Wovon ich rede, wenn ich von Wut rede

 

Ich hatte in den letzten Wochen gleich zwei Erlebnisse ähnlicher Art, die mich wütend gemacht und so sehr irritiert haben, dass ich über sie sprechen will. Wenn einem unerwartet Dinge passieren, ist das manchmal im Job, oft im Leben draußen mit Menschen, die man eh nicht kennt und auch nicht wiedersieht. Wenn einen aber Menschen, die man zumindest entfernt zu kennen glaubt, auf eine besonders unangenehme negative Art mit ihrer Gesinnung überraschen, zwingt es einen zu hinterfragen, ob man solche Bekanntschaften nicht beenden möchte – oder sollte. 

 

Wer mich kennt, weiß, dass ich zu den meisten Fragen unserer Zeit, gesellschaftlichen, politischen, ethischen Themen, einen klaren Standpunkt habe – den haben zum Glück viele Menschen, die ich kenne. Wer mich kennt, weiß aber auch, dass ich – im Gegensatz zu vielen Menschen – diesen Standpunkt auch verbalisiere und überzeugt für ihn einstehe. In vielen Situationen, die kein unbedingter Dialog sind, auch ungefragt. Dabei geht es um Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung, Rassismus, Sexismus, Nationalsozialismus, Klimakrise, -schutz und -gerechtigkeit.

Wenn ich mich selbst beobachte, so ist das in den letzten Jahren mehr geworden; je älter ich werde, desto bewusster reflektiere ich Missstände und vertrete meine Haltung in Diskussionen, Texten oder Instagram-Posts und -Storys. Früher hätte und habe ich oft nichts gesagt, ich habe vermeintlich harmonische Abende nicht stören wollen, nicht diejenige sein wollen, die andere mit ihrem sexistischen, nationalsozialistischen oder rassistischen Verhalten konfrontiert. Ich wollte nicht die Spielverderberin sein, also habe ich den Kopf eingezogen – und mir in Teilen damit sehr geschadet. Heute bin ich weiter.

Ich bin – auch wenn ich keine Aktivistin oder Politikerin bin – der Überzeugung, dass wir defizitäre Zustände nur ändern können, indem wir von uns aus immer wieder darüber sprechen, warum sie schlecht sind, warum sie benachteiligen, warum sie verbessert werden müssen. Wir müssen von uns aus unbequem sein, nerven, den Finger in die kollektive Wunde legen, wir müssen „übertreiben“, mehr tun als der Durchschnitt. Wer Revolutionen, wer Wandel will, muss mehr tun als die Majorität der Menschen dafür tut, den Status quo – wenn auch oft unbewusst – zu erhalten. 

Ich ecke damit sicher hin und wieder oder vielleicht sogar oft an, es gibt Menschen in meinem Umfeld, die finden das „anstrengend“, die haben Angst, ich könne andere vor den Kopf stoßen. Was sie nicht begreifen ist, dass ich an einem Punkt in meinem Leben angekommen bin, an dem ich zu manchem nicht mehr nichts sagen kann. Oder wollte. Ich habe es satt still zu bleiben, wenn es sich andere Menschen in der in sich schlüssigen Falschheit ihrer Argumente bequem gemacht haben, wenn sie gewohnt sind, dass die Angeln der Welt ihre Privilegien sind, wenn sie nicht mitbekommen haben, dass sich der gesellschaftliche Diskurs weiterentwickelt und sie mit ihren anachronistischen oder weltfremden Argumenten in einer anderen Epoche oder zumindest einer anderen Gesinnung unterwegs sind.

 

Ich wurde mit grundsätzlich christlich orientierten Werten erzogen, wenngleich ich konfessionslos, das heißt nicht getauft bin und wenngleich Religion in diesem Text keine direkte Rolle spielen soll. Ich wurde darüber hinaus mit zwei Werten erzogen, die, so scheint es mir rückblickend, meiner Mutter besonders wichtig waren: Toleranz und Rückgrat. Ich kann mich erinnern, dass sie immer gesagt hat „Toleranz bedeutet, andere in ihrer Andersartigkeit zu belassen“ und „Du musst für Deine Werte und Ansichten einstehen, auch wenn es unangenehm wird und andere einknicken“. 

