden. Ich hingegen liebe Fragespiele. Hier also mal 1 Ausgabe "Fragen ohne Antwort" - zunächst ohne Antworten, damit jeder, der möchte, seine Ansicht dazu finden kann und dann mit Antworten, die ich darauf gefunden habe.

 

 

 

 

ACHIM HOCHDÖRFER, 51, leitet seit 6 Jahren das für seine Ausnahmesammlung zeitgenössischer Kunst bekannte Museum Brandhorst in München. Der Bestand umfasst neben Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien von Sigmar Polke, Gerhard Richter, Jean-Michel Basquiat, Alex Katz oder Ed Ruscha mehr als 120 Arbeiten von Andy Warhol und über 170 von Cy Twombly. Hochdörfer wurde 2013 nach München berufen, er stellt folgende ganz persönliche Fragen (Vogue, Januar 2020).

 

  • Woran glauben Sie?
  • Wer macht die Kunst von morgen?
  • Was verbindet Mode mit Militär?
  • Wer oder was ruft sentimentale Gefühle in Ihnen hervor?
  • Muss Kunst politisch sein?
  • Wovor schützt uns Mode?
  • Wie viel Schönheit verträgt die Kunst?
  • Welches ist Ihr Lieblingsmuseum?
  • Warhol oder Twombly?
  • Muss man TikTok haben?
  • Wie alt wollen Sie werden?
  • Zug oder Flugzeug?
  • Wer darf Sie porträtieren?
  • Wie sollte der Titel Ihrer Autobiografie lauten?
  • Was nehmen Sie sich fürs neue Jahr vor?
  • Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten?
  • Heath Ledger oder Joaquin Phoenix?
  • Was ist Ihre Geheimwaffe?
  • Karma oder Charisma?
  • Wie viel Zeit verbringen Sie in Museen?
  • Welches Geschlecht hat Kunst?
  • Beeinflusst der Kaufpreis Ihre Wahrnehmung eines Kunstwerks?
  • Wie viele Frauen sind unter den Top 100 der teuersten Künstler?
  • Wie rassistisch ist Kunst?
  • Lesen Sie Gedichte?
  • Was hinterlassen Sie Ihren Kindern?
  • Wer hört Ihnen wirklich zu?
  • Was kostet Sie Zeit?
  • Wer sind Sie eigentlich?
  • Steht Ihre Tür anderen wirklich immer offen?
  • Der bisher wichtigste Tag in Ihrem Leben?
  • Wird Mode unter- oder überschätzt?
  • Was ist Ihnen peinlich?
  • Welche Art von Ruhm würden Sie sich wünschen?
  • Welche Rückschlüsse auf Ihre Lebenswirklichkeit lassen Ihre Träume zu?
  • Welche Kunst wird in 10 Jahren im Museum hängen?

 

 

Und so habe ich diese Fragen beantwortet:

  • Wer macht die Kunst von morgen? Auf jeden Fall mehr Frauen. Je zugänglicher, demokratischer außerdem die Wege werden, über die quasi jeder Kunst "machen" kann, desto diverser (ethnisch, religiös, wohlhabend/weniger wohlhabend, sexuell orientiert, ...) werden Künstler von morgen.
  • Was verbindet Mode mit Militär? Seit ungefähr 2005 der "Military Style". Ist also nicht der aktuellste, auf jeden Fall aber ein nicht tot zu kriegender Trend.
  • Wer oder was ruft sentimentale Gefühle in Ihnen hervor? Fotos. Gerüche. Damit assoziierte Erinnerungen an Sommerurlaube auf Ibiza in meiner Kindheit, an meine Großeltern, an Gerichte, die ich als Kind geliebt habe.
  • Muss Kunst politisch sein? Nein.
  • Wovor schützt uns Mode? Wovor schützen uns Kunst, Musik, Religion? Vor dem profanen, davor dass wir uns nur noch mit dem absolut notwendigen, nützlichen, alltäglichen beschäftigen.
  • Wie viel Schönheit verträgt die Kunst? Ungefähr 50%. Kunst soll für mich entweder schön sein oder sie soll mich bewegen, berühren, schockieren, anekeln. 50% Ästhetik und 50% Botschaften sind eine gute Balance.
  • Welches ist Ihr Lieblingsmuseum? Schwer. Am ehesten folgende: Musée de l'Orangerie und Musée d'Orsay, Paris. Guggenheim und MoMa, New York. Tate, Saatchi und National Portrait Gallery, London. Städel, Frankfurt und Pinakothek der Moderne, München.
  • Warhol oder Twombly? Warhol. Ist zwar kommerzieller, aber auch bunter und besser zu verstehen.
  • Muss man TikTok haben? Nein.
  • Wie alt wollen Sie werden? Früher dachte ich, verhältnismäßig jung sterben zu wollen, nicht ironischerweise möchte ich je älter ich werde umso älter werden. Ich möchte so alt werden, dass ich alles was ich tue, noch in Würde tun kann. So alt, dass Menschen um mich herum mich um meine Weisheit, Reife, Erfahrung und Zufriedenheit beneiden und mich nicht ob meiner Zerstreuung, Morbidität, Abhängigkeit bedauern.
  • Zug oder Flugzeug? Aus Umweltaspekten ist die Antwort klar, innerhalb Deutschlands und Europas (wo möglich) auch. Für 1 oder 2 Langstreckenflüge zu Urlaubszwecken werde ich ab diesem Jahr CO2 kompensieren - sollte übrigens jeder machen (wenn man sich schon einen Flug leisten kann).
  • Wer darf Sie porträtieren? Jeder.
  • Wie sollte der Titel Ihrer Autobiografie lauten? Had to google that one. Google hat gesagt "Life happens"  passe zu mir - finde ich gar nicht so scheiße.
  • Was nehmen Sie sich fürs neue Jahr vor? Zu viel vermutlich. Aber 2 meiner wichtigsten Vorhaben sind, mich beruflich so zu verändern, dass ich mich wieder inspiriert und herausgefordert fühle und meine Ernährung bis zum Ende des Jahres auf 95-100% vegan umgestellt zu haben.
  • Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten? Ich besitze Aktien, falls das zählt. 
  • Heath Ledger oder Joaquin Phoenix? Heath Ledger. 
  • Was ist Ihre Geheimwaffe? Dass man mich aufgrund meiner Körpergröße und meines Alters manchmal unterschätzt? Vielleicht.
  • Karma oder Charisma? Karma.
  • Wie viel Zeit verbringen Sie in Museen? Zu wenig.
  • Welches Geschlecht hat Kunst? Immer noch männlich.
  • Beeinflusst der Kaufpreis Ihre Wahrnehmung eines Kunstwerks? Wenn ich ihn kenne ja. 
  • Wie viele Frauen sind unter den Top 100 der teuersten Künstler? 20-30 vielleicht? (Die Lösung ist übrigens 2. 2 von 100 sind Frauen.)
  • Wie rassistisch ist Kunst? Weiß ich nicht. Weniger als früher? Als weißer Mensch ist es schwerer, Rassismus einzuschätzen. 
  • Lesen Sie Gedichte? Ja, aber zu selten. Am liebsten welche von Rilke.
  • Was hinterlassen Sie Ihren Kindern? Eine Frage, die voraussetzt, dass man definitiv Kinder hat oder bekommt.
  • Wer hört Ihnen wirklich zu? Kein Mensch hört einem immer zu 100% zu, ich tue das bei Anderen auch nicht. Am ehesten mein Freund, zu 90% würde ich sagen. Meine Kollegen wahrscheinlich zu 70%.
  • Was kostet Sie Zeit? Fortbewegung auf täglicher Basis. Also von A nach B zu kommen. Finde ich zudem sehr ermüdend.
  • Wer sind Sie eigentlich? Diese Frage ist eine sehr faszinierende. Je länger man am Stück darüber nachdenkt, desto mehr schaut man von außen auf diesen Menschen und realisiert, dass man immer "nur" genau dieser eine Mensch, mit dieser Seele und diesem Körper sein wird.
  • Steht Ihre Tür anderen wirklich immer offen? Nein, im beruflichen Kontext mit ziemlicher Sicherheit nicht. Ich versuche mir Zeit für andere zu nehmen, fühle mich aber schnell gehetzt und werde ungeduldig, wenn ich keinen unmittelbaren, vermeintlichen Mehrwert für mich erkenne. 
  • Der bisher wichtigste Tag in Ihrem Leben? Den einen wichtigsten Tag in meinem Leben kann ich nicht benennen, u.a. weil ich weder geheiratet noch ein Kind zur Welt gebracht habe. Wichtige Tage waren als ich mich entschieden habe, nach München zu ziehen (weil ich mich hier zuhause fühle), mein Gap Year zu machen (weil ich darin so viele Erfahrungen und Orientierung gefunden habe) und der Tag, an dem ich meinen jetzigen Freund kennen gelernt habe (weil in dieser Beziehung zum ersten Mal alles einfach nur einfach ist).
  • Wird Mode unter- oder überschätzt? Das kommt auf die Perspektive an. Aus meiner Perspektive wird Mode von außen oft mehr belächelt als sie es verdient, von innen mit mehr Wichtigkeit bedacht als sie tatsächlich hat (verglichen mit sagen wir mal, einer Operation am offenen Herzen oder dem Hunger in Afrika).
  • Was ist Ihnen peinlich? Mir ist sehr wenig peinlich. Am ehesten aber wenn ich in Situationen gebracht werde, in denen ich über Dinge sprechen muss, von denen ich nicht genug verstehe (und mich dann selbst nicht überzeuge).
  • Welche Art von Ruhm würden Sie sich wünschen? Am ehesten als Schriftsteller, falls ich mal ein Buch schriebe.
  • Welche Rückschlüsse auf Ihre Lebenswirklichkeit lassen Ihre Träume zu? Als Laie der Traumdeutung würde ich sagen wenige, aber vermutlich liegt genau darin der Trugschluss.
  • Welche Kunst wird in 10 Jahren im Museum hängen? Vermutlich immer noch ein Großteil der Kunst, die auch heute als Meisterwerke gilt. Hoffentlich mehr Kunst von Frauen.

 

 

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