Ich versuche heute, ein toleranter Mensch zu sein, denn ich habe verstanden, dass Andersartigkeit zu respektieren, eine wertvolle Fähigkeit ist. Ich muss nicht jede*n mögen, ich muss auch nicht mit jedem*r klarkommen, aber ich sollte nicht versuchen, andere Menschen zu ändern – nur weil sie anders sind als ich. Und selbst wenn ich heute diskutiere, strenge ich mich an, den*die andere*n als Ergebnis seiner Erfahrungen, seiner Erziehung, seines Charakters anzuerkennen, auch wenn ich nicht seiner*ihrer Meinung bin. Doch meine Toleranz hat Grenzen und die liegen sehr deutlich dort, wo von mir erwartet wird, eine*n Nazi, Sexisten*in oder Rassisten*in zu tolerieren, damit umzugehen, dass er*sie sein*ihr Sosein ungestört kuratiert, ohne dass ihm*ihr andere Menschen vors Schienbein treten. 

Ich versuche heute, ein Mensch mit Rückgrat zu sein, denn ich habe verstanden, dass es selbstfürsorglicher ist, bei Gegenwind nicht einzuknicken als hinterher darunter zu leiden, meine Prinzipien, Werte oder Ansichten nicht bis aufs letzte verteidigt zu haben. Dabei bin ich nicht taub oder borniert, ich höre anderen Argumenten zu. Doch wenn ich überzeugt von der Angemessenheit und Berechtigung meiner Meinung bin, so bleibe ich es.

 

All das klingt sehr abstrakt und man kann mich zu Recht fragen: „Aber Nina, weshalb bist Du Dir so sicher, dass Deine Meinung gut und richtig ist und die eines Nazis, Sexisten*in oder Rassisten*in schlecht und falsch?“ Und darauf würde ich sagen, dass mich mein moralischer Kompass leitet, dass ich versuche, mein Ohr am gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs zu haben, mich weiterzubilden und dass, in letzter Instanz, Benachteiligung und Diskriminierung weswegen auch immer, immer falsch sein muss. Ich glaube daran, dass Hass etwas Schlechtes ist und nur Schlechtes gebiert und dass ein Privileg ist, wenn man glaubt, etwas sei kein Problem, weil es für einen persönlich keines ist.

Wem auch das noch zu abstrakt ist und wer danach lechzt, dass ich benenne, welche eigentümlichen Erfahrungen ich gemacht habe, dem will ich helfen: ich habe vor etwa einem Monat auf Instagram mit einer Bekannten darüber diskutiert, warum „Trump gar nicht so schlecht sei“. Im ersten Moment denkt man, es handele sich um einen Scherz, im zweiten merkt man, die meint das ernst und man weiß nicht, was man dem entgegnen kann. Ich möchte so etwas nicht einfach so im Raum stehen lassen, deswegen habe ich geschrieben: 

 

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich darauf antworten soll.

Trump ist die Kombination aus allem Schlimmen in einem Menschen.

Er ist ein Demagoge, Rassist, Sexist und ein Lügner.

Er ist ein Gegner des Fakten-basierten Diskurses, er weiß nicht nur nichts über die amerikanische Verfassung,

es ist ihm auch noch egal. Er beleidigt öffentlich Frauen, gibt damit an, sie zu begrapschen,

macht sich über Menschen mit Behinderungen lustig und das ist nicht mal ein Bruchteil seiner Verfehlungen.

Wenn ich mir die Alternative zu Demokraten anschaue,

so kommt die Majorität der Gesetzgebungsentwürfe zu Abtreibungsverboten, Waffenerlaubnis,

Benachteiligung von wirtschaftlich schlechter gestellten, Frauen,

Mitgliedern von LGBTQI und/oder Farbigen aus republikanischen Reihen.

Trump und Republikaner verkörpern das Patriarchat und strukturellen Rassismus wie sonst kaum etwas.“

 

Damit war es dann erst mal gut. Dachte ich.

Bis ich, etwa 2 Wochen später in einer Story geteilt habe, dass §218 aus dem StGB entfernt werden müsse und als Antwort von eben jener Bekannten bekam: „Leben wertschätzen statt aus Bequemlichkeit töten“. 

Mir ist bewusst, dass das Thema „Abtreibung“ ein äußerst heikles, da emotionales und ethisch wie psychisch problematisches ist. Ich ringe immer noch mit mir, ob ich dazu einen Blogpost schreiben soll oder nicht – wenn auch nur aus der theoretischen Perspektive, denn praktisch kann ich zum Glück nicht mitreden. 

Die Diskussion, die sich auf meine Antwort entspann, umfasst mehrere Seiten, deswegen bilde ich sie hier nicht ab. In Grundzügen ging es aber um oben angesprochene Privilegien, von denen sich meine Bekannte nicht bewusst war, dass sie als berufstätige, gut verdienende Akademiker-Mutter eines einzelnen Wunschkindes und Ehefrau eines noch besser verdienenden anderen Akademikers, die in einer Villa am Stadtrand von München lebt, nicht nachvollziehen konnte, was gescheiterte Verhütung, Vergewaltigung, fehlende finanzielle Stabilität, häusliche Gewalt, eine psychische oder anders chronische Erkrankung, Arbeitslosigkeit, eine medizinische Indikation oder unzureichende Sexual-Aufklärung „in aller Welt bitte für Gründe sein sollen“. 

Mir hätte klar sein müssen, dass jemand der Trump befürwortet aller Wahrscheinlichkeit nach auch ein Abtreibungsgegner sein muss, die Selbstbestimmtheit von Frauen sollte man, wenn schon, konsequent torpedieren, die Argumente, die ich für das eine wie das andere vorgelegt bekommen habe, lassen mich aber noch an einigem mehr zweifeln.

 

Eigentlich dachte ich, dass es sich mit diesem Einzelfall gehabt haben muss. Eigentlich war ich mir bisher auch sicher, dass mit zu den anstrengendsten und aussichtslosesten Dingen gehören muss, mit einem Anwalt oder einem Betrunkenen zu diskutieren, bis ich vor 3 Wochen mit einem betrunkenen Anwalt diskutieren musste.

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie wir auf dieses Thema kamen, jedenfalls war Ausgang der Diskussion ursprünglich die Frage, welches Problem wir in Deutschland mit strukturellem Rassismus und Rechtsextremismus haben. Aus dieser Problemstellung wurde in nicht mal 5 Minuten aber die Frage, ob Rechts- oder Linksradikalismus „schlimmer“ sei. Es ging also originär überhaupt nicht im Ansatz um links – die perfekte Vorlage für etwas, was sich „Whataboutism“ nennt und aus meiner Sicht ein argumentativ erbärmlicher, dafür aber erstaunlich beliebter move ist.  Im Kern muss klar sein, dass jegliche Form von Radikalismus oder Extremismus schlimm ist und seine resultierenden Vergehen strafrechtlich zu ahnden sind. So weit so klar. Bis ich mich im Hagel besoffen wiederholter, cholerisch anmutender Tiraden wiederfand, dass es genauso schlimm sei, mit einem Ziegelstein auf einen mit Helm geschützten und bewaffneten Polizisten zu werfen, wie mit einem Maschinengewehr und einer Schrotflinte mehrere ungeschützte wehrlose Gläubige in einer Moschee oder Synagoge zu erschießen (und diese Tat im Zweifelsfall noch live ins Internet zu übertragen). Ich bin mir sehr sicher: es ist nicht vergleichbar. 

Das Gespräch, falls man es noch so nennen kann, wurde an manchen Stellen so unangenehm, dass ich den Tisch verlassen wollte – etwas was man von einem netten Bar-Abend mit Bekannten nicht erwartet. Ich habe es nicht getan. An einem Punkt, an dem mein Gegenüber quasi jeden Satz mit „Sorry, aber ..“ begann platzte mir der Kragen, ich schaute ihn an und sagte: „Hör auf, vor jedem Satz ‚Sorry‘ zu sagen. Dir tut ofenkundig einfach nichts von dem, was Du da die ganze Zeit von Dir gibst, leid, dann tu auch nicht so!“ An einer anderen Stelle sagte er: „Du bist doch ein schlaues Mädchen.“ Was übersetzt in etwa so viel bedeutet wie „Für mich bist Du keine ernstzunehmende Frau, sondern weniger als das“ und „so blöd kannst Du nicht wirklich sein“. An einem Punkt verschwand der Anwalt auf Toilette und kam auch nicht mehr wieder, es war ihm wohl unangenehm sich von mir zu verabschieden. 

 

Ich lasse diese Begegnungen mit der Erkenntnis hinter mir, mit diesen Personen nicht mehr verkehren zu wollen, dankbar darüber, dass ich die Wahl habe, es nicht zu müssen. Ich lasse sie auch hinter mir in der Genugtuung, dass ich selbst konfrontiert mit Vorstellungen, die mein Wertegerüst zu erschüttern versuchen, in der Lage bin, weitestgehend unaufgeregt zu argumentieren und nicht umzufallen, wenn eine Welle unverhohlen fragwürdiger politischer oder moralischer Einstellung gegen mich schwappt.

 

 

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